Kurzgeschichten

Das Lied vom Glück

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Philip Pelzfuß steht am Tor und sieht den Menschen nach, die an seinem Haus vorüberziehen. Bepackt mit unterschiedlichen Habseligkeiten stapfen sie durch den Schnee auf dem Weg in eine goldene Zukunft. „Wieviele sind es?“, ruft seine Frau aus der Küche. „Ein paar Hundert oder ein paar Tausend“, antwortet Philip Pelzfuß. „Ich bin doch so schlecht im Schätzen, Elfriede. Sie singen jedenfalls alle.“ „Das höre ich. Es ist ja ohrenbetäubend.“ Elfriede Pelzfuß kommt an den Gartenzaun, ein Geschirrtuch über der Schulter. Sie wischt sich die Hände an ihrer Kittelschürze ab und legt ihrem Mann dann eine auf die Schulter. „Wollen wir…

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23

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Die Dreiundzwanzig. Warum die Dreiundzwanzig? Was hat es mit dieser ominösen Zahl auf sich? Oft werden mir Fragen wie diese gestellt, und ebenso oft antworte ich, dass das Mysterium der Dreiundzwanzig nicht in ein paar dahingeworfenen Erklärungen wirklich erfasst werden kann. Die Dreiundzwanzig ist nicht nur Zahl, nicht nur einfaches Quantitätssymbol, sondern Religion, Glaubensinhalt und Mittel zur Macht schon seit Jahrtausenden. Menschen und Tiere werden im Zeichen der Dreiundzwanzig geopfert. Die Dreiundzwanzig ist die Zahl der Weltherrschaft. Am Anfang meiner Beschäftigung mit der Dreiundzwanzig stand die Beobachtung, dass mir die Dreiundzwanzig leichter von den Lippen ging, als jede andere Zahl,…

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Lustig, lustig

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Mich juckt es in den Fingern. Das klingt an sich nicht schlimm. Als hätte ich große Lust, eine bestimmte Sache in Angriff zu nehmen und könne es kaum erwarten, müsse nur noch eben etwas anderes erledigen, das keinen Aufschub duldet. Tatsächlich plagt es mich den ganzen Tag und einen großen Teil der Nacht. Mein sehnlichster Wunsch ist eine dritte Hand mit Fingern, die nicht von dem Unheil befallen sind und die geplagten kratzen können. Aber die bekomme ich nicht. „Das zahlt die Kasse auf keinen Fall“, meint mein Hausarzt, ein dicker, älterer Herr mit weißem Bart, der in der Weihnachtszeit…

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Kaum-Ich und Nicht-Ich diskutieren die Lage

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  K-I: Hör mal, wie meine Kniescheibe knackt. N-I: Schlimm. K-I: Wenn Du ein Selbstmordattentäter wärst, welches Ziel würdest Du wählen? N-I: In Deutschland, meinst Du? K-I: Ja, in Deutschland – was wäre Dir einen Angriff wert? N-I: Also es wäre bestimmt irgendwas in Berlin. Woanders lohnt es sich ja nicht. K-I: Der Kölner Dom vielleicht. N-I: Würde mich nicht jucken. Das ist doch das Problem des Föderalismus, es lohnt nicht, irgendetwas zu zerstören. Allzu viele allgemeingültige Ziele gibt es nicht. Ich meine, wem würde es außerhalb von Münster schon auffallen, wenn eine Atombombe die Innenstadt verwüstete? K-I: Oder Osnabrück….

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Wiedersehen mit McMurphy

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„Das Problem mit euch Empathen ist ja nicht, dass ihr besonders viel fühlen würdet“, sagte McMurphy und spuckte in mein Weinglas. Ich betrachtete die gelblich-weißen Bläschen, die auf der Oberfläche des Weins langsame Kreise zogen. McMurphy räusperte sich und verschloss währenddessen mit Daumen und Zeigefinger beide Nasenlöcher. „Weißt du, was das Problem mit euch Empathen ist? Soll ich es dir sagen?“, fuhr er fort. Da er seine Finger nicht rechtzeitig von der Nase genommen hatte, klang seine Stimme bei den ersten beiden Wörtern albern und ich gluckste. McMurphy schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und die Spuckebläschen zitterten….

