Die Panama Connection

By

Der Klick kam nicht von außen, nicht einmal aus dem Schädel selbst, nur ein leises Einrasten im Raum zwischen den Nerven, ein Geräusch ohne Resonanz, eine Ahnung von Schaltkreis, der sich schließt. Leo spürte es zuerst im linken Schläfenlappen, ein Flackern, wie eine defekte Neon-Leuchtreklame, die plötzlich den exakten pH-Wert des Bodens unter einem namenlosen Gummibaum in einem verlassenen Gewächshaus in der Nähe von Nowosibirsk übermittelte: 6,7; dann die genaue Anzahl der Nieten einer Cessna 182, Baujahr 1978, in einer Vitrine eines Hobbykellers in Leeds: 1.243. Es war die Panama Connection, so taufte er die sinnlose, unablässige Blutung von Fakten,…

Read More

Herdenimmunität – Eine Polemik

By

Es gibt so schöne Wörter. Wenn sie am rechten Platz sind. Nehmen wir ‚Zwei- Staaten-Lösung‘. In der Levante scheint es einzig als Wort zu funktionieren, in Ostdeutschland gar nicht. Zugegeben, ein zweifelhaftes Beispiel, weiter zum nächsten: ‚Schwarmintelligenz‘. Man denkt, das wäre ein einfaches Konzept: Je mehr Leute, desto größer das gesammelte und anwendbare Wissen. Die sozialen Medien, besser bekannt als der tägliche Tauchgang in der Jauchegrube, beweisen, dass Schwarmintelligenz ein Traum, ein eitler Traum ist. Ebenso wie ‚Herdenimmunität‘. Die Herde ist so stark wie ihr schwächstes Schaf. Zusammen ist sie weniger stark als die Summe ihrer Mitglieder. Gemeinsam sind wir…

Read More

Das Leihschaf

By

Leihschaf? Sie hatten eines bestellt. Hatten Sie doch, oder nicht? Lammkotelett, hatten Sie gesagt, sei ihr Leibgericht, ihr Ein & Alles, Sie könnten nicht mehr ohne. Hatten Sie gesagt. Wer wären denn wir, Ihnen Ihren Herzenswunsch zu versagen? Dafür gibt es uns ja, die Agentur Zur Saftigen Aue. Hier ist also Ihr Leihschaf, das können Sie und Ihr Herzallerliebster hegen, pflegen und zur Zucht verwenden. Anbei noch zwölf Ampullen Mehrlingswiddersamen und einen wiederverwendbaren Applikator. Nicht so ein billiges Einwegding, wir verwenden nur Markenprodukte. Das Vertrauen, das die Kunden in unsere Agentur investieren, zahlen wir durch Qualität zurück. Und nun zur…

Read More

Die Quadratur des Teufelskreises

By

Der Tag beginnt nie mit einem Klingeln. Er schleicht sich an. Das Licht wechselt draußen. Ich spüre es, obwohl meine Augen geschlossen bleiben. Die Decke ist schwer, ein Anker. Aufstehen eine Unmöglichkeit, ein Gedanke, der zu viel Kraft kostet. Ich liege einfach da. Hunger ist eine dumpfe Sache. Ich ignoriere ihn. Heißgetränke trinke ich nicht. Kochen? Ist mir fern. Manchmal wanke ich, schwanke ich mich zur Küche. Dann greife ich in den Kühlschrank und trinke eine Mördermilch. Süß und kalt betäubt kurz, füllt etwas aus. Mehr nicht. Ich zünde eine Zigarette an. Der Rauch steigt auf. Er tanzt im schwachen…

Read More

Die späte Rache der Lola Montez

By

Der Himmel über Berlin, dem brodelnden Topf aus geschmolzenem Teer und lauer Mandelmilch-Latte, ist nur Hintergrund. Lola Montez lächelt, überirdisch spottend schwebt sie über der Dachterrasse eines sanierten Altbaus. Hitze ist Schwingung. Eiswürfel klirren in Gläsern, die Stadt zirpt im sommerlichen Kampf. Ein Grundrauschen irdischer Not streift Lolas Ohr kaum. Ein Drohnenschwarm, Insekten-Elektronik-Rache, summt durch schwüle Luft. Rote Augen spiegeln Firmen-Gier. Lola Montez, im Rausch des Jetzt, spürt das Flirren der Lichtteilchen, spürt die eigene fließende Existenz. Sie ist nicht Gejagte, nicht Geschmähte. Sie ist der Rausch, die zuckende Welt, der Tanz aus Feuer. Sie sieht Menschen unten, gefangen in…

