Diebesgut

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Auch die Bescheidensten unter uns halten sich für etwas Besonderes. Gewiss, es ist verständlich. Durch einen dunklen Tunnel aus Fleisch presst uns eine unsichtbare Macht mit Gewalt hinaus. Ohne Orientierung, fast blind und mit weicher Schädeldecke, betreten wir die Welt und sind angewiesen auf Güte, Futter und Information. Nach so einem Abenteuer gleich zu Beginn fühlt man sich eben außergewöhnlich. Sie vermuten ganz richtig, dass ich mir so eine weise Rede nicht selbst zurecht gedacht habe. Am äußersten Ende meiner Jugend weigerten sich meine Eltern, mir das Bummelstudium noch länger zu vergüten, und ich nahm eine Stelle als Klinkenputzerin im…

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Korkenzieherromantik

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Am Vorhang der Nacht hängt eine abgegriffene Kordel. Wenn mich die Sehnsucht packt, klettere ich daran hinauf wie ein Äffchen. Meine Mutter steht glotzäugig unten und ruft mir besorgt hinterher, das ginge so nicht. Im Mondlicht ringt sie die fahlen Hände und watschelt die Bühne auf und ab. Eine Weile klingt mir noch ihr Lamentieren in den Ohren, aber weiter oben pfeift der Wind und ich höre sie nicht mehr. Nur ihre Fäuste, die sie dem Himmel entgegen schüttelt, sind noch lange als weiße Punkte zu sehen. Ich setze mich auf das Mäuerchen am Ende der Troposphäre und warte voller…

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La Montanara

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Wenn man den schmalen Steig bis zum Ende geht, gelangt man an einen Felsen, der im Licht der Morgensonne die Farbe einer Aprikose hat. Wer sich die Mühe macht hinaufzuklettern – was nicht ganz ungefährlich ist – kann in ein menschenleeres Tal hinab blicken, denn das Dorf verbirgt sich hinter einer Gruppe Nadelbäume. Nicht einmal der Kirchturm ist zu sehen. Man benötigt also nur den richtigen Standpunkt, um allein auf der Welt zu sein. Aber zu zweit ist ja alles schöner, heißt es. Darum hat Marlene Pelzfuß diesmal ihre Nachbarin mitgenommen. Die Verheißung der Zweisamkeit ist nicht der einzige Grund,…

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Der Leprechaun

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Als es einmal nur noch Trümmer und Tränen gab, baute man darauf ein neues Reich. Artig nahm man jedes Steinchen in die Hände und gab ihm einen Platz und das Versprechen, für alle Zeit dort stehen oder liegen bleiben zu dürfen. Es ist ja nichts besonderes, etwas Neues zu beginnen, wenn das Alte in Schutt und Asche liegt und jeder sich wünscht, es wäre niemals da gewesen. Was bleibt einem schon übrig? Freilich, man könnte sich auch zum Sterben hinlegen, aber das ist nicht so einfach, wie man denkt. Der Körper klammert sich an das Leben und man muss ihm…

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Milchweiß

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Man ist in den wenigsten Dingen bewandert und lässt sich davon nicht stören. Dieser Gedanke gesellte sich zu Paul Pelzfuß, als er am Morgen in den Schnee vor seinem Fenster hinausblinzelte. Vielleicht lag es an dem grellen Weiß, das alles bedeckte und ihm auf die Nerven ging, aber nun störte es ihn doch. Das Jahr war noch jung und da er bisher noch keine Vorsätze gefasst hatte, nahm er sich vor, künftig nachzufragen, sobald er etwas nicht wusste. Als er für den zweiten Kaffee keine Milch mehr im Haus hatte, war es soweit. Er stand vor dem Kühlregal und betrachtete…

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Kleine Aufmerksamkeiten

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Den Leuten kann man es nicht recht machen. Erst gibt es einen Katzenjammer, weil niemand überwacht werden möchte, aber wehe, man schenkt ihnen keine Beachtung, dann fangen sie an, überall ihr Mittagessen vorzuzeigen. Dabei ist die Vorratsdatenspeicherung eine feine Sache. Vorräte sind immer gut. Für schlechte Zeiten. Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Das hat schon meine Tante Kramhilde immer gesagt, und die hatte nicht nur für jede Lebenslage eine Binsenweisheit parat, sondern Regale voll bräunlichem Eingemachtem, das seit Generationen im Keller wartete, auf dass die Not endlich groß genug würde. Einmal habe ich heimlich eins…

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Familienbande

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Auf dem Lande fühlt der Stadtmensch sich fehlplatziert. Trotzdem fährt er hin. Wegen der guten Luft, der Ruhe und weil er ein Nutztier oder Alpenpanorama zu Gesicht bekommen möchte. Umgekehrt kommen die Leute vom Land in die Stadt, weil sie einen bunten Pullover kaufen wollen oder sich vor den Menschenmassen aus aller Herren Länder gruseln. Mein Vetter Grasfried ist nicht nur mein einziger Verwandter, sondern obendrein ein Freund der Goldenen Mitte. Deshalb hat er sich sein Heim exakt dazwischen eingerichtet. Jahrein jahraus sitzt er in seinem Vorgarten und beobachtet die vorüberziehenden Horden. Hat er das Bedürfnis nach Ansprache, lehnt er…

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Des Menschen Wolf

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Wo ich herkomme, sagt man, der Neid ist ein Hund. Von dem wiederum wird behauptet, er sei des Menschen bester Freund. Mein bester Freund heißt Konstantin Bleiwammer, aber ich sage Boltzmann-Konsti oder bloß Boltzmann, wie alle Welt seit Schulzeiten. Eigentlich mag ich ihn nicht sonderlich. Er ist ein Schwindler und riecht ein bisschen nach Ravioli aus der Dose. Außerdem haut er immer gleich zu, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Doch mein Vater sagte oft beim Abendessen, mit vollem Munde, während er mit der Gabel selbstherrliche Gesten ausführte: „Behalte dir deine Freunde, auch wenn sie unliebsame Schwachköpfe sind und…

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Ein Traum

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Die Innennähte des Kostüms sind mit Nylonfäden vernäht, die mich ins Genick und unter die Achseln pieksen. Nicht nur da, auch anderswo piekst es; davon will ich gar nicht anfangen. Aber ich beklage mich nicht. Immerhin ist es eine Arbeit, die nicht allzu schwer ist. Andere müssen in Drecklöchern irgendwelche Erze mit bloßen Händen abbauen, das Ganze bei großer Hitze. Ich habe Filme gesehen, da wird es einem ganz anders zumute. Dagegen ist mein Tagwerk ein Traum. Man wirft mir Bälle zu, die ich nicht fangen kann und ab und an singe ich ein Lied, führe einen Tanz oder ein…

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Der Riss des roten Fadens

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Der Sturm bläst gegen die Fensterscheiben. Das macht ein Geräusch, ganz leise zwar, aber es trägt eine Wut, wie man sie mit dem lautesten Geschrei nicht hinbekäme. Die Bäume biegen sich und ächzen und klammern sich an ihr Laub. Wäre ich Goldsucher oder Alpinist, würde es mich vielleicht trotz des widrigen Wetters hinausziehen, weil ich dringend einen glänzenden Klumpen wollte oder einen Felssturz, der im Abendlicht glüht. Früher wäre ich auch ohne ein erhabenes Ziel nach draußen gegangen. Nur um mein Gesicht in das Toben zu halten, um zu beweisen, dass es mir nichts ausmacht. Aber heute schmerzen die Knochen…

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