Alles eine Frage des Stils

„So etwas sagt man aber nicht“, sagt eine, die aussieht, als wäre sie in den 1970er Jahren als Teenagerin in einen etwas älteren Jung-Revolutionär verliebt gewesen, der sich aber nach einiger Zeit, sehr zu ihrem Leidwesen, als Riesenchauvi herausgestellt hatte. „Und wenn man schon derartiges sagt, dann muss man die Etikette achten. Es gibt nun einmal Regeln und Konventionen, die es einzuhalten gilt. Das habe ich selber schmerzhaft erfahren müssen. Damals. Stichwort: Deutscher Herbst und so. Aber was wisst ihr jungen Dinger, Entschuldigung, ihr jungen Leute, denn von früher? Nichts!“
Die Angesprochene, eine blasse, vom Leben noch wenig gezeichnete Frau in ihren frühen Zwanzigern, kennt den Sermon ihrer Großtante schon von anderen Familienfesten. Sie weiß, dass in solchen Situationen, Schweigen das Gebot der Stunde, die beste Antwort, wäre. Sie nickt und kann sich doch nicht hindern zu antworten: „Von meiner Warte aus gesehen war das Heutzutage früher erheblich überschaubarer. Gut war gut und schlecht war schlecht. Jetzt wird schlecht gut genannt und gut gibt es eigentlich überhaupt nicht mehr.“
Die Großtante und die Großnichte schweigen gemeinsam und halten sich an ihren Weingläsern fest. Sie wollen das schöne Fest, ihr Wiedersehen nach etlichen Jahren, nicht durch Generationsdissonanzen stören. Beide stürzen ihren Wein in ungesunder aber verbindender Geschwindigkeit. Die Nichte sagt: „Ftznfrtz hat Glück, dass mir die KI vom Tyrannenmord abrät.“
Die Tante rümpft die Nase. „Genau das meine ich. Uns wäre doch damals nicht eingefallen, den Bundeskanzler so zu titulieren. Und wir waren auch nicht immer einverstanden mit dem, was da immer beschlossen wurde. Das ist alles eine Frage des Stils.“
„Eure Kanzler waren aber auch, in ihrem Rahmen, Männer von Format, Männer von Welt. Keine seelenlosen Monster, Männer von Geld.“ Die Großnichte spürt, dass ihr Blut in Wallung gerät und so hält sie inne, bestellt sich und der Tante lieber noch ein Glas Wein und erhebt sich zum Toast: „Es ist Zeit, den Tag zu loben, es wird langsam Abend. Prost, meine Lieben, prost!“
Die Tante tätschelt ihr die Hand und sagt, als sie sich wieder setzt: „Du siehst, mein Kind, man kann das alles auch anders lösen, das ist alles eine Frage des Stils. Ich habe schon Büstenhalter verbrannt, als ich noch gar keine getragen habe.“
Die Nichte sitzt nach dem sechsten Glas auch nicht mehr ganz gerade und sieht die Tante, von der es in der Familie heißt, sie sei ihr so ähnlich, aus glasigen Augen an. „Liebes gutes Tantchen, ich fürchte, du hast Recht, wir müssen Klasse beweisen, die Form dem Inhalt wieder gleichstellen.“
Die Großtante bestätigt noch einmal mit schwerer Zunge: „Alles eine Frage des Stils.“ Dann steigt sie in ihr peppiges Auto, und verunglückt, entgegen der Befürchtung ihrer Großnichte, nicht auf der Fahrt nach Hause. Routine, sagt sie sich mit schwirrendem Kopf, auf dem Sofa liegend. Alles Routine. Und eine Frage des Stils.