Kurzgeschichten

Familie 2

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Doch nicht einmal die Heilige Kassilda in all ihrer wunderbaren Demut und endlosen Geduld vermag mehr meine Großmutter von ihren Sünden zu befreien. Der Platz an der Kirchenwand, wo ihr Bild gehangen hatte, war eines Morgens leer. Mit viel Phantasie konnte man sich die Darstellung der großen Mildtäterin noch vorstellen, doch obwohl meine Großmutter viele Stunden ihres Lebens betend in der heiligen Halle verbracht hatte, verblasste ihre Erinnerung schnell. Klagend und zeternd betrat Großmutter die Küche, in der ich und mein Großvater am Frühstückstisch saßen. Der fidele Alte hatte sich eine Flasche Bier geöffnet, und mir die Vor- und Nachteile…

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Das lahme Ohr

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Oberinspektor müsste man sein. Nicht bei der Polizei oder dem Finanzamt, Gott behüte! Eine obskure Behörde will ich. Irgendein Mischdings aus Schlösser und Seen, Gastgewerbe und Strafvollzug. Das Geschäft mit der Aufseherei ist mir nämlich in die Wiege gelegt. Dumm nur, dass ich ein lahmes Ohr habe. Nie weiß ich, ob das Feldaufschwung oder Felgaufschwung heißt. Dabei ist das so wichtig: für das Bruttosozialprodukt, die Bankenkrise und das große Blablabla. Mit dem bösen Wolf. Schließlich muss man für Kuchen und Wein Platz haben. Körbchengröße. Körbchengrüße. Warum hab ich so große Brüste? Das ist unpraktisch beim Geräteturnen. Zur Schlafenszeit ging alle…

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Familie

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Kinkerlitzchen, klingende Bisschen, Spitzendeckchen und ein Töpfchen Mus. Wenn ich bei meinen Großeltern im Laden aushelfen musste, sei es, dass meine Großmutter in der Kirche flach ausgestreckt vor dem Bild der Heiligen Kassilda lag und um Vergebung für ihre Sünden bat, sei es, dass mein Großvater in der Dorfschenke mit den Lokalpolitikern um außenpolitische Positionen stritt, dann war diese Welt derart wunderbar und geheimnisvoll für mich, dass ich die Zeit um mich herum vergaß. So konnte es passieren, dass ich als Achtjähriger morgens meinen Dienst begann und nachmittags um halb fünf im Alter von 20 Jahren die Tür hinter mir…

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Bratwerk

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Das quietscht wie eine Maschine, die jahrzehntelang nicht in Betrieb war. Oben gibt es einen Trichter, da steckt man rein, was immer man quälen will. Zuerst fällt man durch einen Tunnel, dessen Wände mit Spießen, Haken und Stacheln bedeckt sind. Das ist nicht so schlimm, aber das weiß man noch nicht. Erst im Walzwerk bemerkt man das. Manche haben Riffel, andere sind glatt oder kleine Nägel stehen hervor. Die eine ist heiß, die nächste lässt einen frieren. Mal drehen sie sich links- mal rechtsherum. Gerade das richtige Gewicht haben die Walzen, damit man nicht zerquetscht wird, sondern nur einen Eindruck…

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Der ist kein Schriftsteller, dessen Gedichte niemand liest

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Ein Fleck auf einem Hemd, auf meinem Hemd, das starrt vor Tiefenschmutz. Eine Reise über Täler, Hügel, Wiesen, Steppen auf meinem silbern im Halbmondlicht schimmernden Schimmel. Seit Tagen im Sattel, seit Stunden im Galopp. Die Abduktoren ziehen, unter meinem Sattel gart immer das nächste Abendessen. Endlich eine Ortschaft. Ich nehme das Pferd auf meine Schultern und frage, ohne eine Antwort zu erwarten: “Kannst du Menschen sehen?” Es fühlt sich unwohl auf meinen Schultern, ich kann es an seiner Körperspannung erkennen. Ich lasse es herunter und gehe die letzten Meter zu Fuß. Ein Mädchen kommt mir entgegen und hält ein Kästchen in…

