Müßiggang nach Canossa

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Dorothea Pelzfuß starrt das hellgrüne Kuvert an. Zarter Moschusduft steigt vom Papier auf und verursacht ihr leichtes Würgen. „Ich schicke Ihnen die Unterlagen in den nächsten Tagen zu“, hatte die Dame vom Amt gesagt. Ihr unverbindliches Beamtenlächeln war noch tagelang an Dorotheas Netzhaut kleben geblieben und hatte ihr die Aussicht versaut. Weil sie nicht am Wehrdienst teilnehmen will, hatte Dorothea Pelzfuß vorsprechen und sich erklären müssen. Der Staat hat ein Anrecht auf Erklärung, wenn eine seiner Bürgerinnen etwas aus der Reihe tun oder lassen will. Umgekehrt gilt das freilich nicht – der Staat geht seinen Tätigkeiten nach Belieben nach oder…

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Synthetisches Karma

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Ich kenne Ossi Petrossi seit dem Kindergarten. Er war schon damals ohne Furcht und während wir anderen Kinder – in steter Angst vor Frau Apfelbeck – versuchten, den lieben langen Tag möglichst unauffällig Bauklötze zu stapeln oder Schleifen zu üben, lachte er ihr frech ins Gesicht und drehte ihrem erhobenen Zeigefinger eine lange Nase. Auch später in der Schule spottete er über Strafen und Sanktionen oder tat sie achselzuckend ab. Seine Eltern hielten es vermutlich ebenso, wobei ich gar nicht sicher bin, ob er überhaupt Eltern hatte. Womöglich war er eine düstere Ausgabe von Pippi Langstrumpf und sein Vater Sklavenhändler…

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Zu viel der Kunst

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„Eine Tageszeitung namens Fake News herausgeben, gedruckt mit der finstersten Druckerschwärze von anno Dazumal auf säuregebleichtem Umwelttodesschockpapier. Drin steht die brutale Wahrheit ohne Schnörkel und Flauschpölsterchen. Die Leute bekommen bei der Lektüre schwarze Finger und Hustenanfälle, die Abonnenten sogar Krebs oder Pseudokrupp. In den Redaktionsräumen mit Drogen vollgepumpte Journalisten, die Ketten rauchen und Schnaps trinken, damit sie die Realität unbeschadet betrachten können, von der sie anschließend in Leitartikeln und Glossen erzählen. Apropos Glosse, da fällt mir ein, wussten Sie, dass Lip Gloss das englische Wort für Mundpropaganda ist? Nein? Das dachte ich mir. Da fällt mir ein es heißt Mundpropaganda,…

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Die Schwerkraft nahm sich einen Tag frei

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Das stimmt natürlich nicht, ich wollte nur Ihre Aufmerksamkeit erringen. Bei wem sollte die Schwerkraft auch den freien Tag beantragen? Beim Amt für Naturgesetze vielleicht? Trotzdem gefällt mir die Vorstellung, dass alles und jeder für 24 Stunden haltlos umherschwebt, von der Mittelstreckenrakete über den Weltfußballpräsidenten bis zum Hundewelpen. Da wäre gleich Schluss mit den Terroranschlägen. Die Straße von Hormuz für immer geschlossen, weil sie in verschieden großen Wasserkugeln durch die Luft flöge, umtanzt von wolligen Talibanbärten links und rechts. Ja nun, das bleibt leider alles Phantasie, da ein Naturgesetz nicht Urlaub machen kann. Wäre die Schwerkraft ein Gottesgesetz, sähe die…

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Schnellstraßenblues

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Mit einem satten Schmatzen schließt sich die Autotür hinter Paula Pelzfuß. Sie richtet den Rückspiegel ein und betrachtet kurz die kleinen Tränensäcke unter ihren Augen. Obwohl sie täglich mit gesalzenen Fingern darauf herumklopft, wie es die Dame in dem Video gezeigt hat, verschwinden sie nicht. Einige Jahre lang glaubte sie, sie müsse nur ein paar Mal richtig ausschlafen, dann gingen die wieder weg. Mittlerweile denkt sie, dass es vielleicht am Alter liegt und irgendwie dazugehört. Mittlerweile denkt sie auch manchmal, dass die Dame in dem Video womöglich eine Lügnerin ist und ihre Geheimnisse zur Wiedererlangung der Jugend allesamt nur Geschichten…

