Der Richter

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Der Brief ist nicht unterschrieben. An seinem Ende ist ein schiefer Stempel angebracht: „Amtsgerichtsrat W. Schill“. Nächsten Donnerstag um 9 habe ich mich im Justizgebäude einzufinden, um Angaben in einer unschönen Sache zu machen. Nichts Besonderes, nur eine Petitesse. Trotzdem raubt es mir den Schlaf. Ich erinnere mich nicht gern an Schill. Seinen Vornamen weiß ich nicht mehr, wir riefen ihn nur Schill. Im Grunde war er nicht viel anders als wir alle, nur ein klein wenig. Die Ohren standen weit vom Kopf ab, und er bekam den Mund nie ganz zu, so dass seine etwas zu großen Zähne stets…

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Das Neurodiversum

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„Am wütendsten bekämpfen diejenigen die Barbarei, die über die eigene nur ein dünnes Mäntelchen gezogen haben.“ Der Satz trifft Amigdala Pelzfuß unvorbereitet. Am Nebentisch sitzt ein Pärchen, dessen Mündern Blasen entweichen, die einen halben Meter über den Köpfen der beiden einen wilden Tanz aufführen. Seine gleichen dicken bunten Hummeln. Die der Frau klackern wie Glitzerperlen. Stoßen die Blasen zusammen, gibt das ein Geräusch, als ließe man ein frisch gewaschenes Baby in einen Topf mit Vanillesoße plumpsen. Amigdala möchte sich strecken und eine von ihnen fangen und kosten, doch das scheint ihr unschicklich. Sie hat noch nie jemanden etwas Derartiges tun…

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Arbeit statt Strafe von Daniel Boente – Blick ins Buch

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Nur weil man sich in einer Realität zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort wohlfühlt, hat man keinen besonderen Anspruch auf Zugang zu dieser speziellen Wirklichkeit. Das Universum schuldet niemandem etwas. Auch nicht Friedrich Eisleben, der eines Morgens einen Anruf bekam und der sich jetzt vor dem beigefarbenen Gebäude wiederfindet und ein letztes Mal an seiner Zigarette zieht, bevor er sie mit der Hacke seines Stiefels zertritt. Seit dem Vorstellungsgespräch hat er das Tageslicht gescheut, bis spät am Nachmittag im verdunkelten Schlafzimmer gelegen und sich die Decke über den Kopf gezogen, wenn die Außenwelt zu ihm vordringen wollte. Er…

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Sieben Jäger zu Fuß

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An einem Morgen wie tausend anderen erwacht einer der schwarzen Jäger vom tiefen Brummen einer Hummel neben seinem Ohr. Abends zuvor hatte er noch geglaubt, ein Katarrh schliche sich in seinen Rachen, doch jetzt spürt er den Schmerz des Zeitalters in den Knochen. Keine der Arzneien aus seinem Rucksack wird dagegen helfen, und so steckt er sich eine ramponierte Zigarette an, das einzig wirksame Mittel gegen solche Leiden. Er schließt die Augen, umklammert seinen leeren Becher und träumt ihn sich gefüllt mit schwarzem bitter-süßen Gebräu. Es dauert nicht lange und seine Gefährten erwachen vom Duft seiner Vorstellung. Sie scharen sich…

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Zubrots ungehörtes Schicksal

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Die Abendsonne wirft ihr vom Tag lahm gewordenes Licht auf die Stadt. Der Sommer ist vorüber, aber die Menschen weigern sich, den Herbst willkommen zu heißen und werden mit Schnupfen und kalten Füßen dafür gestraft. In einer der letzten Sonnenpfützen sitzt ein Unglücksrabe und wartet mit vor Scham geschwollenen Füßen auf Almosen. Als ich mich zu ihm hinab beuge und Kleingeld auf seine Decke lege, flüstert er mir zu: „Das kann jedem passieren. Irgendeinen Unfug macht jeder einmal. Glauben Sie mir!“ Er greift nach meiner Hand, aber ich wende mich ab und eile davon. Deshalb höre ich seine Geschichte nicht….

