Kurzgeschichten

Als ich Liberal – Esoteriker war

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Im Anfang war das Wort und das Wort erbrach sich auf mein Sofa und sah irgendwie fiebrig aus. Es lag mit trüben Augen, eingepackt in Tagesdecken und stockfleckige Laken und klapperte mit seinen kleinen Zähnen, dass einem angst und bange werden konnte. Also beschloss ich, das Wort liebzuhaben, denn es war fürchterlich allein. Ich nahm das Wort auf den Schoß, tupfte es mit einem frischen Lappen trocken und erzählte ihm von der Welt, die ich schon kannte und von der es noch nichts wusste. „Vor langer Zeit lebte ein Handlanger und sein Name war Kallemann. Kallemann besaß nur einen dreckigen…

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Erinnerung in Sepia

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Im Augenblick des Todes, erzählt man sich, zieht das bis dahin vergangene Leben wie ein Film an einem vorüber. Ich möchte das lieber nicht. Bereits heute missfällt mir die Rückschau, zeigt sie mir doch nur, was ich alles nicht zu Wege gebracht habe. Ja, ich gestehe es. Ich verbringe meine Tage im Bett mit der Vorstellung von Abenteuern und Großtaten, für die mir im Alltag sowohl Antrieb als auch Zutrauen fehlen. Es gibt da allerdings eine Sache, von der ich diese Filmaufzeichnung allzu gerne sehen würde: der 17. Geburtstag meiner Base Charlotte. Die ganze Mischpoke war zusammengekommen, und im Garten…

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Goethe – Rede an die Akademie

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Geschätzte Delegation, verehrte Gesandte, liebe Kinder! Ich beginne mit Goethes Farbenlehre. Die Biene: Gelb, schwarz, gelb, schwarz, gelb und schwarz. Nun Dichtung: Ohne Federlesen, ohne Sachzwang oder ohne Wahrheit. Sie wissen, was man sich vom Geheimrat Goethe erzählt? Er sei sehr klein gewesen, nur fünfunddreißig Zentimeter groß und dabei war der Zentimeter damals nicht einmal so viel wert wie heutzutage. Die Menschen wollen meist nichts davon hören. Ihnen ist Goethe ein Übermensch, kein Tag vergeht, ohne dass diese Menschen ein Beispiel aus seiner berühmten Farbenlehre zitieren. Die Biene: Gelb und schwarz, gelb und schwarz gestreift. Mir ist Goethe kein Heiliger…

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Andere Zeiten

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„Kauft, Leute kauft! Ein neues Zeitalter bricht an, das will man doch nicht mit altem Kram willkommen heißen!“ Der Mann schwingt eine Glocke und zieht seinen Karren über den Platz. Für einen Esel fehlt ihm wohl das Geld. Unter den Rädern zerplatzt der Splitt mit Knirschen und Knacken. Das alte Zeitalter geht ohne Schnee zu Ende, und doch ist man auf Glatteis vorbereitet. Wer weiß, was da noch alles kommt. Murmelndes Volk drängt sich um den Alten, der mittlerweile die Plane zurückgeschlagen hat, damit man seine Ware in Augenschein nehmen möge. Zwei Schleichschritte, ein Zögern, ein Wiegeschritt, eine Vierteldrehung, wie…

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Handeln ist gleich Nicht-Handeln oder 7 Nachteile, ein denkbarer Nachteil und ein Vorteil

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Geht man zu lange mit einer Idee schwanger, verlässt sie einen. Das ist ein Nachteil. Lässt man einen Toten auferstehen, wird dieser von schlechtem Geschmack im Mund gequält. Das ist ein Nachteil. Redet der Auferstandene von seinen Erlebnissen als Toter, leidet man unter dem faulen Atem des Auferstandenen. Das ist ein Nachteil. Wenn der Auferstandene mit seinem faulen Atem dann noch so abgestandene Dinge sagt wie „Es gibt zu viele Gelehrte auf der Welt und zu wenig kluge Menschen”, möchte man einzig und allein, dass er sein stinkendes Maul hält. Das ist ein Nachteil. Bittet man den Auferstandenen ins Badezimmer…

