Der Knochenturm

By

Ich dachte, das seien Martinshörner gewesen, dabei war es das Heulen der Höllenhunde. Ich steckte kurz die Nase unter meiner Decke hervor und schnupperte nach Brandgeruch, doch nur vertrauter Schlafzimmermuff stieg mir in die Nase, also schlief ich weiter. Die Morgensonne beschien die leere Straße, als ich auf meine Veranda trat, und in der Ferne jammerten die Krokusse, weil keiner kam, um sie zu betrachten. Ich wusste gleich, dass niemand mehr da war, denn ein unendliches Bedauern lag in der Luft. Neugierig spazierte ich durch die Stadt, aus der nicht nur alles Leben, sondern auch die Türen verschwunden waren. In…

Read More

Kein Keller Einsamkeit

By

Wenn man die Straße entlang geht, bis die Abstände zwischen den Laternen größer werden und dann noch ein Stückchen weiter, findet man linker Hand ein Gebäude mit rußgeschwärztem Mauerwerk. Die Fensterscheiben sind stumpf und die Bewohner möchte man nicht zu sich nach Hause einladen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt und auch noch den Mut findet, die vom Moos glitschige Treppe in den Keller hinabzusteigen, durch den nach alter Kohlsuppe riechenden Gang zu gehen und eine unappetitliche Türklinke herunter zu drücken, der gelangt in die Küche der Witwe Finsterthaler. Über die Witwe erzählt man sich so einiges. Manche sagen, sie…

Read More

Das Birnenmännchen

By

Nachts in die Sterne starren, bis einem die Augäpfel gefrieren. So weint man keine Träne. Was will man mehr? Der Wind soll einem das Haar zausen, aber mit Bedacht. Mit Rosen bedacht sogar. Ein mit Näglein bestecktes Kind begehrt zu wissen, warum es verlassen wurde. Der Schlaf sitzt in einer Ecke und schmollt. Auf seiner Schnute kann man schaukeln bis zur Erschöpfung, das wird ihn nicht milde stimmen. Hätte man einen eigenen Wirt, könnte man sich Humpen für Humpen in die Kehle gießen, bis man einen kugelrund schwappenden Bauch bekäme. Auf dem könnte man trommeln und damit Geister aus den…

Read More

Der Krieg und der Kohl

By

Schnurgerade klebt die Straße auf der Erde und schneidet das Land in zwei Hälften. Links und rechts liegen bis zum Horizont Kohlköpfe in ordentlichen Bahnen und neigen die Häupter beschämt zur Seite. Das muss die weite Welt sein, von der man überall liest. Gebeine und Tod und Gräben und geschundenes Land haben die Menschen in ein Tohuwabohu gestürzt. Daraus wuchs der Wunsch, dem Grauen der Friedhöfe die harmlose Langweiligkeit nicht enden wollender Reihen von Kulturpflanzen entgegenzusetzen. Für jeden Gefallenen ein Kreuzblütler. Es drängt mich, die Kohlköpfe durcheinander zu wirbeln oder ein paar Palmen dazwischen zu Pflanzen, denn wo Palmen sind,…

Read More

Lose Enden

By

Der Gedanke, die Nachwelt mit losen Enden, ungeordneten Hinterlassenschaften und Halbgarem zu belasten, flößte Fritjof Pelzfuß zeitlebens großes Unbehagen ein. Jede noch so kleine Aufgabe erledigte er augenblicklich, und jede frisch geschlüpfte Idee wurde in die Tat umgesetzt, sobald ihr mehr oder weniger prächtiges Gefieder getrocknet war. Seine Post beantwortete er unverzüglich, sogar die vom Finanzamt. Für Müßiggang hatte Fritjof nichts übrig, und bereits in jungen Jahren plagten ihn Magengeschwüre und Reizdarm. Sein Hausarzt sagte ihm ein frühes Ende voraus und verordnete ihm Entspannung. Also erstellte Fritjof Pelzfuß eine Liste mit beschaulichen Tätigkeiten und machte sich sogleich daran. Montags beobachtete…

