Kein Morgen graut meiner Nacht

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Obschon es solche und solche Nächte gibt, sind sie am Ende alle gleich. Die Dunkelheit schmilzt wie ein Stück Butter in der Pfanne, das Licht wechselt und ein neuer Tag beginnt. Wenn man bedenkt, dass vielerorts den Leuten die Nächte durch explodierende Kamikaze-Drohnen oder bunkerbrechende Bomben erleuchtet werden, ist das natürlich reines Geschwätz. Aber es ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass ich von der Chaiselongue aus ein bisschen romantisch daherplappere und mich an vergangene Sommernächte und wilde Küsse erinnere. Hinfahren kann man ja nirgends, weil das Benzin so teuer und alles voller Terroristen ist. Und außerdem – die Herrscher tun…

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Der Infoborn

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Wer wenig hat, hat auch wenig zu melden. So war das zumindest bisher bei uns im Ort. Mit der neuen Bürgermeisterin, einer Brünetten mit ausladendem Lächeln, wird das jetzt anders. Die ist nämlich eine Bürgermeisterin für alle, nicht bloß für die oberen Zehntausend, hat sie gesagt. Dabei haben wir gar nicht zehntausend Einwohner, aber so genau geht das in der Politik bekanntermaßen nicht. Jedenfalls, damit alle Welt, unabhängig von Einkommen und sozialem Status, Informationen austauschen kann, haben wir neuerdings am Kirchplatz einen Infoborn. Da geht man hin und spuckt seine ganz persönlichen Neuigkeiten in eine Art Weihwasserbecken. Ist das Becken…

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Der hohle Zahn des Zaren

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Der Zar saß beim Frühstück und litt an seinem hohlen Zahn. Die Leere dehnte sich in seinen Mund aus und entfloh in Worten, die sogleich vom Redenschreiber aufgezeichnet und wenig später vom Doppelgänger der Welt vorgetragen wurden. Der Zar fürchtete sich vor der Höhle in seinem Oberkiefer und hätte am liebsten die Krim annektiert, aber das ging nicht, denn das hatte er schon. „Vielleicht“, dachte der Zar, „sollte ich zum Zahnarzt gehen“. Doch die Zahnärzte waren alle im Gulag und der Zar war nur noch von halbseidenen Wahrsagern und zwielichtigen Kaffeesatzlesern umgeben. Also nahm er ein Mittelchen und ging aufs…

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Trauerporno

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Früher, als alles noch besser und ich ein Dreikäsehoch war, lief ich an der Hand meiner Großmutter mit vor Staunen tellergroßen Augen durch unser Städtchen. Wie überall gab es auch bei uns ein Trauerpornokino. In einem unscheinbaren Gässlein in der Nähe des Bahnhofs steckte es zwischen einem Zahngoldgeschäft und einer Würstchenbude seine in gedeckten Farben blinkende Leuchtreklame in die Höhe. Mein Großcousin Gernot nahm mich einmal mit hinein. Drinnen saßen vereinzelt alte Klageweiber mit schwarzen Kopftüchern und schluchzten – manche leise und erstickt, andere mit extrovertiertem Timbre. Der Geruch von tränenfeuchten Stofftaschentüchern zog durch die Reihen und als ich gedankenverloren…

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Wutköder Wahrheit

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Mit der Wirklichkeit möchte Wilhelm Borezcs nichts mehr zu tun haben. Wer ihn von früher kennt, vermag sich das kaum vorzustellen. „Der alte Willi ist doch immer übergequollen vor lauter Wahrhaftigkeit und Realitätssinn. Das kann ich mir ja gar nicht vorstellen“, würde zum Beispiel Franz Speck, sein Banknachbar aus dem Gymnasium, sagen, wenn er von davon erführe. Aber es stimmt. Seit nämlich Wilhelm Borezcs im Keller seines Hauses die Wirklichkeitsmaschine entdeckt hat. Zunächst dachte er, es sei eine von diesen modernen Heizungen, die Wärme aus den Tiefen der Erde hervorlocken, damit man günstig ein Bad nehmen kann, bis der Planet…

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Ein guter Amboss fürchtet keinen Pudding

