Sectio Aurea

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Waltraud Fibonacci schneidet mit der Schärfe ihres Blicks Scheibchen von einem frischen Stück Seife. Befriedigt ob der glatten Schnittflächen, verlässt sie das Badezimmer und schaut sich, im Bewusstsein ihrer ungeheuren Macht, vorsichtig im Raum um: Ein Spiegel, im Lauf der Jahre stumpf und blind geworden, hängt an der Stirnseite ihres Bettes und erinnert sich vergangener Reflexionen. Die Fibonacci schnaubt und klaubt Brotkrümel vom Tisch. Sie presst die Krumen zu einem kleinen Brot zusammen und tunkt sie in einen Teller kalter selbsteingebrockter Suppe. An ihrem Fenster werden Zwillinge in einem Kinderwagen vorbeigeschoben. Waltraud Fibonacci schenkt ihnen keine besondere Beachtung. Mädchen wohl,…

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MB präsentiert – das Ende der Welt

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Martin Buber, verkleidet als Jesaja oder Darwin oder Marx, stand auf dem Rathausplatz und kraulte sich den Bart. „Höret!“, predigte er den Passanten . „Höret und bereuet euer Tun! Der Herr spricht, und ihr wisst es wohl, habe ich es euch schon zwei Dutzend Mal verkündet: Das Ende ist nah!“ Die empfänglicheren unter seinen Zuhörern schauten verängstigt zu Boden und erschauerten in fast wollüstiger Furcht. Mancher Vater hielt sein Kind im Arm und wiegte es hin und wieder her. Martin Bubers Augen blitzten im Sommersonnenlicht als Boten der Vergänglichkeit. „Wehret dem Widersacher, denn sein Reich ist nur auf Quarz gebaut!“…

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Bartscherers Wirklichkeit

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„An Tagen wie diesen, klagt der Wind, weint das Kind, jault ein Hund und …“ „Halt ein!“, flüstert der Barbier mir ins Ohr. „Ich glaube, vor dem Fenster steht ein Lauscher, ein Schauer.“ In der Tat, der Figaro lügt nicht: Ein Mann, so breit wie hoch, drückt sein feistes Antlitz gegen das Glas. „Na, dann viel Spaß!“, brüllt der Friseur nach draußen, schüttelt die Hände, gerade wie man Geschmeiß verscheucht. Der dicke Mann lächelt tumb und hebt seinerseits die Hände. Er hält einen Minigolfschläger, holt aus und zerschmettert die Scheibe des Salons. „Da hammwa den Salat!“, entfährt es wie ein…

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Frühstück

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Hubert Salpeter wusste, dass seine Zeit abgelaufen war, denn er wollte kein Geld mehr ausgeben. Als er am Frühstückstisch zu seiner Frau sagte: „Liebling, ich will kein Geld mehr ausgeben“, erwiderte sie Brote schmierend, dass er sich gerne in der Gießkanne bediene möge, sie verwahre dort das Haushaltsgeld. „Du verstehst nicht, was ich meine“, sagte Hubert Salpeter. „Ich will nicht nur mein Geld nicht ausgeben – das Prinzip, fremdes Geld auszugeben ist ja weitverbreitet und gesellschaftlich konform – ich bin, wie du weißt, nicht geizig, ich will überhaupt kein Geld mehr ausgeben: meines nicht, deines nicht. Gar keins, verstehst du?“…

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Das alles klingt nach einem Becher Urin vom Hund

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Man stelle sich vor, man stellt sein Rad dort ab, wo gerade noch der Hund – und nicht zu knapp. Da wird einem ganz matschig unter den Sandalen. Jetzt tanzen die Zehen feuchten Cha-Cha-Cha in dieser lauen Frühlingsnacht, zu dieser blauen Stunde. Fluchen und ein Kramen und ein Suchen in verblichenen Erlebnissen – Protokoll einer vergangenen Verhandlung: „Und warum mussten Sie dem armen Hund den Kehlkopf eindrücken? Hätten Schimpfen, Klagen und Verdammen nicht gereicht, um Ihren Unmut über das von ihm begangene Vergehen zu bekunden? Und überhaupt, wo hätte er denn Ihrer Meinung nach seine Notdurft verrichten sollen, wenn nicht…

