Kurzgeschichten

Der Empfang

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Auf Stöckelschuh, im Herrenslipper, im Garten vor dem Haus am Fluss, eine Hochzeitsgesellschaft, hoch geht es her, Champagner wird getrunken, Krabben am Spieß verzehrt, es wird geplaudert und gescherzt: „Ach, wie schön! Du hier?! Wie lange ist’s her?“ „Wohl eine und eine halbe Ewigkeit.“ „Ein Haselnussstrauchzweig, ein Wink des Schicksals traf uns damals gemeinsam, wenn ich mich recht entsinne.“ „Darf ich so offen sein, dir etwas zu gestehen – ich hatte inzwischen dein Gesicht ganz vergessen.“ „Das muss dir gar nicht peinlich sein, ich kenne das schon. Das liegt am Teflon.“ „Am Teflon?“ „Na, das Teflon, mit dem mein Gesicht…

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Private Andacht Teil 45 – Schwalbenjagd

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Jede erpicht, die erste im gedachten Kreis zu sein, schwirren, flirren Schwalben uns um Köpfe. Jahre zurück: Der Nachbar steht, um sich über den anhaltenden Geschlechtslärm aus meiner Wohnung zu beschweren, in der unabschließbaren Tür, im Zimmer, am Bett, fummelt in deinem langen blonden Haar, schnalzt, raunt: „Reizend, ganz reizend“ und weckt den Brechreiz in dir. Noch weiter zurück: Liegen Männer unter Autos, trinken Alt-Bier, schwitzen Öl. Im Hintergrund die Stimmen in Zungen redender Sportreporter. Rasch ein Wechsel, ein Schlenker in die Gegenwart, denn die Stunde des Gehstocks rückt erschreckend nahe. Der Knauf wahlweise aus Silber oder Menschenbein. Ein Schädel…

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Das gibt es nicht mehr

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Der Weg zur Nusshändlerin war beschwerlich und von zerschlissener Begrünung gesäumt. In den Hinterhöfen Kinder in kurzen Hosen aus braunem Tuch. Sie spielten mit alten Dosen, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Ein muffiger Sprühregen setzte ein, der Schmutz auf dem Gehweg wurde schlüpfrig. Sie kniff die Augen zusammen. Durch die Tropfen an ihren Wimpern sah sie wie durch einen Schleier das geduckte Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich der Nussladen befand. Wie ein vor Wochen gehäuteter Igel. Die Fenster waren dunkel und das Schild über der Ladentür war entfernt worden. Besorgt trat sie näher, in der Hoffnung, eine Nachricht…

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Stadtidyll, frühsommerlich

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Die weibliche Gestalt neben mir hat sich wohl eingekotet. Ich rieche es, ein kurzer Blick auf ihre Hose, aus der es quillt, bestätigt meine Vermutung. Jede Spannkraft ist aus ihr gewichen; zusammengesunken, in Jeansshorts gekleidet, ist sie Teil meines Stadtbilds. Ein buntes Bild, in der Tat: Da picken Vögel, da werden Hunde getragen, Taschen und Tüten, Tätowierungen, die neusten Risse in den Hosen, gut gefüllte Mutterbrüste unter T-Shirts – da wird sich das Haar gebürstet und dort werden Flusen von leichten Kleidern gezupft. Transparente Mauern werden errichtet, Trampelpfade ausgetreten, Jugendliche auf Geschichtsentdeckung getrieben, Flicken auf Wissenslücken geheftet, genäht und anderweitig…

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Sectio Aurea

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Waltraud Fibonacci schneidet mit der Schärfe ihres Blicks Scheibchen von einem frischen Stück Seife. Befriedigt ob der glatten Schnittflächen, verlässt sie das Badezimmer und schaut sich, im Bewusstsein ihrer ungeheuren Macht, vorsichtig im Raum um: Ein Spiegel, im Lauf der Jahre stumpf und blind geworden, hängt an der Stirnseite ihres Bettes und erinnert sich vergangener Reflexionen. Die Fibonacci schnaubt und klaubt Brotkrümel vom Tisch. Sie presst die Krumen zu einem kleinen Brot zusammen und tunkt sie in einen Teller kalter selbsteingebrockter Suppe. An ihrem Fenster werden Zwillinge in einem Kinderwagen vorbeigeschoben. Waltraud Fibonacci schenkt ihnen keine besondere Beachtung. Mädchen wohl,…

