Kurzgeschichten

Seltsame Attraktoren

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Vielleicht müssen wir nur noch eine Weile an den Stäben rütteln. Irgendwann wird schon jemand aufmerksam werden. Jemand, der die Verantwortung trägt. Sie wird ja zweifellos getragen, wenn auch heimlich, wenn nicht sogar im Geheimen. Das ist verständlich. Wer würde das schon offen zugeben? Man stolziert nicht auf und ab und ruft: „Ich bin zuständig!“ Nur Schwachköpfe und Knallprotze tun das. Die wahren Strippenzieher handeln im Verborgenen. Das kann man überall nachlesen. Und wer nicht lesen kann, lässt es sich vorlesen. Und wer niemanden kennt, der sieht sich einen Film an. Und wer keine Augen hat, verlässt sich auf sein…

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Maledictus II: Der Förster

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Genug Zeit ist jetzt vergangen. Fiktives strömt einem aus dem Mund, wenn man nur abwartet, den Kopf schief legt und die Lippen spitzt: Der Tag neigt sich seinem Ende entgegen; bestimmt wird gerade an einem anderen Ort die Ernte eingefahren; ein Landwirt grüßt auf dem Trecker gewiss den Förster, den er zwar nicht leiden kann, und den er diffus fürchtet, der aber immerhin mit ihm zur Schule gegangen ist (oder wie man damals sagte ‚der mit ihm zusammen die Schulbank drückte‘), der dann in die Stadt zog, um Forstwirtschaft zu studieren. Der Landwirt war Landwirt geworden, weil sein Vater schon…

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Stoßzeit

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Bekanntermaßen ist der Planet überfüllt, wie ein Bahnwaggon zur Stoßzeit. Stoßzeit. Kein schönes Wort. Aber so sagt man eben. Früher hätte es geheißen, man solle etwas zusammenrücken, wenn es eng wird, aber heute darf man das nicht mehr. Niemand weiß mehr genau, wie man sich richtig verhält und was erlaubt ist. Außer meinem Nachbarn, dem guten Bormann. Er ist der moralische Kompass der Hausgemeinschaft, und wir alle sonnen uns im Leuchten seines Beispiels. Zudem ist er der Vetter des bösen Bormanns, doch von dem will ich lieber schweigen, sonst vergesse ich meine gute Kinderstube. Neulich begegnete ich ihm in der…

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Am Rande eines Krisengesprächs

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Sebastian Waligora, MdB: Wer spricht denn hier von einem Schritt in die richtige Richtung, wer spricht denn hier überhaupt von einem Schritt? Ekelhard, ein Subalterner: Nun, ich nicht. Ich nicht. Mich würdest Du auch dann nicht hören, wenn ich gefoltert würde. Sebastian Waligora, MdB: Dann ist ja gut. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Man weiß nie, wann man die Grenze des Noch-Erlaubten überschreitet. Ekelhard, ein Subalterner: Mich würde man nicht hören, wenn man mir Zigaretten auf der nackten Brust ausdrücken würde. Sebastian Waligora, MdB: Schon gut. Ich habe verstanden. Ekelhard, ein Subalterner: Kein Wort, kein Ton käme über meine…

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Auf dem Abstellgleis

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Anstatt zum hundertsten Mal die Geschichte zu erzählen, wie ich ins sonnige Spanien gereist bin und dort eine Ausbildung zum Torero machte, werde ich heute von einer Zugfahrt ohne besondere Vorkommnisse berichten. Ich fand mich im Morgengrauen am Bahnsteig ein, denn wer wie ich über keinerlei Ersparnisse verfügt, muss unkomfortable Abfahrtszeiten in Kauf nehmen. Eine Platzreservierung leiste ich mir trotz des schmalen Budgets. Seit ich einmal 36 Stunden auf dem Gang eines Bummelzugs nach Skopje mit einem Regiment Soldaten und ihren Socken verbringen musste, mag ich auf einen Sitzplatz nicht mehr verzichten. Der Zug war alt und schäbig, auf den…

