In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.
Zu zweit, aber nur ein Auge
Berthold und Gundula hatten sich arrangiert. Oder besser gesagt, das Schicksal hatte sie arrangiert, in einer jener Launen. Sie teilten sich nicht nur das Dach über dem Kopf und eine spärliche Erbschaft, sondern auch ein einziges funktionsfähiges Auge. Berthold, der Linke, besaß die leere Höhle rechts. Gundula, die Rechte, hatte links nur eine milchige Trübung, die bestenfalls Licht und Schatten unterschied. Das Auge, ein prächtiges Blau, wanderte von einer Stirn zur anderen, je nachdem, wer gerade die Welt sehen wollte. Das Morgenritual war eine Choreographie der Geduld. „Ich brauch’s für die Zeitungsannoncen“, knurrte Berthold und schielte theatralisch mit seiner leeren…
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