In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Südfrüchte

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Ein Springbrunnen – ohne Schmuck und Zierart, 16 schmale Fontänen, die das Wasser neun Meter in die Höhe spritzen – erinnert mich daran, dass in den Zeiten der Krise und der Zerstörung keine Kunst entstehen kann; sie wird nicht wahrgenommen. Kunst entsteht in den Zeiten der Fülle, der Sattheit. Eine Frau wühlt in ihren Taschen, eine Minute, eine zweite, eine fünfte, eine zehnte. Sie sortiert und kramt und blickt nur auf, um sich der Präsenz des Brunnens zu vergewissern, nur einen flüchtigen, richtigen Moment lang. Jetzt ist die Katze im Sack: nichts gilt mehr. Haubentaucher tauchen unter, viel zu sehen…

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Das Fass

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Beneidenswert, diese Leute, die vor nichts Angst haben. Der Tod, die Kellerasseln unter dem Blumentopf, die Aussicht auf Gehirnerweichung, ein Brief vom Amt oder Finsterlinge, die nachts in Hauseingängen herumlungern – nichts vermag sie zu schrecken. Sie plaudern ohne Schwierigkeiten mit Fremden im Lokal und springen an einem Gummiband vom Schiefen Turm von Pisa. Meine Base Micheline ist so eine. Bereits als Kind bewunderte ich ihre Unerschrockenheit, wenn sie dem Nachbarspudel lachend ihre Spielsachen aus den grausigen Fängen entwand oder sich den Fußbällen entgegenwarf, die der dicke Friedhelm aus dem Nachbarhaus mit der ganzen Wut seiner gehänselten Seele auf uns…

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Begegnung

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A: Sagen Sie, kennen wir uns nicht? B: Nicht, dass ich wüsste. A: Sie kommen mir so bekannt vor. B: Ich bin ein anderer Fettwanst – Sie verwechseln mich. A: Ich könnte schwören … B: Tun Sie es lieber nicht! A: Die Ähnlichkeit ist dennoch verblüffend. B: Für die Schlanken sehen wir Dicken doch alle gleich aus. A: Das können Sie jetzt aber so nicht sagen. B: Doch, doch, das stimmt schon. Ich weiß, was Sie sehen: Schwabbel, fettiger Teint, kleine Augen im speckigen Gesicht, Cellulite auf der Stirn. Ich sehe es doch, mein Anblick widert Sie an. A: Sie…

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Kindersegen

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Wer, wie Margit Pelzfuß, ein Kind nach dem anderen bekommt, dem stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht mehr. In jungen Jahren wurde sie von der Schwermut gequält, und um ein Haar wäre sie deshalb zur Unzeit aus dem Dasein geschieden. Doch gerade noch rechtzeitig stellte sich die Mutterschaft ein und damit ein Grund, jeden Morgen aufzustehen und den Tag fröhlich zu begrüßen. Begeistert von der Ablenkung, die mit der Fortpflanzung einhergeht, scharte Margit Pelzfuß zahlreiche Töchter und Söhne um sich. Die Väter stapelte sie in einem Wandschrank, denn sie war ordentlich, und man wusste ja nicht,…

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