Der Zar der Zeit

Der Zar der Zeit sitzt auf seinem Thron, der einem Hochstuhl für Kleinkinder nachempfunden ist. Des Zaren Finger, schmal und von blassgrauer Färbung, spielen mit einem winzigen, angerosteten Hebel, der aus einem klobigen Messingkasten vor ihm auf dem Hochstuhl ragt. Ein leises Klicken – kaum hörbar über dem steten, aber unregelmäßigen Ticken der zahllosen Uhren an seinen Wänden – und die Welt dreht sich einen winzigen Deut zu schnell. Eine Fliege, die eben noch an der Tapete krabbelte, ist plötzlich am Fenster und weiß nicht warum.

Draußen, auf den gepflasterten Gassen, ereignet sich eine leise Verschiebung. Eine Dame, die ihren Hund führt, bemerkt, wie der Schatten eines Hydranten für den Bruchteil einer Sekunde vor dem Hydranten selbst erscheint, nur um dann abrupt an seinen Platz zurückzuspringen. Ein Bäcker zieht eine dampfende Brezel aus dem Ofen, die eine Minute später bereits alt und hart ist. Die Menschen auf dem Marktplatz sprechen von „einem seltsamen Tag“, als ob das Wetter schuld sei, und kaufen weiter ihre Kartoffeln, Möhren oder Rote Rüben, ohne den wahren Grund der leicht verrückten Wirklichkeit zu erfassen.

Der Zar selbst, eine Gestalt von gedrungener Genauigkeit, schiebt seine Drahtbrille auf die Stirn, um besser sehen zu können. Er betrachtet die fein gravierten Zifferblätter des Gerätes vor sich, Sinnbilder einer Epoche, einer menschlichen Sekunde. Ein Zahnrad klemmt geringfügig. Er greift nach einem winzigen, mit Diamanten besetzten Schraubenzieher – ein Überbleibsel aus der Zeit, als Uhren noch von den Göttern gebaut wurden – und justiert mit der Gelassenheit eines Pfandleihers die Feder der umfassenden Weltenuhr. Dabei entfährt ihm ein leiser Seufzer, der jedoch rückwärts erklingt, vom Nachklang zum Ansatz, bevor er vollständig verstummt.

Er legt den Schraubenzieher zur Seite, seine Aufgabe für den Moment beendet. Die Zeit, nun leicht anders eingestellt, fließt weiter, ein wenig schiefer als zuvor. Nur der Zar selbst, der nun den Staub von seiner Manschette klopft, bemerkt, dass ein Stäubchen nicht fällt, sondern langsam zur Decke schwebt und dort kurz das Muster eines winzigen, lächelnden Gesichts annimmt, bevor es sich auflöst. Dann greift er nach einem unsichtbaren Band und blättert in den Seiten eines ledergebundenen Buches, bevor er sich wieder den unzähligen Zifferblättern zuwendet, bereit für den nächsten, unauffälligen Eingriff.