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Jenseits von Grimm

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Ich ziehe die Stadt mir aus der Nase, Stück für Stück und alle Brocken einzeln. Einen Hauch von ihm, einen Anflug von ihr, ein wenig Alexanderplatz zerreibe ich zwischen kleinem Finger, Daumen und schnippe die Stadt in hohem Bogen von mir fort. „Hey, haste nix zu tun?“, ruft man mir zu. „Nix Besseres?“ Ich ziehe bedauernd einen Flunsch und äußere den Wunsch, die Welt möge sich für mich von außen her verbessern. Und Hilfe naht in Gestalt einer schlecht als Händlerin verkleideten, jungen Frau. „Schöne Ware feil! Schöne Ware, kauft schöne, schöne Ware!“ „Was hast du denn in deinem Korb,…

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Der Hässliche

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„Wie oft soll ich denn noch sagen, dass ihr nicht die Tauben füttern sollt?“, ruft die Mutter. „Wenn ihr unbedingt eure Brötchen in der Gegend herum schmeißen wollt, dann gebt sie den Spatzen!“ Manchmal sieht man, versteht man die Dinge besser aus ein paar Schritten Entfernung. Ich habe noch nie längere Zeit irgendwo hingeschaut, ohne dass ich ein Drama, eine Komödie oder gar eine Tragödie entdeckt hätte. Im Rücken heute ein Blumenfeld, vor mir der Fluss. Mein wenig erfreuliches Äußeres lässt ältere Damen den Griff ihrer Handtaschen festhalten, lässt Männer erstarren und Kinder weinen. Wenn Kinder eines gewissen, geringen Alters…

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Heutzutage oder Fäkal territoriale Betrachtungen

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Wisst ihr Schnösel überhaupt noch, was ich hier mache? Ich schreibe, ihr Fatzken. Ja, mit der Hand, so wie ich es gelernt habe. Was? Wie bitte? Ihr habt vielleicht Vorstellungen. Natürlich ging der Alltag zwischen den Bombenangriffen weiter – wir sind ganz normal zur Arbeit gegangen. Das heißt, natürlich nur, wenn der Betrieb, die Fabrik, das Amt nicht ausgebombt worden waren. Da hat fast niemand gejammert, da hat kaum jemand geklagt; ausgenommen die Leute, die gerade Angehörige verloren hatten. Die haben schon mal ein Tränchen verdrückt, schon mal einen Kloß runterschlucken müssen. Kann man doch verstehen. Und heutzutage? Wenn ich…

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Dies irae

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„Da oben fehlen nur noch zwei“, sagte er und deutete auf ihr Gesicht. „Wenn du noch zwei Warzen mehr hättest, wäre dein ganzer Körper von ihnen bedeckt.“ Sie nahm es gelassen hin und pickte mit spitzen Fingern Pralinen aus der Schachtel. „Möchtest du vielleicht Konfekt? Der schmeckt.“ Er lehnte dankend ab. Der Gedanke an Vollkommenheit ließ ihn nicht los. „Ich finde, 3248 Warzen ist eine hässliche, eine dumme Anzahl. Zwei mehr, stell dir das mal vor, und die Zahl wäre gleich viel runder. Viel … äh … positiver Und da sie nicht reagierte, fügte er trotzig hinzu: „Das wird man…

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Kapitän Wahab und die Posaunistin

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Als der alte Kapitän Wahab schon längst nicht mehr zur See fuhr und seine Tage meist in seinem Garten auf der Suche nach seltenen Insekten verbrachte, klingelte eines Morgens eine junge Frau an der Haustür. Der Hund schlug an und Kapitän Wahab schlich, auf einen knorrigen Ast gestützt, durch die Diele. „Wer ist da?“, fragte er mit von Stürmen gebeutelter Stimme. „Ich bin es, Großvater, deine Enkelin Gerlinde.“ Kapitän Wahab seufzte erleichtert auf. Zwar hatte er weder Kinder noch Enkel, aber wenigstens war es nicht der Gelbe Piet, der ihm einst Rache geschworen hatte, weil er sich von Wahab beim…

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