Libertatem sanguinis

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Sobald ich hier raus bin, werde ich zur Blutbank gehen und mein Konto plündern. Ich werde den Kassierer anweisen, mir alles, was da ist, auszuzahlen und das Blut in die mitgebrachten Plastiktüten zu schütten. Sollte er zaudern oder gar Einwände erheben, werde ich ihn mit dem Zeigefinger auf den Lippen zum Schweigen bringen. „Shhhhh, hören Sie, mein Bester“, werde ich sagen. „Das ist mein Eigen, ich erwarb es und besitze es, doch seine böse Macht forderte ich nie heraus. Zicken Sie hier mal nicht rum! Wir wollen doch kein Blut vergießen.“ Sollte er fragen, was ich denn mit ganzen Blut…

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Jahreswechsel

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Es ist die letzte Nacht des Jahres, der kleine Silvester und seine Schwester gehen durch die Straßen und betrachten von außen die Fenster. Wie schön, sagt die Schwester, wie still und friedlich, wie anheimelnd alles wirkt. Der Schein trügt, das Bild täuscht, der Eindruck lügt. Wenn man ganz still bleibt, und die beiden bleiben ganz still, hört man die Menschen husten. In der einen Wohnung isst Familie Kummer ein spätes Mahl, in der nächsten lebt der alte Kapitän Seebär mit seiner jugendlichen Geliebten, gleich daneben das keusche Fräulein Pilzhut und ihr Hund Jutta in einer Zweckgemeinschaft. Sie muss in Heimarbeit…

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Aus den Kindheitserinnerungen

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Zum elften Geburtstag bekam ich von meinen Eltern eine Fotoausrüstung geschenkt. Das war aber nicht irgendeine Fotoausrüstung, sondern eine Mikrokamera für Detektive. Ich beschloss, die Kamera in der Kloschüssel zu installieren und schoss ein paar Probeaufnahmen meines Hinterns. Ungefähr eine Woche später klopfte ich bei meiner Schwester Inge. Sie ist neun Jahre älter als ich. Ich sagte, ich hätte ein Gedicht für sie geschrieben und Inge bat mich hereinzukommen und es vorzulesen. Sie stellte ihren Plattenspieler leise und ich begann: Ich liebe dich, doch könnte ich wählen, ich wäre lieber ich: Ich sehe, wie dich die Hämorrhoiden quälen; ich sehe…

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Das Erbe der großen Wirklichkeit

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Der letzte Mensch auf Erden ruft dem Baum vor seinem Fenster Unflätigkeiten zu, Schmelz in der Stimme und Spelze zwischen Zahnfleisch und Schneidezahn. Der Widerhall kommt postwendend: „Willst du einen Job, eine sinnvolle Betätigung, dann stelle dich in die Mitte deines Wohnzimmers, beuge dich vor und warte darauf, was passiert!“ Da realisiert der letzte Mensch auf Erden, dass auch die heimische Flora nicht alle Antworten kennt, eine Erkenntnis, die ihn zum Zahnstocher greifen lässt, jetzt, da alles auf ein rasches Ende hindeutet. Wie bekomme ich meine Zähne wirklich sauber, so kurz vor Schluss? Und Erinnerung an Emily, die noch einmal…

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Am Lagerfeuer – eine Herbstgeschichte

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Woody Allen, Uri Geller, Uriella oder irgendein anderer Spitzbold, Scharlatan und Aushilfsheiratsschwindler wollte Stockbrot essen, diesen faden Haufen Teig, um Holz geklatscht. Uri Geller ließ uns die Löffel in den Händen schmelzen und rief: „Seht den Habicht über unseren Köpfen kreisen. Wollt ihr so sein wie er, wie ich? Ich bin der Habicht und ihr? Ihr nicht.“ Woody Allen schaute betroffen, uns standen die Münder offen, die Löffel waren unbrauchbar. Uriella blinzelte verschwörerisch und blickte jedem einzelnen von uns auf die von Raureif geröteten Nasen. „Es werde Licht!“, rief sie und wir, die wir um die Feuerstelle kauerten und knieten,…

