Grundfließbild

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Zwei Abwasserrohre aus Stahl trafen sich an der Straßenecke und verfolgten die Konversation eines Paares, dessen beste Zeiten lang vergangen waren: „Ich habe es im Ohr. Jetzt warte doch mal! Ich komm gleich drauf.” „Hm, vielleicht ist die Melodie gar nicht so wichtig. Vielleicht reagierst du jetzt über.” „Aber es ist doch ‚Unser Lied‘. Erinnerst du dich nicht?” „Wir haben doch gar kein Lied. Wenn ich ein Lied habe, geht dich das überhaupt nichts an. Du hast vielleicht auch ein Lied, aber wen interessiert das schon? Du bist viel zu ich-fixiert. Denk doch nur einmal an andere! Mich zum Beispiel….

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Neues nicht so gut, Altes nicht so wahr

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Vieles passiert. Vieles passiert jeden Tag: Trauerfälle, Hochzeiten, Bindungen, Lösungen, unlösbare Situationen, Fortschritte, Rückschläge. Das an sich ist nichts Ungewöhnliches. Was es bemerkenswert macht, ist die Erkenntnis, dass Dinge auch ohne mein Zutun geschehen. Was wäre die Welt für ein Ort, frage ich mich, nähme ich wieder aktiv am Leben teil? Wäre ich beispielsweise mobil und wie noch im Sommer in der Stadt unterwegs, hätte ich wahrscheinlich vor einigen Tagen meinen alten Freund Viktor getroffen. Eine Supermarktkassenbegegnung, man kennt das ja: Und wie geht’s? Hast du inzwischen mal wieder was von der & der gehört? Ist sie noch mit soundso…

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Der Städteplaner

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„Wenn Sie so freundlich wären, ein wenig zur Seite zu rücken, würde ich Ihnen gerne meine Geschichte erzählen. Aber erst geben Sie mir bitte meinen Taler zurück – der ist mir aus dem Beutel gerollt.“ Der emeritierte Professor für urbanen Städtebau und Flaschensammler Phillip ‚Thunderdome‘ Kloppenburg ist heute in Redelaune. Um konkurrenzfähig Flaschen zu sammeln fehlt ihm mittlerweile die Spritzigkeit, aber für ein Zubrot reicht es noch. ‚Das Geld liegt auf der Straße‘, pflegt er zu sagen und hat natürlich recht. „Sie wundern sich sicherlich über mein blaues Auge – das ist ein Andenken an Frau Majakowski, diese diebische Schnapsdrossel….

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Oneirologie

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Kaum-Ich: Du willst mir weismachen, du weißt nicht, was es bedeutet, wenn man von Federn und Münzen träumt? Nicht-Ich: Ja. Kaum-Ich: Ich kann es nicht glauben. Entweder willst du mich auf den Arm nehmen oder du bist ein größerer Trottel, als ich ohnehin schon angenommen habe. Nicht-Ich: Sag du es mir; was bedeutet es, wenn ich im Traum mein Kopfkissen anhebe und ein Haufen Federn liegt da auf dem Laken, groß, als hätte ich einen verdammten Kondor oder einen Pelikan geschlachtet? Nenne mich Trottel, aber ich habe wirklich keine Ahnung. – Und was die Münzen betrifft, die mir ausgehen, während…

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Ente gut – Beichte einer Gossenschnüss

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An einem anderen Tag warf ich ein Klavier vom Balkon und traf den größten Teil einer Gruppe Enten. Ihr Geschnatter ließ mich im ersten Moment annehmen, sie seien amerikanische Touristinnen, die ein Wegebier genießend, die gar nicht mal so laue Herbstnacht durchschritten. Ich lehnte mich über die Brüstung und sah Entenmatsch, Federn und versprengte Vogelkörper – mein Klavier war auch nicht mehr im besten Zustand. Hatte ich noch am Vormittag schmissige Schlagermelodien geträllert und mich mit einfachen Handgriffen auf dem Piano begleitet, sah es jetzt beim besten Willen nicht mehr spielbar aus. „Junge, komm bald wieder!“, rief ich ihm in…

