Kein guter Rat

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Wer die Leute verstehen will, muss sich ihre Schuhe ansehen. Das hat mir meine Großmutter von klein auf eingebläut. Sie selbst trug stets Kellnerinnensandalen, außer bei ihrer Beerdigung. Da zwängte man ihre schon steifen Zehen in ein Paar dunkelblaue Wildlederpumps mit einer prachtvollen Silberschnalle. Ich hörte nie auf ihre Ratschläge, aber diesen beherzige ich bis heute, und dass, obwohl sich bald herausstellte, dass es sich dabei um einen Irrtum handelte. So ist der Mensch eben. Was mein eigenes Schuhwerk angeht, bin ich nachlässig. Ob die Fußbekleidung der Jahreszeit oder dem Anlass angemessen ist, welche Farbe sie hat, oder ob sie…

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Klassentreffen

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Zu den vielen Dingen, die man im Leben tut, obwohl man bereits vorher weiß, dass sie einem keine Freude bereiten werden, gehört der Besuch eines Klassentreffens. Beim Betreten des Lokals schlägt Hertha Pelzfuß der Geruch von alten Tapeten entgegen und ein Frauenlachen aus dem Hinterzimmer. Das muss die Schneller sein. Das Lachen fährt Hertha wie eine heiße Nadel in die Ohren, breitet sich in Wellen in ihrem Körper aus, und sie weiß, es wird nicht aufhören, ehe der Höchtlmeier mitlacht. Hertha Pelzfuß hängt ihren Mantel an die Garderobe und setzt sich an einen der wenigen freien Plätze am Tisch. Die…

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Das Fass

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Beneidenswert, diese Leute, die vor nichts Angst haben. Der Tod, die Kellerasseln unter dem Blumentopf, die Aussicht auf Gehirnerweichung, ein Brief vom Amt oder Finsterlinge, die nachts in Hauseingängen herumlungern – nichts vermag sie zu schrecken. Sie plaudern ohne Schwierigkeiten mit Fremden im Lokal und springen an einem Gummiband vom Schiefen Turm von Pisa. Meine Base Micheline ist so eine. Bereits als Kind bewunderte ich ihre Unerschrockenheit, wenn sie dem Nachbarspudel lachend ihre Spielsachen aus den grausigen Fängen entwand oder sich den Fußbällen entgegenwarf, die der dicke Friedhelm aus dem Nachbarhaus mit der ganzen Wut seiner gehänselten Seele auf uns…

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Kindersegen

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Wer, wie Margit Pelzfuß, ein Kind nach dem anderen bekommt, dem stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht mehr. In jungen Jahren wurde sie von der Schwermut gequält, und um ein Haar wäre sie deshalb zur Unzeit aus dem Dasein geschieden. Doch gerade noch rechtzeitig stellte sich die Mutterschaft ein und damit ein Grund, jeden Morgen aufzustehen und den Tag fröhlich zu begrüßen. Begeistert von der Ablenkung, die mit der Fortpflanzung einhergeht, scharte Margit Pelzfuß zahlreiche Töchter und Söhne um sich. Die Väter stapelte sie in einem Wandschrank, denn sie war ordentlich, und man wusste ja nicht,…

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Seltsame Attraktoren

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Vielleicht müssen wir nur noch eine Weile an den Stäben rütteln. Irgendwann wird schon jemand aufmerksam werden. Jemand, der die Verantwortung trägt. Sie wird ja zweifellos getragen, wenn auch heimlich, wenn nicht sogar im Geheimen. Das ist verständlich. Wer würde das schon offen zugeben? Man stolziert nicht auf und ab und ruft: „Ich bin zuständig!“ Nur Schwachköpfe und Knallprotze tun das. Die wahren Strippenzieher handeln im Verborgenen. Das kann man überall nachlesen. Und wer nicht lesen kann, lässt es sich vorlesen. Und wer niemanden kennt, der sieht sich einen Film an. Und wer keine Augen hat, verlässt sich auf sein…

