In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Kein guter Rat

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Wer die Leute verstehen will, muss sich ihre Schuhe ansehen. Das hat mir meine Großmutter von klein auf eingebläut. Sie selbst trug stets Kellnerinnensandalen, außer bei ihrer Beerdigung. Da zwängte man ihre schon steifen Zehen in ein Paar dunkelblaue Wildlederpumps mit einer prachtvollen Silberschnalle. Ich hörte nie auf ihre Ratschläge, aber diesen beherzige ich bis heute, und dass, obwohl sich bald herausstellte, dass es sich dabei um einen Irrtum handelte. So ist der Mensch eben. Was mein eigenes Schuhwerk angeht, bin ich nachlässig. Ob die Fußbekleidung der Jahreszeit oder dem Anlass angemessen ist, welche Farbe sie hat, oder ob sie…

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Ikarus‘ Flugstunde

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Und dann war da noch diese Frau, die mir zurief, ich solle die Schilder beachten. Ich dachte im Vorbeifliegen darüber nach, welche Schilder sie wohl meinte, doch als ich mich zu ihr umdrehte, um nachzufragen, war sie schon außer Rufweite. Und so flog ich und flog, bis die Nacht hereinbrach. In diesen Breiten geht das Schlag auf Schlag – eine Sekunde ist es taghell und in der nächsten kohlpechrabenschwärzeste Nacht. Ich hatte mir fest vorgenommen, auf jedwedes Schild zu achten – doch schon war es passiert: einen Wimpernschlag lang nicht aufgepasst und prompt gegen das einzige Schild im Umkreis von…

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Klassentreffen

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Zu den vielen Dingen, die man im Leben tut, obwohl man bereits vorher weiß, dass sie einem keine Freude bereiten werden, gehört der Besuch eines Klassentreffens. Beim Betreten des Lokals schlägt Hertha Pelzfuß der Geruch von alten Tapeten entgegen und ein Frauenlachen aus dem Hinterzimmer. Das muss die Schneller sein. Das Lachen fährt Hertha wie eine heiße Nadel in die Ohren, breitet sich in Wellen in ihrem Körper aus, und sie weiß, es wird nicht aufhören, ehe der Höchtlmeier mitlacht. Hertha Pelzfuß hängt ihren Mantel an die Garderobe und setzt sich an einen der wenigen freien Plätze am Tisch. Die…

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Südfrüchte

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Ein Springbrunnen – ohne Schmuck und Zierart, 16 schmale Fontänen, die das Wasser neun Meter in die Höhe spritzen – erinnert mich daran, dass in den Zeiten der Krise und der Zerstörung keine Kunst entstehen kann; sie wird nicht wahrgenommen. Kunst entsteht in den Zeiten der Fülle, der Sattheit. Eine Frau wühlt in ihren Taschen, eine Minute, eine zweite, eine fünfte, eine zehnte. Sie sortiert und kramt und blickt nur auf, um sich der Präsenz des Brunnens zu vergewissern, nur einen flüchtigen, richtigen Moment lang. Jetzt ist die Katze im Sack: nichts gilt mehr. Haubentaucher tauchen unter, viel zu sehen…

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