Kurzgeschichten

Das Birnenmännchen

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Nachts in die Sterne starren, bis einem die Augäpfel gefrieren. So weint man keine Träne. Was will man mehr? Der Wind soll einem das Haar zausen, aber mit Bedacht. Mit Rosen bedacht sogar. Ein mit Näglein bestecktes Kind begehrt zu wissen, warum es verlassen wurde. Der Schlaf sitzt in einer Ecke und schmollt. Auf seiner Schnute kann man schaukeln bis zur Erschöpfung, das wird ihn nicht milde stimmen. Hätte man einen eigenen Wirt, könnte man sich Humpen für Humpen in die Kehle gießen, bis man einen kugelrund schwappenden Bauch bekäme. Auf dem könnte man trommeln und damit Geister aus den…

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Ein Biss in den Himmel

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Heute bin ich wohl Hyperion, der Sonne Sohn. Ich harre aus, versenge die sieben Haare, die mir blieben. Ich will, sagst du und meinst es nicht. Ich will den Boden unter allen Füßen spüren. Ich will, dass Launen mich aus meinen Tälern führen. Ich will halt das Gesamtpaket. Ich will, dass immer jemand vor mir steht und zeigt, wie’s weitergeht, wenn’s weitergehen muss. Jetzt: Schluss. Und wenn es dann zu Ende ist, man schnell die Intention vergisst, warum man überhaupt mal angefangen hat zu husten. „Wir haben ein Problem“ als Echo vergessener Zeiten. „Jetzt werden andere Saiten aufgezogen, vom rechten…

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Der Krieg und der Kohl

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Schnurgerade klebt die Straße auf der Erde und schneidet das Land in zwei Hälften. Links und rechts liegen bis zum Horizont Kohlköpfe in ordentlichen Bahnen und neigen die Häupter beschämt zur Seite. Das muss die weite Welt sein, von der man überall liest. Gebeine und Tod und Gräben und geschundenes Land haben die Menschen in ein Tohuwabohu gestürzt. Daraus wuchs der Wunsch, dem Grauen der Friedhöfe die harmlose Langweiligkeit nicht enden wollender Reihen von Kulturpflanzen entgegenzusetzen. Für jeden Gefallenen ein Kreuzblütler. Es drängt mich, die Kohlköpfe durcheinander zu wirbeln oder ein paar Palmen dazwischen zu Pflanzen, denn wo Palmen sind,…

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Studium der Lage

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Lass mich raten, als nächstes wirst du behaupten, es gäbe viel zu wenig Advokaten in der Runde, pro Stunde singe ich leise einmal jedem seine Lieder, ich muss jetzt gehen, beim nächsten Mal sehen wir uns wieder. Ich falle auf, ich falle hin, umfasse Bildung wie einen Bottich, wie ein Gefäß. Ich rieche, rieche Menschenfleisch. In allen Belangen war die Richterbank befangen. Zwölf Mal Feuerreiter grüßt gedanklich wohl sein Kuckuckskind; das Wesentliche ist per Definition für immer einfach. Ich denke acht Augenblicke lang das Eine, acht Augenblicke irgendetwas anderes: Eine Vestalin wollte Seilchen springen. „Was sollen die Leute denken?“, wird…

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Lose Enden

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Der Gedanke, die Nachwelt mit losen Enden, ungeordneten Hinterlassenschaften und Halbgarem zu belasten, flößte Fritjof Pelzfuß zeitlebens großes Unbehagen ein. Jede noch so kleine Aufgabe erledigte er augenblicklich, und jede frisch geschlüpfte Idee wurde in die Tat umgesetzt, sobald ihr mehr oder weniger prächtiges Gefieder getrocknet war. Seine Post beantwortete er unverzüglich, sogar die vom Finanzamt. Für Müßiggang hatte Fritjof nichts übrig, und bereits in jungen Jahren plagten ihn Magengeschwüre und Reizdarm. Sein Hausarzt sagte ihm ein frühes Ende voraus und verordnete ihm Entspannung. Also erstellte Fritjof Pelzfuß eine Liste mit beschaulichen Tätigkeiten und machte sich sogleich daran. Montags beobachtete…