Read More

Schattenschere

By

Die Sonne ist ein Klumpen, der fleischig, immer fleischiger, gegen mein Fenster schlägt. Ich nehme die Schattenschere und schneide mir die Beine vom Asphalt. Endlich schweben, während der Nachbar seine eigenen Zähne im Briefkasten poliert und sie anschließend mit Haushaltsbenzin übergießt. Wir fressen die Silben der Toten, ein drastischer Schnitt durch den Schlund der Ursächlickeit. Blut ist hier nur Tinte, die nicht trocknen will, und Gott ein Lektor mit chronischer Müdigkeit und Schlafblockade, der die Ränder unserer Existenz mit brennenden Streichhölzern markiert. Ein Mann fiel aus dem fünften Stock, weil er dachte, er sei ein Komma, ein Beistrich. Er schlug…

Read More

Eine kleine Marschmusik

By

Kroll rückte sich den Hut zurecht. Er war dreiundfünfzig, und sein Gesicht sah aus wie eine Landkarte, auf der mäßig bedeutende Kriege eingezeichnet waren. Elena stand neben ihm, das Kleid so grau wie der Asphalt von Essen-Kettwig Anno ’83. Um Punkt acht begann der Boden zu vibrieren. Es war kein Beben, es war ein Takt. Links, zwo, drei, vier. Links, zwo, drei, vier. Die Stadt atmete im Gleichschritt, obgleich niemand ein Instrument in den Händen hielt. „Hören Sie das, Kroll?“, fragte sie und zündete sich eine Zigarette an, die nach nassem Laub schmeckte. Er nickte. Der Rhythmus kam aus den…

Read More

Das Mißliebchen

By

Prolog Verdichtung muss durch Schichtung entstehen, nicht durch Dehnung. Jeder Takt verdoppelt, um klaustrophobische Enge zu zementieren, ohne den harten Aufschlag der Silben zu dämpfen. I. Statik Wand an Wand. Wand an Haut. Kaltes Echo in den Fugen. Mißliebchen kauert. Mißliebchen harrt. Der Raum wird eng, der Raum wird Fleisch. Die Zeit steht steif. Die Zeit wird Stein. Sekunden tropfen schweres Blei. Schatten rücken. Wände rücken. Das Zimmer atmet Staub der Jahre. Atem flach, flach, fest. Kein Entrinnen aus der Geometrie. II. Bruch Wort splittert. Wort schneidet. Die Zunge vergisst das Weiche, das Warme. Mißliebchen greift ins Leere, greift ins…

Read More

Ein Pauschalfluch

By

Herr Olf saß auf einer Parkbank, als diese unerwartet anfing, schlechte Reime zu deklamieren. Es war eine milde Maiennacht, doch der Pauschalfluch klebte an Olf wie alter Honig. Eigentlich wollte er nur schlafen, sich ausstrecken, doch sein Hut weigerte sich, vom Kopf zu kommen, da er gerade eine Abhandlung über die Leere im Innen verfasste, und so verwarf Olf den Gedanken an Schlaf, stand auf und wollte flüchten. Ein vorbeihüpfender Teekessel, der sich als Beamter der Zeitlupe ausgab, verlangte Olfs Passierschein für den Sonnenaufgang. „Die Nacht ist heute überbucht“, zischte der Kessel und spuckte heißen Tee auf Olfs linkes Knie….

Read More

Entscheidung für Rosa

By

R. O. S. A. Die Buchstaben fallen vom Sims wie tote Fliegen. Ein Quadrat aus Watte, das im Halse stecken bleibt. Rosa ist keine Farbe, sondern der Zustand zwischen zwei Atemzügen. Joachim blickt auf den Tisch, den Teller vor ihm, auf die leere Wand. Er sagt: „Ich entscheide mich. Ich werde mich entscheiden. Ich habe mich entschieden.“ Er meint nicht die Tapete, nicht das Stück Tier auf dem Teller. Er meint das Schweigen zwischen den Zügen, zwischen den Silben. Er wählt Rosa, weil es rückwärts gelesen „A-S-O-R“ ist, was zwar nichts bedeutet, aber im Kopf laut poltert. Rosa. Ro-sa. S-a-r-o….

Read More