In bester Gesellschaft

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Die Bürger stehen und reiben sich die Augen. Die Finsterfischer, ihre natürlichen Todfeinde, schmarotzen der Bürger reiche Einfalt und spenden süße Furcht als Zeitvertreib in Form von Schmeichelreden. „Hört, ihr Menschen,“ hört man sie sagen, „wer stets auf Flaum geschlafen, der ist auf Steinen bös‘ gebettet.“ Das Bild der Finsterfischer stets verschwommen: Ein Motto hier, ein Sinnspruch dort, an vielen Stellen sattes Schweigen. Und immer wieder wird den Bürgern eingeflüstert, dass ihre Bürde eigentlich Symbiose sei.

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Ein Biss in den Himmel

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Heute bin ich wohl Hyperion, der Sonne Sohn. Ich harre aus, versenge die sieben Haare, die mir blieben. Ich will, sagst du und meinst es nicht. Ich will den Boden unter allen Füßen spüren. Ich will, dass Launen mich aus meinen Tälern führen. Ich will halt das Gesamtpaket. Ich will, dass immer jemand vor mir steht und zeigt, wie’s weitergeht, wenn’s weitergehen muss. Jetzt: Schluss. Und wenn es dann zu Ende ist, man schnell die Intention vergisst, warum man überhaupt mal angefangen hat zu husten. „Wir haben ein Problem“ als Echo vergessener Zeiten. „Jetzt werden andere Saiten aufgezogen, vom rechten…

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Studium der Lage

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Lass mich raten, als nächstes wirst du behaupten, es gäbe viel zu wenig Advokaten in der Runde, pro Stunde singe ich leise einmal jedem seine Lieder, ich muss jetzt gehen, beim nächsten Mal sehen wir uns wieder. Ich falle auf, ich falle hin, umfasse Bildung wie einen Bottich, wie ein Gefäß. Ich rieche, rieche Menschenfleisch. In allen Belangen war die Richterbank befangen. Zwölf Mal Feuerreiter grüßt gedanklich wohl sein Kuckuckskind; das Wesentliche ist per Definition für immer einfach. Ich denke acht Augenblicke lang das Eine, acht Augenblicke irgendetwas anderes: Eine Vestalin wollte Seilchen springen. „Was sollen die Leute denken?“, wird…

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Auf Handlungswegen

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„Bitte recht freundlich!“ rufst du dem Maskottchen im Bärenkostüm zu. Es kann nicht anders, als darüber milde zu lächeln. „Jauchze! Frohlocke!“ Doch es winkt ab. Man muss nur wollen, man muss die Dinge nur wollen. „Sollen wir uns wiedersehen?“ rufe ich ihm nach, es hört mich nicht. Ein Seemann hält ein Ruder im Arm und spielt darauf eine leise Weise, die Mitfahrenden wippen mit den Füßen im Takt dazu. Mit einem Mal hält er inne, er hat nicht verstanden, welche Station die Lautsprecherstimme angekündigt hat. Er zuckt die Schultern, fährt fort sein fremdes Lied zu singen. Als es zu Ende…

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Als ich Liberal – Esoteriker war

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Im Anfang war das Wort und das Wort erbrach sich auf mein Sofa und sah irgendwie fiebrig aus. Es lag mit trüben Augen, eingepackt in Tagesdecken und stockfleckige Laken und klapperte mit seinen kleinen Zähnen, dass einem angst und bange werden konnte. Also beschloss ich, das Wort liebzuhaben, denn es war fürchterlich allein. Ich nahm das Wort auf den Schoß, tupfte es mit einem frischen Lappen trocken und erzählte ihm von der Welt, die ich schon kannte und von der es noch nichts wusste. „Vor langer Zeit lebte ein Handlanger und sein Name war Kallemann. Kallemann besaß nur einen dreckigen…

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Goethe – Rede an die Akademie

