Kurzgeschichten

Der Traum der Maschine

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Mein Vater ist ja mehr oder weniger weltbekannt für seine Erfindungen und Konstruktionen. Wer erinnert sich nicht an den Hilfsflottentränenföhn oder die Frontfriteuse, beides Gerätschaften, die den Teilnehmern an internationalen Konflikten nie dagewesenen Komfort bescherten. Als ich ein Kind war, hatten alle meine Schulkollegen einen Jausenwolf zuhause und ohne Prellklammern fuhr niemand in den Urlaub. Natürlich gab es auch Dinge, die nie über unser Heim hinaus Bekanntheit erlangten. Die Infraschall-Knödelpresse zum Beispiel. Von all den Maschinen, die mein Vater erdacht und gebaut hat, bin ich die am wenigsten gelungene. Bereits bei der kleinsten Beanspruchung knarze, brumme und knacke ich, dass…

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Eine kleine Marschmusik

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Kroll rückte sich den Hut zurecht. Er war dreiundfünfzig, und sein Gesicht sah aus wie eine Landkarte, auf der mäßig bedeutende Kriege eingezeichnet waren. Elena stand neben ihm, das Kleid so grau wie der Asphalt von Essen-Kettwig Anno ’83. Um Punkt acht begann der Boden zu vibrieren. Es war kein Beben, es war ein Takt. Links, zwo, drei, vier. Links, zwo, drei, vier. Die Stadt atmete im Gleichschritt, obgleich niemand ein Instrument in den Händen hielt. „Hören Sie das, Kroll?“, fragte sie und zündete sich eine Zigarette an, die nach nassem Laub schmeckte. Er nickte. Der Rhythmus kam aus den…

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Das Unvorhersehbare

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Wer über ausreichend Weitblick, Gefühl und das rechte Maß an Phantasie verfügt, dem wird das Wenigste im Leben als unvorhersehbar erscheinen. Die Vorsehung zieht sich jedoch beleidigt zurück, sobald man ihr mit Statistik, Wunschdenken oder Hausverstand auf die Sprünge helfen möchte. Wenn es nur zwei Reiter der Apokalypse gäbe, hießen sie Hausverstand und gesunder Menschenverstand. Aber das ist eine andere Geschichte. Zudem mag sich ein Orakel nicht festnageln lassen. Einmal hielt ich es für eine gute Idee, Bruno Absorbanski und McMurphy miteinander bekannt zu machen. „Kein Vorname?“, fragte Bruno mit hochgezogener Augenbraue. McMurphy schüttelte langsam den aristrokatischen Schädel. Obschon ich…

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Das Mißliebchen

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Prolog Verdichtung muss durch Schichtung entstehen, nicht durch Dehnung. Jeder Takt verdoppelt, um klaustrophobische Enge zu zementieren, ohne den harten Aufschlag der Silben zu dämpfen. I. Statik Wand an Wand. Wand an Haut. Kaltes Echo in den Fugen. Mißliebchen kauert. Mißliebchen harrt. Der Raum wird eng, der Raum wird Fleisch. Die Zeit steht steif. Die Zeit wird Stein. Sekunden tropfen schweres Blei. Schatten rücken. Wände rücken. Das Zimmer atmet Staub der Jahre. Atem flach, flach, fest. Kein Entrinnen aus der Geometrie. II. Bruch Wort splittert. Wort schneidet. Die Zunge vergisst das Weiche, das Warme. Mißliebchen greift ins Leere, greift ins…

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Abglanz gefallener Engel

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Ab einem gewissen Alter beschleicht einen immer öfter das Gefühl, man hätte Sachen schon einmal erlebt. Nicht so ein magischer Moment von dem man Ohrensausen und Eingeweideflattern bekommt, nein, nein, kein Dèjá vu. Ein Dèjà vie eher. Ein Abgrund, der einem mit kaugummigebremster und bleierner Stimme entgegengähnt: „Das schon wieder!“ Manche stürzen sich deshalb kopfüber in noch nie dagewesene Abenteuer, erklimmen Achttausender ohne Sauerstoffgerät, schwimmen mit Alligatoren oder lernen Querflöte. Andere, die weniger Verwegenen, erstellen sich zumindest Listen, auf denen die zu bestehenden Abenteuer eingetragen und abgehakt werden können. Bernadette Pelzfuß hingegen gibt sich der Routine hin. Sie freut sich…

