Plädoyer für eine Dienstpflicht

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„Ein Griff zwischen die Beine hat noch keiner geschadet – soll niemand behaupten, ich hätte nichts als Flausen im Feldhemd gehabt.“ Stabsunteroffizier Tschurimuri lässt heute seine Medaillen und Orden putzen, philosophiert in typisch umständlicher Manier über das Verhältnis von Männern und Frauen und haucht heißen Atem in den Ausschnitt der seine Auszeichnungen auf Hochglanz wienernden Rekrutinnen. „Da soll nur jemand kommen und sich trauen, mir ins Auge zu blicken und zu sagen, dass das, was ich tue, Unrecht ist“, brummt er und zwinkert wollüstig. Die jungen Soldatinnen schlucken ihren Ärger, solche Reden führt der Stabsunteroffizier in quälender Regelmäßigkeit. Tschurimuri hat…

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Farbenlehre

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Die Zeit war gekommen, dass ich vor dem Spiegel stand, als eine Hand die Oberfläche durchstieß und mich auf die andere Seite zog; der Sog ließ nicht nach bis ich mich auf einer Wiese wiederfand und ein alter Mann mir den Weg versperrte. „Willst du mein Gefährte sein?“, fragte er mit einem Unterton, der mein Misstrauen weckte. Ich schüttelte den Kopf, da packte er mich bei den Schultern – seine Finger bohrten sich schmerzhaft in mich. „Denn wisse: das Gras ist nicht grün, auch wenn es dir Gewohnheit geworden ist, es grün zu sehen.“ Er lockerte den Griff und raunte:…

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Das Treffen

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„Nichts auf der Welt ist so eilig“, sagte er, nahm die Pfeife zur Hand und stopfte Tabak mit dem Zeigefingerstumpf in die Öffnung, „als dass es durch Liegenbleiben nicht noch eiliger würde.“ Er lehnte sich zurück, vergewisserte sich durch Schütteln in Ohrhöhe davon, dass ausreichend Gas in seinem Feuerzeug war. „Und wenn du nicht arbeiten willst, haben sie Wege dich zu zwingen. Mit Geld.“ Er paffte und entfachte einen Nebel aus Rauch, der ihn umgab, wie ein schwebender Umhang. „Glaube mir, mein Junge, ich habe es selbst erlebt – nichts hätte mir ferner gelegen, als Montag bis Freitag aufzustehen und…

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In meiner Kindheit trugen die Frauen Kittelschürzen

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A: Ich hatte wohl zu lange am offenen Fenster in die Nacht gelauscht, denn aus dem Rauschen urbaner Stille entwickelte sich allmählich eine Melodie, und als ich sie oft genug gehört hatte, begann ich mitzusummen. Mir wurde schwindelig, fast wäre ich geneigt zu sagen „ein Schwindel ergriff mich”, und ich schlug, Steißbein zuerst, auf dem Zimmerboden auf. B: Aua, das klingt ja schrecklich! Ich bin letzte Nacht fast von den Mücken leergesaugt worden – entschuldige, das sollte jetzt kein Vergleich mit deinem Elend sein. Was war denn passiert? A: Die Melodie war verschwunden, draußen fauchte die Autobahn. Der Nachbar aus…

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Das Gefühl

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Kennen Sie das Gefühl, von einem Gefühl befallen zu sein, das man nicht näher beschreiben kann, als zu sagen, es fühlt sich so ähnlich an wie starker Harndrang? Nein, kennen Sie nicht? Also, das ist ein Gefühl, das sich so ähnlich anfühlt wie starker Harndrang. Aber Harndrang in einer Situation, in der man ihm keinesfalls nachgeben kann. Beispielsweise vor einem Kinderspielplatz, in einer belebten Fußgängerzone oder während der eigenen Priesterweihe. Da liegt man auf dem kalten Marmorboden der hiesigen Kathedrale mit ausgestreckten Armen, und die Blase meldet sich. Gut, das wird die Aufregung sein, denkt man zunächst, das vergeht wieder,…

