Die reine Kunst

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„Ich erinnere mich an ein Gedicht“, sagt er und schaut sich wichtig im Kreise seiner Zuhörer um, „das ich, auf den Tag genau vor 31 Jahren, für meine verflossene Liebe schrieb.“ Das Publikum reagiert aufrichtig gerührt mit ‚Ahs!‘ und ‚Ohs!‘ Die Frauen wünschen sich an die Seite dieses einzigartigen Poeten und blicken mit an Abscheu grenzendem Widerwillen auf ihre mitgebrachten Partner. Wir Männer wollen sein wie er, würden die schlechte Haltung, die trockene Glatze, die abgewetzten Kleidungsstücke und die ausgetretenen Schuhe in Kauf nehmen; für die Liebe im Blick der Frau an unserer Seite wäre dieser Preis wahrlich nicht zu…

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An der Schwelle

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Defo, ein perlenbehangener schwarzer Hund, stets gewillt, es darauf ankommen zu lassen und stets bereit bis zum Äußersten zu gehen, senkt den Kopf und hechelt, knurrt in Maliks Richtung. Malik sieht den Seiber aus den Lefzen triefen und glaubt den nach Verwesung riechenden Atem noch aus fünf Schritten Entfernung wittern zu können. Er will sich abwenden, erinnert sich vergangener Begegnungen mit der Bestie. Defo war Malik beim ersten Mal als Welpe erschienen; damals hatte Maliks Verlobte noch in der Wohnung gelebt, sie waren durchaus glücklich gewesen, doch wenig später zerbrach die Beziehung – für Malik unvermutet, für seine Verlobte unvermeidlich….

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Bald geht’s lustig zu

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„Brich das Brot und sprich mit mir“, sagte eine, die zu mir kam, um, wie sie sagte, Dinge herauszufinden. Ich hatte den ganzen Nachmittag im Hinterhof gesessen, um bloß nicht die Viertelstunde Sonnenschein zu verpassen, die mir laut Mietvertrag zusteht. „Das ist doch kein Zustand“, rief sie und wies mit ihren Brüsten Richtung Zukunft. „Ich dachte, es geht weiter, immer weiter. Nichts und niemand hatte mich darauf vorbereitet, dass es eines Tages vorbei sein könnte. Weißt du, was ich meine?“ Ich nickte und spuckte einen Kirschkern aus.

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Behördengang

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„Herein!“ Wilhelm Wackerstein sitzt am Schreibtisch und füttert einen Gecko mit Krumen. Wie soll ich sein Erstaunen beschreiben, als er sieht, wer zu seiner Tür hereinkommt? „Mensch, das ist ja eine Überraschung! Mit dir hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Wie lang haben wir zwei uns nicht mehr gesehen?“ Seine Freude ist echt – Wackerstein ist niemand, der sich gut verstellen kann und konnte. Das Tier auf dem Schreibtisch zermalmt Brotstücke und nickt. „Was kann ich denn für dich tun? Du besuchst mich doch nicht aus Höflichkeit.“ Da hat der scharfsinnige Mann natürlich recht; seit einem Zwischenfall vor einigen Dutzend…

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Tagebucheintrag 3.September

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Mein Vater, so erzählte es Mutter gerne, war ein rollender Stein. Wo immer er seinen Hut ablegte, fühlte er sich zu Hause. Ich kann mich nur noch bruchstückhaft an ihn erinnern, an einen untersetzten Mann, dessen genetisches Erbe ich zu meinem Leidwesen in mir trage: kurze Beine, schlechte Augen und einen bestenfalls als wackelig zu bezeichnenden Urogenitaltrakt. Wenn er dann und wann seinen Hut in unser bescheidenes Heim legte, war meine Mutter eine verwandelte Frau, im Alltag eher weinerlich reserviert, blühte sie während seiner Besuche auf und wurde von einer mir unbekannten Heiterkeit besessen, die manische Züge annehmen konnte. Wir…

