Nah am Wasser

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„Hast du denn kein besseres Boot?“, frage ich beim Einsteigen. Ein komisches Gefühl ist das: einen Fuß auf den Betonstufen, den anderen im schaukelnden Kahn. Nur ein bisschen Holz zwischen meiner Schuhsohle und dem Wasser. Lange werde ich nicht so stehen bleiben können, eine Entscheidung muss gefällt werden. Das Boot ist ein Geschenk. Da gehört es sich nicht, die Qualität zu bemängeln. Andererseits habe ich nicht darum gebeten. Und ich pfeife auf die Etikette, denn was ist das für ein Geschenk, mit dem man sich in der Dunkelheit ohne Begleitung aus dem Staub machen soll? Ich umklammere meine Tasche –…

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Der Atzmann

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Als Dorothea Pelzfuß lange genug alleine geblieben war, um eine Routine dafür entwickelt zu haben, zerstörte sie diese und fuhr in die Stadt. Auf dem Weg dorthin traf sie den Atzmann. Er trug einen Wollmantel und zog ein Rollköfferchen hinter sich her. Das Klackern der Räder übertönte die Alltagsgeräusche. An einer Straßenecke sprach er sie an. Dorothea redete nicht gern mit Fremden, doch der Atzmann kam ihr bekannt vor. „Was haben Sie denn in Ihrem Koffer?“, fragte sie ihn, nachdem er sich vorgestellt hatte. „Den Neid, die Missgunst und einen Wunsch. Möchtest du etwas davon? Es soll dich nicht viel…

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Der Richter

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Der Brief ist nicht unterschrieben. An seinem Ende ist ein schiefer Stempel angebracht: „Amtsgerichtsrat W. Schill“. Nächsten Donnerstag um 9 habe ich mich im Justizgebäude einzufinden, um Angaben in einer unschönen Sache zu machen. Nichts Besonderes, nur eine Petitesse. Trotzdem raubt es mir den Schlaf. Ich erinnere mich nicht gern an Schill. Seinen Vornamen weiß ich nicht mehr, wir riefen ihn nur Schill. Im Grunde war er nicht viel anders als wir alle, nur ein klein wenig. Die Ohren standen weit vom Kopf ab, und er bekam den Mund nie ganz zu, so dass seine etwas zu großen Zähne stets…

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Das Neurodiversum

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„Am wütendsten bekämpfen diejenigen die Barbarei, die über die eigene nur ein dünnes Mäntelchen gezogen haben.“ Der Satz trifft Amigdala Pelzfuß unvorbereitet. Am Nebentisch sitzt ein Pärchen, dessen Mündern Blasen entweichen, die einen halben Meter über den Köpfen der beiden einen wilden Tanz aufführen. Seine gleichen dicken bunten Hummeln. Die der Frau klackern wie Glitzerperlen. Stoßen die Blasen zusammen, gibt das ein Geräusch, als ließe man ein frisch gewaschenes Baby in einen Topf mit Vanillesoße plumpsen. Amigdala möchte sich strecken und eine von ihnen fangen und kosten, doch das scheint ihr unschicklich. Sie hat noch nie jemanden etwas Derartiges tun…

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Arbeit statt Strafe von Daniel Boente – Blick ins Buch

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Nur weil man sich in einer Realität zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort wohlfühlt, hat man keinen besonderen Anspruch auf Zugang zu dieser speziellen Wirklichkeit. Das Universum schuldet niemandem etwas. Auch nicht Friedrich Eisleben, der eines Morgens einen Anruf bekam und der sich jetzt vor dem beigefarbenen Gebäude wiederfindet und ein letztes Mal an seiner Zigarette zieht, bevor er sie mit der Hacke seines Stiefels zertritt. Seit dem Vorstellungsgespräch hat er das Tageslicht gescheut, bis spät am Nachmittag im verdunkelten Schlafzimmer gelegen und sich die Decke über den Kopf gezogen, wenn die Außenwelt zu ihm vordringen wollte. Er…

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Sieben Jäger zu Fuß

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An einem Morgen wie tausend anderen erwacht einer der schwarzen Jäger vom tiefen Brummen einer Hummel neben seinem Ohr. Abends zuvor hatte er noch geglaubt, ein Katarrh schliche sich in seinen Rachen, doch jetzt spürt er den Schmerz des Zeitalters in den Knochen. Keine der Arzneien aus seinem Rucksack wird dagegen helfen, und so steckt er sich eine ramponierte Zigarette an, das einzig wirksame Mittel gegen solche Leiden. Er schließt die Augen, umklammert seinen leeren Becher und träumt ihn sich gefüllt mit schwarzem bitter-süßen Gebräu. Es dauert nicht lange und seine Gefährten erwachen vom Duft seiner Vorstellung. Sie scharen sich…

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Zubrots ungehörtes Schicksal

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Die Abendsonne wirft ihr vom Tag lahm gewordenes Licht auf die Stadt. Der Sommer ist vorüber, aber die Menschen weigern sich, den Herbst willkommen zu heißen und werden mit Schnupfen und kalten Füßen dafür gestraft. In einer der letzten Sonnenpfützen sitzt ein Unglücksrabe und wartet mit vor Scham geschwollenen Füßen auf Almosen. Als ich mich zu ihm hinab beuge und Kleingeld auf seine Decke lege, flüstert er mir zu: „Das kann jedem passieren. Irgendeinen Unfug macht jeder einmal. Glauben Sie mir!“ Er greift nach meiner Hand, aber ich wende mich ab und eile davon. Deshalb höre ich seine Geschichte nicht….

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Der Inkubus

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Es kommt kaum vor, dass man nachts aus lauter Freude erwacht. Meist muss man aufs Klo oder der Durst plagt einen. Ich schrecke aus einem Traum auf. Nicht die Art Traum, wo man zur Arbeit fährt und vergessen hat, eine Hose anzuziehen. Ich liege rücklings auf einem Mürbekeks von ozeanischem Ausmaß. Eine Macht presst mich auf die narbige Oberfläche. Eine Macht, so gewaltig, dass selbst der vorsichtige Gedanke an eine Bewegung mich augenblicklich erschöpft. Ein Gebäckstück ist nicht dazu gemacht, solchem Druck lange standzuhalten. Es wird irgendwann nachgeben, schon spüre ich bröselige Risse unter meinen Schulterblättern. Ich kann hören, wie…

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Ruf der abendlichen Stadt, ungehört

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Eine Sommerbrise ermuntert das Laub der Bäume zur Tuschelei, darunter betören sich die Zikaden. Mein Kühlschrank, bis zum Bersten gemästet mit Räucherwurst und orientalischen Pasten, brummt zufrieden in der Dunkelheit. In der Ferne lodert ein Konflikt. Ich höre Gekreisch durch mein Fliegengitter, das mir unliebsame Besucher vom Halse hält. Eine Zusammenkunft ursprünglich feierlichen Charakters, von Alkohol und Drogen gelockerte Zungen sprechen Dinge aus, die sonst ungesagt bleiben, denn der Mensch will es sich in der Hülle des friedfertigen und moralischen Tiers gemütlich machen. Doch schon bald drängt langgehegter Groll zwischen die Ritzen des Futterals, angespitzte Worte durchdringen den Stoff. Ehe…

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