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So oder so ähnlich reden die alten Despoten und Tyrannen dieser Tage daher, um mich davon zu überzeugen, das Volk müsse im Angesicht der allgemeinen Bedrohungslage wehrhaft sein. Obschon jedes Kind weiß, wie blödsinnig das ist, scheint die halbe Welt diesen Binsendummheiten Glauben zu schenken. Nichts schadet dem Wehrkörper mehr als Pudding. Denn Pudding schmeichelt der Seele. Nicht dieses stundenlang im Kühlschrank zu Glibber erkaltete Zeug. Nein. Warmer, weicher, süßer Pudding frisch vom Herd muss es sein, damit einem die Kampfeslust vergeht. Vier Portionen am besten. Und im Krieg darf nur noch mit Pudding geschossen werden, oder meinethalben mit Quarkspeise,…

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Klar nicht eben

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Bei vielen Menschen ist das Leben eine Linie. Es fängt irgendwo an, geht dann eine Weile lang mehr oder weniger gerade oder auch verschlungen dahin und am Ende hört es wieder auf. Mein Leben hingegen ist ein Teppich. Klar, kein sonderlich kunstvoll gefertigter und hochwertiger Teppich, jeder Teppichknüpfer würde mitleidig lächeln, wenn ich auf einem Basar damit daherkäme, aber ich war ja noch gar nie auf einem Basar und werde auch in nächster Zeit nicht hingehen. Was sollte ich auch dort, inmitten einer Unmenge von Leuten, die ihre Ware feilbieten, um Preise feilschen, Geldbörsen stehlen und am Ende mit dem…

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Die Geschichte vom Hanf Dampf in allen Gassen

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Wenn das Jahr ganz frisch ist und der Wind den Geruch von abgebrannten Böllern durch die Straßen weht, denke ich an meinen Freund Don Juan de Patapiel, mit dem ich früher jeden Jahreswechsel verbracht habe, bevor ihn der Teufel der Buchhalterei geholt hat. Er war ein großgewachsener Mexikaner mit kantigem Kinn und espressobraunen Augen. „Nimm dich vor deinen Adjektiven in Acht!“, hätte er jetzt, da ich das hier hinschreibe, genuschelt und ein paar dicke, blaue Rauchausrufezeichen in die Luft geblasen und mahnend mit seiner Meerschaumpfeife auf mich gedeutet. Von morgens bis abends rauchte er süß duftendes Kraut in dieser Pfeife….

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Scheu geduckt vor seinem Lachen

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Manche sagen, man dürfe bei Unannehmlichkeiten nicht gleich die Flinte ins Korn werfen und müsse stattdessen die Dinge durchziehen und die Zähne zusammenbeißen. Ziehen und Zähne seien Zeichen von Zielstrebigkeit und Selbstdisziplin, die im allgemeinen als wünschenswert gelten. Wer hätte schon einmal eine Stellenanzeige gesehen, in der ein zaudernder Müßiggänger (m/w/d) gesucht wird? Andererseits soll man sich nichts gefallen lassen und wer sich selbst allzu lange einer Quälerei aussetzt, wird bald zum Opfer und das soll auch wieder nicht sein. Wann ist also der rechte Zeitpunkt, um die Zähne auseinander zu bekommen und das Weite zu suchen, fragt sich Philomena…

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Am Puls vergangener Zeiten

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Voller Sorge betrachtet Luzie Pelzfuß die Einladungskarte aus dünnem Karton. Munter geschwungene Buchstaben in grüner Tinte fordern sie auf, mit dem Absender anlässlich eines runden Geburtstags „durch die Jahrzehnte zu tanzen“. Die Adresse am anderen Ende der Stadt, das Datum viel zu nah am Augenblick und die Unterschrift unleserlich. Ganz unten steht noch: Ohne dich sind wir nicht vollständig. Es wird sich wohl kaum jemand finden, der nach einem Jahrzehnte andauernden Leben noch vollständig ist. Ununterbrochen zieht jemand weg, kündigt einem die Freundschaft oder stirbt. Man selbst bleibt zurück mit losen Enden, die einen umhüllen wie ein zottiger Mantel. Ein…

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