Kurzgeschichten

Der Unterschied

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Wie man sich dreht, so wendet man sich. Da geht es mir nicht anders als euch. Das kann also nicht der Unterschied sein. Im Großen und Ganzen sehe ich euch ähnlich. Beine, Arme, Gesicht, Bauch – alles da. Ich habe Hunger, Durst und schlechte Angewohnheiten, bekomme kalte Füße und morgens schmeckt es schal in meinem Mund. Beim Küssen schlägt das Herz wie die Hufe eines Wildpferds im Galopp. Ich langweile mich bei mittelklassigen Fernsehkrimis und auf dem Flur der Behörde rede ich beruhigend auf mich ein, als sei ich ein Ferkel auf dem Weg zum Metzger. Obwohl auf die niemand…

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Nicht-Ich und Kaum-Ich begegnen sich

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Kaum-Ich: Sagen Sie mal, kenne ich Sie nicht irgendwoher? Nicht-Ich: Mich? Hm, warten Sie, stimmt! Ich meine auch, ich hätte Sie schon einmal gesehen. War es nicht auf einem ausgelassenen Frühlingsfest, umsäumt von Jungfrauen? Kaum-Ich: Nein, in mir ist ewig Herbst. Sie müssen sich täuschen. War es nicht vielmehr bei der Einweihung eines bedeutenden Gebäudes oder auf dem Sommerempfang des Präsidenten, wo wir uns zum ersten Mal begegneten? Nicht-Ich: Das ist gut möglich. Trugen Sie nicht einen zahmen Feldhasen in einer offenen Tragetasche aus Lederimitat auf dem Arm? Ein Feldhase, der damals die Blicke aller anwesenden Damen anzog? Standen Sie…

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In der Zwischenzeit

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Die Vergangenheit und die Zukunft sind Stühle und ich sitze dazwischen. Das ist nicht bequem, aber so bin ich eben gemacht. Ich rutsche ein wenig hin und her, um den Abstand zwischen den Sitzgelegenheiten zu vergrößern, um irgendwann eine Hängematte dazwischen aufhängen zu können. Man braucht Ziele im Leben. Eine Hängematte macht doppelt so viel Arbeit wie ein Galgen. Den Galgenstrick befestigt man einfach mit einem ordentlichen Knoten an der Vergangenheit, da wird nichts wackeln oder in sich zusammenfallen. Die Zukunft dagegen: Auf dünnen Beinchen steht sie da, wie ein neugeborenes Pferd und ebenso bereit, einen Satz hierhin oder dorthin…

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Der neugierige Kunde

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Eines Tages ging ich zu einer Wahrsagerin und als ich ihre Wohnung betrat, fand ich sie in wollüstiger Pose auf einer Art Schreibtisch vor. „Kommen Sie ruhig näher, junger Mann!“, gurrte sie mit süß-scharfem Akzent. Ich fühlte mich ob ihrer dargebotenen Reize überfordert und war schon im Begriff mich herumzudrehen und zu gehen, als mein Blick auf einen Papagei fiel, der mich aus einem mannshohen Käfig verächtlich ansah. „Tu doch nicht so, als ob dir nicht gefiele, was du siehst.“ Der Vogel sprach mit wohltönender Stimme, gar nicht brüchig und krächzend, wie ich es erwartet hatte. „Schau ruhig noch einmal…

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Allmächtiges Schweigen

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Unter all den Warnungen, die man mir als Kind aussprach, machte mir die vor dem Schlendrian den meisten Eindruck. Man müsse sich hüten, sonst zöge er bei einem ein. Da damals noch der Herr mein Hirte war, schien es mir ratsam, eine so wichtige Aufgabe jemandem zu überlassen, der sich mit sowas auskannte. Schafe kannte ich nur aus dem Bilderbuch und vom Ponyhof – ich entstamme einer Familie von Schneidern und Ingenieuren, aufs Hüten verstand sich da niemand. So blieb ich vom Schlendrian verschont, bis ich eines Tages vom Glauben abfiel. Das passiert vielen, wenn das Leben etwas länger dauert….

