Über dem großen Teich

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Gerhard Pelzfuß liegt bäuchlings auf dem Steg und späht durch den Spalt zwischen zwei Brettern in den großen Teich hinab. Unten tummeln sich Goldfische. Er betrachtet einen kleinen dunkelroten mit zerzausten Flossen und vielen Flecken, der sich direkt unter ihm hinter einer Wasserpflanze versteckt. Heute wäre sein Vater achtundsiebzig Jahre alt geworden. Manchmal versucht Gerhard Pelzfuß, ihn sich als alten Mann vorzustellen, aber das gelingt ihm nicht. Gerhards Vater war ein katholischer Buddhist gewesen, der nicht an Gott glaubte. Sein Geist war groß, deshalb waren solche Widersprüche kein Problem für ihn – nicht dass er keine Probleme gehabt hätte. Im…

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Am Tag, als der Regen kam oder was Bela Lugosi im Urwald widerfuhr

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Mit einem Papagei auf der linken Schulter stakste Bela Lugosi, Held unzähliger Filmklassiker und Ornithologe aus Leidenschaft, durch das Unterholz und hielt Ausschau nach dem Unentdeckten. „ … und ’ne Buddel voll Rum!“, krächzte der Vogel. Bela Lugosi griff in die Tasche seines Seemannsmantels und fütterte den gefiederten Freund mit Sonnenblumenkernen. „Still jetzt! Ich glaube, wir nähern uns dem Zielgebiet.“ Der Papagei legte den Kopf schief, kaute, hielt den Kopf in die andere Richtung, kaute weiter und nickte. Aus dem Dickicht erklang eine Stimme: „Geben Sie Acht, dass Sie nicht in die Grube fallen! Da werden Sie gleich durchbohrt, zack!…

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Spinnefeind

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Wenn der Wind das bunte Laub von den Bäumen bläst, besuche ich meist meinen Onkel Pekarek. Es ist ein Überbleibsel aus Kindertagen, als die Ferien so lange dauerten, dass man in den letzten Wochen fortgeschickt wurde, damit die Familie sich nicht allzu sehr hasste. Um den Anschein zu erwecken, man wolle nur das Beste für den Nachwuchs, wurde kein Besuch bei meiner bissigen Großmutter vorgeschlagen. „Was hältst du davon, wenn du für ein paar Tage Onkel Pekarek besuchst?“, fragten meine Eltern scheinheilig, denn ihre eigene Reise an irgendeinen kinderfeindlichen Ort war längst gebucht. Ich sagte niemals nein, denn Onkel Pekarek…

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Die Tür in den Herbst

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Es gibt Dinge, gegen die ist man machtlos. Wenn einen die Traurigkeit anfällt, wie ein Landregen, zum Beispiel. Ob man versucht, sein eigenes Glück zu schmieden oder denkt, es gäbe nur falsche Kleidung, weil das Wetter ist immer gut; ob man einen Gaul zu verschenken hat oder beste Absichten: man wird nass. Bis auf die Knochen. Ich habe versucht, mir ein paar Pölsterchen anzufressen, damit die Gebeine nicht mehr so prominent sind, aber das war eine vergebliche Mühe. Nur die Hosen zwicken einen am Bauch und man keucht beim Schuhe schnüren. Ich muss nur die Augen offen halten, sage ich…

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Nassrasur

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Am Ende des Sommers blökt eine Stimme Kauderwelsch aus einem Lautsprecher. Irgendwo in der Ferne, hinter dem Gezwitscher der Vögel. Der Stadtteilvertreter einer Partei, den es in die Hauptstadt zieht, vermute ich. Obwohl nichts zu verstehen ist, beunruhigt es mich. Dem Barbier, der von Zeit zu Zeit meinen Backenbart stutzt, entgeht das nicht und so schwatzt er munter über den Sand an seinem Urlaubsort und die schöne Aussicht vom Hotelbalkon und die Vorzüge einer privaten Altersvorsorge. Während er spricht, gestikuliert er mit dem Rasiermesser. Aus Angst um mein Ohr fange ich an zu sprechen. „In meinem Schädel rennen zahllose Rädchen…