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Morgengrauen

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Theo Klammheimer sitzt in der Dunkelheit und hält ein dick belegtes Wurstbrot auf dem Schoß. Das Knurren seines Magens scheucht ein kleines Tier im Unterholz auf. Nicht direkt im Unterholz. Eher im Gestrüpp. Er vermutet einen Igel, aber so genau kennt er sich mit Tiergeräuschen nicht aus und sehen kann man gar nichts. Das Tier nähert sich. Theo hält den Atem an. Das ist ihm noch nie passiert. Seit 17 Jahren sitzt er jede Nacht im Hof auf seinem Hocker und wartet auf den Sonnenaufgang, um sein Frühstück im ersten Morgenlicht einzunehmen. Noch nie hatte er dabei Gesellschaft und der…

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MB präsentiert – das Ende der Welt

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Martin Buber, verkleidet als Jesaja oder Darwin oder Marx, stand auf dem Rathausplatz und kraulte sich den Bart. „Höret!“, predigte er den Passanten . „Höret und bereuet euer Tun! Der Herr spricht, und ihr wisst es wohl, habe ich es euch schon zwei Dutzend Mal verkündet: Das Ende ist nah!“ Die empfänglicheren unter seinen Zuhörern schauten verängstigt zu Boden und erschauerten in fast wollüstiger Furcht. Mancher Vater hielt sein Kind im Arm und wiegte es hin und wieder her. Martin Bubers Augen blitzten im Sommersonnenlicht als Boten der Vergänglichkeit. „Wehret dem Widersacher, denn sein Reich ist nur auf Quarz gebaut!“…

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Ein deutscher Hund

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Thea Pelzfuß steht im Schatten eines Laubbaumes und schaut den Hunden auf der Wiese zu. Aufgeregt springen sie umher und jagen einander nach. Kläffen, Bellen, Knurren und Hecheln überall. Sie wollte den Singvögeln zuhören, aber daraus wird wohl nichts. Ein bärenartiges Tier kommt auf sie zugerannt. Thea Pelzfuß ist beunruhigt. Soll sie ein Stück Wurstbrot als Zeichen ihrer Friedfertigkeit anbieten? Freundlich lächeln oder versteht der Hund das als Zähnefletschen und wird von Blutdurst übermannt? Jedenfalls darf man keine Angst zeigen. Was aber zeigt man stattdessen? Bevor Thea mit ihren Gedanken ins Reine kommt, erscheint ein Mann in blauem Sportanzug und…

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Bartscherers Wirklichkeit

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„An Tagen wie diesen, klagt der Wind, weint das Kind, jault ein Hund und …“ „Halt ein!“, flüstert der Barbier mir ins Ohr. „Ich glaube, vor dem Fenster steht ein Lauscher, ein Schauer.“ In der Tat, der Figaro lügt nicht: Ein Mann, so breit wie hoch, drückt sein feistes Antlitz gegen das Glas. „Na, dann viel Spaß!“, brüllt der Friseur nach draußen, schüttelt die Hände, gerade wie man Geschmeiß verscheucht. Der dicke Mann lächelt tumb und hebt seinerseits die Hände. Er hält einen Minigolfschläger, holt aus und zerschmettert die Scheibe des Salons. „Da hammwa den Salat!“, entfährt es wie ein…

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Durch den Kopf

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Früher oder später probiere ich die meisten Dinge aus. Besonders, wenn etwas mich ängstigt oder mir aus unerklärlichen Gründen zuwider ist. Irgendwann später, wenn ich gestorben bin, werden die Leute über mich sagen: Zumindest hat sie es probiert. Sofern die Leute dann noch über mich reden. Ich weiß ja nicht mal jetzt, zu meinen Lebzeiten, ob über mich geredet wird. Nicht, dass es mich kümmern würde. Nicht, dass es mich nicht kümmern würde. Manchmal kommt man zur Tür heiren, und es heißt: Gerade haben wir von dir gesprochen. Oder umgekehrt, spricht man über jemanden und derjenige kommt augenblicklich zur Tür…

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