Kurzgeschichten

Bratwerk

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Das quietscht wie eine Maschine, die jahrzehntelang nicht in Betrieb war. Oben gibt es einen Trichter, da steckt man rein, was immer man quälen will. Zuerst fällt man durch einen Tunnel, dessen Wände mit Spießen, Haken und Stacheln bedeckt sind. Das ist nicht so schlimm, aber das weiß man noch nicht. Erst im Walzwerk bemerkt man das. Manche haben Riffel, andere sind glatt oder kleine Nägel stehen hervor. Die eine ist heiß, die nächste lässt einen frieren. Mal drehen sie sich links- mal rechtsherum. Gerade das richtige Gewicht haben die Walzen, damit man nicht zerquetscht wird, sondern nur einen Eindruck…

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Der ist kein Schriftsteller, dessen Gedichte niemand liest

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Ein Fleck auf einem Hemd, auf meinem Hemd, das starrt vor Tiefenschmutz. Eine Reise über Täler, Hügel, Wiesen, Steppen auf meinem silbern im Halbmondlicht schimmernden Schimmel. Seit Tagen im Sattel, seit Stunden im Galopp. Die Abduktoren ziehen, unter meinem Sattel gart immer das nächste Abendessen. Endlich eine Ortschaft. Ich nehme das Pferd auf meine Schultern und frage, ohne eine Antwort zu erwarten: “Kannst du Menschen sehen?” Es fühlt sich unwohl auf meinen Schultern, ich kann es an seiner Körperspannung erkennen. Ich lasse es herunter und gehe die letzten Meter zu Fuß. Ein Mädchen kommt mir entgegen und hält ein Kästchen in…

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Rückstau

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Frau Doris Wagginer denkt, wie schön es wohl wäre, wenn sie die Welt aus dem Blickwinkel der Weberknechte in ihrem Badezimmer betrachten könnte. Eines dieser possierlichen Tiere trägt ein abgerissenes Beinchen und hält es unter seine Nase, um sich selbst mit der Vorstellung eines Schnurrbarts zu unterhalten. Der Weberknecht räuspert sich. Frau Doris Wagginer hört, wie das Spinnentier mit verstellter Stimme spricht: „Denjenigen, die statt Gott sich Freunde nehmen, frevelhaft in ihrem Auftreten, unsittlich in ihrem Gebaren, werden wir unsere Wege zeigen – denn streben sie nicht nach dem, der Gunst bereitet, in ihrem Tun?“ Frau Doris Wagginer kann sich…

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Die Tagung

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Es geschah am siebten Advent. Hunderte von Festnahmen, nachdem die Demonstranten Steine und verdorbene Meeresfrüchte auf die Wasserwirtschaftskapitäne und ihre flankierenden Schiffsjungen geschmissen hatten; eine Flut von Menschen füllte die Untersuchungsgefängnisse der angrenzenden Stadtviertel. Die steigende Anzahl von Selbstanzeigen gerade unter Angehörigen der sogenannten jüngeren Generation gab Anlass zur Diskussion unter uns Arrivierten. Der Vorsitzende des Kulturausschusses war von seinem Platz am Kopf der Tafel aufgestanden, hatte den Anwesenden in die Nacken geatmet und die Auswirkungen der Unruhen auf die Energieversorgung einiger wichtiger Projekte im Umfeld des alljährlichen Hafenfestes betont. „Ahoi, Freunde der Seewege!“, begrüßte er den aufrechten Rest von…

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Stimmungskanone

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Die Hitze hielt die Stadt im Griff, wie eine träge Bulldogge einen Knochen zwischen den Zähnen trägt. Müdigkeit lag mir auf dem Leben und ich sehnte mich nach jemandem, der mir die Leber lausen möge. Um mich her sann man über diktatorische Freiheiten nach, freute sich an schnödem Kram und verlangte mir das Äußerste ab. Das Gebirge der unerledigten Aufgaben schimmerte am Horizont in der Abendsonne. Die Tür ging auf. Herein kam der Tod. Sein mageres Eselchen hatte er im Flur an ein herumliegendes Kabel gebunden. Er stieg über ein Häufchen Schmutzwäsche und sah sich müde nach einer Sitzgelegenheit um….

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Schlagobers

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Bei einer Verkaufsveranstaltung für Heizdecken im schönen Sobibor wurde mir zum ersten Mal klar, dass Schlagobers kein militärischer Rang ist. Die Reisegesellschaft bestand aus muffigen Scharteken und Veteranen mit Kassenprothesen. Nachdem wir eine Schmiede besucht hatten, wo alle einen glühenden, in dampfende Lappen gehüllten Rank zum Andenken bekamen, stolperten wir frierend in ein Wirtshaus. Zum Kaffee verlangten die Damen gierig danach. In Erwartung eines Gemetzels starrte ich angstgelähmt zu Boden, denn am Nebentisch saß ein hochdekorierter Woiwode mit lauthals rasselndem Säbel. Meine Anspannung wandelte sich in erleichterte Enttäuschung als der Wirt murrend ein Töpfchen mit steifer Sahne auf den Tisch…

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Im Evidenzbüro

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Wenn ich mein Schicksal so abstrakt und unpersönlich hingeschrieben sehe, ist es mir immer irgendwie suspekt. Einmal im Jahr bekommt man eine Ladung vom Evidenzbüro. Dort muss man eine Nummer ziehen und die Parole aufsagen, damit man vorgelassen wird. Mein Sachbearbeiter und Zutrauer, Hashmat Hirsblech, ist emeritierter Salafist und trägt den Bart, wie es früher bei Sozialisten und Bierkutschern Mode war. Ich bin heimlich in ihn verliebt, aber er nimmt es mit dem Beamtenzölibat sehr genau. Zudem ist er auf Lebenszeit Ehrenpäderast der katholischen Liga, was durch eine prächtige Urkunde über seinem Schreibtisch belegt ist. Es bleibt mir also nichts…

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Däumling Sturm

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In hohem Bogen spucke ich meine Zähne aus. Wie ein Regen aus Perlen fallen sie herab. Manche sagen Hagel dazu. Doch das ist Ungenauigkeit. Kein Hagel schimmert im Licht der Leuchtstoffröhre. Kein Hagel verursacht dieses vertraute Klackern auf den Bodenfliesen. Wie viel zu lange nicht geschnittene Zehennägel. Mäuse und Hamster eilen herbei, um die Zähne einzusammeln und dann wieder in den löchrigen Abflussrohren des unbenutzten Waschbeckens zu verschwinden. Das zweite Waschbecken benutze ich seit Thaddäus Tod nicht mehr. Der Däumling hat versprochen, ihn zurückzubringen, wenn ich ihm genug Zähne gebe. Also spucke ich sie jeden Abend nach dem Putzen aus….

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