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Geschätzte Delegation, verehrte Gesandte, liebe Kinder! Ich beginne mit Goethes Farbenlehre. Die Biene: Gelb, schwarz, gelb, schwarz, gelb und schwarz. Nun Dichtung: Ohne Federlesen, ohne Sachzwang oder ohne Wahrheit. Sie wissen, was man sich vom Geheimrat Goethe erzählt? Er sei sehr klein gewesen, nur fünfunddreißig Zentimeter groß und dabei war der Zentimeter damals nicht einmal so viel wert wie heutzutage. Die Menschen wollen meist nichts davon hören. Ihnen ist Goethe ein Übermensch, kein Tag vergeht, ohne dass diese Menschen ein Beispiel aus seiner berühmten Farbenlehre zitieren. Die Biene: Gelb und schwarz, gelb und schwarz gestreift. Mir ist Goethe kein Heiliger…

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Handeln ist gleich Nicht-Handeln oder 7 Nachteile, ein denkbarer Nachteil und ein Vorteil

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Geht man zu lange mit einer Idee schwanger, verlässt sie einen. Das ist ein Nachteil. Lässt man einen Toten auferstehen, wird dieser von schlechtem Geschmack im Mund gequält. Das ist ein Nachteil. Redet der Auferstandene von seinen Erlebnissen als Toter, leidet man unter dem faulen Atem des Auferstandenen. Das ist ein Nachteil. Wenn der Auferstandene mit seinem faulen Atem dann noch so abgestandene Dinge sagt wie „Es gibt zu viele Gelehrte auf der Welt und zu wenig kluge Menschen”, möchte man einzig und allein, dass er sein stinkendes Maul hält. Das ist ein Nachteil. Bittet man den Auferstandenen ins Badezimmer…

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Versuch über Krampus, Sebastokrator heutiger Zeit

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Träger von Tiermasken trennen Müll und dehnen Silben, wenn sie sprechen, wecken in mir ein Gefühl, das jenem ähnelt, unabgeholt, ja unabholbar auf Gleis 3 des Hauptbahnhofs in Hamm zu stehen und zu warten. Der Geschmack in meinem Mund wie getragene Socken aus Polyester. Wenn es draußen kühler wird, wird es innen zwangsläufig wärmer. Ein junger Mann bläht seinen Brustkorb auf dreifachen Umfang und versucht Ruhe für seine Lektüre durch Starren auf die Lärmquelle zu erlangen. Es sind eine Jungfrau, ihre Mutter und eine Greisin, die abwechselnd, lauthals und unablässig verschiedene Strophen von „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ anstimmen. Westfälische…

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Das ist ja ein Versuch über Österreich (1996)

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Paris in den Siebziger Jahren. Peter Handke hatte Hitler gefrühstückt. Wessen literarische Gestalt er heute sein würde, wusste er nicht. Das Kindermädchen war bestellt (eine Freundin sollte sie begleiten); der Nachmittag war vereinbart. Die Tochter spielte mit ihren Bauklötzen und die Sonne schien. Trotzdem lag Führerlaune auf Peter Handkes Gesicht. Er griff zu Notizblock und Bleistift und schrieb: Welchem jungen Bi-Boy, 18 bis 27, kann ich, diskret und unausgelastet, Nacktfotos meiner Ex-Frau zeigen? Außerdem Lust auf Sehen, Zeigen und Wichsen (kein Anal), oder auf einen gemeinsamen Bordellbesuch. Es entstehen keine Kosten. Erbitte Antwort mit Bild und Telefonnummer. Peter Handke faltete…

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Idee für den Entwurf eines vorläufigen Konzepts für ein Theaterstück von epischer Länge (1984)

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Es geht irgendwie um Macht, zwei Frauen legen sich, Rotwein trinkend, Patiencen oder gegenseitig Tarotkarten. Es ist dringend und zwingend, dass wirklich Rotwein getrunken und der Verfall des Sprachvermögens unter Alkoholeinfluss dem geneigten Publikum Abend für Abend vor Augen geführt wird. Anfänglich unterhalten sie sich über vergangene Liebschaften. Eine der Frauen ist Physikerin und sie verwendet ausschließlich Metaphern aus der Wissenschaft. Die andere Frau betrügt beim Kartenlegen. Sie besprechen die Karten (Gelegenheit für betrunkene Gesprächsimprovisation zu beliebigen, mystisch klingenden Themen). Später kommt ein Gerichtsdiener auf die Bühne; er spricht juristisch, was jedoch beide Frauen nicht verstehen. Sie verspotten ihn als…

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