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Auf Handlungswegen

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„Bitte recht freundlich!“ rufst du dem Maskottchen im Bärenkostüm zu. Es kann nicht anders, als darüber milde zu lächeln. „Jauchze! Frohlocke!“ Doch es winkt ab. Man muss nur wollen, man muss die Dinge nur wollen. „Sollen wir uns wiedersehen?“ rufe ich ihm nach, es hört mich nicht. Ein Seemann hält ein Ruder im Arm und spielt darauf eine leise Weise, die Mitfahrenden wippen mit den Füßen im Takt dazu. Mit einem Mal hält er inne, er hat nicht verstanden, welche Station die Lautsprecherstimme angekündigt hat. Er zuckt die Schultern, fährt fort sein fremdes Lied zu singen. Als es zu Ende…

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Als ich Liberal – Esoteriker war

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Im Anfang war das Wort und das Wort erbrach sich auf mein Sofa und sah irgendwie fiebrig aus. Es lag mit trüben Augen, eingepackt in Tagesdecken und stockfleckige Laken und klapperte mit seinen kleinen Zähnen, dass einem angst und bange werden konnte. Also beschloss ich, das Wort liebzuhaben, denn es war fürchterlich allein. Ich nahm das Wort auf den Schoß, tupfte es mit einem frischen Lappen trocken und erzählte ihm von der Welt, die ich schon kannte und von der es noch nichts wusste. „Vor langer Zeit lebte ein Handlanger und sein Name war Kallemann. Kallemann besaß nur einen dreckigen…

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Erinnerung in Sepia

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Im Augenblick des Todes, erzählt man sich, zieht das bis dahin vergangene Leben wie ein Film an einem vorüber. Ich möchte das lieber nicht. Bereits heute missfällt mir die Rückschau, zeigt sie mir doch nur, was ich alles nicht zu Wege gebracht habe. Ja, ich gestehe es. Ich verbringe meine Tage im Bett mit der Vorstellung von Abenteuern und Großtaten, für die mir im Alltag sowohl Antrieb als auch Zutrauen fehlen. Es gibt da allerdings eine Sache, von der ich diese Filmaufzeichnung allzu gerne sehen würde: der 17. Geburtstag meiner Base Charlotte. Die ganze Mischpoke war zusammengekommen, und im Garten…

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Goethe – Rede an die Akademie

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Geschätzte Delegation, verehrte Gesandte, liebe Kinder! Ich beginne mit Goethes Farbenlehre. Die Biene: Gelb, schwarz, gelb, schwarz, gelb und schwarz. Nun Dichtung: Ohne Federlesen, ohne Sachzwang oder ohne Wahrheit. Sie wissen, was man sich vom Geheimrat Goethe erzählt? Er sei sehr klein gewesen, nur fünfunddreißig Zentimeter groß und dabei war der Zentimeter damals nicht einmal so viel wert wie heutzutage. Die Menschen wollen meist nichts davon hören. Ihnen ist Goethe ein Übermensch, kein Tag vergeht, ohne dass diese Menschen ein Beispiel aus seiner berühmten Farbenlehre zitieren. Die Biene: Gelb und schwarz, gelb und schwarz gestreift. Mir ist Goethe kein Heiliger…

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Andere Zeiten

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„Kauft, Leute kauft! Ein neues Zeitalter bricht an, das will man doch nicht mit altem Kram willkommen heißen!“ Der Mann schwingt eine Glocke und zieht seinen Karren über den Platz. Für einen Esel fehlt ihm wohl das Geld. Unter den Rädern zerplatzt der Splitt mit Knirschen und Knacken. Das alte Zeitalter geht ohne Schnee zu Ende, und doch ist man auf Glatteis vorbereitet. Wer weiß, was da noch alles kommt. Murmelndes Volk drängt sich um den Alten, der mittlerweile die Plane zurückgeschlagen hat, damit man seine Ware in Augenschein nehmen möge. Zwei Schleichschritte, ein Zögern, ein Wiegeschritt, eine Vierteldrehung, wie…

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