In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Die Perle Andalusiens

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Marilen Pelzfuß saß auf ihrem engen Balkon, betrachtete die grünliche Fassade des Nachbarhauses, nippte an ihrem Tee und erinnerte sich an eine lange zurückliegende Reise. Ein hagerer Mittvierziger mit rot gefärbtem Haar und säuerlichem Geruch war ihre Begleitung gewesen. Er hatte alles versucht, um mit ihr in Streit zu geraten, doch Marilen hatte bereits am Flughafen beschlossen, zu allem Ja und Amen zu sagen, egal wie langweilig, anstrengend oder fern ihrer eigenen Vorstellung es auch sein möge. Streiten würde sie jedenfalls nicht. „Wir müssen“, meinte ihr Begleiter nach dem Abendessen in einem selbst bei Nacht noch stickigen und heißen Innenhof,…

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Das Märchen meines Seins

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Ich wurde heute vor etlichen Jahren im Zeichen des Kalbs geboren und weil ich eine Glückshaut umhatte, als ich zur Welt kam, so ward geweissagt, dass mir ein ganz außergewöhnliches Schicksal beschieden sei. „Er ist ein Glückskind, es wird schon alles zu seinem Besten ausschlagen,“ hörte ich die Erwachsenen oft staunend raunen, wenn sie mich betrachteten. Die Zeit bis zur Grundschule verbrachte ich zur Belustigung meiner Schwester größtenteils in einem Gitterkäfig, wurde von ihr mit Zigarettenstummeln und Kronkorken gefüttert und immer gerade noch am Leben gehalten. Häufig wurde mein Status als Glückskind auf die Probe gestellt und Familienmitglieder wie auch…

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Die süße Bohne

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Für Viktor Mundschenk war das Leben eine Plage. Er tat sich schwer, morgens aus dem Bett zu kommen und nachts einzuschlafen. Alles dazwischen gelang ihm selten, weshalb er sich scheute, bei neuen Bekanntschaften seinen Vornamen zu nennen. Nicht, dass er viele Leute kennengelernt hätte. Viktor Mundschenk buk gewöhnlich ein ungewürztes Eigenbrot, das er ohne Belag und in Einsamkeit verzehrte. Nur hie und da gönnte er sich eine Weinbrandbohne, und wenn die scharfe Süße seine Backen füllte, wünschte er, es gäbe jemanden, mit dem er diesen seltenen Genuss hätte teilen können. Eines Tages überfiel ihn eine tollkühne Stimmung. Er packte ein…

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Der dritte Rang

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Gestatten, Finkenzeller. Bertel Finkenzeller. Meines Zeichens Leiter der Süßwarenabteilung des Traditionskaufhauses Detmold & Detmold. Sie haben doch nicht vor, den Kunstgenuss, die Stille, durch ihr Gekeuche zu stören? Vielleicht möchten Sie eine Halspastille? Von hier kann man, wenn die Zuschauer dauernd husten, kaum das Lachen der Götter über das Geschehen unten auf der Bühne hören. Daran muss man immer denken. Heutzutage. Den meisten ist ja so was schnuppe. Sie sind ja bleich wie eine Schneiderpuppe. Ist es das Virus? Ist es Nervenfieber? Lassen Sie mich einmal erklären: Nichts wäre mir doch lieber, als wenn alle Menschen glücklich wären. Der Diversant,…

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