Nachbarschaft in Räumen & Zeiten

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In der Wohnung über meiner hustet der Nachbar fleckigen, flockigen Staub, ganze Brocken, ich höre es genau – ich stehe auf einer Klappleiter und ziehe mit einem weichen Bleistift Linien an der Zimmerdecke wo er läuft, verfolge seine Bahn. Man muss den jungen Leuten ihre Unrast nachsehen, was wissen sie schon von unserer Welt? Sie denken, die Menschheit habe gerade erst begonnen. Rückblende: Ein Ägypter poliert versonnen den goldenen Speichenschutz eines Streitwagens. „Ach! …“, seufzt er. „Unserer Welt fehlt es an Heldenmut, fehlt es an Helden, an Begebenheiten sich auszuzeichnen. Peitsche und Bier, Bier und Peitsche, das Leben ist trist…

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Am Nacktbadestrand

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Wie war das noch gestern? Wer war ich noch gestern? Die Antwort, mein Freund, kennt ganz allein der Wind. Das Haar, das mir verblieb, wird langsam weiß; der Wind bläst warm mich kahl. Ich trage einen Schutzanzug und betrachte die Nackten und die Roten. Im Klartext heißt das wohl, dass nichts und noch ein bisschen weniger meinen Blicken verborgen bleibt. „Gestatten? Platten, Vertreter von Fuß- und Hängematten.“ „Angenehm, ich bin kahl.“ „Freut mich ihre Bekanntschaft zu machen, Karl.“ Und so zieht sich auch dieses Gespräch mal wieder endlos wie Teer. Ich bedauere sehr, es überhaupt angenommen zu haben. Ich schaue…

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Das Blutgerüst

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Ein anderer Tag, eine andere Baustelle. Die Bischöfin balanciert kleinfüßig auf dem Schafott: „Ich habe keine Sinne“, sagt sie. „Körper, Formen, Gestalt und Größe, meine Bewegung im Raum nur Illusion. Ich schaffe diese Dinge aus mir selbst, jedoch nie frei vom selbstmörderischen Zweifel an den Tagesabläufen.“ Ein Esel bleibt an ihrem Gerüst stehen, blickt zu der Bischöfin auf und sie fährt fort: „Das ist die Rache. Die Rache der Profanen an den Verfeinerten. Lasst sie Türme bauen, lasst sie auf Sand bauen, lasst ihre Türme in den Himmel ragen!“ Der Esel levitiert, denn er weiß es nicht besser. Kein Tag…

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Mortui Non Mordent

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Und frage nie nach den Hinrichtungen! Die fallen beinahe täglich an und niemand nimmt mehr Anstoß. So wird es gewünscht und alle halten sich daran. Neuankömmlinge kämpfen oft mit aufsteigender Magensäure, wenn sie den zart süßen Geruch, der die Straßen beherrscht, zum ersten Mal mit seinem Ursprung in Verbindung bringen. Unterdrücke das Würgen! Verdränge den Ekel! Nur so wirst du es hier zu etwas bringen. Oft sieht man Kinder, die mit Leichenteilen spielen. Das ist zwar verboten, aber den Kindern verzeiht man, wie in anderen Kulturen auch, einiges. Ein komischer Anblick, wenn sich zwei Kurze um ein Bein streiten, das…

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Habakuk

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„Wie lange soll ich schreien, und niemand will mich hören? Entschuldige, Herr, ich frage ja nur und wollte nicht stören.“ Habakuk, Einmaliger und Prophet aus Leidenschaft, hatte sich, als er einst den Organspendeausweis ausfüllte, sicherlich nicht vorstellen können, dass ich einmal Besitzer seiner Seele, seiner einzigartigen Seele sein würde. Es geht Gewalt über Recht und falsche Urteile ergehen täglich. Diesen Frevel vor Augen, die ab einem gewissen Punkt Spiegel seiner Seele wurden, betrachte ich das Weltgeschehen. Die Transplantation war notwendig geworden, da ich durch gewisse Umstände in meinem Leben, die ich nicht näher beleuchtet wissen will, meine schon löchrige und…

