Kurzgeschichten

Ein Mann wie Moritz Schmandt

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(…) und dann, nachdem aufgeregt in der Öffentlichkeit gerülpst worden war, begannen die Luftangriffe auf Serbien. Auf dass Milosevic, der Serbe, sterbe. But don’t call it Schnitzel! Wir nannten Schnitzel niemals Schnitzel, auch nicht in Afghanistan, wo wir Tanklastwagen in heiße Luft aufgehen ließen oder in Mali, als wir für Frankreich, die große Nation, geraubte Bodenschätze in Obhut nahmen. Niemals Schnitzel. Schnitzel war etwas für Großväter auf vergangener Europa-Tournee oder in Nordafrika im Wüstenwind von el-Alamein. Fairtrade verdreht ist Handel bizarr und umgekehrt: In den späten Jahren der Herrschaft der Immer-Reicheren hatten wir uns angewöhnt, Routen auf See mit Kanonendonner…

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Ein Glühwürmchen

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Die besten Jahre meines Lebens verbrachte ich wie ein Leuchtkäfer an einem Sommerabend: Unter einem malvenfarbenen Himmel, aus der Ferne spektakulär anzusehen, tanzte ich durch duftendes Strauchwerk zu aktuellen Hits. Leuchtkäfer, mag man nun einwenden, haben gar keine Ohren, sie sind folglich taub für jegliche Musik, sei sie nun aktuell oder von Vorgestern – ihr Tanz ist lediglich ein Produkt des Zufalls oder eine Laune der Natur. Doch mit solch trockenbröseligen Details habe ich mich niemals aufgehalten, dafür fehlt mir der Sinn. Nichts hat weniger Reiz als eine Tatsache. Wie ich also meine Pirouetten drehte, entfernte ich mich weiter und…

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Frauen gehören nicht in die Restmülltonne

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Ich habe schon seit einiger Zeit eine Idee – eine Idee, mit der ich mich ein wenig herumquäle. Eine Frau wird von einem meiner Nachbarn in einem Koffer durch das Treppenhaus getragen. Das Problem ist, ich weiß nicht, was mit der Frau ist, warum sie in diesem Koffer steckt, woher ich wissen könnte, dass sie sich überhaupt in dem Koffer befindet. Wahrscheinlich zeichnet sich ihr Körper durch die dünne Kofferaußenhaut ab. Hoffentlich ist ihr nichts Schlimmes zugestoßen, obwohl, wenn man bedenkt, dass sie vom unsympathischsten Nachbarn morgens um halb drei durch unser Treppenhaus getragen wird, ist anzunehmen, dass ihr zumindest…

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San Sabba

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Mein Großvater war einmal – nahezu unbemerkt von seiner Umgebung – ein schneidiger junger Mann gewesen. Er schuftete auf einer italienischen Reismühle und um seinen kargen Lohn aufzubessern, verkaufte er Pülverchen aus Partisanenknochen an die Einheimischen, denen er so zu mehr Standfestigkeit in Liebesdingen verhalf. Nachts schrieb er im Schein einer Talgkerze Briefe an meine Großmutter, in denen er aufrichtig sein Schicksal bedauerte. Später wollte er sich an diese finsteren Zeiten nicht mehr erinnern. Er stolzierte lieber in seiner Festtagshose umher und bestand auf Ordnung und gutes Benehmen. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, pflegte er zu rufen, wenn ich die Beine…

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Der Eimer

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„Aus welchem Grund sollte ein Mensch etwas anderes sagen, als er meint?“, sagte Margret zu ihrem Eimer, der wie immer in der Ecke stand und hoffte, einfach in Ruhe gelassen zu werden. Doch seine Besitzerin, eine dralle Frau in der vermeintlichen Mitte ihres Lebens stehend, geriet immer mehr in Fahrt. „Um witzig zu sein? Um zu wirken, als hätte man alles im Griff? Er nennt es Ironie – ich nenne das schlichtweg Lügen.“ Margret raufte sich das Haar, bis es wie ein ausgebleichter Strohhaufen in alle Richtungen abstand. Der Eimer wusste, was jetzt folgen würde, was immer folgte, wenn die…