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Rückstau

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Frau Doris Wagginer denkt, wie schön es wohl wäre, wenn sie die Welt aus dem Blickwinkel der Weberknechte in ihrem Badezimmer betrachten könnte. Eines dieser possierlichen Tiere trägt ein abgerissenes Beinchen und hält es unter seine Nase, um sich selbst mit der Vorstellung eines Schnurrbarts zu unterhalten. Der Weberknecht räuspert sich. Frau Doris Wagginer hört, wie das Spinnentier mit verstellter Stimme spricht: „Denjenigen, die statt Gott sich Freunde nehmen, frevelhaft in ihrem Auftreten, unsittlich in ihrem Gebaren, werden wir unsere Wege zeigen – denn streben sie nicht nach dem, der Gunst bereitet, in ihrem Tun?“ Frau Doris Wagginer kann sich…

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Die Tagung

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Es geschah am siebten Advent. Hunderte von Festnahmen, nachdem die Demonstranten Steine und verdorbene Meeresfrüchte auf die Wasserwirtschaftskapitäne und ihre flankierenden Schiffsjungen geschmissen hatten; eine Flut von Menschen füllte die Untersuchungsgefängnisse der angrenzenden Stadtviertel. Die steigende Anzahl von Selbstanzeigen gerade unter Angehörigen der sogenannten jüngeren Generation gab Anlass zur Diskussion unter uns Arrivierten. Der Vorsitzende des Kulturausschusses war von seinem Platz am Kopf der Tafel aufgestanden, hatte den Anwesenden in die Nacken geatmet und die Auswirkungen der Unruhen auf die Energieversorgung einiger wichtiger Projekte im Umfeld des alljährlichen Hafenfestes betont. „Ahoi, Freunde der Seewege!“, begrüßte er den aufrechten Rest von…

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Stimmungskanone

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Die Hitze hielt die Stadt im Griff, wie eine träge Bulldogge einen Knochen zwischen den Zähnen trägt. Müdigkeit lag mir auf dem Leben und ich sehnte mich nach jemandem, der mir die Leber lausen möge. Um mich her sann man über diktatorische Freiheiten nach, freute sich an schnödem Kram und verlangte mir das Äußerste ab. Das Gebirge der unerledigten Aufgaben schimmerte am Horizont in der Abendsonne. Die Tür ging auf. Herein kam der Tod. Sein mageres Eselchen hatte er im Flur an ein herumliegendes Kabel gebunden. Er stieg über ein Häufchen Schmutzwäsche und sah sich müde nach einer Sitzgelegenheit um….

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Schlagobers

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Bei einer Verkaufsveranstaltung für Heizdecken im schönen Sobibor wurde mir zum ersten Mal klar, dass Schlagobers kein militärischer Rang ist. Die Reisegesellschaft bestand aus muffigen Scharteken und Veteranen mit Kassenprothesen. Nachdem wir eine Schmiede besucht hatten, wo alle einen glühenden, in dampfende Lappen gehüllten Rank zum Andenken bekamen, stolperten wir frierend in ein Wirtshaus. Zum Kaffee verlangten die Damen gierig danach. In Erwartung eines Gemetzels starrte ich angstgelähmt zu Boden, denn am Nebentisch saß ein hochdekorierter Woiwode mit lauthals rasselndem Säbel. Meine Anspannung wandelte sich in erleichterte Enttäuschung als der Wirt murrend ein Töpfchen mit steifer Sahne auf den Tisch…

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Im Evidenzbüro

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Wenn ich mein Schicksal so abstrakt und unpersönlich hingeschrieben sehe, ist es mir immer irgendwie suspekt. Einmal im Jahr bekommt man eine Ladung vom Evidenzbüro. Dort muss man eine Nummer ziehen und die Parole aufsagen, damit man vorgelassen wird. Mein Sachbearbeiter und Zutrauer, Hashmat Hirsblech, ist emeritierter Salafist und trägt den Bart, wie es früher bei Sozialisten und Bierkutschern Mode war. Ich bin heimlich in ihn verliebt, aber er nimmt es mit dem Beamtenzölibat sehr genau. Zudem ist er auf Lebenszeit Ehrenpäderast der katholischen Liga, was durch eine prächtige Urkunde über seinem Schreibtisch belegt ist. Es bleibt mir also nichts…

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