Für die Verdrängten

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Guten Tag, Entrückter! Guten Abend, gute Nacht – wie hast Du denn Dein Leben bis zum heutigen Tag, bis zur jetzigen Stunde verbracht? Verbraucht siehst Du aus, geschlaucht von Leben, Liebe und schlechter Ernährung. Du willst eine Erklärung für Deinen Zustand? Der Hang zum Bett, die Gier nach Salz und Fett, das zehrt. Das zerrt an Dir und würde wohl an jedermann. Eine Fiesta findet statt. Eine Kapelle spielt. Menschen tanzen und lachen. Hoffentlich schöpfst Du im Gegensatz zu mir Kraft aus dieser Art Veranstaltung. An einigen Tagen ist der Abgrund nur eine Ecke von der Hauptstraße entfernt. Ich erkenne…

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Die Zeiten waren schon mal besser

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An einem dieser lauen Sommerabende saß mir meine sehr mondäne Bekannte Emilia Saloppi beim Abendessen in einem schlecht besuchten Gartenlokal gegenüber. Ihre ungeheure Weitläufigkeit ließ sie in einem lieblos angerichteten Tomatensalat stochern. Ich weiß nicht mehr, wie wir ursprünglich darauf gekommen waren, jedenfalls hatte das Thema ‚Präejakulat – Segen oder Fluch?‘ eine hitzige Wendung genommen. „Ich würde dich bitten“, sagte ich schließlich mit ermattender Stimme, „aufzuhören, es die ganze Zeit ‚Eichelspeichel‘ zu nennen.“ Was ich gegen diesen Begriff hätte, sie wäre sehr stolz auf die Wortschöpfung. Ich winkte ab und fragte, ob sie ihren wirklich unappetitlichen Salat noch essen würde,…

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Das Schulterzucken

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„Menschen sind keine Krustentiere. Quatsch, ich wollte sagen: Menschen sind keine Rudeltiere. Ein ehemals sehr schlanker Mann ist hingegen kein Krustenbraten. Und Menschen, wie bereits erwähnt, keine Rudeltiere. Da das jetzt aus der Welt geschafft und geklärt ist, komme ich zum eigentlichen Anliegen meines heutigen Besuchs bei Ihnen hier in der sommerlich warmen U2. Ich spiele kein Instrument und ich könnte nicht singen, wenn mein Überleben davon abhängig wäre und trotzdem, oder gerade deshalb, würde ich Sie bitten, mir mit ein wenig Kleingeld oder ein paar Brotkrumen auszuhelfen.“ Nicht dass ein Bettler in die U-Bahn gestiegen war, verwunderte meine Mitpassagiere…

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Fingerling und Nasenring

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Zuuuuu-rückbleiben, bitte! Zurückgeblieben sind zwei Opiatsüchtige und ich. Einer von beiden kniet vor den Löchern des Gitters einer bewusst unbequem gestalteten Sitzgelegenheit in einem U-Bahnhof meiner Wahl und bereitet sich und seiner Suchtkameradin jeweils eine Dosis zu. Seine Hände zittern stark, doch ist sein Unwohlsein nichts im Vergleich zu ihrem. Die Hände seiner Begleiterin greifen graue Luft, die aus den Schächten, aus beiden Tunnelenden, auf den Bahnsteig gedrückt wird – ihr Körper zuckt. Konvulsion folgt Konvulsion, Krampf löst sich, wird von neuem Krampf verdrängt. – Mach! Mach! Mach! – Ich mach ja schon. – Schon reicht nicht. Wie lange noch?…

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Liebe-Liebe-Liebelei

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Er trat zu ihr und sprach: „Ich hab dir ein Gedicht geschrieben.“ Sie schaut ihn an und freut sich. Er hoffte auf Anerkennung. „Ich hab’s dabei“, sagte er. „Willst du es hören?“ Zwar hat sie gerade keinen Kopf für Lyrik, lächelt aber über den Umstand hinweg. Er faltete das parfümierte Blatt mit großer Geste und wichtiger Miene auf und hob an: „Oh Schönste! Aus des Schöpfers Stirn entsprungen bist ein Bild du nur und doch -“ Sie schaut ihn an, erwartet, dass er fortfährt und sieht das Entsetzen in seinem Blick. Er wurde blass und blässer, blähte die Backen und…

