Die Herrschaft des Maultiers

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Gott hat mich auf die Erde geworfen und jagt mich jetzt zu seinem eigenen Vergnügen. Die Neonlichter der Stadt zerreißen die Nacht wie faule, offene Wunden, ihre Farben kleben an den verspiegelten Fassaden, den Fenstern, die die Seele nicht reflektieren, nur das Elend der tausend leeren Blicke, die an mir vorbeigleiten. Jeder Schritt ein Stampfen, ein Echo der Peitsche, die ich nicht sehe, aber deren Knall den Takt der unsichtbaren Herrschaft schlägt, monotoner Rhythmus, der die Knochen mürbe macht. Der Geruch von altem Alkohol, umgekippten Parfüm und unerfüllten Versprechen hängt schwer in der Luft, als süßlicher Schleier über dem Grau…

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Sehnsucht nach Pershing II

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Kerstin stochert mit der Gabel in ihrem Curry. Die Tofustücke sehen aus wie kleine, zu oft gewaschene Schwämme. „Weißt du noch, dieses Gefühl? Damals? Die Pershing II, ein klares Ziel. So ein ordentliches, gut verpacktes Endzeitpaket.“ Tom schiebt seine Brille hoch. „Endzeit-Geschenkkorb, meinst du. Mit hübscher Schleife und einer Grußkarte vom Kreml. Heute ist es Endzeit-Bingo. Jeden Morgen eine neue Zahl, und keiner weiß, welches Feld man ankreuzen soll.“ Er nimmt einen Schluck von seinem viel zu teuren Craft-Bier. „Damals war es ja fast gemütlich. Der Feind hatte ein Gesicht, eine Ideologie, eine Uniform. Okay, keine schicke, aber erkennbar. Heute?…

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Zu zweit, aber nur ein Auge

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Berthold und Gundula hatten sich arrangiert. Oder besser gesagt, das Schicksal hatte sie arrangiert, in einer jener Launen. Sie teilten sich nicht nur das Dach über dem Kopf und eine spärliche Erbschaft, sondern auch ein einziges funktionsfähiges Auge. Berthold, der Linke, besaß die leere Höhle rechts. Gundula, die Rechte, hatte links nur eine milchige Trübung, die bestenfalls Licht und Schatten unterschied. Das Auge, ein prächtiges Blau, wanderte von einer Stirn zur anderen, je nachdem, wer gerade die Welt sehen wollte. Das Morgenritual war eine Choreographie der Geduld. „Ich brauch’s für die Zeitungsannoncen“, knurrte Berthold und schielte theatralisch mit seiner leeren…

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Mit Mann und Maus

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Ein Bart, der sich wie Tang um die Welt wickelte. Darin, im Dickicht der grauen Haare, wohnte die Maus. Sie war sein letztes Schiff, er ihr erster Matrose. „Mit Mann und Maus“, säuselte der Rost in den Gelenken des Universums, als der Mann einen Seufzer aushauchte, der nach vergessenen Häfen roch. Die Maus, ein winziger Kompass in der pelzigen Wildnis, nagte unbeirrt an der Grenze zwischen Traum und morschem Holz. Ihre Augen, zwei Stecknadelköpfe der Erkenntnis, beobachteten, wie der Mann langsam zerbröselte, aber nicht zu Erde wurde, sondern zu einer feinen, melancholischen Luft. Und er, in seiner zerstäubten Glorie, wusste:…

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Das Parfum des Henkers

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Wie der Henker riecht, weiß keiner. Die zahlenden Beobachter nicht, die in gemütlich eingerichteten Zuschauerkabinen dem Spektakel beiwohnen, nicht die Angehörigen der Opfer, die die Hinrichtung zur persönlichen Satisfaktion gratis verfolgen dürfen. Dieser Duft, dachte der Verurteilte, war keine flüchtige Essenz, sondern ein manifestes Vibrato absoluter Leere, eine Synkope zwischen Herzschlag und Echo. Er malte sich auf der Netzhaut ab als das unerträgliche Ultraviolett des Schweigens, schmeichelte dem Gaumen wie der Geruch von verrostetem Messing und klang in den Ohren wie die Geometrie zerberstender Ordnung. Eine olfaktorische Apokalypse, die die Fassaden der Vernunft mit dem Wisch eines Wimpernschlags entstellte. Das…

