Bei Wasser und Brot

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„Ich frage mich“, sagt der Mann und schlägt seinen Kragen hoch, „warum niemand dem Wasser Einhalt gebietet? So schwer kann das ja nicht sein!“ Er beugt sich vor und schöpft mit einem rosa Plastikeimerchen braune Brühe aus dem Strom, der unter seinem Fenster vorbeirauscht. Seine Wangen sind gerötet, als er den Eimer in die Kamera hält. „Sehen Sie, so geht das!“, ruft er und verschwindet im Badezimmer. Kurz darauf erscheint er wieder. In der rechten Hand hält er ein dick belegtes Schinkenbrot. „Sie sehen, ich bin auf alle Eventualitäten vorbereitet“, verkündet er stolz und hält der Reporterin das Brot entgegen….

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Die Zeit danach

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Meine Augen sind nicht mehr so scharf, als dass ich damit allzu weit in die Zukunft blicken könnte. Nicht, dass es da viel zu sehen gäbe. Aber man macht das so heutzutage, und ich will nicht den Eindruck erwecken, Trends seien mir fremd. Ich weiß nicht, wann das geschehen ist, dass man den Hals den kommenden Zeiten entgegenreckt. Als ich jung war, gab es gar keine Zukunft. Man war, so dachte man, am Ende der Zeit angelangt, oder wenigstens kurz davor. Der Globus gespickt mit Mittelstreckenraketen, die aus sterbenden Wäldern hervorragten, die wir nicht betreten durften, weil man dann die…

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Pläne

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Ich grabe ein Sommerloch. Da schütte ich den Schweiß hinein, der mir bei der Arbeit durch die Speckfalten läuft. Ich sammle ihn in einem Flakon. Dann habe ich bald einen Salzteich und wer sich den Urlaub am Meer nicht leisten kann, kommt zu mir zum Schwimmen. Ich stelle einen dicken Hund als Bademeister an, der kassiert den Eintritt. 50 Pfennige, wie früher, als man noch klein war. Aber niemand hat mehr Pfennige zur Hand. „Das ist ja ein dicker Hund!“, rufen die Leute und werden gebissen, denn der Hund ist empfindsam und verträgt keinen Spott. Das Blut ihrer Wunden färbt…

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Ungnade

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Die Maus setzte sich auf den Rand der Kaffeetasse und schlug die Beine übereinander. „Ich freue mich sehr über Ihren Besuch. Es ist eine Weile her, seit ich jemanden aus dem Mäusevolk gesehen habe.“ Klytamnestra stellte ein Tellerchen mit Käsestücken auf den Tisch und machte eine einladende Geste. Die Maus zuckte mit den Schnurrhaaren und kratzte sich hinter dem Ohr. „Ich fürchte, ich bin nicht zum Plaudern gekommen“, piepste die Maus, zog ein Tablet aus einem kleinen Aktenkoffer hervor und tippte nervös auf dem Bildschirm herum. „Mäuse mögen übrigens keinen Käse. Das sind Ammenmärchen“, fügte sie mit einem raschen Blick…

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Keine Taube in der Hand

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Der Mann ließ sich erschöpft auf die Bank fallen. Den Harzer Käse, der dort lag, übersah er. „Ihnen ist nicht zufällig ein Stück Harzer Käse untergekommen?“, gurrte eine Taube. „Er ist mir sehr wichtig.“ Eine klebrige Kühle wanderte vom Hosenboden des Mannes sein Rückenmark hinauf. „Ich sehe es Ihnen doch am Gesicht an, dass sie den Käse haben!“ Das Gurren bekam eine hysterische Note. „Ich habe doch gar kein Gesicht“, erwiderte der Mann und rutschte verstohlen etwas hin und her. Er war müde von der Arbeit und hatte keine Lust, sich mit einer Taube zu unterhalten. „Ksch, ksch, ksch!“, machte…

