Literarisches

Zubrots ungehörtes Schicksal

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Die Abendsonne wirft ihr vom Tag lahm gewordenes Licht auf die Stadt. Der Sommer ist vorüber, aber die Menschen weigern sich, den Herbst willkommen zu heißen und werden mit Schnupfen und kalten Füßen dafür gestraft. In einer der letzten Sonnenpfützen sitzt ein Unglücksrabe und wartet mit vor Scham geschwollenen Füßen auf Almosen. Als ich mich zu ihm hinab beuge und Kleingeld auf seine Decke lege, flüstert er mir zu: „Das kann jedem passieren. Irgendeinen Unfug macht jeder einmal. Glauben Sie mir!“ Er greift nach meiner Hand, aber ich wende mich ab und eile davon. Deshalb höre ich seine Geschichte nicht….

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Verdünnung und Verdichtung

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Am Informationsstand der Streitkräfte reicht ein Soldat im leichten Kampfanzug den Passanten Hochglanzbilder von Brunnen und frischgetünchten Schulgebäuden. Dazu lächelt er verbindlich und freut sich am regen Interesse und dem Zuspruch der Bürger. Als alle Bilder verteilt sind, schaut er auf sein Mobiltelefon und geht nach Hause. Pünktlich auf die Minute. ‚Alles eine Frage konstruktiven Zeitmanagements’, denkt er sich und er ist dankbar für die gute Schulung, die ihm zuteil wurde. ‚Es geht doch nichts über Training der Methodik.’ Er greift nach seiner Freundin und hat Verlangen nach ihr. Sie hält still, als er sie berührt und sich an ihr…

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Der Inkubus

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Es kommt kaum vor, dass man nachts aus lauter Freude erwacht. Meist muss man aufs Klo oder der Durst plagt einen. Ich schrecke aus einem Traum auf. Nicht die Art Traum, wo man zur Arbeit fährt und vergessen hat, eine Hose anzuziehen. Ich liege rücklings auf einem Mürbekeks von ozeanischem Ausmaß. Eine Macht presst mich auf die narbige Oberfläche. Eine Macht, so gewaltig, dass selbst der vorsichtige Gedanke an eine Bewegung mich augenblicklich erschöpft. Ein Gebäckstück ist nicht dazu gemacht, solchem Druck lange standzuhalten. Es wird irgendwann nachgeben, schon spüre ich bröselige Risse unter meinen Schulterblättern. Ich kann hören, wie…

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Para-Romantische Episode

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Worte wie Fellhandschuhe bereiten die Bevölkerung auf die verschiedenen Szenarien vor. „So schlimm wird es wohl nicht werden”, sagen die Bürger dann vor anderen. „So schlimm ist es doch schon!” hört man einen verwirrten Menschen in der S-Bahn versehentlich laut sagen. Wir anderen wringen unsere Lippen und schauen betreten aus den Fenstern. Auf dem Weg nach Hause stellt sich mir eine Birke in den Weg und wispert aufgeregt: „Du weißt, jetzt ist alles möglich.” Ich antworte stereotyp, dass es wohl so schlimm nicht werden wird. Meinem Rucksack entnehme ich einen Fellhandschuh und streichle eine ganze Weile ihre zarte Rinde, bis…

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Ruf der abendlichen Stadt, ungehört

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Eine Sommerbrise ermuntert das Laub der Bäume zur Tuschelei, darunter betören sich die Zikaden. Mein Kühlschrank, bis zum Bersten gemästet mit Räucherwurst und orientalischen Pasten, brummt zufrieden in der Dunkelheit. In der Ferne lodert ein Konflikt. Ich höre Gekreisch durch mein Fliegengitter, das mir unliebsame Besucher vom Halse hält. Eine Zusammenkunft ursprünglich feierlichen Charakters, von Alkohol und Drogen gelockerte Zungen sprechen Dinge aus, die sonst ungesagt bleiben, denn der Mensch will es sich in der Hülle des friedfertigen und moralischen Tiers gemütlich machen. Doch schon bald drängt langgehegter Groll zwischen die Ritzen des Futterals, angespitzte Worte durchdringen den Stoff. Ehe…