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Mit einem Körnchen Schmalz

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Der Mann sitzt auf der Bank. Er wartet auf den Bus, der nicht kommt. Eine Taube sitzt auf seinem Kopf. Sie blinzelt. Ihr rechtes Auge ist etwas größer als ihr linkes. Er fühlt eine Wärme. Es ist nicht die Sonne. Die Taube gurrt eine Melodie. Sie klingt nach Ostseeküste und Zuckerwatte. Ein Gefühl steigt auf. Es ist nicht Glück. Er lächelt gequält. Ein Passant bleibt stehen. Er hat einen Regenschirm. Der Himmel ist wolkenlos. Der Passant fragt nach dem Sinn. Der Mann zuckt die Achseln. Die Taube nickt. Der Passant geht weiter. Der Mann sitzt. Die Taube gurrt ein anderes…

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Der Zar der Zeit

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Der Zar der Zeit sitzt auf seinem Thron, der einem Hochstuhl für Kleinkinder nachempfunden ist. Des Zaren Finger, schmal und von blassgrauer Färbung, spielen mit einem winzigen, angerosteten Hebel, der aus einem klobigen Messingkasten vor ihm auf dem Hochstuhl ragt. Ein leises Klicken – kaum hörbar über dem steten, aber unregelmäßigen Ticken der zahllosen Uhren an seinen Wänden – und die Welt dreht sich einen winzigen Deut zu schnell. Eine Fliege, die eben noch an der Tapete krabbelte, ist plötzlich am Fenster und weiß nicht warum. Draußen, auf den gepflasterten Gassen, ereignet sich eine leise Verschiebung. Eine Dame, die ihren…

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Der Salzkrieg ist vorbei

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**Personen:** A: Ein Mann, Mitte 60, abgetragen, doch mit der Aura eines ewig Unzufriedenen. B: Eine Frau, ähnliches Alter, mit einer melancholischen Beharrlichkeit in Stimme und Haltung. **Greisenstimme:** (Aus dem Off, mal murmelnd, mal fast flehend, dann wieder eindringlich befehlend) **Ort:** Eine extrem karge, fast klinisch wirkende Bühne. Zwei abgenutzte Stühle, ein kleiner, runder Tisch aus Metall, der das Licht ungnädig reflektiert. Kein weiteres Dekor. Die Beleuchtung ist neutral, unbarmherzig. *(Die Bühne ist zu Beginn dunkel. Eine lange Stille. Dann langsam, als würde der Tag nur widerwillig anbrechen, wird sie in ein kaltes Licht getaucht. A und B treten gleichzeitig,…

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Professor Brautsacks Laubsägeatelier oder der Tod des Banausen

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„Ich wünsche mir zu Weihnachten ein bodenloses Fass. Zu Weihnachten wünsche ich mir ein bodenloses Fass. Ein bodenloses Fass wünsche ich mir zu Weihnachten.“ So geht es nun schon seit dem ersten Adventssamstag. Tag und Nacht, morgens, mittags und abends. In Variationen, aber immer im selben Tenor. Mein halbherziger Einwurf ‚ich dachte, wir schenken uns dieses Jahr nichts‘ bleibt unerhört ungehört und weiter geht’s: „Ich brauche ein bodenloses Fass, ein Fass brauche ich, aber ohne jeden Boden. Verstanden? Verstehst du? Ohne Boden.“ Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Da kommt mir die Postwurfsendung für alle Haushalte, die ich erst gestern…

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Die Zeit der Flüsterpest

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Der karmesinrote Husten geht in unseren Landen um. Der größte Teil der Bevölkerung ist nicht seuchenerprobt und weiß kaum etwas mit der neugewonnenen Länge der Tage und Monate anzufangen – es herrscht bedingte Ausgangssperre, wobei sich die in den Medien verbreiteteten Bedingungen täglich, oft zweimal täglich, ändern. Wir haben viel Zeit. Viel Zeit und wenig Geld. Für zwei Rollen Toilettenpapier und ein Fläschchen Sonnenblumenöl haben die Nachbarn aus dem Vorderhaus schon ihren Sohn und ihre Tochter ins Pfandhaus gezerrt und versetzt. Darauf angesprochen, sagte die Mutter, eine ehemals respektable Physiotherapeutin, dass sie jederzeit neue Kinder machen könne. Sie warte jedoch…

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