In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Zu zweit, aber nur ein Auge

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Berthold und Gundula hatten sich arrangiert. Oder besser gesagt, das Schicksal hatte sie arrangiert, in einer jener Launen. Sie teilten sich nicht nur das Dach über dem Kopf und eine spärliche Erbschaft, sondern auch ein einziges funktionsfähiges Auge. Berthold, der Linke, besaß die leere Höhle rechts. Gundula, die Rechte, hatte links nur eine milchige Trübung, die bestenfalls Licht und Schatten unterschied. Das Auge, ein prächtiges Blau, wanderte von einer Stirn zur anderen, je nachdem, wer gerade die Welt sehen wollte. Das Morgenritual war eine Choreographie der Geduld. „Ich brauch’s für die Zeitungsannoncen“, knurrte Berthold und schielte theatralisch mit seiner leeren…

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Trauerporno

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Früher, als alles noch besser und ich ein Dreikäsehoch war, lief ich an der Hand meiner Großmutter mit vor Staunen tellergroßen Augen durch unser Städtchen. Wie überall gab es auch bei uns ein Trauerpornokino. In einem unscheinbaren Gässlein in der Nähe des Bahnhofs steckte es zwischen einem Zahngoldgeschäft und einer Würstchenbude seine in gedeckten Farben blinkende Leuchtreklame in die Höhe. Mein Großcousin Gernot nahm mich einmal mit hinein. Drinnen saßen vereinzelt alte Klageweiber mit schwarzen Kopftüchern und schluchzten – manche leise und erstickt, andere mit extrovertiertem Timbre. Der Geruch von tränenfeuchten Stofftaschentüchern zog durch die Reihen und als ich gedankenverloren…

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Mit Mann und Maus

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Ein Bart, der sich wie Tang um die Welt wickelte. Darin, im Dickicht der grauen Haare, wohnte die Maus. Sie war sein letztes Schiff, er ihr erster Matrose. „Mit Mann und Maus“, säuselte der Rost in den Gelenken des Universums, als der Mann einen Seufzer aushauchte, der nach vergessenen Häfen roch. Die Maus, ein winziger Kompass in der pelzigen Wildnis, nagte unbeirrt an der Grenze zwischen Traum und morschem Holz. Ihre Augen, zwei Stecknadelköpfe der Erkenntnis, beobachteten, wie der Mann langsam zerbröselte, aber nicht zu Erde wurde, sondern zu einer feinen, melancholischen Luft. Und er, in seiner zerstäubten Glorie, wusste:…

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Wutköder Wahrheit

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Mit der Wirklichkeit möchte Wilhelm Borezcs nichts mehr zu tun haben. Wer ihn von früher kennt, vermag sich das kaum vorzustellen. „Der alte Willi ist doch immer übergequollen vor lauter Wahrhaftigkeit und Realitätssinn. Das kann ich mir ja gar nicht vorstellen“, würde zum Beispiel Franz Speck, sein Banknachbar aus dem Gymnasium, sagen, wenn er von davon erführe. Aber es stimmt. Seit nämlich Wilhelm Borezcs im Keller seines Hauses die Wirklichkeitsmaschine entdeckt hat. Zunächst dachte er, es sei eine von diesen modernen Heizungen, die Wärme aus den Tiefen der Erde hervorlocken, damit man günstig ein Bad nehmen kann, bis der Planet…

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