Kleine Aufmerksamkeiten

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Den Leuten kann man es nicht recht machen. Erst gibt es einen Katzenjammer, weil niemand überwacht werden möchte, aber wehe, man schenkt ihnen keine Beachtung, dann fangen sie an, überall ihr Mittagessen vorzuzeigen. Dabei ist die Vorratsdatenspeicherung eine feine Sache. Vorräte sind immer gut. Für schlechte Zeiten. Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Das hat schon meine Tante Kramhilde immer gesagt, und die hatte nicht nur für jede Lebenslage eine Binsenweisheit parat, sondern Regale voll bräunlichem Eingemachtem, das seit Generationen im Keller wartete, auf dass die Not endlich groß genug würde. Einmal habe ich heimlich eins…

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Familienbande

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Auf dem Lande fühlt der Stadtmensch sich fehlplatziert. Trotzdem fährt er hin. Wegen der guten Luft, der Ruhe und weil er ein Nutztier oder Alpenpanorama zu Gesicht bekommen möchte. Umgekehrt kommen die Leute vom Land in die Stadt, weil sie einen bunten Pullover kaufen wollen oder sich vor den Menschenmassen aus aller Herren Länder gruseln. Mein Vetter Grasfried ist nicht nur mein einziger Verwandter, sondern obendrein ein Freund der Goldenen Mitte. Deshalb hat er sich sein Heim exakt dazwischen eingerichtet. Jahrein jahraus sitzt er in seinem Vorgarten und beobachtet die vorüberziehenden Horden. Hat er das Bedürfnis nach Ansprache, lehnt er…

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Des Menschen Wolf

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Wo ich herkomme, sagt man, der Neid ist ein Hund. Von dem wiederum wird behauptet, er sei des Menschen bester Freund. Mein bester Freund heißt Konstantin Bleiwammer, aber ich sage Boltzmann-Konsti oder bloß Boltzmann, wie alle Welt seit Schulzeiten. Eigentlich mag ich ihn nicht sonderlich. Er ist ein Schwindler und riecht ein bisschen nach Ravioli aus der Dose. Außerdem haut er immer gleich zu, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Doch mein Vater sagte oft beim Abendessen, mit vollem Munde, während er mit der Gabel selbstherrliche Gesten ausführte: „Behalte dir deine Freunde, auch wenn sie unliebsame Schwachköpfe sind und…

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Ein Traum

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Die Innennähte des Kostüms sind mit Nylonfäden vernäht, die mich ins Genick und unter die Achseln pieksen. Nicht nur da, auch anderswo piekst es; davon will ich gar nicht anfangen. Aber ich beklage mich nicht. Immerhin ist es eine Arbeit, die nicht allzu schwer ist. Andere müssen in Drecklöchern irgendwelche Erze mit bloßen Händen abbauen, das Ganze bei großer Hitze. Ich habe Filme gesehen, da wird es einem ganz anders zumute. Dagegen ist mein Tagwerk ein Traum. Man wirft mir Bälle zu, die ich nicht fangen kann und ab und an singe ich ein Lied, führe einen Tanz oder ein…

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Der Riss des roten Fadens

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Der Sturm bläst gegen die Fensterscheiben. Das macht ein Geräusch, ganz leise zwar, aber es trägt eine Wut, wie man sie mit dem lautesten Geschrei nicht hinbekäme. Die Bäume biegen sich und ächzen und klammern sich an ihr Laub. Wäre ich Goldsucher oder Alpinist, würde es mich vielleicht trotz des widrigen Wetters hinausziehen, weil ich dringend einen glänzenden Klumpen wollte oder einen Felssturz, der im Abendlicht glüht. Früher wäre ich auch ohne ein erhabenes Ziel nach draußen gegangen. Nur um mein Gesicht in das Toben zu halten, um zu beweisen, dass es mir nichts ausmacht. Aber heute schmerzen die Knochen…