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Exclamatio

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An der ersten Tür gebe ich die Jacke ab, an der zweiten ziehe ich meine Schuhe aus. Im Gebäude sind weder Gürtel noch Schnürsenkel erlaubt. Die Verordnung als Motto an der Wand: Tragen Sie bei zu unser aller Sicherheit! Überraschen Sie uns, überraschen Sie sich, leisten sie keinen Widerstand, leisten Sie sich stattdessen den Luxus hingebungsvoller Unterwerfung! Und lang ist mir die Luft ganz still geblieben, ich musst es wohl – wie alle anderen auch – ertragen. Warum haben Sie so lange nicht geschrieben? Ich hatte nichts zu sagen. Im Gang, auf einem unbequemen Stuhl, sitze ich vor der verschlossenen…

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Anders nach Nirgendwo

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„Vorerst letzte Fahrt: Alles einsteigen, zurückbleiben bitte!“ hallt die Stimme elektrisch verstärkt über den Bahnsteig. „Wer jetzt keinen Zug hat, bekommt keinen mehr und wird es schwer haben.“ Die Mitmenschen nehmen die Ankündigung gelassen hin. Entweder fühlen sie sich nicht angesprochen oder sie sind ob der täglichen Einschüchterungs- und Demotivationsversuche seitens der Mächtigen bereits so abgestumpft, dass sie erst bei Stockschlägen, Elektroschocks und anderen Formen körperlicher Züchtigung eine Reaktion zeigen würden. „Bitte haben Sie Verständnis! Wir bitten Sie um Verständnis! Um Ihr Verständnis!“ Passagier M361 kann kein Verständnis aufbringen, er schafft trotz großen Aufwands und einiger Mühe nicht, es zutage…

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Nicht-Ich und Kaum-Ich begegnen sich

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Kaum-Ich: Sagen Sie mal, kenne ich Sie nicht irgendwoher? Nicht-Ich: Mich? Hm, warten Sie, stimmt! Ich meine auch, ich hätte Sie schon einmal gesehen. War es nicht auf einem ausgelassenen Frühlingsfest, umsäumt von Jungfrauen? Kaum-Ich: Nein, in mir ist ewig Herbst. Sie müssen sich täuschen. War es nicht vielmehr bei der Einweihung eines bedeutenden Gebäudes oder auf dem Sommerempfang des Präsidenten, wo wir uns zum ersten Mal begegneten? Nicht-Ich: Das ist gut möglich. Trugen Sie nicht einen zahmen Feldhasen in einer offenen Tragetasche aus Lederimitat auf dem Arm? Ein Feldhase, der damals die Blicke aller anwesenden Damen anzog? Standen Sie…

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Der neugierige Kunde

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Eines Tages ging ich zu einer Wahrsagerin und als ich ihre Wohnung betrat, fand ich sie in wollüstiger Pose auf einer Art Schreibtisch vor. „Kommen Sie ruhig näher, junger Mann!“, gurrte sie mit süß-scharfem Akzent. Ich fühlte mich ob ihrer dargebotenen Reize überfordert und war schon im Begriff mich herumzudrehen und zu gehen, als mein Blick auf einen Papagei fiel, der mich aus einem mannshohen Käfig verächtlich ansah. „Tu doch nicht so, als ob dir nicht gefiele, was du siehst.“ Der Vogel sprach mit wohltönender Stimme, gar nicht brüchig und krächzend, wie ich es erwartet hatte. „Schau ruhig noch einmal…

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Wen es betrifft

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Hören Sie? Ich sage Ihnen, Sie hören nichts. Nicht das Surren der Leuchtstoffröhre, nicht das Zwitschern der Gazellen, die dort unweit des Einkaufszentrums auf dem Mittelstreifen grasen, gar nichts hören Sie. Und dann gibt es immer wieder Situationen, in denen das Herz so laut klopft, dass selbst ich, dem diese Dinge beständig in den Ohren gellen, die Geräusche aus dem Außen nicht mehr wahrnehme. Dann pocht es, strömt es, rauscht es in mir und all die Töne da draußen werden bedeutungslos. Wer bin denn ich, frage ich mich in solchen Momenten, und wo liegt der Sinn? Zwar antworte ich immer…

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