Zubrots ungehörtes Schicksal

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Die Abendsonne wirft ihr vom Tag lahm gewordenes Licht auf die Stadt. Der Sommer ist vorüber, aber die Menschen weigern sich, den Herbst willkommen zu heißen und werden mit Schnupfen und kalten Füßen dafür gestraft. In einer der letzten Sonnenpfützen sitzt ein Unglücksrabe und wartet mit vor Scham geschwollenen Füßen auf Almosen. Als ich mich zu ihm hinab beuge und Kleingeld auf seine Decke lege, flüstert er mir zu: „Das kann jedem passieren. Irgendeinen Unfug macht jeder einmal. Glauben Sie mir!“ Er greift nach meiner Hand, aber ich wende mich ab und eile davon. Deshalb höre ich seine Geschichte nicht….

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Der Inkubus

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Es kommt kaum vor, dass man nachts aus lauter Freude erwacht. Meist muss man aufs Klo oder der Durst plagt einen. Ich schrecke aus einem Traum auf. Nicht die Art Traum, wo man zur Arbeit fährt und vergessen hat, eine Hose anzuziehen. Ich liege rücklings auf einem Mürbekeks von ozeanischem Ausmaß. Eine Macht presst mich auf die narbige Oberfläche. Eine Macht, so gewaltig, dass selbst der vorsichtige Gedanke an eine Bewegung mich augenblicklich erschöpft. Ein Gebäckstück ist nicht dazu gemacht, solchem Druck lange standzuhalten. Es wird irgendwann nachgeben, schon spüre ich bröselige Risse unter meinen Schulterblättern. Ich kann hören, wie…

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Ruf der abendlichen Stadt, ungehört

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Eine Sommerbrise ermuntert das Laub der Bäume zur Tuschelei, darunter betören sich die Zikaden. Mein Kühlschrank, bis zum Bersten gemästet mit Räucherwurst und orientalischen Pasten, brummt zufrieden in der Dunkelheit. In der Ferne lodert ein Konflikt. Ich höre Gekreisch durch mein Fliegengitter, das mir unliebsame Besucher vom Halse hält. Eine Zusammenkunft ursprünglich feierlichen Charakters, von Alkohol und Drogen gelockerte Zungen sprechen Dinge aus, die sonst ungesagt bleiben, denn der Mensch will es sich in der Hülle des friedfertigen und moralischen Tiers gemütlich machen. Doch schon bald drängt langgehegter Groll zwischen die Ritzen des Futterals, angespitzte Worte durchdringen den Stoff. Ehe…

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Die letzte Ehre

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Gestern habe ich nach langer Zeit wieder einmal an meinen Patenonkel Pankraz gedacht. Das kommt selten vor, denn ich hasse ihn aus tiefstem Herzen, und das soll man ja nicht. Immerhin nahm er meine Eltern und mich auf, als wir unser Heim verloren hatten. Als Kind log ich, bis sich die Balken bogen. Die Nachbarn beschwerten sich, weil bei ihnen das Porzellan aus den Schränken fiel, und schließlich setzte uns die Vermieterin kurzerhand vor die Tür. Pankraz war ein Mistvieh von einem Menschen. Unter dem Vorwand, mir dies und das beibringen zu wollen, pflanzte er Unfug und Irrlehren in mich….

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Vom Tuten und Blasen

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In den Gehörgängen drängen sich aufgeschnappte Aussagen. Später werden sie im stillen Kämmerlein auf Wahrheitsgehalt abgeklopft; mit goldenen Hämmerchen von den einen, mit mageren Fingerknöcheln von den anderen. Der Schamhügel ist der Kalvarienberg des kleinen Mannes. Es gibt ein klimaneutrales Ersatzprodukt für Menschlichkeit. Wenn man es nicht weiß, bemerkt man keinen Unterschied. Wir haben einen Überschuss an Pronomen. Trotzdem dürfen sie nicht einfach mitgenommen werden. Wenn das jeder machen würde. Hast du gehört? Ein Pronom. Das darf nie wieder geschehen. Es ist Zeit zum Aufstehen. Aber es ist doch erst halb fünf und ich bin noch so müde. Sollte sich…

