Trauerporno

Früher, als alles noch besser und ich ein Dreikäsehoch war, lief ich an der Hand meiner Großmutter mit vor Staunen tellergroßen Augen durch unser Städtchen. Wie überall gab es auch bei uns ein Trauerpornokino. In einem unscheinbaren Gässlein in der Nähe des Bahnhofs steckte es zwischen einem Zahngoldgeschäft und einer Würstchenbude seine in gedeckten Farben blinkende Leuchtreklame in die Höhe. Mein Großcousin Gernot nahm mich einmal mit hinein. Drinnen saßen vereinzelt alte Klageweiber mit schwarzen Kopftüchern und schluchzten – manche leise und erstickt, andere mit extrovertiertem Timbre. Der Geruch von tränenfeuchten Stofftaschentüchern zog durch die Reihen und als ich gedankenverloren in die Popcorntüte greifen wollte, fanden meine Finger ein klammes Papiertuch, das zwischen den Sitzen steckte. Ein Schauder wie in der Geisterbahn durchlief mich.

Irgendwann gab es dann Videokassetten und die Leute guckten ihre Trauerpornos zuhause, war es doch deutlich kommoder in Pantoffeln und Morgenmantel auf der Sitzgarnitur zu trauern, ein Päckchen Kosmetiktüchlein auf den Knien, vom Schnäuzen einer Dame in der Reihe hinter einem unbehelligt. Man war zwar der Gefahr der Entdeckung durch Freunde und Familie ausgesetzt, doch der Komfort überwog die Sorge.

Mittlerweile kennen die Leute keine Scham mehr. Die Trauerpornos flimmern als kurze Filmchen in ihren Händen. Daheim im Bett, in der Bahn, auf der Straße und am Kinderspielplatz. Für digitale Schnäuztüchlein gibt es keine Ritzen zwischen den Sitzen und so werden sie für alle sichtbar zur Schau gestellt, flattern wie Flaggen im künstlichen Wind, wer keine aufhängt ist ein Schuft ohne Zartgefühl, ein opportunes Fähnchen, ein Mitverbrecher gar, so schnattert der Chor, doch wenn man die Ohren spitzt, hört man den Esel auf dem Eis um Hilfe rufen. Aber der ist ja selbst Schuld.