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Die Zeit ist trügerisch, hält nie, was sie verspricht

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In der Prinzessinnenvariante des Schneidersitzes, die Knöchel gekreuzt, werden Stoffe geschnitten, bestickt, beklebt, in neue Form gebracht, vernäht. Manchmal etwas Warmes für die kalten Stunden, meist kleine Kleider für Bären oder Puppen. Eine Fliege landet auf der arbeitenden Hand, mit hellem Stimmchen spricht sie furchtlos: „Das Leben geht weiter. Die Zeit heilt alle Wunden.“ Und Ähnliches und immer mehr. Man kennt so Tierchen ja – die Verlegertochter Dora Duncker hatte auch nie Zeit, hetzte von Termin zu Termin und murmelte Sätze wie: „Ich fühle mich am Anfang eines Verbrechens“ und „Ich sollte zu denen gehören, denen Aufschub gewährt wird bis…

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Die Fahrt

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Ich durchschreite ein Meer aus Licht, ein Mehr an Wissen, durchwate Untiefen und warte auf Erleuchtung. Ich erwarte, dass ein Stern mir scheint, sich über mich ergießt. Dass alles, was stockt, fließt, dass jeder Nerv getroffen wird: Im Abteil fläzt sich ein Soldat, seine langen Schaftstiefelbeine auf den Sitzen links und rechts von mir. Bevor ich ihn daran hindern kann, holt er seine Pfeife hervor – ölig schimmernde Schwaden. Er erzählt: „In einer Nacht, kaum heller als die heutige, kam ein Küster an seiner Kirche vorbei. Er hörte Stimmen, sah stimmungsvolles Kerzenlicht aus dem Inneren nach außen drängen. Er öffnete…

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Kein Übermensch in bergigem Terrain

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Letztlich ist es doch einfacher, einer Begierde ganz zu entsagen, als in ihr Maß zu halten. Schritt für Schritt fällt niemandem leicht, ein Schnitt muss getan werden, ein Bruch mit dem, was einst Begierde war. Nur so versteht man sich als Sieger der eigenen Moral. Ein Hahn auf einem Haufen Mist erzählt dem Morgen, jedem Morgen, was er weiß, damit er nicht vergisst, was wirklich wichtig für ihn war und ist. Zum Beispiel Sinnenfreuden nachzugehen, zum Beispiel Bündnisreue. Ehe man es sich versieht, ist wieder ein Jahr vergangen. Ehe man sich umschaut, in die Morgensonne blickt, tut man einen Atemzug…

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Familie 2

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Doch nicht einmal die Heilige Kassilda in all ihrer wunderbaren Demut und endlosen Geduld vermag mehr meine Großmutter von ihren Sünden zu befreien. Der Platz an der Kirchenwand, wo ihr Bild gehangen hatte, war eines Morgens leer. Mit viel Phantasie konnte man sich die Darstellung der großen Mildtäterin noch vorstellen, doch obwohl meine Großmutter viele Stunden ihres Lebens betend in der heiligen Halle verbracht hatte, verblasste ihre Erinnerung schnell. Klagend und zeternd betrat Großmutter die Küche, in der ich und mein Großvater am Frühstückstisch saßen. Der fidele Alte hatte sich eine Flasche Bier geöffnet, und mir die Vor- und Nachteile…

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Familie

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Kinkerlitzchen, klingende Bisschen, Spitzendeckchen und ein Töpfchen Mus. Wenn ich bei meinen Großeltern im Laden aushelfen musste, sei es, dass meine Großmutter in der Kirche flach ausgestreckt vor dem Bild der Heiligen Kassilda lag und um Vergebung für ihre Sünden bat, sei es, dass mein Großvater in der Dorfschenke mit den Lokalpolitikern um außenpolitische Positionen stritt, dann war diese Welt derart wunderbar und geheimnisvoll für mich, dass ich die Zeit um mich herum vergaß. So konnte es passieren, dass ich als Achtjähriger morgens meinen Dienst begann und nachmittags um halb fünf im Alter von 20 Jahren die Tür hinter mir…

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