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Herrenbesuch

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Prisma Pelzfuß schnüffelte voller Misstrauen, als sie die Türe zu ihrer Wohnung aufschloss. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee stieg ihr in die Nase, doch darunter waberte eine Mischung aus Mäuse-Urin, Marzipan und Balsamessig. Der Boden war mit altem Laub bedeckt und die Balkontür stand weit offen. Draußen war eine Unterhaltung im Gange. All das war höchst merkwürdig, war Prisma doch seit einer Woche nicht zuhause gewesen. Sie war sicher, Türen und Fenster verschlossen zu haben, als sie abgereist war. Sie ließ die Reisetasche laut auf den Holzboden knallen und das Gespräch auf dem Balkon verstummte. Nur das Gekecker der…

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Ein dickes Ende

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Regine Pelzfuß schlüpft in ihre Sandalen und macht sich auf den Weg zum Supermarkt. Sie wird drei Pfund Kartoffeln kaufen, ein großes Stück Ziegenkäse und zwei Töpfchen Sahne. Das alles fehlt ihr noch für das Gratin. Regine mag zwar keinen Ziegenkäse, doch sie erwartet Besuch von ihrem Gefährten. Der hat eine Schwäche dafür und sie gedenkt, ihn in gute Stimmung zu versetzen, damit der Abend in erotisches Geschnupper münden möge, wiewohl Geschnupper mit Blick auf den Ziegenkäse kein allzu erotisches Bild entstehen lässt. Doch sie braucht nur an seine Schlüsselbeine zu denken und schon segelt sie auf einer schaumigen Woge…

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„Weiße Nächte mit Miesmut“ – Blick ins Buch

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Der Weg zur Nusshändlerin war beschwerlich und von zerschlissener Begrünung gesäumt. In den Hinterhöfen Kinder in kurzen Hosen aus braunem Tuch. Sie spielten mit alten Dosen, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Ein muffiger Sprühregen setzte ein, der Schmutz auf dem Gehweg wurde schlüpfrig. Sie kniff die Augen zusammen. Durch die Tropfen an ihren Wimpern sah sie wie durch einen Schleier das geduckte Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich der Nussladen befand. Wie ein vor Wochen gehäuteter Igel. Die Fenster waren dunkel und das Schild über der Ladentür war entfernt worden. Besorgt trat sie näher, in der Hoffnung, eine Nachricht…

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Ein dünner Mann

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Jonas Schmitz umklammerte nervös seinen Bleistift, als er das Büro betrat. Gleich neben dem Eingang stand ein nackter Mann mit Buckel. Er lehnte sich zu Jonas herüber wie ein Chipeinsammler auf dem Jahrmarkt. Jonas fasste sich ein Herz und sprach den Buckligen an. „Bin ich hier richtig, um den dünnen Mann zu sehen?“ Bevor er eine Antwort erhielt, drängte sich eine dunkle Gestalt zwischen die beiden. „Es gehört ihm! Ihm gehört es!“, schrie der Finsterling und wies mit einem langen Finger auf Schmitz. Im Nu bildete sich eine ungehaltene Menschentraube um Jonas Schmitz und zahlreiche Augenpaare betrachteten ihn voller Misstrauen….

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In Zeiten des Krieges

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Es kommt nicht oft vor, aber hin und wieder denke ich über mein Leben nach. Am liebsten setze ich mich dazu aufs Klo. Da ich nicht sehr groß bin, kann ich dabei die Beine baumeln lassen, das bringt mein Gehirn in Fahrt. Die letzten Jahre hatte ich in unwegsamem Gelände verbracht mit nichts weiter als einem Täschchen Zuckerstücke und einem hohlen Zahn, in dem ich meine wenigen Habseligkeiten verwahrte. Zwietracht und Häme hatten mich verfolgt, mich gerüttelt und geschüttelt, bis selbst mein Innerstes in Unordnung geraten war. Mein Innerstes ist flauschig und etwas töricht, das nur nebenbei. Letzten Endes ergriff…

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