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Globales Dorftrotteltum

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Die Welt ist bekanntlich ein Dorf. Das ist natürlich Quatsch, denn in welchem Dorf wohnen schon achteinhalb Milliarden Menschen? Außerdem würde das bedeuten, dass es – wie in jedem Dorf – nur einen Dorftrottel auf der Welt gibt. Dem dürfen die Kinder ungestraft Streiche spielen und im Wirtshaus bekommt er umsonst ein Bier und eine Suppe. Bürgermeister wird er sicher nicht. Aber bitte, leben wir halt in einem globalen Dorf. Das ist schließlich nicht die einzige Ungereimtheit auf diesem Planeten. Jedenfalls, die Welt ist voller Dorftrottel und jeder meint, er sei keiner. Bei so einer Unmenge kann man nicht allen…

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Der Stimmungsimitator

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Mit mäßigem Interesse verfolgt Konrad Pelzfuß die Nachrichten aus aller Welt auf seinem Taschencomputer. Krieg hier, Friedensplan dort, Steuern rauf, Gebühren runter, Handelsstraße auf, Handelsstraße zu, alte Migranten beklagen sich über neue Migranten, ein Schnellkochtopf mit Füßen wird Billionär, in einem Zoo wird ein Gürteltierbaby Fotzenfritz getauft. Das übliche Zeug halt. Wie alles andere auch kümmert es ihn nicht. Konrad Pelzfuß legt das Gerät beiseite und macht sich an sein morgendliches Yoga. Beim trommelnden Kamel zwackt es ihn wie üblich im Hintern, doch er führt die Übung mit zusammengebissenen Zähnen und Bienenatmung aus. Er genehmigt sich eine Dose Sardinen in…

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Der Traum der Maschine

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Mein Vater ist ja mehr oder weniger weltbekannt für seine Erfindungen und Konstruktionen. Wer erinnert sich nicht an den Hilfsflottentränenföhn oder die Frontfriteuse, beides Gerätschaften, die den Teilnehmern an internationalen Konflikten nie dagewesenen Komfort bescherten. Als ich ein Kind war, hatten alle meine Schulkollegen einen Jausenwolf zuhause und ohne Prellklammern fuhr niemand in den Urlaub. Natürlich gab es auch Dinge, die nie über unser Heim hinaus Bekanntheit erlangten. Die Infraschall-Knödelpresse zum Beispiel. Von all den Maschinen, die mein Vater erdacht und gebaut hat, bin ich die am wenigsten gelungene. Bereits bei der kleinsten Beanspruchung knarze, brumme und knacke ich, dass…

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Das Unvorhersehbare

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Wer über ausreichend Weitblick, Gefühl und das rechte Maß an Phantasie verfügt, dem wird das Wenigste im Leben als unvorhersehbar erscheinen. Die Vorsehung zieht sich jedoch beleidigt zurück, sobald man ihr mit Statistik, Wunschdenken oder Hausverstand auf die Sprünge helfen möchte. Wenn es nur zwei Reiter der Apokalypse gäbe, hießen sie Hausverstand und gesunder Menschenverstand. Aber das ist eine andere Geschichte. Zudem mag sich ein Orakel nicht festnageln lassen. Einmal hielt ich es für eine gute Idee, Bruno Absorbanski und McMurphy miteinander bekannt zu machen. „Kein Vorname?“, fragte Bruno mit hochgezogener Augenbraue. McMurphy schüttelte langsam den aristrokatischen Schädel. Obschon ich…

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Abglanz gefallener Engel

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Ab einem gewissen Alter beschleicht einen immer öfter das Gefühl, man hätte Sachen schon einmal erlebt. Nicht so ein magischer Moment von dem man Ohrensausen und Eingeweideflattern bekommt, nein, nein, kein Dèjá vu. Ein Dèjà vie eher. Ein Abgrund, der einem mit kaugummigebremster und bleierner Stimme entgegengähnt: „Das schon wieder!“ Manche stürzen sich deshalb kopfüber in noch nie dagewesene Abenteuer, erklimmen Achttausender ohne Sauerstoffgerät, schwimmen mit Alligatoren oder lernen Querflöte. Andere, die weniger Verwegenen, erstellen sich zumindest Listen, auf denen die zu bestehenden Abenteuer eingetragen und abgehakt werden können. Bernadette Pelzfuß hingegen gibt sich der Routine hin. Sie freut sich…

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