Eine kleine Marschmusik

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Kroll rückte sich den Hut zurecht. Er war dreiundfünfzig, und sein Gesicht sah aus wie eine Landkarte, auf der mäßig bedeutende Kriege eingezeichnet waren. Elena stand neben ihm, das Kleid so grau wie der Asphalt von Essen-Kettwig Anno ’83. Um Punkt acht begann der Boden zu vibrieren. Es war kein Beben, es war ein Takt. Links, zwo, drei, vier. Links, zwo, drei, vier. Die Stadt atmete im Gleichschritt, obgleich niemand ein Instrument in den Händen hielt. „Hören Sie das, Kroll?“, fragte sie und zündete sich eine Zigarette an, die nach nassem Laub schmeckte. Er nickte. Der Rhythmus kam aus den…

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Das Mißliebchen

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Prolog Verdichtung muss durch Schichtung entstehen, nicht durch Dehnung. Jeder Takt verdoppelt, um klaustrophobische Enge zu zementieren, ohne den harten Aufschlag der Silben zu dämpfen. I. Statik Wand an Wand. Wand an Haut. Kaltes Echo in den Fugen. Mißliebchen kauert. Mißliebchen harrt. Der Raum wird eng, der Raum wird Fleisch. Die Zeit steht steif. Die Zeit wird Stein. Sekunden tropfen schweres Blei. Schatten rücken. Wände rücken. Das Zimmer atmet Staub der Jahre. Atem flach, flach, fest. Kein Entrinnen aus der Geometrie. II. Bruch Wort splittert. Wort schneidet. Die Zunge vergisst das Weiche, das Warme. Mißliebchen greift ins Leere, greift ins…

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Ein Pauschalfluch

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Herr Olf saß auf einer Parkbank, als diese unerwartet anfing, schlechte Reime zu deklamieren. Es war eine milde Maiennacht, doch der Pauschalfluch klebte an Olf wie alter Honig. Eigentlich wollte er nur schlafen, sich ausstrecken, doch sein Hut weigerte sich, vom Kopf zu kommen, da er gerade eine Abhandlung über die Leere im Innen verfasste, und so verwarf Olf den Gedanken an Schlaf, stand auf und wollte flüchten. Ein vorbeihüpfender Teekessel, der sich als Beamter der Zeitlupe ausgab, verlangte Olfs Passierschein für den Sonnenaufgang. „Die Nacht ist heute überbucht“, zischte der Kessel und spuckte heißen Tee auf Olfs linkes Knie….

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Entscheidung für Rosa

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R. O. S. A. Die Buchstaben fallen vom Sims wie tote Fliegen. Ein Quadrat aus Watte, das im Halse stecken bleibt. Rosa ist keine Farbe, sondern der Zustand zwischen zwei Atemzügen. Joachim blickt auf den Tisch, den Teller vor ihm, auf die leere Wand. Er sagt: „Ich entscheide mich. Ich werde mich entscheiden. Ich habe mich entschieden.“ Er meint nicht die Tapete, nicht das Stück Tier auf dem Teller. Er meint das Schweigen zwischen den Zügen, zwischen den Silben. Er wählt Rosa, weil es rückwärts gelesen „A-S-O-R“ ist, was zwar nichts bedeutet, aber im Kopf laut poltert. Rosa. Ro-sa. S-a-r-o….

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Die Herrschaft des Maultiers

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Gott hat mich auf die Erde geworfen und jagt mich jetzt zu seinem eigenen Vergnügen. Die Neonlichter der Stadt zerreißen die Nacht wie faule, offene Wunden, ihre Farben kleben an den verspiegelten Fassaden, den Fenstern, die die Seele nicht reflektieren, nur das Elend der tausend leeren Blicke, die an mir vorbeigleiten. Jeder Schritt ein Stampfen, ein Echo der Peitsche, die ich nicht sehe, aber deren Knall den Takt der unsichtbaren Herrschaft schlägt, monotoner Rhythmus, der die Knochen mürbe macht. Der Geruch von altem Alkohol, umgekippten Parfüm und unerfüllten Versprechen hängt schwer in der Luft, als süßlicher Schleier über dem Grau…