Read More

Erinnerung in Sepia

By

Im Augenblick des Todes, erzählt man sich, zieht das bis dahin vergangene Leben wie ein Film an einem vorüber. Ich möchte das lieber nicht. Bereits heute missfällt mir die Rückschau, zeigt sie mir doch nur, was ich alles nicht zu Wege gebracht habe. Ja, ich gestehe es. Ich verbringe meine Tage im Bett mit der Vorstellung von Abenteuern und Großtaten, für die mir im Alltag sowohl Antrieb als auch Zutrauen fehlen. Es gibt da allerdings eine Sache, von der ich diese Filmaufzeichnung allzu gerne sehen würde: der 17. Geburtstag meiner Base Charlotte. Die ganze Mischpoke war zusammengekommen, und im Garten…

Read More

Ausschreibung für unsere Anthologie – Die fabelhaften Abenteuer des Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen

By

Anthologie – Die fabelhaften Abenteuer des Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen Die Edition Groschengrab verlegt seit 2015 beunruhigende Literatur. Wenn sich im Alltäglichen Brüche und Spalten auftun, wenn man abseits der großen Straßen in finstere Ecken blickt, wenn ein Glitzerding, das man aus dem Augenwinkel sieht, bei genauerem Hinsehen einer Bockwurst gleicht, wenn aus guten Absichten grässliche Ranken wachsen, wenn das Gewohnte durch eine unachtsame Bewegung des Kopfes eine fremde, bizarre Fratze zeigt, die womöglich der eigenen ähnlich sieht, wenn all das in feine Sprache gekleidet daherkommt, dann ist man in einer Groschengrab-Geschichte angekommen. Zum 300. Geburtstag des sattsam bekannten…

Read More

Andere Zeiten

By

„Kauft, Leute kauft! Ein neues Zeitalter bricht an, das will man doch nicht mit altem Kram willkommen heißen!“ Der Mann schwingt eine Glocke und zieht seinen Karren über den Platz. Für einen Esel fehlt ihm wohl das Geld. Unter den Rädern zerplatzt der Splitt mit Knirschen und Knacken. Das alte Zeitalter geht ohne Schnee zu Ende, und doch ist man auf Glatteis vorbereitet. Wer weiß, was da noch alles kommt. Murmelndes Volk drängt sich um den Alten, der mittlerweile die Plane zurückgeschlagen hat, damit man seine Ware in Augenschein nehmen möge. Zwei Schleichschritte, ein Zögern, ein Wiegeschritt, eine Vierteldrehung, wie…

Read More

Ein Stein aus Fett

By

Nachts fällt das Mondlicht durch Gustavs Fenster und macht sich am Fußende seines Betts breit. Es liegt quadratisch da und glänzt, wie eine dieser Käsescheiben, die in Folie verpackt sind, und die heute kein Mensch mehr isst. So ein Bissen Käse würde ihm jetzt gute Dienste leisten, denn er verspürt ein wenig Hunger. Er versucht zaghaft ein Stückchen davon abzuzupfen. Der Lichtfleck rollt sich geziert an einer Ecke auf, um seinen Fingern zu entkommen. Der Mond spricht mit der Stimme seines ehemaligen Vorgesetzten. „Spare, lerne, leiste was, dann hast du, kannst du, bist du was. Von Steinen wird man nicht…

Read More

Nah am Wasser

By

„Hast du denn kein besseres Boot?“, frage ich beim Einsteigen. Ein komisches Gefühl ist das: einen Fuß auf den Betonstufen, den anderen im schaukelnden Kahn. Nur ein bisschen Holz zwischen meiner Schuhsohle und dem Wasser. Lange werde ich nicht so stehen bleiben können, eine Entscheidung muss gefällt werden. Das Boot ist ein Geschenk. Da gehört es sich nicht, die Qualität zu bemängeln. Andererseits habe ich nicht darum gebeten. Und ich pfeife auf die Etikette, denn was ist das für ein Geschenk, mit dem man sich in der Dunkelheit ohne Begleitung aus dem Staub machen soll? Ich umklammere meine Tasche –…

Read More