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Libertatem sanguinis

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Sobald ich hier raus bin, werde ich zur Blutbank gehen und mein Konto plündern. Ich werde den Kassierer anweisen, mir alles, was da ist, auszuzahlen und das Blut in die mitgebrachten Plastiktüten zu schütten. Sollte er zaudern oder gar Einwände erheben, werde ich ihn mit dem Zeigefinger auf den Lippen zum Schweigen bringen. „Shhhhh, hören Sie, mein Bester“, werde ich sagen. „Das ist mein Eigen, ich erwarb es und besitze es, doch seine böse Macht forderte ich nie heraus. Zicken Sie hier mal nicht rum! Wir wollen doch kein Blut vergießen.“ Sollte er fragen, was ich denn mit ganzen Blut…

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Böses Erwachen

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Müde und unzufrieden blinzelte der Tyrann durch das Schlüsselloch und betrachtete sein Reich. In den Jahren seiner Herrschaft hatte er es ausgehöhlt und vergrämt, achtlos herumliegen lassen und manchmal, wenn ihn der kindische Zorn überkam, hatte er mit dem Fuß aufgestampft und gegen einen Zeitungsständer getreten. Vom alten Glanz war nichts mehr übrig. Sogar sein goldener Suppenlöffel war stumpf geworden und die Fleischbrühe schwappte unappetitlich darauf herum. Der Tyrann wischte mit dem Daumen die Abdeckung über das Schlüsselloch, ging zu seinem Schreibtisch und föhnte lustlos sein Toupet. Ihm war nach Heiterkeit und Schmeicheleien zumute, also klingelte nach seinem unsichtbaren Freund….

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Jahreswechsel

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Es ist die letzte Nacht des Jahres, der kleine Silvester und seine Schwester gehen durch die Straßen und betrachten von außen die Fenster. Wie schön, sagt die Schwester, wie still und friedlich, wie anheimelnd alles wirkt. Der Schein trügt, das Bild täuscht, der Eindruck lügt. Wenn man ganz still bleibt, und die beiden bleiben ganz still, hört man die Menschen husten. In der einen Wohnung isst Familie Kummer ein spätes Mahl, in der nächsten lebt der alte Kapitän Seebär mit seiner jugendlichen Geliebten, gleich daneben das keusche Fräulein Pilzhut und ihr Hund Jutta in einer Zweckgemeinschaft. Sie muss in Heimarbeit…

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Bescherung

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Marianne Pelzfuß zählt die Zeit bis zur Bescherung in eigenen Einheiten. Immer, wenn sie daran denkt, ist eine Präambel vergangen. Wieviele Präambeln sie noch abwarten muss, ist eine Überraschung. Marianne Pelzfuß versucht seit Jahren, sich die Reihenfolge der Dinge einzuprägen, aber sie bringt immer alles durcheinander. Die Bescherung. Nur einmal im Jahr freut man sich darauf, ansonsten gilt es, sie zu vermeiden. Der Sohn Gottes wird geboren und ein paar Monate später ist er bereits 33 Jahre alt und wird umgebracht. Er sollte als Säugling schon umgebracht werden, aber das klappte nicht, weil Heuchel und Meuchel, die beiden Raben, das…

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Aus den Kindheitserinnerungen

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Zum elften Geburtstag bekam ich von meinen Eltern eine Fotoausrüstung geschenkt. Das war aber nicht irgendeine Fotoausrüstung, sondern eine Mikrokamera für Detektive. Ich beschloss, die Kamera in der Kloschüssel zu installieren und schoss ein paar Probeaufnahmen meines Hinterns. Ungefähr eine Woche später klopfte ich bei meiner Schwester Inge. Sie ist neun Jahre älter als ich. Ich sagte, ich hätte ein Gedicht für sie geschrieben und Inge bat mich hereinzukommen und es vorzulesen. Sie stellte ihren Plattenspieler leise und ich begann: Ich liebe dich, doch könnte ich wählen, ich wäre lieber ich: Ich sehe, wie dich die Hämorrhoiden quälen; ich sehe…

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