In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Libertatem sanguinis

By

Sobald ich hier raus bin, werde ich zur Blutbank gehen und mein Konto plündern. Ich werde den Kassierer anweisen, mir alles, was da ist, auszuzahlen und das Blut in die mitgebrachten Plastiktüten zu schütten. Sollte er zaudern oder gar Einwände erheben, werde ich ihn mit dem Zeigefinger auf den Lippen zum Schweigen bringen. „Shhhhh, hören Sie, mein Bester“, werde ich sagen. „Das ist mein Eigen, ich erwarb es und besitze es, doch seine böse Macht forderte ich nie heraus. Zicken Sie hier mal nicht rum! Wir wollen doch kein Blut vergießen.“ Sollte er fragen, was ich denn mit ganzen Blut…

Read More

Böses Erwachen

By

Müde und unzufrieden blinzelte der Tyrann durch das Schlüsselloch und betrachtete sein Reich. In den Jahren seiner Herrschaft hatte er es ausgehöhlt und vergrämt, achtlos herumliegen lassen und manchmal, wenn ihn der kindische Zorn überkam, hatte er mit dem Fuß aufgestampft und gegen einen Zeitungsständer getreten. Vom alten Glanz war nichts mehr übrig. Sogar sein goldener Suppenlöffel war stumpf geworden und die Fleischbrühe schwappte unappetitlich darauf herum. Der Tyrann wischte mit dem Daumen die Abdeckung über das Schlüsselloch, ging zu seinem Schreibtisch und föhnte lustlos sein Toupet. Ihm war nach Heiterkeit und Schmeicheleien zumute, also klingelte nach seinem unsichtbaren Freund….

Read More

Jahreswechsel

By

Es ist die letzte Nacht des Jahres, der kleine Silvester und seine Schwester gehen durch die Straßen und betrachten von außen die Fenster. Wie schön, sagt die Schwester, wie still und friedlich, wie anheimelnd alles wirkt. Der Schein trügt, das Bild täuscht, der Eindruck lügt. Wenn man ganz still bleibt, und die beiden bleiben ganz still, hört man die Menschen husten. In der einen Wohnung isst Familie Kummer ein spätes Mahl, in der nächsten lebt der alte Kapitän Seebär mit seiner jugendlichen Geliebten, gleich daneben das keusche Fräulein Pilzhut und ihr Hund Jutta in einer Zweckgemeinschaft. Sie muss in Heimarbeit…

Read More

Bescherung

By

Marianne Pelzfuß zählt die Zeit bis zur Bescherung in eigenen Einheiten. Immer, wenn sie daran denkt, ist eine Präambel vergangen. Wieviele Präambeln sie noch abwarten muss, ist eine Überraschung. Marianne Pelzfuß versucht seit Jahren, sich die Reihenfolge der Dinge einzuprägen, aber sie bringt immer alles durcheinander. Die Bescherung. Nur einmal im Jahr freut man sich darauf, ansonsten gilt es, sie zu vermeiden. Der Sohn Gottes wird geboren und ein paar Monate später ist er bereits 33 Jahre alt und wird umgebracht. Er sollte als Säugling schon umgebracht werden, aber das klappte nicht, weil Heuchel und Meuchel, die beiden Raben, das…

Read More