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Die Perle Andalusiens

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Marilen Pelzfuß saß auf ihrem engen Balkon, betrachtete die grünliche Fassade des Nachbarhauses, nippte an ihrem Tee und erinnerte sich an eine lange zurückliegende Reise. Ein hagerer Mittvierziger mit rot gefärbtem Haar und säuerlichem Geruch war ihre Begleitung gewesen. Er hatte alles versucht, um mit ihr in Streit zu geraten, doch Marilen hatte bereits am Flughafen beschlossen, zu allem Ja und Amen zu sagen, egal wie langweilig, anstrengend oder fern ihrer eigenen Vorstellung es auch sein möge. Streiten würde sie jedenfalls nicht. „Wir müssen“, meinte ihr Begleiter nach dem Abendessen in einem selbst bei Nacht noch stickigen und heißen Innenhof,…

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Die süße Bohne

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Für Viktor Mundschenk war das Leben eine Plage. Er tat sich schwer, morgens aus dem Bett zu kommen und nachts einzuschlafen. Alles dazwischen gelang ihm selten, weshalb er sich scheute, bei neuen Bekanntschaften seinen Vornamen zu nennen. Nicht, dass er viele Leute kennengelernt hätte. Viktor Mundschenk buk gewöhnlich ein ungewürztes Eigenbrot, das er ohne Belag und in Einsamkeit verzehrte. Nur hie und da gönnte er sich eine Weinbrandbohne, und wenn die scharfe Süße seine Backen füllte, wünschte er, es gäbe jemanden, mit dem er diesen seltenen Genuss hätte teilen können. Eines Tages überfiel ihn eine tollkühne Stimmung. Er packte ein…

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Ein Stückchen Hand

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Es empfiehlt sich, in guten Zeiten zumindest einen Raum in der Wohnung mit Speckstreifen zu tapezieren, dann hat man in der Not etwas zu knabbern. Aber wer denkt schon in guten Zeiten an die Not? Da flaniert man irgendeinen Boulevard entlang oder lässt in der Abendsonne die Eiswürfel im bunten Getränk klimpern. Dabei lungert das Elend immer an der nächsten Ecke herum. Den Tipp mit den Speckstreifen habe ich übrigens von meinem Onkel Ralf bekommen, zusammen mit einem Briefmarkenalbum. Zu meinem neunten Geburtstag. Onkel Ralf ist Experte für Drangsal. Selbst die todsicheren Dinge gehen bei ihm schief. Trotz eines Lebens…

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Der Kriminalroman

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Man müsste, dachte sich Hagen Pelzfuß, einen Kriminalroman schreiben. Er hatte es satt, Sonntag für Sonntag betuliche Lyrik für die Lokalzeitung zu verfassen. Wenn er nur daran dachte, wie die zuständige Redakteurin die altrosa geschminkten Lippen beim Lesen seiner Verse kräuselte, stieg ihm das Erbrochene im Hals hoch. Bis zu dem stand ihm leider auch das Wasser, so dass er auf den Scheck der widerlichen Scharteke angewiesen war. Der Kriminalroman, dachte sich Hagen Pelzfuß, müsse regionalen Bezug haben, und eine schlaue Kommissarin, die gleichzeitig Landesmeisterin im Kickboxen war. Doch um so einen Roman zu schreiben, brauchte man Zeit und Muße…

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Unbegrenzte Möglichkeiten

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Der Rauch kratzt mir die Augen blutig, doch den Weg ins Freie verstelle ich mir selbst. Auf dem Tisch ein ehemals weißer Teller mit Resten vom gestrigen Notlügensalat. Es läutet an der Tür, ich will gar nicht wissen, wer das ist. Ein Herr vom Geheimdienst, der mich impfen will, gegen den Ablauf meiner Zeit. Aber das kümmert mich nicht. Soll sie doch ablaufen oder es sein lassen, wie die stockig-braune Brühe in meinem Spülbecken und draußen in den Straßen, wo ich nicht hingehe. Vielleicht auch eine Frau. Heute ist ja alles möglich, heute kann jede alles sein und jeder werden,…

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