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Die wenigen Regelmäßigkeiten des Lebens

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Gerade noch gutgegangen. Die Kurve gerade noch gekriegt. An Spaniens Küsten blühen längst vergangene Pflanzen – Naturschwamm ist kein schöner Anblick, sagt man wohl und bleibt mit dieser Aussage auf der sicheren Seite der Anonymität. Ich trage eine Maske, im Spiegel trotzdem ein Augenblick des Wiedererkennens. Die Erinnerung der Alten sind die Taten ihres Zenits, tuschelten die Teilnehmer einer Jagdgesellschaft, zu der mich einst USURA höchstpersönlich eingeladen hatte. Wir standen an einem offenen Massengrab und zählten Oberschenkelknochen. Ich musste mehrmals ansetzen, da die anderen Jäger immer auf niedrigere Zahlen kamen als ich. Verzweifelter Zorn wuchs in mir, als ich bemerkte,…

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Kein Ende abzusehen

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An meinem ersten Schultag begleiteten mich meine drei Brüder, denn meine Eltern kamen so früh am Morgen nicht aus den Federn. Als wir um die Ecke bogen und das Gebäude in Sicht kam, nickten sie sich wissend zu und ihr grimmiges Schweigen dröhnte mir in den Ohren. Meine Brüder heißen Palisander, Palisade und Palindrom. Ich verwechsle sie immerzu, weil ihre Gesichter hinter bunten Masken verborgen sind, und sie foppen mich obendrein, indem sie tauschen. Aber letztendlich ist das nicht der wahre Grund. Ich verwechsle fast alles: Frühstück und Abendbrot, Sommer und Winter, Hase und Pfeffer, Gott und die Welt, Theremin…

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Der Luftzug und der Satz

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Einen Satz brauchte ich, ungefähr so groß, dass er bequem in meine Tasche passt, dass er, gegeben den Fall, ich würde ihn ganz klein schreiben, sogar auf einen Stecknadelkopf gekritzelt werden könnte. Die Stecknadel hätte Platz in einem meiner Ärmel, und bräuchte ich den Satz dringend, könnte ich ihn lesen. Bloß, wo sollte ich einen solchen Satz finden? Ich ging durch meine Wohnung und ein kalter Luftzug folgte mir. Wohin ich auch kam, er war schon da, oder überholte mich gerade, als ich die Türen öffnen wollte. Im letzten Zimmer angekommen, drehte ich mich blitzschnell um und stellte ihn zu…

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Reines Glück

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Graf von Karytz war unzufrieden. Er saß am Steg seines Anwesens, ließ die Beine baumeln und langweilte sich beim Anblick der Sonne, die im Ozean versank. Weder das prächtige Farbenspiel noch das Zischen der Verdampfungen am Horizont vermochten seine Begeisterung zu wecken, denn er hatte das Schauspiel schon hundertfach verfolgt. Auch der Branntwein schmeckte ihm nicht und die in Speck gewickelten Datteln verursachten ihm Sodbrennen, wenn er sie nur ansah. Einmal, dachte er, wenn man den Sonnenuntergang nur einmal sehen würde, dann könnte man sich daran freuen. Womöglich sogar zum ersten und einzigen und letzten Mal! Ein Bote kam zum…

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Geologie und Gotterfahrung

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Eine Gruppe Geologen steht in der Wüste und hat sich verirrt. Kommt ein Mystiker vorbei und fragt, ob er helfen könne. „Wir haben uns verirrt”, sagen die Geologen, „wo ist der Weg aus dieser Wüste heraus?” Der Mystiker schaut sie lange an und sagt dann: „Folgt der Wolke des Tages – und der Feuersäule nachts.” Dann lacht er, verschluckt sich, hustet feucht und geht. Zwei der Geologen werden wahnsinnig und schlagen einander tot. Ein Dritter wird schwermütig und hadert mit der Wissenschaft; der Vierte mit dem Mystiker. Keiner ist zufrieden, niemand glücklich. Da kommt der Mystiker zurück, er hat eine…

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