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Rückruf

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Händeringend verbringe ich meine Tage. Was ist, so frage ich mich andauernd, was ist, wenn meine bisher geschriebenen Texte, meine Gedichte, Stücke und Kurzgeschichten, was ist, wenn sie Mängel aufwiesen und alle Menschen, die jemals etwas von mir Geschriebenes gelesen haben, zu Recht erzürnt wären? Beziehungsweise sind. Immer noch sind. Mängel sind niemals ganz zu vermeiden und normalerweise fallen Mängel auch nicht weiter ins Gewicht. Was ist, so frage ich mich andauernd, wenn die Mängel in den Texten aber derart gravierend wären, dass selbst der wohlmeinendste Leser, die wohlmeinendste Leserin, sie nicht gütig überlesen könnten? Nehmen wir nur die quantitativen…

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Plädoyer für eine Dienstpflicht

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„Ein Griff zwischen die Beine hat noch keiner geschadet – soll niemand behaupten, ich hätte nichts als Flausen im Feldhemd gehabt.“ Stabsunteroffizier Tschurimuri lässt heute seine Medaillen und Orden putzen, philosophiert in typisch umständlicher Manier über das Verhältnis von Männern und Frauen und haucht heißen Atem in den Ausschnitt der seine Auszeichnungen auf Hochglanz wienernden Rekrutinnen. „Da soll nur jemand kommen und sich trauen, mir ins Auge zu blicken und zu sagen, dass das, was ich tue, Unrecht ist“, brummt er und zwinkert wollüstig. Die jungen Soldatinnen schlucken ihren Ärger, solche Reden führt der Stabsunteroffizier in quälender Regelmäßigkeit. Tschurimuri hat…

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Farbenlehre

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Die Zeit war gekommen, dass ich vor dem Spiegel stand, als eine Hand die Oberfläche durchstieß und mich auf die andere Seite zog; der Sog ließ nicht nach bis ich mich auf einer Wiese wiederfand und ein alter Mann mir den Weg versperrte. „Willst du mein Gefährte sein?“, fragte er mit einem Unterton, der mein Misstrauen weckte. Ich schüttelte den Kopf, da packte er mich bei den Schultern – seine Finger bohrten sich schmerzhaft in mich. „Denn wisse: das Gras ist nicht grün, auch wenn es dir Gewohnheit geworden ist, es grün zu sehen.“ Er lockerte den Griff und raunte:…

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Das Treffen

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„Nichts auf der Welt ist so eilig“, sagte er, nahm die Pfeife zur Hand und stopfte Tabak mit dem Zeigefingerstumpf in die Öffnung, „als dass es durch Liegenbleiben nicht noch eiliger würde.“ Er lehnte sich zurück, vergewisserte sich durch Schütteln in Ohrhöhe davon, dass ausreichend Gas in seinem Feuerzeug war. „Und wenn du nicht arbeiten willst, haben sie Wege dich zu zwingen. Mit Geld.“ Er paffte und entfachte einen Nebel aus Rauch, der ihn umgab, wie ein schwebender Umhang. „Glaube mir, mein Junge, ich habe es selbst erlebt – nichts hätte mir ferner gelegen, als Montag bis Freitag aufzustehen und…

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In meiner Kindheit trugen die Frauen Kittelschürzen

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A: Ich hatte wohl zu lange am offenen Fenster in die Nacht gelauscht, denn aus dem Rauschen urbaner Stille entwickelte sich allmählich eine Melodie, und als ich sie oft genug gehört hatte, begann ich mitzusummen. Mir wurde schwindelig, fast wäre ich geneigt zu sagen „ein Schwindel ergriff mich”, und ich schlug, Steißbein zuerst, auf dem Zimmerboden auf. B: Aua, das klingt ja schrecklich! Ich bin letzte Nacht fast von den Mücken leergesaugt worden – entschuldige, das sollte jetzt kein Vergleich mit deinem Elend sein. Was war denn passiert? A: Die Melodie war verschwunden, draußen fauchte die Autobahn. Der Nachbar aus…

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