Synthetisches Karma

Ich kenne Ossi Petrossi seit dem Kindergarten. Er war schon damals ohne Furcht und während wir anderen Kinder – in steter Angst vor Frau Apfelbeck – versuchten, den lieben langen Tag möglichst unauffällig Bauklötze zu stapeln oder Schleifen zu üben, lachte er ihr frech ins Gesicht und drehte ihrem erhobenen Zeigefinger eine lange Nase. Auch später in der Schule spottete er über Strafen und Sanktionen oder tat sie achselzuckend ab. Seine Eltern hielten es vermutlich ebenso, wobei ich gar nicht sicher bin, ob er überhaupt Eltern hatte. Womöglich war er eine düstere Ausgabe von Pippi Langstrumpf und sein Vater Sklavenhändler in einem unbekannten, karibischen Inselstaat. Das würde einiges erklären.

Nach der Schule fing Ossi eine Lehre als Chemielaborant an und für eine Weile sah es aus, als entwickle er sich zu einem gut laufenden Rädchen im gesellschaftlichen Getriebe. Eines Tages stürzte er von einer Leiter und fiel kopfüber in ein Fass mit synthetischem Karma. Ab da war er nicht mehr derselbe. Der chronische Husten und die Kurzatmigkeit vergingen zwar nach ein paar Monaten wieder, doch die abgebrühte Facette seines Charakters kam nicht nur wieder hervor, sie verstärkte sich, wucherte wie ein Geschwür, bis er schließlich vollständig vor ihr durchdrungen war.

Ossi Petrossi kümmert sich nicht um demokratische Werte, christliche Moral oder gesellschaftliche Vorstellungen und Regeln. Wenn ihm etwas falsch vorkommt, stellt er es ab und wenn dazu drastisches Handeln erforderlich ist, handelt er drastisch. Er ist der härteste Hund der Menschheit, waghalsig und rücksichtslos, am meisten gegen sich selbst. Jeden Samstag lädt er mich zu sich nach Hause ein, spielt mir auf dem Hackbrett vor und bereitet saures Lüngerl für mich zu. Ossi Petrossi ist unmusikalisch und ich mag keine Innereien. Aber ich traue mich nicht, ihm das zu sagen. Wer weiß, was mir dann blüht.

Wenn er das liest, bin ich geliefert.