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Der Einsatz

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Exotisch aus der Wäsche schauend, messerlange Nägel kauend, Haar verkümmert, ausgebleicht, zu mehr hat’s heute Morgen nicht gereicht. Ein Schock, ein Mann tritt auf und spritzt zwei Salven ab – schnell die Zunge, ernst der Blick. Ich sage dir, ich sag‘ dir eins, nur eines noch, nur noch einmal und noch einmal und noch einmal: Hätte ich auch nur einen Cent für jeden Obdachlosenzeitungsverkäufer, wär‘ ich noch immer arm, bitterarm, denn Armut ist chronisch, nicht akut. Der Sommer ist groß, und ich baue kein Haus, schreibe keine Briefe mehr, und alle Passanten riechen nach Wurst und alten Fischbrötchen. Exotisch ist…

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Die letzte Ehre

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Gestern habe ich nach langer Zeit wieder einmal an meinen Patenonkel Pankraz gedacht. Das kommt selten vor, denn ich hasse ihn aus tiefstem Herzen, und das soll man ja nicht. Immerhin nahm er meine Eltern und mich auf, als wir unser Heim verloren hatten. Als Kind log ich, bis sich die Balken bogen. Die Nachbarn beschwerten sich, weil bei ihnen das Porzellan aus den Schränken fiel, und schließlich setzte uns die Vermieterin kurzerhand vor die Tür. Pankraz war ein Mistvieh von einem Menschen. Unter dem Vorwand, mir dies und das beibringen zu wollen, pflanzte er Unfug und Irrlehren in mich….

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Tagores Traumgesichte

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Regen gräbt sein Loch in meinen Schlaf – ich zähle mein Schaf einmal, zweimal, viele Male. Mit Kreidestrichen auf einer eigens dafür vorgesehenen Tafel markiere ich die Runden, die es um mein Bett läuft. Wie es mit sich selber wettläuft. Wie es das abgeschüttete Fett säuft, das ich mir abends aus dem Körper zapfe. Jeden Abend das Getue mit dem Schlauch – aus den Schenkeln, Hoden, aus dem Bauch zapfe ich mir Rahm, bis die Eimer voll sind. Mein Schaf sagt immer: „Was ich toll find, ist die Regelmäßigkeit des Ganzen. Wie Schulden, Gezeiten und Wetter.” Leere Grütze graupelt Schauer…

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Vom Tuten und Blasen

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In den Gehörgängen drängen sich aufgeschnappte Aussagen. Später werden sie im stillen Kämmerlein auf Wahrheitsgehalt abgeklopft; mit goldenen Hämmerchen von den einen, mit mageren Fingerknöcheln von den anderen. Der Schamhügel ist der Kalvarienberg des kleinen Mannes. Es gibt ein klimaneutrales Ersatzprodukt für Menschlichkeit. Wenn man es nicht weiß, bemerkt man keinen Unterschied. Wir haben einen Überschuss an Pronomen. Trotzdem dürfen sie nicht einfach mitgenommen werden. Wenn das jeder machen würde. Hast du gehört? Ein Pronom. Das darf nie wieder geschehen. Es ist Zeit zum Aufstehen. Aber es ist doch erst halb fünf und ich bin noch so müde. Sollte sich…

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Lagerfeld und Puschkin

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Ich saß vor ein paar Monaten in Madame Ovarys Eckkneipe, da kam ein blasser Mann herein. Er stellte sich neben meinen Tisch und sah auf mich herab. Ich sagte, er solle mir aus der Sonne gehen, sonst würde ich ihm eins auf sein fettes Maul hauen. Er sagte: „Was erlauben Sie sich? Wissen Sie denn nicht, wer ich bin?” Ich verneinte und er meinte, er sei Karl Lagerfeld, was mich nicht beeindruckte. Ich bat ihn trotzdem Platz zu nehmen. Vielleicht, so dachte ich mir, hat er ja etwas Aufregendes zu erzählen. Hm, da müsse er einmal nachdenken und fing im…

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