Versuch über Krampus, Sebastokrator heutiger Zeit

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Träger von Tiermasken trennen Müll und dehnen Silben, wenn sie sprechen, wecken in mir ein Gefühl, das jenem ähnelt, unabgeholt, ja unabholbar auf Gleis 3 des Hauptbahnhofs in Hamm zu stehen und zu warten. Der Geschmack in meinem Mund wie getragene Socken aus Polyester. Wenn es draußen kühler wird, wird es innen zwangsläufig wärmer. Ein junger Mann bläht seinen Brustkorb auf dreifachen Umfang und versucht Ruhe für seine Lektüre durch Starren auf die Lärmquelle zu erlangen. Es sind eine Jungfrau, ihre Mutter und eine Greisin, die abwechselnd, lauthals und unablässig verschiedene Strophen von „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ anstimmen. Westfälische…

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Das ist ja ein Versuch über Österreich (1996)

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Paris in den Siebziger Jahren. Peter Handke hatte Hitler gefrühstückt. Wessen literarische Gestalt er heute sein würde, wusste er nicht. Das Kindermädchen war bestellt (eine Freundin sollte sie begleiten); der Nachmittag war vereinbart. Die Tochter spielte mit ihren Bauklötzen und die Sonne schien. Trotzdem lag Führerlaune auf Peter Handkes Gesicht. Er griff zu Notizblock und Bleistift und schrieb: Welchem jungen Bi-Boy, 18 bis 27, kann ich, diskret und unausgelastet, Nacktfotos meiner Ex-Frau zeigen? Außerdem Lust auf Sehen, Zeigen und Wichsen (kein Anal), oder auf einen gemeinsamen Bordellbesuch. Es entstehen keine Kosten. Erbitte Antwort mit Bild und Telefonnummer. Peter Handke faltete…

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Idee für den Entwurf eines vorläufigen Konzepts für ein Theaterstück von epischer Länge (1984)

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Es geht irgendwie um Macht, zwei Frauen legen sich, Rotwein trinkend, Patiencen oder gegenseitig Tarotkarten. Es ist dringend und zwingend, dass wirklich Rotwein getrunken und der Verfall des Sprachvermögens unter Alkoholeinfluss dem geneigten Publikum Abend für Abend vor Augen geführt wird. Anfänglich unterhalten sie sich über vergangene Liebschaften. Eine der Frauen ist Physikerin und sie verwendet ausschließlich Metaphern aus der Wissenschaft. Die andere Frau betrügt beim Kartenlegen. Sie besprechen die Karten (Gelegenheit für betrunkene Gesprächsimprovisation zu beliebigen, mystisch klingenden Themen). Später kommt ein Gerichtsdiener auf die Bühne; er spricht juristisch, was jedoch beide Frauen nicht verstehen. Sie verspotten ihn als…

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Die Flucht nach Sonstwohin

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Durchs Treppenhaus heult Höllenwind, Nachbarn verriegeln Türen; anderthalb Momente später sitzt du auf den Stufen, betrachtest durch die Milchglasfenster das Herabfallen der vorletzten Blätter und hältst meinen Brief in den Händen: „Wenn du das hier liest, bin ich schon in meinem Ruderboot auf Weltumrundungsreise. Längengrad um Längengrad komme ich voran und Tage, viele Tage liegen hinter mir. Ich trüge keine Liebe in mir, sagtest du zum Abschied und ich hatte keinen Grund, an deinen Worten zu zweifeln. Dann pfiffst du dir und mir ein Liedchen und die Melodie verhakte sich in meinen Erinnerungen. ‚Wohlan!‘, begrüßen mich Delfine und verziehen die…

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Macht der Gewohnheit

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Kardinal Gänswein kann nicht schlafen, Kardinal Gänswein schaut fern: Ein Mann geht durch die Wohnung. Er betätigt den Lichtschalter. Der Raum – es ist die Küche – bleibt dunkel. „Nun bin ich schon seit 27 Jahren blind und mache noch immer das Licht an, wenn ich ein Zimmer betrete.“ Er lächelt an der Kamera vorbei. Schnitt. Innenaufnahme der geschmackvoll beleuchteten Nachbarwohnung. Eine Frau in mittleren Jahren sitzt auf der Couch und legt das Strickzeug zur Seite. „Ich habe ihm“, sagt sie, „schon vor Jahren alle Glühbirnen gegen Plastikobst ausgetauscht. Und er denkt immer noch, es würde hell, wenn er den…