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Eigentum

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‚Eigentum ist Diebstahl‘ steht auf dem Schild, das, auf der letzten Demonstration fallengelassen und liegengeblieben, mir während meines wöchentlichen Nachmittagsspaziergangs erst auf den zweiten Blick ins Auge fällt. Bis vor kurzem hätte ich es wohl völlig übersehen; es wäre mich nichts angegangen und ich hätte inhaltlich bestenfalls semi-interessiert zugestimmt, aber seit neustem bin ich Besitzer einer 4200 ha großen Organplantage. Ich züchte Menschen. Das klingt aufregender als es ist, denn ich muss nicht viel tun. Unterkunft stellen, mich um Nahrung und eine medizinische Grundversorgung kümmern, sind ja keine Tage füllenden Tätigkeiten. Manchmal muss ich abends an die Fenster der kleinen…

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Weit hinter dem Scheideweg

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„Immer mit der Ruhe! Einer nach dem anderen: die Frau und die Kinder zuerst!“ Kapitän Wahab geht im Kopf die notwendigen Maßnahmen zur Evakuierung eines Ausflugsdampfers durch. Jetzt, da sich seine Seeräuberkarriere ihrem Ende nähert, ärgert er sich doch, nicht den Weg der zivilen Seefahrt gegangen zu sein, zivil und vor allem rechtmäßig; das Piratenleben ist ihm, den zahlreiche Gebrechen und Wehwehchen plagen, nurmehr ein böser Traum. Wenn er wieder einmal mitten in der Nacht, schreiend und mit vor Schreck aufgerissenen Augen erwacht, wirken seine Lebensentscheidungen längst nicht mehr so erstrebenswert und glamourös wie in seiner Jugend. Um wie vieles…

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Zeitenwechsel

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„Teilweise hast du recht“, sagte Irmgard, den Tonfall ihres Mannes nachahmend, wenn der mal wieder genervt von der Einfalt seiner Mitmenschen, sich anschickte, sein überlegenes Wissen mit der Welt zu teilen. „Es ist niemals nur schwarz, niemals nur weiß, wenn man sich traut, die Theorie mit der Praxis zu vergleichen. Auf dem Papier kann man natürlich klar unterscheiden, was richtig und was falsch ist.“ Sie nahm einen herzhaften Schluck aus der Bierflasche. Das Bier war warm und schal, abgestanden wie Deodorant an einem schwülen Tag; sie hob den Arm ein wenig und roch an ihrer Achselhöhle. Ihr Mann stierte auf…

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Frühjahrstag, warm

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Ich wünschte, ich wäre der Schmetterling auf deinem Dekolletee. Das stelle ich mir lohnend vor: Als Bild auf deiner Haut die Welt zu betrachten. Du könntest mich herumtragen, mir all deine liebsten Stellen in der Stadt zeigen, deine Zufluchtsorte. Ich hingegen gäbe dir etwas Verwegenes, eine Aura des Aufruhrs im Rahmen des gesellschaftlich gerade noch Akzeptablen. So wäre uns beiden gedient; ich käme mal wieder raus und du könntest diejenige sein, die du gerne wärst und bist. Doch wer bin ich, dass ich es auch nur wagte, dich länger zu betrachten, als es in unseren Breiten schicklich ist? Passend dazu…

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Die Polterer

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Vor gar nicht langer Zeit halfen mir die Polterer mein Leben zu meistern und zu gestalten. Die Polterer sah und hörte niemand außer mir und wenn sie des Nachts nicht durch meine Wohnung huschten und die Tätigkeiten verrichteten, die tagsüber liegengeblieben waren, hörte ich ihre Stimmchen in meinem Kopf. Sie stritten viel; obwohl sie es ‚debattieren‘ nannten, war viel leicht vernehmbarer Hass zwischen ihnen. „Seid still!“, rief ich ihnen eines Tages zu, als es in meinem Kopf mal wieder hoch herging. Kurz verstummten sie, doch bald darauf schnatterten sie lauter als zuvor. Ich beschloss, einen Spaziergang im Umland zu unternehmen,…

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