Literarisches

Allmächtiges Schweigen

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Unter all den Warnungen, die man mir als Kind aussprach, machte mir die vor dem Schlendrian den meisten Eindruck. Man müsse sich hüten, sonst zöge er bei einem ein. Da damals noch der Herr mein Hirte war, schien es mir ratsam, eine so wichtige Aufgabe jemandem zu überlassen, der sich mit sowas auskannte. Schafe kannte ich nur aus dem Bilderbuch und vom Ponyhof – ich entstamme einer Familie von Schneidern und Ingenieuren, aufs Hüten verstand sich da niemand. So blieb ich vom Schlendrian verschont, bis ich eines Tages vom Glauben abfiel. Das passiert vielen, wenn das Leben etwas länger dauert….

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Wen es betrifft

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Hören Sie? Ich sage Ihnen, Sie hören nichts. Nicht das Surren der Leuchtstoffröhre, nicht das Zwitschern der Gazellen, die dort unweit des Einkaufszentrums auf dem Mittelstreifen grasen, gar nichts hören Sie. Und dann gibt es immer wieder Situationen, in denen das Herz so laut klopft, dass selbst ich, dem diese Dinge beständig in den Ohren gellen, die Geräusche aus dem Außen nicht mehr wahrnehme. Dann pocht es, strömt es, rauscht es in mir und all die Töne da draußen werden bedeutungslos. Wer bin denn ich, frage ich mich in solchen Momenten, und wo liegt der Sinn? Zwar antworte ich immer…

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Der Geschmack von Suppe

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Unter Menschen ist der Glaube verbreitet, früher seien die Dinge besser gewesen. Ich zum Beispiel erinnere mich deutlich, wie angenehm aufregend das Geräusch eines überfüllten Freibads in meiner Kindheit war. Die heutigen Freibäder klingen schrill und mir schmerzen die Ohren bereits, wenn ich mit dem Auto daran vorbei fahre. Man konnte Rollschuhlaufen, ohne zu schwitzen und schwitzte man doch, so stank man wenigstens nicht. Wollte man irgendwo dazugehören, genügte es meist, eine Mutprobe zu bestehen, die im Allgemeinen nicht sonderlich viel Waghalsigkeit erforderte: Beim alten Heyer läuten und sagen, man habe sich verklingelt oder dem Landesvater einen Zettel in den…

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Sommerfreuden

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An dem Haar, das aus deinem Ohr wächst, hangle ich mich langsam nach oben. Jetzt ist es nicht mehr weit, ich kann den Flickenteppich aus Leibern der Frauen, Männer, Kinder im Strandbad hinter dem Lattenzaun schon gut erkennen: Eingeölt und mariniert wie Grillgut wellen sich meterweise Stücke Haut im Sonnenbrand. „Willst du jetzt rüber?“, fragst du. Wenn ich könnte, würde ich die Schultern zucken. Seltsam, die andere Seite reizt mich nicht mehr wie noch vor fünf Minuten, als ich dich bekniet habe, mir dein Haar zur Verfügung zu stellen. Ich rutsche das Haar hinab, lande sicher auf dem Boden. Ich…

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Sommerfreuden

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An dem Haar, das aus deinem Ohr wächst, hangle ich mich langsam nach oben. Jetzt ist es nicht mehr weit, ich kann den Flickenteppich aus Leibern der Frauen, Männer, Kinder im Strandbad hinter dem Lattenzaun schon gut erkennen: Eingeölt und mariniert wie Grillgut wellen sich meterweise Stücke Haut im Sonnenbrand. „Willst du jetzt rüber?“, fragst du. Wenn ich könnte, würde ich die Schultern zucken. Seltsam, die andere Seite reizt mich nicht mehr wie noch vor fünf Minuten, als ich dich bekniet habe, mir dein Haar zur Verfügung zu stellen. Ich rutsche das Haar hinab, lande sicher auf dem Boden. Ich…