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Der Inkubus

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Es kommt kaum vor, dass man nachts aus lauter Freude erwacht. Meist muss man aufs Klo oder der Durst plagt einen. Ich schrecke aus einem Traum auf. Nicht die Art Traum, wo man zur Arbeit fährt und vergessen hat, eine Hose anzuziehen. Ich liege rücklings auf einem Mürbekeks von ozeanischem Ausmaß. Eine Macht presst mich auf die narbige Oberfläche. Eine Macht, so gewaltig, dass selbst der vorsichtige Gedanke an eine Bewegung mich augenblicklich erschöpft. Ein Gebäckstück ist nicht dazu gemacht, solchem Druck lange standzuhalten. Es wird irgendwann nachgeben, schon spüre ich bröselige Risse unter meinen Schulterblättern. Ich kann hören, wie…

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Ruf der abendlichen Stadt, ungehört

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Eine Sommerbrise ermuntert das Laub der Bäume zur Tuschelei, darunter betören sich die Zikaden. Mein Kühlschrank, bis zum Bersten gemästet mit Räucherwurst und orientalischen Pasten, brummt zufrieden in der Dunkelheit. In der Ferne lodert ein Konflikt. Ich höre Gekreisch durch mein Fliegengitter, das mir unliebsame Besucher vom Halse hält. Eine Zusammenkunft ursprünglich feierlichen Charakters, von Alkohol und Drogen gelockerte Zungen sprechen Dinge aus, die sonst ungesagt bleiben, denn der Mensch will es sich in der Hülle des friedfertigen und moralischen Tiers gemütlich machen. Doch schon bald drängt langgehegter Groll zwischen die Ritzen des Futterals, angespitzte Worte durchdringen den Stoff. Ehe…

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Die letzte Ehre

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Gestern habe ich nach langer Zeit wieder einmal an meinen Patenonkel Pankraz gedacht. Das kommt selten vor, denn ich hasse ihn aus tiefstem Herzen, und das soll man ja nicht. Immerhin nahm er meine Eltern und mich auf, als wir unser Heim verloren hatten. Als Kind log ich, bis sich die Balken bogen. Die Nachbarn beschwerten sich, weil bei ihnen das Porzellan aus den Schränken fiel, und schließlich setzte uns die Vermieterin kurzerhand vor die Tür. Pankraz war ein Mistvieh von einem Menschen. Unter dem Vorwand, mir dies und das beibringen zu wollen, pflanzte er Unfug und Irrlehren in mich….

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Vom Tuten und Blasen

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In den Gehörgängen drängen sich aufgeschnappte Aussagen. Später werden sie im stillen Kämmerlein auf Wahrheitsgehalt abgeklopft; mit goldenen Hämmerchen von den einen, mit mageren Fingerknöcheln von den anderen. Der Schamhügel ist der Kalvarienberg des kleinen Mannes. Es gibt ein klimaneutrales Ersatzprodukt für Menschlichkeit. Wenn man es nicht weiß, bemerkt man keinen Unterschied. Wir haben einen Überschuss an Pronomen. Trotzdem dürfen sie nicht einfach mitgenommen werden. Wenn das jeder machen würde. Hast du gehört? Ein Pronom. Das darf nie wieder geschehen. Es ist Zeit zum Aufstehen. Aber es ist doch erst halb fünf und ich bin noch so müde. Sollte sich…

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Herrenbesuch

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Prisma Pelzfuß schnüffelte voller Misstrauen, als sie die Türe zu ihrer Wohnung aufschloss. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee stieg ihr in die Nase, doch darunter waberte eine Mischung aus Mäuse-Urin, Marzipan und Balsamessig. Der Boden war mit altem Laub bedeckt und die Balkontür stand weit offen. Draußen war eine Unterhaltung im Gange. All das war höchst merkwürdig, war Prisma doch seit einer Woche nicht zuhause gewesen. Sie war sicher, Türen und Fenster verschlossen zu haben, als sie abgereist war. Sie ließ die Reisetasche laut auf den Holzboden knallen und das Gespräch auf dem Balkon verstummte. Nur das Gekecker der…

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