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Der Nusskopf

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Ein Leben lang im Grünen. Das will auch niemand. Aber einen grünen Bereich, das wollen alle. Mit ihren kleinen Kindern in Schalensitzen auf den Rücksitzbänken rauschen sie vorbei. Ins Grüne, ins Grüne, raus aus der Unbarmherzigkeit, Schwipp-Schwapp, abgesoffen im Mittelmaß, im Mittelmeer, im Mittelklassewagen. Eine Fläche von 97 Fussballfeldern wird jeden Tag betoniert, damit die Planierraupen zu Fressen kriegen und im Jahr danach als speiende, spuckende Tupolews über den Frühlingshimmel donnern können. Meinethalben sollen sie alles zerschießen, die Zierhecken, die Maikätzchen, die gotischen Kirchen und den traurigen Mob, dem Tränen über das teigige Gesicht rinnen. Auf Asphalt kann keiner mehr…

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Abschied vom Abendland

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„Passiert es Ihnen häufig, dass Sie etwas von Bedetung sagen wollen, aber alles, was Ihnen in den Sinn kommt, klingt wie die Rede eines Knabenschullehrers aus einem Unterhaltungsfilm der fünfziger Jahre?“ Die Personalchefin tippte mit der Rückseite ihres Kugelschreibers einige Male auf die Schreibtischunterlage aus buntem Plastik. Hasdrubal Pelzfuß strich mit der Fingerspitze sein Ohrläppchen entlang. Das Bewerbungsgespräch zog sich unangenehm in die Länge und Hasdrubal konnte sich auf nichts anderes konzentrieren, als auf den Mund der Personalchefin. Einen Riesenmund hatte die, voller winzig kleiner Zähne. Sicherlich achtzig oder hundert Zähne mussten das sein. Etwas Derartiges hatte er nie zuvor…

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Rede des Großen Biestes an die Vereinten Nationen

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„Ich will, dass alles Egozentrische in oranges Neongrell getränkt erscheint. Damit ihr seht, in welchem Zustand die Welt ist. Die Augen würden euch aus dem Kopf fallen. So zahlreich, dass man auf den Gehwegen knöcheltief in Augäpfeln würde waten müssen, wollte man sich ein Laib Brot aus der Bäckerei holen. Da würde man lieber online bestellen. Das geht aber nicht, weil man augenlos blind voller Verzweiflung durch die Welt taumelt und wieder und wieder der Länge nach auf dem Augapfelteppich hinschlägt. Insgesamt also eine deutliche Verbesserung zum gegenwärtigen Zustand der Welt. Sie sehen! Mein Problem ist, dass nichts von alledem…

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Im falschen Licht

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Wer die Bahngleise entlang geht, vorbei am Krötenteich und den Birken, gelangt bei Regenwetter an einen Parkplatz. Der gehört zu einem Billigmöbelhaus. Darin wohne ich, zusammen mit dem Hundekönig Attila. Während der Geschäftszeiten treiben wir uns zwischen den Lagerregalen herum oder stehlen Hackfleischklöße von Tellern im Schnellrestaurant. Abends lümmeln wir auf den Sitzgarnituren und starren glotzäugig auf die Fernsehgerätattrappen. Bei klarem Himmel ist alles anders. Den Parkplatz kann man nicht finden. Stattdessen ein Wäldchen aus Laubbäumen. Sonnenscherbenmuster auf dem Waldboden, wie Fetzen gestreifter Jacken. Die Füße schwingen im Moos, als ginge man auf Taschenfederkern. Wir haben kein Dach über dem…

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Der Specht

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„So war das zu meiner Zeit nicht!“, ruft mir der alte Herr zu, der das Kämmerchen nebenan bewohnt. Es gibt einen bestimmten Zeitpunkt im Alter, wo man zugleich schwerhörig und geräuschempfindlich ist. Von dort ruft er mir das zu. Ich weiß weder, wann seine Zeit war, noch wann sie zu Ende ging. Er ist ein unangenehmer Mensch, hat Freude am Zwist und am Unglück der anderen. Zudem stinkt er ein bisschen. Trotzdem habe ich einen Heidenrespekt vor ihm; schließlich ist es ihm gelungen, nach Ablauf seiner Zeit noch auf seinem kleinen Balkon zu stehen. Ein richtiger Balkon ist es nicht….

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