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Sehnsucht nach Pershing II

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Kerstin stochert mit der Gabel in ihrem Curry. Die Tofustücke sehen aus wie kleine, zu oft gewaschene Schwämme. „Weißt du noch, dieses Gefühl? Damals? Die Pershing II, ein klares Ziel. So ein ordentliches, gut verpacktes Endzeitpaket.“ Tom schiebt seine Brille hoch. „Endzeit-Geschenkkorb, meinst du. Mit hübscher Schleife und einer Grußkarte vom Kreml. Heute ist es Endzeit-Bingo. Jeden Morgen eine neue Zahl, und keiner weiß, welches Feld man ankreuzen soll.“ Er nimmt einen Schluck von seinem viel zu teuren Craft-Bier. „Damals war es ja fast gemütlich. Der Feind hatte ein Gesicht, eine Ideologie, eine Uniform. Okay, keine schicke, aber erkennbar. Heute?…

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Zu zweit, aber nur ein Auge

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Berthold und Gundula hatten sich arrangiert. Oder besser gesagt, das Schicksal hatte sie arrangiert, in einer jener Launen. Sie teilten sich nicht nur das Dach über dem Kopf und eine spärliche Erbschaft, sondern auch ein einziges funktionsfähiges Auge. Berthold, der Linke, besaß die leere Höhle rechts. Gundula, die Rechte, hatte links nur eine milchige Trübung, die bestenfalls Licht und Schatten unterschied. Das Auge, ein prächtiges Blau, wanderte von einer Stirn zur anderen, je nachdem, wer gerade die Welt sehen wollte. Das Morgenritual war eine Choreographie der Geduld. „Ich brauch’s für die Zeitungsannoncen“, knurrte Berthold und schielte theatralisch mit seiner leeren…

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Mit Mann und Maus

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Ein Bart, der sich wie Tang um die Welt wickelte. Darin, im Dickicht der grauen Haare, wohnte die Maus. Sie war sein letztes Schiff, er ihr erster Matrose. „Mit Mann und Maus“, säuselte der Rost in den Gelenken des Universums, als der Mann einen Seufzer aushauchte, der nach vergessenen Häfen roch. Die Maus, ein winziger Kompass in der pelzigen Wildnis, nagte unbeirrt an der Grenze zwischen Traum und morschem Holz. Ihre Augen, zwei Stecknadelköpfe der Erkenntnis, beobachteten, wie der Mann langsam zerbröselte, aber nicht zu Erde wurde, sondern zu einer feinen, melancholischen Luft. Und er, in seiner zerstäubten Glorie, wusste:…

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Das Parfum des Henkers

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Wie der Henker riecht, weiß keiner. Die zahlenden Beobachter nicht, die in gemütlich eingerichteten Zuschauerkabinen dem Spektakel beiwohnen, nicht die Angehörigen der Opfer, die die Hinrichtung zur persönlichen Satisfaktion gratis verfolgen dürfen. Dieser Duft, dachte der Verurteilte, war keine flüchtige Essenz, sondern ein manifestes Vibrato absoluter Leere, eine Synkope zwischen Herzschlag und Echo. Er malte sich auf der Netzhaut ab als das unerträgliche Ultraviolett des Schweigens, schmeichelte dem Gaumen wie der Geruch von verrostetem Messing und klang in den Ohren wie die Geometrie zerberstender Ordnung. Eine olfaktorische Apokalypse, die die Fassaden der Vernunft mit dem Wisch eines Wimpernschlags entstellte. Das…

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Mit einem Körnchen Schmalz

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Der Mann sitzt auf der Bank. Er wartet auf den Bus, der nicht kommt. Eine Taube sitzt auf seinem Kopf. Sie blinzelt. Ihr rechtes Auge ist etwas größer als ihr linkes. Er fühlt eine Wärme. Es ist nicht die Sonne. Die Taube gurrt eine Melodie. Sie klingt nach Ostseeküste und Zuckerwatte. Ein Gefühl steigt auf. Es ist nicht Glück. Er lächelt gequält. Ein Passant bleibt stehen. Er hat einen Regenschirm. Der Himmel ist wolkenlos. Der Passant fragt nach dem Sinn. Der Mann zuckt die Achseln. Die Taube nickt. Der Passant geht weiter. Der Mann sitzt. Die Taube gurrt ein anderes…

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