Sehnsucht nach Pershing II

Kerstin stochert mit der Gabel in ihrem Curry. Die Tofustücke sehen aus wie kleine, zu oft gewaschene Schwämme. „Weißt du noch, dieses Gefühl? Damals? Die Pershing II, ein klares Ziel. So ein ordentliches, gut verpacktes Endzeitpaket.“

Tom schiebt seine Brille hoch. „Endzeit-Geschenkkorb, meinst du. Mit hübscher Schleife und einer Grußkarte vom Kreml. Heute ist es Endzeit-Bingo. Jeden Morgen eine neue Zahl, und keiner weiß, welches Feld man ankreuzen soll.“ Er nimmt einen Schluck von seinem viel zu teuren Craft-Bier. „Damals war es ja fast gemütlich. Der Feind hatte ein Gesicht, eine Ideologie, eine Uniform. Okay, keine schicke, aber erkennbar. Heute? Der Feind trägt ’ne Jogginghose und kommentiert seine politische Meinung unter einem Katzenvideo.“

Kerstin lacht, kurz und heiser. „Oder er ist der Algorithmus, der dir vorschlägt, mehr über den Untergang der Zivilisation zu erfahren, weil du gestern nach Bauschaum gegoogelt hast. Ich mein ja nur, die alte Angst war ja auch ’ne Art Stabilität. Wie ein Lieblingspulli, der zwar löchrig ist, aber man weiß, woran man ist. Jetzt ist alles wie ’ne KI-generierte Tapete. Sieht gut aus, aber man kann sie nicht greifen.“

Er nickt, das Bierglas knallt auf den Tisch. „Stimmt. Sogar der Weltuntergang hatte ’ne Chiffre. Hiroshima, Nagasaki. Pershing. Heute ist es ’n Glitch im System. Oder ’ne Influencerin, die die nächste Pandemie prognostiziert. Weniger Theater, mehr digitales Rauschen. Man wünscht sich ja fast, der Feind wäre wieder ein Bär, der klassisch durch den Wald stampft, statt eines Schwarms von Drohnen, die nach dem besten Lieferdienst suchen.“

Sie sehen sich an. Schweigen. Dann Kerstin: „Vielleicht war das damals ja der wahre Luxus: eine klar definierte Bedrohung.“

Tom: „Ein Feind mit Ansage. Heute ist es nur noch ein konstantes, digitales Hintergrundrauschen. Und man weiß nie, ob die Störung von außen kommt oder im eigenen Kopf stattfindet.“

Kerstin: „Na dann, ein Prosit auf die Unklarheit.“