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Vorbeigeredet

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Erinnerst du dich noch an die Geschichte mit der Sprechstundenhilfe aus Puerto Rico? Ich weiß nicht. Das ist alles so lange her. Kam die nicht aus Costa Rica und war Zahntechnikerin? Ist ja auch egal. Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass sie aus Puerto Rico war. Wie kann dir das egal sein? Schließlich ist am Ende Bratwurst-Rainer gestorben. Hieß der nicht Currywurst-Klemens? Das war doch der Typ, der seinen Hund aus der Umkleidekabine vom Freibad hatte. So ein Cocker-Spaniel war das. Toffy. Das arme Tier war dort angebunden und Currywurst-Klemens hat ihn gerettet. Und der ist tot? Das…

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Currywurst-Klemens

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Habe ich euch eigentlich von Currywurst-Klemens erzählt? Ihr fragt, warum der so hieß? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ob es mit seiner Vorliebe für Imbissessen zusammenhing, ein seiner Diät geschuldeter Spitzname? Könnte sein, ich weiß es wirklich nicht. Ich erinnere mich aber auch nicht, ihn jemals eine Wurst essen gesehen zu haben. Jetzt, wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich ihn nie habe essen sehen. Es kursierten in unserem Kreis die seltsamsten Gerüchte und Anekdoten über Klemens, aber, soweit ich mich erinnere, hatten die nie im Geringsten mit Nahrungsmitteln zu tun: Da war die Geschichte mit dem…

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Der Aal

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„Bei allem Respekt, meine Damen und Herren, darf ich Sie doch darauf aufmerksam machen, dass, auch wenn es uns manche anders glauben machen möchten, die ganze Angelegenheit lediglich auf Vermutungen beruht, die, wie wir sicherlich bald alle sehen werden, sich als Missverständnisse herausstellen, sobald alles rückhaltlos aufgeklärt ist, wofür ich, wie jeder, der mich kennt, weiß, ohne Kompromisse Sorge tragen werde, darauf können Sie sich, wie gewohnt, verlassen. Sollte es in der Sache zu Ungereimtheiten gekommen sein, werde ich, auch wenn manche das Gegenteil behaupten, nicht eher ruhen, bis ich herausgefunden habe, wer dafür die Verantwortung trägt, denn dafür muss…

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1. Person, immer Singular

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An einem anderen Tag setzte sich der, den ich als Ich kenne, über meinen ausdrücklichen Wunsch nach Veränderung hinweg und begann seinen Tag wie jeden Tag zuvor. „Augen auf und durch!“, war die Devise. Das Ich war Pharmareferent und Suppenkasper in Personalunion. Nicht aus Leidenschaft, beileibe nicht, doch aus Gewohnheit wie Sonnenauf-und Untergang. Doch ich greife vor, ich schweife ab und tadle mich beizeiten. Natürlich würde das Ich auch Kinder fressen, wenn es nicht verboten wäre. Es ist doch verboten, oder? Nicht, dass ich mich die ganzen Jahre zurückgehalten habe für nichts und wieder nichts. Das Ich liebt es ruhig…

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Die Wehklagerin

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„Kein Schwanz ist so hart wie das Leben“, pflegte meine Großmutter zu sagen, wenn Trost für uns Kinder vonnöten war. Ich glaubte ihr nicht, denn etwas Härteres als Onkel Manfreds Rute, die er mir nachts zwischen die Kiefer zwängte, konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen. Aber ich war ja noch jung und wusste nicht Bescheid. Trotz dieser unsanften Behandlung in zartem Alter, bin ich zeitlebens eine Mimose geblieben. Was andere Leute als lässliche Unannehmlichkeit abschütteln, wirft mich für Wochen nieder. Ich hüte meinen Schmerz wie einen Schatz. Ein überflüssiges Unterfangen, denn wer würde ihn mir schon nehmen wollen? Die…

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