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Über dem großen Teich

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Gerhard Pelzfuß liegt bäuchlings auf dem Steg und späht durch den Spalt zwischen zwei Brettern in den großen Teich hinab. Unten tummeln sich Goldfische. Er betrachtet einen kleinen dunkelroten mit zerzausten Flossen und vielen Flecken, der sich direkt unter ihm hinter einer Wasserpflanze versteckt. Heute wäre sein Vater achtundsiebzig Jahre alt geworden. Manchmal versucht Gerhard Pelzfuß, ihn sich als alten Mann vorzustellen, aber das gelingt ihm nicht. Gerhards Vater war ein katholischer Buddhist gewesen, der nicht an Gott glaubte. Sein Geist war groß, deshalb waren solche Widersprüche kein Problem für ihn – nicht dass er keine Probleme gehabt hätte. Im…

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Am Tag, als der Regen kam oder was Bela Lugosi im Urwald widerfuhr

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Mit einem Papagei auf der linken Schulter stakste Bela Lugosi, Held unzähliger Filmklassiker und Ornithologe aus Leidenschaft, durch das Unterholz und hielt Ausschau nach dem Unentdeckten. „ … und ’ne Buddel voll Rum!“, krächzte der Vogel. Bela Lugosi griff in die Tasche seines Seemannsmantels und fütterte den gefiederten Freund mit Sonnenblumenkernen. „Still jetzt! Ich glaube, wir nähern uns dem Zielgebiet.“ Der Papagei legte den Kopf schief, kaute, hielt den Kopf in die andere Richtung, kaute weiter und nickte. Aus dem Dickicht erklang eine Stimme: „Geben Sie Acht, dass Sie nicht in die Grube fallen! Da werden Sie gleich durchbohrt, zack!…

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Spinnefeind

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Wenn der Wind das bunte Laub von den Bäumen bläst, besuche ich meist meinen Onkel Pekarek. Es ist ein Überbleibsel aus Kindertagen, als die Ferien so lange dauerten, dass man in den letzten Wochen fortgeschickt wurde, damit die Familie sich nicht allzu sehr hasste. Um den Anschein zu erwecken, man wolle nur das Beste für den Nachwuchs, wurde kein Besuch bei meiner bissigen Großmutter vorgeschlagen. „Was hältst du davon, wenn du für ein paar Tage Onkel Pekarek besuchst?“, fragten meine Eltern scheinheilig, denn ihre eigene Reise an irgendeinen kinderfeindlichen Ort war längst gebucht. Ich sagte niemals nein, denn Onkel Pekarek…

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Die Tür in den Herbst

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Es gibt Dinge, gegen die ist man machtlos. Wenn einen die Traurigkeit anfällt, wie ein Landregen, zum Beispiel. Ob man versucht, sein eigenes Glück zu schmieden oder denkt, es gäbe nur falsche Kleidung, weil das Wetter ist immer gut; ob man einen Gaul zu verschenken hat oder beste Absichten: man wird nass. Bis auf die Knochen. Ich habe versucht, mir ein paar Pölsterchen anzufressen, damit die Gebeine nicht mehr so prominent sind, aber das war eine vergebliche Mühe. Nur die Hosen zwicken einen am Bauch und man keucht beim Schuhe schnüren. Ich muss nur die Augen offen halten, sage ich…

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Nassrasur

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Am Ende des Sommers blökt eine Stimme Kauderwelsch aus einem Lautsprecher. Irgendwo in der Ferne, hinter dem Gezwitscher der Vögel. Der Stadtteilvertreter einer Partei, den es in die Hauptstadt zieht, vermute ich. Obwohl nichts zu verstehen ist, beunruhigt es mich. Dem Barbier, der von Zeit zu Zeit meinen Backenbart stutzt, entgeht das nicht und so schwatzt er munter über den Sand an seinem Urlaubsort und die schöne Aussicht vom Hotelbalkon und die Vorzüge einer privaten Altersvorsorge. Während er spricht, gestikuliert er mit dem Rasiermesser. Aus Angst um mein Ohr fange ich an zu sprechen. „In meinem Schädel rennen zahllose Rädchen…

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