Am Lagerfeuer – eine Herbstgeschichte

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Woody Allen, Uri Geller, Uriella oder irgendein anderer Spitzbold, Scharlatan und Aushilfsheiratsschwindler wollte Stockbrot essen, diesen faden Haufen Teig, um Holz geklatscht. Uri Geller ließ uns die Löffel in den Händen schmelzen und rief: „Seht den Habicht über unseren Köpfen kreisen. Wollt ihr so sein wie er, wie ich? Ich bin der Habicht und ihr? Ihr nicht.“ Woody Allen schaute betroffen, uns standen die Münder offen, die Löffel waren unbrauchbar. Uriella blinzelte verschwörerisch und blickte jedem einzelnen von uns auf die von Raureif geröteten Nasen. „Es werde Licht!“, rief sie und wir, die wir um die Feuerstelle kauerten und knieten,…

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Exclamatio

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An der ersten Tür gebe ich die Jacke ab, an der zweiten ziehe ich meine Schuhe aus. Im Gebäude sind weder Gürtel noch Schnürsenkel erlaubt. Die Verordnung als Motto an der Wand: Tragen Sie bei zu unser aller Sicherheit! Überraschen Sie uns, überraschen Sie sich, leisten sie keinen Widerstand, leisten Sie sich stattdessen den Luxus hingebungsvoller Unterwerfung! Und lang ist mir die Luft ganz still geblieben, ich musst es wohl – wie alle anderen auch – ertragen. Warum haben Sie so lange nicht geschrieben? Ich hatte nichts zu sagen. Im Gang, auf einem unbequemen Stuhl, sitze ich vor der verschlossenen…

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Anders nach Nirgendwo

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„Vorerst letzte Fahrt: Alles einsteigen, zurückbleiben bitte!“ hallt die Stimme elektrisch verstärkt über den Bahnsteig. „Wer jetzt keinen Zug hat, bekommt keinen mehr und wird es schwer haben.“ Die Mitmenschen nehmen die Ankündigung gelassen hin. Entweder fühlen sie sich nicht angesprochen oder sie sind ob der täglichen Einschüchterungs- und Demotivationsversuche seitens der Mächtigen bereits so abgestumpft, dass sie erst bei Stockschlägen, Elektroschocks und anderen Formen körperlicher Züchtigung eine Reaktion zeigen würden. „Bitte haben Sie Verständnis! Wir bitten Sie um Verständnis! Um Ihr Verständnis!“ Passagier M361 kann kein Verständnis aufbringen, er schafft trotz großen Aufwands und einiger Mühe nicht, es zutage…

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Nicht-Ich und Kaum-Ich begegnen sich

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Kaum-Ich: Sagen Sie mal, kenne ich Sie nicht irgendwoher? Nicht-Ich: Mich? Hm, warten Sie, stimmt! Ich meine auch, ich hätte Sie schon einmal gesehen. War es nicht auf einem ausgelassenen Frühlingsfest, umsäumt von Jungfrauen? Kaum-Ich: Nein, in mir ist ewig Herbst. Sie müssen sich täuschen. War es nicht vielmehr bei der Einweihung eines bedeutenden Gebäudes oder auf dem Sommerempfang des Präsidenten, wo wir uns zum ersten Mal begegneten? Nicht-Ich: Das ist gut möglich. Trugen Sie nicht einen zahmen Feldhasen in einer offenen Tragetasche aus Lederimitat auf dem Arm? Ein Feldhase, der damals die Blicke aller anwesenden Damen anzog? Standen Sie…

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Der neugierige Kunde

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Eines Tages ging ich zu einer Wahrsagerin und als ich ihre Wohnung betrat, fand ich sie in wollüstiger Pose auf einer Art Schreibtisch vor. „Kommen Sie ruhig näher, junger Mann!“, gurrte sie mit süß-scharfem Akzent. Ich fühlte mich ob ihrer dargebotenen Reize überfordert und war schon im Begriff mich herumzudrehen und zu gehen, als mein Blick auf einen Papagei fiel, der mich aus einem mannshohen Käfig verächtlich ansah. „Tu doch nicht so, als ob dir nicht gefiele, was du siehst.“ Der Vogel sprach mit wohltönender Stimme, gar nicht brüchig und krächzend, wie ich es erwartet hatte. „Schau ruhig noch einmal…