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Nostalgia

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Jeden Tag eine Meile Bockspringen, jede Stunde einen Einlauf. Jeden Sonntag einen Bohneneintopf, jeden Sommer ein Glas Kirschen. Kirschen bringen Glück, so sagte man schon im Alten Japan, so sagt man heute noch in Kamerun; im Griechenland der Antike kannte man noch keine Kirschen. Dort färbte man Oliven rot und hängte sie in die Bäume. Die alten Griechen sind mittlerweile tot. Und all ihre Feinde auch. Geblieben sind die Oliven an den Zweigen. Die leuchten im Mondschein den Fischern den Weg zum sicheren Hafen, sind Unterpfand der dortigen Wirtschaft und noch immer Leitmotiv für manch jungen Wandersmann. Eines beschäftigt mich…

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Alarm in Distrikt 7

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Ein Kleiner und ein unglaublich Fetter sitzen beieinander. Der Kleine lässt die Beine baumeln. Der Fette hält sich an seinen Krücken fest. „Alarm! Alarm! Das ist kein Test, ich wiederhole: Das ist kein Test! Alle Mann hin, wo nie zuvor ein Mensch gewesen! Frauen und Kinder zuerst!“ Der Kleine gluckst vergnügt, wen wundert’s – der Fette hat die Durchsage nicht gehört: Schichten Fleisch bedecken ihm die Ohren. Die beiden werden angebettelt, sie haben nichts zu geben und schütteln die Köpfe. Das Fett schwappt links, das Fett schwappt rechts, dem Kleinen ins Gesicht. „Letzter Aufruf: Verlassen Sie umgehend das Gebäude! Der…

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Verdünnung und Verdichtung

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Am Informationsstand der Streitkräfte reicht ein Soldat im leichten Kampfanzug den Passanten Hochglanzbilder von Brunnen und frischgetünchten Schulgebäuden. Dazu lächelt er verbindlich und freut sich am regen Interesse und dem Zuspruch der Bürger. Als alle Bilder verteilt sind, schaut er auf sein Mobiltelefon und geht nach Hause. Pünktlich auf die Minute. ‚Alles eine Frage konstruktiven Zeitmanagements’, denkt er sich und er ist dankbar für die gute Schulung, die ihm zuteil wurde. ‚Es geht doch nichts über Training der Methodik.’ Er greift nach seiner Freundin und hat Verlangen nach ihr. Sie hält still, als er sie berührt und sich an ihr…

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Para-Romantische Episode

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Worte wie Fellhandschuhe bereiten die Bevölkerung auf die verschiedenen Szenarien vor. „So schlimm wird es wohl nicht werden”, sagen die Bürger dann vor anderen. „So schlimm ist es doch schon!” hört man einen verwirrten Menschen in der S-Bahn versehentlich laut sagen. Wir anderen wringen unsere Lippen und schauen betreten aus den Fenstern. Auf dem Weg nach Hause stellt sich mir eine Birke in den Weg und wispert aufgeregt: „Du weißt, jetzt ist alles möglich.” Ich antworte stereotyp, dass es wohl so schlimm nicht werden wird. Meinem Rucksack entnehme ich einen Fellhandschuh und streichle eine ganze Weile ihre zarte Rinde, bis…

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Der Einsatz

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Exotisch aus der Wäsche schauend, messerlange Nägel kauend, Haar verkümmert, ausgebleicht, zu mehr hat’s heute Morgen nicht gereicht. Ein Schock, ein Mann tritt auf und spritzt zwei Salven ab – schnell die Zunge, ernst der Blick. Ich sage dir, ich sag‘ dir eins, nur eines noch, nur noch einmal und noch einmal und noch einmal: Hätte ich auch nur einen Cent für jeden Obdachlosenzeitungsverkäufer, wär‘ ich noch immer arm, bitterarm, denn Armut ist chronisch, nicht akut. Der Sommer ist groß, und ich baue kein Haus, schreibe keine Briefe mehr, und alle Passanten riechen nach Wurst und alten Fischbrötchen. Exotisch ist…

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