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Stoßzeit

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Bekanntermaßen ist der Planet überfüllt, wie ein Bahnwaggon zur Stoßzeit. Stoßzeit. Kein schönes Wort. Aber so sagt man eben. Früher hätte es geheißen, man solle etwas zusammenrücken, wenn es eng wird, aber heute darf man das nicht mehr. Niemand weiß mehr genau, wie man sich richtig verhält und was erlaubt ist. Außer meinem Nachbarn, dem guten Bormann. Er ist der moralische Kompass der Hausgemeinschaft, und wir alle sonnen uns im Leuchten seines Beispiels. Zudem ist er der Vetter des bösen Bormanns, doch von dem will ich lieber schweigen, sonst vergesse ich meine gute Kinderstube. Neulich begegnete ich ihm in der…

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Auf dem Abstellgleis

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Anstatt zum hundertsten Mal die Geschichte zu erzählen, wie ich ins sonnige Spanien gereist bin und dort eine Ausbildung zum Torero machte, werde ich heute von einer Zugfahrt ohne besondere Vorkommnisse berichten. Ich fand mich im Morgengrauen am Bahnsteig ein, denn wer wie ich über keinerlei Ersparnisse verfügt, muss unkomfortable Abfahrtszeiten in Kauf nehmen. Eine Platzreservierung leiste ich mir trotz des schmalen Budgets. Seit ich einmal 36 Stunden auf dem Gang eines Bummelzugs nach Skopje mit einem Regiment Soldaten und ihren Socken verbringen musste, mag ich auf einen Sitzplatz nicht mehr verzichten. Der Zug war alt und schäbig, auf den…

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Kein Ende abzusehen

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An meinem ersten Schultag begleiteten mich meine drei Brüder, denn meine Eltern kamen so früh am Morgen nicht aus den Federn. Als wir um die Ecke bogen und das Gebäude in Sicht kam, nickten sie sich wissend zu und ihr grimmiges Schweigen dröhnte mir in den Ohren. Meine Brüder heißen Palisander, Palisade und Palindrom. Ich verwechsle sie immerzu, weil ihre Gesichter hinter bunten Masken verborgen sind, und sie foppen mich obendrein, indem sie tauschen. Aber letztendlich ist das nicht der wahre Grund. Ich verwechsle fast alles: Frühstück und Abendbrot, Sommer und Winter, Hase und Pfeffer, Gott und die Welt, Theremin…

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Reines Glück

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Graf von Karytz war unzufrieden. Er saß am Steg seines Anwesens, ließ die Beine baumeln und langweilte sich beim Anblick der Sonne, die im Ozean versank. Weder das prächtige Farbenspiel noch das Zischen der Verdampfungen am Horizont vermochten seine Begeisterung zu wecken, denn er hatte das Schauspiel schon hundertfach verfolgt. Auch der Branntwein schmeckte ihm nicht und die in Speck gewickelten Datteln verursachten ihm Sodbrennen, wenn er sie nur ansah. Einmal, dachte er, wenn man den Sonnenuntergang nur einmal sehen würde, dann könnte man sich daran freuen. Womöglich sogar zum ersten und einzigen und letzten Mal! Ein Bote kam zum…

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Der Knochenturm

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Ich dachte, das seien Martinshörner gewesen, dabei war es das Heulen der Höllenhunde. Ich steckte kurz die Nase unter meiner Decke hervor und schnupperte nach Brandgeruch, doch nur vertrauter Schlafzimmermuff stieg mir in die Nase, also schlief ich weiter. Die Morgensonne beschien die leere Straße, als ich auf meine Veranda trat, und in der Ferne jammerten die Krokusse, weil keiner kam, um sie zu betrachten. Ich wusste gleich, dass niemand mehr da war, denn ein unendliches Bedauern lag in der Luft. Neugierig spazierte ich durch die Stadt, aus der nicht nur alles Leben, sondern auch die Türen verschwunden waren. In…

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