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Wen es betrifft

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Hören Sie? Ich sage Ihnen, Sie hören nichts. Nicht das Surren der Leuchtstoffröhre, nicht das Zwitschern der Gazellen, die dort unweit des Einkaufszentrums auf dem Mittelstreifen grasen, gar nichts hören Sie. Und dann gibt es immer wieder Situationen, in denen das Herz so laut klopft, dass selbst ich, dem diese Dinge beständig in den Ohren gellen, die Geräusche aus dem Außen nicht mehr wahrnehme. Dann pocht es, strömt es, rauscht es in mir und all die Töne da draußen werden bedeutungslos. Wer bin denn ich, frage ich mich in solchen Momenten, und wo liegt der Sinn? Zwar antworte ich immer…

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Der Geschmack von Suppe

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Unter Menschen ist der Glaube verbreitet, früher seien die Dinge besser gewesen. Ich zum Beispiel erinnere mich deutlich, wie angenehm aufregend das Geräusch eines überfüllten Freibads in meiner Kindheit war. Die heutigen Freibäder klingen schrill und mir schmerzen die Ohren bereits, wenn ich mit dem Auto daran vorbei fahre. Man konnte Rollschuhlaufen, ohne zu schwitzen und schwitzte man doch, so stank man wenigstens nicht. Wollte man irgendwo dazugehören, genügte es meist, eine Mutprobe zu bestehen, die im Allgemeinen nicht sonderlich viel Waghalsigkeit erforderte: Beim alten Heyer läuten und sagen, man habe sich verklingelt oder dem Landesvater einen Zettel in den…

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Sommerfreuden

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An dem Haar, das aus deinem Ohr wächst, hangle ich mich langsam nach oben. Jetzt ist es nicht mehr weit, ich kann den Flickenteppich aus Leibern der Frauen, Männer, Kinder im Strandbad hinter dem Lattenzaun schon gut erkennen: Eingeölt und mariniert wie Grillgut wellen sich meterweise Stücke Haut im Sonnenbrand. „Willst du jetzt rüber?“, fragst du. Wenn ich könnte, würde ich die Schultern zucken. Seltsam, die andere Seite reizt mich nicht mehr wie noch vor fünf Minuten, als ich dich bekniet habe, mir dein Haar zur Verfügung zu stellen. Ich rutsche das Haar hinab, lande sicher auf dem Boden. Ich…

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Sommerfreuden

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An dem Haar, das aus deinem Ohr wächst, hangle ich mich langsam nach oben. Jetzt ist es nicht mehr weit, ich kann den Flickenteppich aus Leibern der Frauen, Männer, Kinder im Strandbad hinter dem Lattenzaun schon gut erkennen: Eingeölt und mariniert wie Grillgut wellen sich meterweise Stücke Haut im Sonnenbrand. „Willst du jetzt rüber?“, fragst du. Wenn ich könnte, würde ich die Schultern zucken. Seltsam, die andere Seite reizt mich nicht mehr wie noch vor fünf Minuten, als ich dich bekniet habe, mir dein Haar zur Verfügung zu stellen. Ich rutsche das Haar hinab, lande sicher auf dem Boden. Ich…

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Die zweite Wahl

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Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, als ich zugestimmt habe, Eukleides auf die Reise mitzunehmen. Ich konnte ihn schon in der Schule nicht leiden. Aber er meinte, er verstünde sich aufs Kartenlesen, und wir haben einen ähnlichen Musikgeschmack. „Eine Strecke ist eine gerade Linie, die auf kürzestem Wege zwei Punkte verbindet“, sagte er nach einer langgezogenen Linkskurve. Ich hätte auf seinen Unterton achten sollen, dann wäre mir Einiges an Unheil erspart geblieben. Der Straßenbelag wich bräunlichem Kies, der von schlammigen Gräben durchzogen war, und Gerümpel ragte drohend links und rechts des Weges auf, doch Eukleides beharrte weiterhin darauf,…

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