Und kalt ist es auch

Ich werde immer klüger. Und das ist ein Problem. Schon seit Kindertagen mit außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten ausgestattet, fand ich mich früh in einer Position der Einsamkeit und Isolation, gegen die für mich als Einzelnen nicht anzukämpfen war. Egal, was ich auch versuchte und probierte, nichts half, um meiner überbordenden Intelligenz Herr zu werden.

Ich drehte mich im Kreis bis ich umfiel, schlug mir schwere Bücher, Nachschlagewerke, Atlanten und Gesamtausgaben auf den Kopf, rannte in voller Geschwindigkeit mit der Stirn zuerst gegen die Wände und Türe meines Kinderzimmers, nichts half. Ich versuchte früh mit allem, was greifbar war, mein Gehirn zu vergiften, von Blumendünger und Babyöl bis zu den Blüten des Goldregens neben unserer Garage, nichts half.

Später, im frühen Erwachsenenalter, kam das gängigste, gesellschaftlich akzeptable Verdummungsmittel hinzu: Alkohol in immer höheren Dosen, in immer höherer Frequenz; doch kein Kurzer, kein Longdrink, kein Cocktail, vermochte mich von meinen Gedanken, Ideen und Schlussfolgerungen zu erlösen, vermochte mir zu helfen. Nichts half.

Ich eckte weiterhin an, erregte ob meiner geäußerten Zweifel, meiner ungefragten Korrekturen, meiner Verbesserungsvorschläge den Unmut meiner Vorgesetzten, von Behörden, Psychologen und Ärzten. Ich saß meine Probleme aus, rief tags wie nachts in die einsamen und von der Umwelt verlassenen Echokammern meines Bewusstseins und lauschte unablässig dem Widerhall meiner Gedanken. Das konnte mir natürlich auch nicht helfen. Nichts half.

Es gibt Rausch jenseits des Suffs, dachte ich eines Tages und hörte auf zu trinken. Von jetzt auf gleich. Die Mittel, die mir jetzt begegneten, waren anders. Sie hatten gegenteilige Auswirkungen: ich wurde immer klüger. Aber mein Kopf schmerzte zunehmend unter der Last der Anstrengung, der Leistungen, die er vollbrachte. Ich dachte alles, was es gab; ich kreierte eigene Welten, erschuf Menschen und löste Probleme, die ich ihnen machte.

Je mehr ich mir ausdachte, desto relativer, unwichtiger, desto unwirklicher wurde die Realität. Die wurde derart nebensächlich, dass ich neulich vergaß, mir Hosen anzuziehen als ich zur U-Bahn wollte. Genauer gesagt, hatte ich es nicht im eigentlichen Sinn vergessen – es war nur gänzlich unbedeutend für meine Vorstellung von Normalität. Was gucken die Leute so doof, dachte ich. Sind wir nicht alle Menschen?

Ich ging dann trotzdem zurück und zog mir Beinkleider an. Ich will ja keinen Aufruhr auslösen, durch meine unbekümmerte Nacktheit das öffentliche Ärgernis erregen. Der Herbst ist da, die Tage werden kürzer; wir müssen als Bewohner der Nordhalbkugel zusammenhalten, müssen uns gegenseitig unterstützen, wenn die jahreszeitbedingten Depressionen in der Gesellschaft Überhand zu nehmen drohen. Und kalt ist es auch.