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Widerstand ist Wonne

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Erst neulich oder vor fünf Jahren sah ich einen Mann, der mit seinem Esel rang. Er zog und riss an des Esels Mähne, den Ohren – das Tier bewegte sich keinen Zentimeter. Mit den Hufen im Boden verwurzelt stand es als lebendige Trutzburg gegen gesellschaftliche Nützlichkeit, und schaffte es, dabei noch so nonchalant und unbeteiligt in der Gegend umherzublicken, dass ich nicht anders konnte, als vor Bewunderung mit der Zunge zu schnalzen. Darauf reagierte der Esel unmittelbar und trottete in meine Richtung. Sein Besitzer funkelte mich böse an, ich zuckte die Schultern. Später bezog ich mit dem Tier eine Doppelhaushälfte…

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Die Lösung ist niemals diagonal

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Einer von uns zweien drohte den Verstand zu verlieren; ich weiß nicht mehr genau, aber ich glaube, du warst es nicht. Und auch nicht Käthe, die nimmermüde Arbeiterin im Weinberg des Herrn. ‚Welcher Herr?‘, fragst du. Na, Herr Malaga aus Hausnummer 53. Ich traf ihn neulich, als er seinen Zaun tünchte. Er sagte höflich ‚Guten Morgen‘ und ich erwiderte den Gruß. „Wo ist denn die Käthe?“, fragte ich und er wies mit dem Mittelfinger auf ein verhutzeltes Weib, das hinter mir stand und mit Eifer die Weinbeeren zählte. „Grüß dich, Käthe“, rief ich über die Schulter, doch sie gab vor,…

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Wiedersehen mit Bad Sodom

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„Veronika, ich glaube, der Frühling hält Einzug.“ Samuel Duda schaut aus dem Fenster und streicht sich Brotkrümel von der Trainingsjacke aus leichtem Synthetikstoff. Nicht, dass er vorgehabt hätte, sein Lauftraining wieder aufzunehmen – seit dem letzten Wettbewerb waren Monate vergangen, seit seinem letzten Training ebenso lang – die Jacke gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit und Trost. Und Trost hatte er in den vergangenen Wochen dringend nötig gehabt, seit einem katastrophal verlaufenen Weihnachtsfest bei ihren Eltern, ist seine Beziehung zu Veronika bestenfalls als unterkühlt zu bezeichnen; Samuel Duda ist kein Optimist. Er glaubt nicht, dass es schnell besser wird. Aus…

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Seht mich den Inhalt eures Schädels schänden

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„Wir treffen uns im kleinen Kreis. Nicht mehr als zehn Personen.“ Walter Steinbeißer unterbreitet den Freunden seine Ideen für den nächsten Auftritt. „Ich werde ein paar Gedichte vortragen, vielleicht ein Lied oder zwei zum Besten geben. Kuchen und Getränke. Eine runde Sache.“ Georg, seines Zeichens Freund und Kupferstecher, ist nicht überzeugt. „Aber nicht, dass alle wieder nur so hipstermäßig abhängen und Englisch quatschen.“ Er spuckt vor Abscheu auf Steinbeißers Teppich und wischt sich wichtigtuerisch mit dem Handrücken den Mund ab. „Wenn man nicht einmal in der Hauptstadt, also der besten und wichtigsten Stadt, die Landessprache verwendet, ist der Untergang nicht…

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Keine Liebesgeschichte

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„Um eine vernünftige Geschichte über das Nichts zu verfassen, braucht man einen unverstellten Blick auf die Dinge. Erst wenn man alles vor Augen hat, erkennt man, dass ziemlich viel Platz neben der Materie bleibt – Unendlichkeit zwischen den Atomen. Zwar wird der eigene Schritt durch diese Erkenntnis nicht unbedingt sicherer und es häufen sich Vorkommnisse wie Gegen-Türen-und-Wände-Laufen, doch die Begegnung mit den Mitmenschen wird ungeahnt erfüllend. Großes Ehrenwort.“ Die Gräfin Karaszek nickt und saugt jedes Wort begierig auf. Sie ist eine Dame in ihren mittleren Jahren, prall gefüllt mit Temperament, niemals ein Gefühl der Alltäglichkeit im Miteinander aufkommen lassend. „Kein…

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