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Wen es betrifft

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Hören Sie? Ich sage Ihnen, Sie hören nichts. Nicht das Surren der Leuchtstoffröhre, nicht das Zwitschern der Gazellen, die dort unweit des Einkaufszentrums auf dem Mittelstreifen grasen, gar nichts hören Sie. Und dann gibt es immer wieder Situationen, in denen das Herz so laut klopft, dass selbst ich, dem diese Dinge beständig in den Ohren gellen, die Geräusche aus dem Außen nicht mehr wahrnehme. Dann pocht es, strömt es, rauscht es in mir und all die Töne da draußen werden bedeutungslos. Wer bin denn ich, frage ich mich in solchen Momenten, und wo liegt der Sinn? Zwar antworte ich immer…

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Sommerfreuden

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An dem Haar, das aus deinem Ohr wächst, hangle ich mich langsam nach oben. Jetzt ist es nicht mehr weit, ich kann den Flickenteppich aus Leibern der Frauen, Männer, Kinder im Strandbad hinter dem Lattenzaun schon gut erkennen: Eingeölt und mariniert wie Grillgut wellen sich meterweise Stücke Haut im Sonnenbrand. „Willst du jetzt rüber?“, fragst du. Wenn ich könnte, würde ich die Schultern zucken. Seltsam, die andere Seite reizt mich nicht mehr wie noch vor fünf Minuten, als ich dich bekniet habe, mir dein Haar zur Verfügung zu stellen. Ich rutsche das Haar hinab, lande sicher auf dem Boden. Ich…

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Sommerfreuden

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An dem Haar, das aus deinem Ohr wächst, hangle ich mich langsam nach oben. Jetzt ist es nicht mehr weit, ich kann den Flickenteppich aus Leibern der Frauen, Männer, Kinder im Strandbad hinter dem Lattenzaun schon gut erkennen: Eingeölt und mariniert wie Grillgut wellen sich meterweise Stücke Haut im Sonnenbrand. „Willst du jetzt rüber?“, fragst du. Wenn ich könnte, würde ich die Schultern zucken. Seltsam, die andere Seite reizt mich nicht mehr wie noch vor fünf Minuten, als ich dich bekniet habe, mir dein Haar zur Verfügung zu stellen. Ich rutsche das Haar hinab, lande sicher auf dem Boden. Ich…

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Der Schüchterne

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Ohne Fleiß, kein Preis. Kein Preis zu hoch für einen, der nach Sternen greift, sich die Planeten einverleibt und oft genug in Wolken, in düsteren Wolken steckenbleibt. „Ich liebe ein Phantom“, sagt sie und lächelt übertrieben scheu. „Bei mir führt jeder Weg nach Rom. Ich will erleben, ob altvertraut, ob splitterfaserneu. Letztendlich fällt jede Frucht, ob klein wie Kirschen oder auch melonengroß, in meinen Hoppehoppereiter-Schoß.“ Ihr Gesprächspartner versteckt seine Verlegenheit und sein Entzücken hinter einem Stapel Bücher. „Eine feste Burg ist ohne Zweifel unser Sehnen; eine sichere Bank gegen die Unbill der Außenwelt.“ Sie macht einen Schmollmund, reißt die Augen…

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Aus der Werkstatt

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Idee für eine Geschichte: Ein Junge wächst heran, sein Vater flüstert ihm im Schlafe ein, dass er vom Sohn erwarte, sich nach einer kurzen aufrührerischen Episode, von Polizisten, Priestern oder Soldaten, während des Sturmlaufs auf den Palast, erschießen zu lassen oder ein ähnlich heroisches, andersartiges Ende zu finden. Der Junge macht sich gleich am nächsten Morgen auf, das Gehörte umzusetzen. Unverzüglich schart er eine Gruppe von Männern, die sowieso wenig Besseres zu tun haben, um sich und gemeinsam ziehen sie Richtung Hauptstadt. Unterwegs erleben sie zahlreiche Abenteuer und heilen Kranke, beziehungsweise aktivieren die Selbstheilungskräfte der Kranken durch schiere Begeisterung. Umjubelt…

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