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Aus: Die fabelhafte Welt des Daneli – Ein Schelmenroman

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Er lag in seiner ihm eigenen sperrigen Grazie auf seinem Diwan, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die leere Zigarettenspitze zwischen den Zähnen, und diktierte einer ebenso schmalschultrigen wie schmallippigen Griechin wirre Wortfetzen, die diese eifrig in einem Heft niederschrieb. „Wendezeiten, Zeitenwende, Zeitenende, stocksteif gefroren und Jahrzehnte verpufft. Wer ruft, wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“ Verlegen und verloren stand ich mit roten Ohren im Türrahmen, unschlüssig, ob der große Meister durch meine Anwesenheit in seinen Gedankenwelten gestört werden dürfe. Doch er wies mir mit einem Augenzwinkern den Platz an seiner Seite zu und fuhr heiser knarzend fort, als…

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Begegnung mit dem Gesundheitswesen

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„Ich hasse es, schlecht vorbereitet zu sein.“ Völlig unerwartet richtete der ältere Herr neben mir im Wartezimmer das Wort an mich, nachdem wir bereits 15 Minuten schweigend nebeneinander gesessen hatten. Ich blickte ihn aus meinem müden Gesicht an und nickte unwillentlich. Die Stimme des Mannes war heiser verschleimt. Er räusperte sich und fuhr fort: „Ich bin kein Unruhestifter oder Störenfried, beileibe nicht, aber wenn ich in meinen berechenbaren Gewohnheiten gestört werde, reagiere ich mitunter äußerst gereizt.“ Wieder nickte ich, das Gefühl kenne und teile ich. Auch ich konnte unwirsch werden, wenn sich meine Erwartungen nicht mit den Gegebenheiten in Übereinstimmung…

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Auf der Galerie

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Ein neues Gesicht, 480 g Abtropflebendgewicht; mein Haus ist voller Löcher. Mit Gesichtern, die schweigend aus ihnen in den Hof glotzen. Obwohl ich sie nicht füttere, werden sie täglich fetter und fetter, kippeln nach vorne, lassen sich Doppel-Doppelkinne wachsen. Ein Haus mit Fenstern, mit Köpfen drin und jedem wächst ein Doppel-Dreifach-Vierfachkinn. Täglich werden die Tonnen geleert. Der Müll wird tonnenweise weggeschafft und aus dem Weg gekehrt. Ich gucke weiter, spucke in eine rostige Dose, in ein Schüsselchen voll Gold, murmle agnostische Gebete, die mir mein Vater auf seinem Sterbebett, an seinem Ehrentag, zum Schluss ganz ohne Pfeifentabakrauch, Zug um Zug,…

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Rorschachs Quatsch

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Letztens, ich saß an meinem Schreibtisch mit gespitztem Bleistift, vor mir ein geöffnetes Notizbuch, bekam ich Nasenbluten. Nicht den Kopf in den Nacken legen, bloß nicht den Kopf nach hinten! Ich ließ ihn also nach vorne hängen und Blut tropfte über meine Nasenspitze auf das Papier. Allmählich bildeten die Tropfen Muster und Formen. Kaum dass ich in der oberen Ecke der Seite das Gesicht Hermann Rorschachs erkannte, richtete er bereits das Wort an mich. „Es ist meine feste Überzeugung“, sagte er mit unverkennbar schweizerischer Färbung im Tonfall, „dass der Rock ’n‘ Roll jeden Krieg, jeden bewaffneten Konflikt seit 1957 zu…

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Consilium

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Kaum-Ich: Ich frage mich immer, was du so machst, wenn ich nicht bei dir bin. Nicht-Ich: Denk. Denk. Denk. Kaum-Ich: Ich meine, was siehst du? Was tust du? Nicht-Ich: Denk. Denk. Denk. Kaum-Ich: Genau. Woran denkst du? Nicht-Ich: An nichts Bestimmtes. Ich denke vor mich hin. Mal dies – meist das. Kaum-Ich: Und dabei kommst du dir nicht nicht komisch vor? Was nutzt es, einfach nur vor sich hin zu denken? Solltest du nicht vielmehr zielgerichtet denken? Nicht-Ich: Hm – nein. Kaum-Ich: Aber wenn wir zusammen sind, da passiert es dir doch hoffentlich nicht. Nicht-Ich: Was denn? Kaum-Ich: Naja, dass…

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