Die späte Rache der Lola Montez

Der Himmel über Berlin, dem brodelnden Topf aus geschmolzenem Teer und lauer Mandelmilch-Latte, ist nur Hintergrund. Lola Montez lächelt, überirdisch spottend schwebt sie über der Dachterrasse eines sanierten Altbaus. Hitze ist Schwingung. Eiswürfel klirren in Gläsern, die Stadt zirpt im sommerlichen Kampf. Ein Grundrauschen irdischer Not streift Lolas Ohr kaum. Ein Drohnenschwarm, Insekten-Elektronik-Rache, summt durch schwüle Luft. Rote Augen spiegeln Firmen-Gier. Lola Montez, im Rausch des Jetzt, spürt das Flirren der Lichtteilchen, spürt die eigene fließende Existenz. Sie ist nicht Gejagte, nicht Geschmähte. Sie ist der Rausch, die zuckende Welt, der Tanz aus Feuer.

Sie sieht Menschen unten, gefangen in einem Labyrinth von Wort und Denken, klebend an Handys. Sätze zucken lose Drähte im Kasten. Lola spielt auf einer anderen Bühne, glühende Fäden der Gegenwart in den Fingern. Rache ist keine Abrechnung dieser Welt.

Sie schreibt die Geschichte um, korrigiert Alt-Aufzeichnungen, die ihren Namen trugen. Die Lola Montez der Vergangenheit, Opfer von Regeln und Gerede, ist weit entfernt. Die Lola dieser Tage Baumeisterin der Wirklichkeit, alte Wunden werden leuchtende Muster.

Die Sonne, vergoldete Tropfen, zerfließt am Horizont. Die Stadt, in Dämmerfarben eines Wachsmalstifts, schwelgt. Lola vollendet ihr Werk. Sie zerfällt im Echo der Tat. Die späte Rache der Lola Montez: nicht der Fall ihrer Feinde, sondern eine neu geschriebene Geschichte, ein befreiter Kern, eine Legende, verwoben im ewigen Tanz. Ein Wandel des Bewusstseins, leiser als ein Atemzug, mächtiger als jede Explosion