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Die zweite Wahl

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Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, als ich zugestimmt habe, Eukleides auf die Reise mitzunehmen. Ich konnte ihn schon in der Schule nicht leiden. Aber er meinte, er verstünde sich aufs Kartenlesen, und wir haben einen ähnlichen Musikgeschmack. „Eine Strecke ist eine gerade Linie, die auf kürzestem Wege zwei Punkte verbindet“, sagte er nach einer langgezogenen Linkskurve. Ich hätte auf seinen Unterton achten sollen, dann wäre mir Einiges an Unheil erspart geblieben. Der Straßenbelag wich bräunlichem Kies, der von schlammigen Gräben durchzogen war, und Gerümpel ragte drohend links und rechts des Weges auf, doch Eukleides beharrte weiterhin darauf,…

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Der Schüchterne

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Ohne Fleiß, kein Preis. Kein Preis zu hoch für einen, der nach Sternen greift, sich die Planeten einverleibt und oft genug in Wolken, in düsteren Wolken steckenbleibt. „Ich liebe ein Phantom“, sagt sie und lächelt übertrieben scheu. „Bei mir führt jeder Weg nach Rom. Ich will erleben, ob altvertraut, ob splitterfaserneu. Letztendlich fällt jede Frucht, ob klein wie Kirschen oder auch melonengroß, in meinen Hoppehoppereiter-Schoß.“ Ihr Gesprächspartner versteckt seine Verlegenheit und sein Entzücken hinter einem Stapel Bücher. „Eine feste Burg ist ohne Zweifel unser Sehnen; eine sichere Bank gegen die Unbill der Außenwelt.“ Sie macht einen Schmollmund, reißt die Augen…

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Das schwere Erbe

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Mein Vater war, wenn man den Historikern und Wissenschaftlern glauben mag, nicht nur klug, sondern nachgerade brillant. Und – natürlich mag ich ihnen glauben, wer würde das nicht, wer wäre nicht gern Spross eines großen Geistes? Denn, obwohl es sich weder zweifelsfrei beweisen lässt, noch mit der politischen Mode im Einklang steht, geht man davon aus, selbst Gedanken zu haben, die außerordentlich sind. Es heißt nicht umsonst, der Apfel fiele nicht weit vom Stamm. Andererseits mag niemand Fallobst, denn es haftet ihm der Ruch des Verfalls an, braune Stellen und Wurmbefall werden ihm unterstellt. Die Leute wollen frische Früchte, möglichst…

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Aus der Werkstatt

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Idee für eine Geschichte: Ein Junge wächst heran, sein Vater flüstert ihm im Schlafe ein, dass er vom Sohn erwarte, sich nach einer kurzen aufrührerischen Episode, von Polizisten, Priestern oder Soldaten, während des Sturmlaufs auf den Palast, erschießen zu lassen oder ein ähnlich heroisches, andersartiges Ende zu finden. Der Junge macht sich gleich am nächsten Morgen auf, das Gehörte umzusetzen. Unverzüglich schart er eine Gruppe von Männern, die sowieso wenig Besseres zu tun haben, um sich und gemeinsam ziehen sie Richtung Hauptstadt. Unterwegs erleben sie zahlreiche Abenteuer und heilen Kranke, beziehungsweise aktivieren die Selbstheilungskräfte der Kranken durch schiere Begeisterung. Umjubelt…

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Kein guter Rat

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Wer die Leute verstehen will, muss sich ihre Schuhe ansehen. Das hat mir meine Großmutter von klein auf eingebläut. Sie selbst trug stets Kellnerinnensandalen, außer bei ihrer Beerdigung. Da zwängte man ihre schon steifen Zehen in ein Paar dunkelblaue Wildlederpumps mit einer prachtvollen Silberschnalle. Ich hörte nie auf ihre Ratschläge, aber diesen beherzige ich bis heute, und dass, obwohl sich bald herausstellte, dass es sich dabei um einen Irrtum handelte. So ist der Mensch eben. Was mein eigenes Schuhwerk angeht, bin ich nachlässig. Ob die Fußbekleidung der Jahreszeit oder dem Anlass angemessen ist, welche Farbe sie hat, oder ob sie…

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