Der Infoborn

Wer wenig hat, hat auch wenig zu melden. So war das zumindest bisher bei uns im Ort. Mit der neuen Bürgermeisterin, einer Brünetten mit ausladendem Lächeln, wird das jetzt anders. Die ist nämlich eine Bürgermeisterin für alle, nicht bloß für die oberen Zehntausend, hat sie gesagt. Dabei haben wir gar nicht zehntausend Einwohner, aber so genau geht das in der Politik bekanntermaßen nicht.

Jedenfalls, damit alle Welt, unabhängig von Einkommen und sozialem Status, Informationen austauschen kann, haben wir neuerdings am Kirchplatz einen Infoborn. Da geht man hin und spuckt seine ganz persönlichen Neuigkeiten in eine Art Weihwasserbecken. Ist das Becken voll, wird die Brühe gefiltert, sortiert und mit den neuesten Informationen aus allen sieben Ecken der Erde gemischt. So erhält man ein wohlschmeckendes Gebräu mit perfekt abgestimmtem Wahrheitsgehalt und ausgeglichenem Meinungsaroma. Schwach rosafarben, ein bisschen blubbernd-süßlich und bekömmlich, ohne zu viel Zucker.

Bei der Eröffnung war der Zulauf nicht sonderlich groß. Die üblichen Nassauer, die immer zur Stelle sind, wenn es etwas umsonst gibt, ein paar ältere Damen mit Gehhilfen, eine Horde quietschender Kinder und eine Handvoll Demonstranten, die sich um Gesundheitsgefährdung, Demokratieschwund oder Ausländer Sorgen machen – man kennt das ja. Die Bürgermeisterin meint, das Interesse der Leute käme dann schon mit der Zeit und bald würde in jedem Kaff wie unserem so ein Infoborn stehen. Man munkelt, der Infoborn würde mit Muselmanenblut betrieben und von dem Getränk bekäme man langfristig die Rückgraterweichung und der Regierung wäre das nur recht.

Aber das ist sicher nur Gerede.