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Ein Stein aus Fett

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Nachts fällt das Mondlicht durch Gustavs Fenster und macht sich am Fußende seines Betts breit. Es liegt quadratisch da und glänzt, wie eine dieser Käsescheiben, die in Folie verpackt sind, und die heute kein Mensch mehr isst. So ein Bissen Käse würde ihm jetzt gute Dienste leisten, denn er verspürt ein wenig Hunger. Er versucht zaghaft ein Stückchen davon abzuzupfen. Der Lichtfleck rollt sich geziert an einer Ecke auf, um seinen Fingern zu entkommen. Der Mond spricht mit der Stimme seines ehemaligen Vorgesetzten. „Spare, lerne, leiste was, dann hast du, kannst du, bist du was. Von Steinen wird man nicht…

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Versuch über Krampus, Sebastokrator heutiger Zeit

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Träger von Tiermasken trennen Müll und dehnen Silben, wenn sie sprechen, wecken in mir ein Gefühl, das jenem ähnelt, unabgeholt, ja unabholbar auf Gleis 3 des Hauptbahnhofs in Hamm zu stehen und zu warten. Der Geschmack in meinem Mund wie getragene Socken aus Polyester. Wenn es draußen kühler wird, wird es innen zwangsläufig wärmer. Ein junger Mann bläht seinen Brustkorb auf dreifachen Umfang und versucht Ruhe für seine Lektüre durch Starren auf die Lärmquelle zu erlangen. Es sind eine Jungfrau, ihre Mutter und eine Greisin, die abwechselnd, lauthals und unablässig verschiedene Strophen von „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ anstimmen. Westfälische…

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Nah am Wasser

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„Hast du denn kein besseres Boot?“, frage ich beim Einsteigen. Ein komisches Gefühl ist das: einen Fuß auf den Betonstufen, den anderen im schaukelnden Kahn. Nur ein bisschen Holz zwischen meiner Schuhsohle und dem Wasser. Lange werde ich nicht so stehen bleiben können, eine Entscheidung muss gefällt werden. Das Boot ist ein Geschenk. Da gehört es sich nicht, die Qualität zu bemängeln. Andererseits habe ich nicht darum gebeten. Und ich pfeife auf die Etikette, denn was ist das für ein Geschenk, mit dem man sich in der Dunkelheit ohne Begleitung aus dem Staub machen soll? Ich umklammere meine Tasche –…

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Das ist ja ein Versuch über Österreich (1996)

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Paris in den Siebziger Jahren. Peter Handke hatte Hitler gefrühstückt. Wessen literarische Gestalt er heute sein würde, wusste er nicht. Das Kindermädchen war bestellt (eine Freundin sollte sie begleiten); der Nachmittag war vereinbart. Die Tochter spielte mit ihren Bauklötzen und die Sonne schien. Trotzdem lag Führerlaune auf Peter Handkes Gesicht. Er griff zu Notizblock und Bleistift und schrieb: Welchem jungen Bi-Boy, 18 bis 27, kann ich, diskret und unausgelastet, Nacktfotos meiner Ex-Frau zeigen? Außerdem Lust auf Sehen, Zeigen und Wichsen (kein Anal), oder auf einen gemeinsamen Bordellbesuch. Es entstehen keine Kosten. Erbitte Antwort mit Bild und Telefonnummer. Peter Handke faltete…

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Der Atzmann

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Als Dorothea Pelzfuß lange genug alleine geblieben war, um eine Routine dafür entwickelt zu haben, zerstörte sie diese und fuhr in die Stadt. Auf dem Weg dorthin traf sie den Atzmann. Er trug einen Wollmantel und zog ein Rollköfferchen hinter sich her. Das Klackern der Räder übertönte die Alltagsgeräusche. An einer Straßenecke sprach er sie an. Dorothea redete nicht gern mit Fremden, doch der Atzmann kam ihr bekannt vor. „Was haben Sie denn in Ihrem Koffer?“, fragte sie ihn, nachdem er sich vorgestellt hatte. „Den Neid, die Missgunst und einen Wunsch. Möchtest du etwas davon? Es soll dich nicht viel…

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