In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Der Zöllner

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Matthias Pelzfuß steht auf dem Balkon und blinzelt in die Morgensonne. Es ist bei weitem nicht so warm, wie es vom Bett aus ausgesehen hat. Die Kälte breitet sich auf seinen Fußsohlen aus. Heute ist sein großer Tag, sein erster Tag als Zollhauptwachtmeister. Viele Jahre seines Lebens hat er als gewöhnlicher Zollwachtmeister verbracht, stets pünktlich, niemals krank. Damit sich das nicht ändert, geht Matthias Pelzfuß zurück in seine Wohnung und zieht sich warme Socken an. Veränderungen sind ihm nicht geheuer. Der Sprung vom Wachtmeister zum Hauptwachtmeister scheint ihm für einen Tag genug, da braucht er nicht auch noch auf kalten…

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Das Zeitalter der Krähe

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„Wie man weiß, sind Krähen sehr intelligent, wenn auch nicht unfehlbar.“ So sollte eigentlich meine neueste Geschichte beginnen. Den Satz trage ich bestimmt schon seit sechs Monaten mit mir herum. Und ebenso lang erzähle ich auch schon, die Geschichte endlich schreiben zu wollen. Jüngst auch meinem Nachbarn Krause, der sich zur Gewohnheit gemacht hat, regelmäßig bei mir vorbeizuschauen, um zu sehen, ob ich etwas zu essen oder zu trinken benötige. „Wie weit bist du denn mit der Geschichte?“, fragte er mich und ich zuckte mit den Schultern. „Die wird, die wird“, antwortete ich etwas nebulös, darauf bedacht, Krause nicht direkt…

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Jahreswechsel

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Also, ich werde mir vorerst kein neues Jahr zulegen. Das alte ist noch gut in Schuss und es gibt keinen Grund, es schon zu entsorgen. Im Gegenteil, nachdem ich mir bis in den Mai hinein Blasen darin gelaufen habe, ist es jetzt gerade richtig bequem und ich finde mich endlich darin zurecht. Diese kapitalistische Propaganda, jedermann brauche ständig ein neues Jahr, will ich nicht länger glauben. Wenn man sparsam und pfleglich damit umgeht, hält so ein Jahr ewig. Na ja, ewig vielleicht nicht, aber, sagen wir, bis Juni auf alle Fälle. Ich werde morgen keck mit meinem alten Jahr herumstolzieren,…

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Früher, ja früher

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Erinnerungen? Pah! Erinnerungen sind etwas für Privilegierte. In meiner Jugend waren wir so arm, wir konnten uns nichts Erinnernswertes leisten. Manchmal schlug uns der Vater mit einem Stock, aber auch nur, wenn er ihn nicht versetzt hatte, um der Mutter Lutschpastillen zu kaufen. An Festtage glaube ich schon mal gar nicht. Unsere Tage der Besinnlichkeit fingen immer erst im Januar an, wenn die Nachbarn ihre Tannen oder Fichten auf den Gehsteig warfen und wir sieben Kinder uns über die am Baum verbliebenen Nadeln hermachten, und mit neidischen und missgünstigen Blicken auf ihnen kauten, bis unsere kleinen Gaumen bluteten. Dieses Jahr…

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