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Ein Pauschalfluch

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Herr Olf saß auf einer Parkbank, als diese unerwartet anfing, schlechte Reime zu deklamieren. Es war eine milde Maiennacht, doch der Pauschalfluch klebte an Olf wie alter Honig. Eigentlich wollte er nur schlafen, sich ausstrecken, doch sein Hut weigerte sich, vom Kopf zu kommen, da er gerade eine Abhandlung über die Leere im Innen verfasste, und so verwarf Olf den Gedanken an Schlaf, stand auf und wollte flüchten. Ein vorbeihüpfender Teekessel, der sich als Beamter der Zeitlupe ausgab, verlangte Olfs Passierschein für den Sonnenaufgang. „Die Nacht ist heute überbucht“, zischte der Kessel und spuckte heißen Tee auf Olfs linkes Knie….

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Die Tiefe des Eingriffs

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Sie haben jetzt gewiss an Herrenunterwäsche gedacht, als Sie das gelesen haben. Genau wie ich. Riesige, weiße Feinrippunterwäsche in Größe 82 oder so, was weiß ich, welche Zahlen bei Konfektionsgrößen für Herren verwendet werden. Nein? Sie haben an etwas ganz anderes gedacht? Sie sind so ein Mensch, der immer an etwas anderes denkt als die Mehrheit. So jemand möchten wir doch alle sein. Etwas Besonderes und Einzigartiges, kein Schäfchen, das einfach mit der Herde mitblökt und sich abends von einem albern schnappenden Hund in den Koben treiben lässt. Das sei Ihnen unbenommen, weil um Sie geht es gerade gar nicht….

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Entscheidung für Rosa

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R. O. S. A. Die Buchstaben fallen vom Sims wie tote Fliegen. Ein Quadrat aus Watte, das im Halse stecken bleibt. Rosa ist keine Farbe, sondern der Zustand zwischen zwei Atemzügen. Joachim blickt auf den Tisch, den Teller vor ihm, auf die leere Wand. Er sagt: „Ich entscheide mich. Ich werde mich entscheiden. Ich habe mich entschieden.“ Er meint nicht die Tapete, nicht das Stück Tier auf dem Teller. Er meint das Schweigen zwischen den Zügen, zwischen den Silben. Er wählt Rosa, weil es rückwärts gelesen „A-S-O-R“ ist, was zwar nichts bedeutet, aber im Kopf laut poltert. Rosa. Ro-sa. S-a-r-o….

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Kein Morgen graut meiner Nacht

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Obschon es solche und solche Nächte gibt, sind sie am Ende alle gleich. Die Dunkelheit schmilzt wie ein Stück Butter in der Pfanne, das Licht wechselt und ein neuer Tag beginnt. Wenn man bedenkt, dass vielerorts den Leuten die Nächte durch explodierende Kamikaze-Drohnen oder bunkerbrechende Bomben erleuchtet werden, ist das natürlich reines Geschwätz. Aber es ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass ich von der Chaiselongue aus ein bisschen romantisch daherplappere und mich an vergangene Sommernächte und wilde Küsse erinnere. Hinfahren kann man ja nirgends, weil das Benzin so teuer und alles voller Terroristen ist. Und außerdem – die Herrscher tun…

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Die Herrschaft des Maultiers

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Gott hat mich auf die Erde geworfen und jagt mich jetzt zu seinem eigenen Vergnügen. Die Neonlichter der Stadt zerreißen die Nacht wie faule, offene Wunden, ihre Farben kleben an den verspiegelten Fassaden, den Fenstern, die die Seele nicht reflektieren, nur das Elend der tausend leeren Blicke, die an mir vorbeigleiten. Jeder Schritt ein Stampfen, ein Echo der Peitsche, die ich nicht sehe, aber deren Knall den Takt der unsichtbaren Herrschaft schlägt, monotoner Rhythmus, der die Knochen mürbe macht. Der Geruch von altem Alkohol, umgekippten Parfüm und unerfüllten Versprechen hängt schwer in der Luft, als süßlicher Schleier über dem Grau…

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