Literarisches

Und kalt ist es auch

By

Ich werde immer klüger. Und das ist ein Problem. Schon seit Kindertagen mit außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten ausgestattet, fand ich mich früh in einer Position der Einsamkeit und Isolation, gegen die für mich als Einzelnen nicht anzukämpfen war. Egal, was ich auch versuchte und probierte, nichts half, um meiner überbordenden Intelligenz Herr zu werden. Ich drehte mich im Kreis bis ich umfiel, schlug mir schwere Bücher, Nachschlagewerke, Atlanten und Gesamtausgaben auf den Kopf, rannte in voller Geschwindigkeit mit der Stirn zuerst gegen die Wände und Türe meines Kinderzimmers, nichts half. Ich versuchte früh mit allem, was greifbar war, mein Gehirn zu…

Read More

Zugzwang

By

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da muss man handeln, egal wie skeptisch man Tätigkeiten im Allgemeinen betrachtet. Benno Pelzfuß hat die Stimme seines Vaters im Ohr, als hätte der erst vor fünf Minuten zu ihm gesprochen und nicht vor ewig langer Zeit, als Benno noch ein saumseliger Jugendlicher war, der glaubte, die Menschheit könne allein durch Nichtstun vor dem Untergang gerettet werden. Früher konnte man nicht vom Sofa aus einen Kleinstaat ausradieren und nebenbei eine Orangenlimonade trinken. Faulheit ist keine Ausrede mehr für mangelnde Kampfbereitschaft und die Menschheit stirbt am dumpfen Zorn auf die eigene Dummheit, die nirgendwo so gut zu…

Read More

Romanze in Pandoras Büchse

By

Als Pandoras Büchse geöffnet wurde – ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, an einem Tag, an dem das Wetter genau so war wie heute – waren alle Übel schon rasant entflohen. Kurz vor Schluss krabbelten zwei Übel in schier unendlicher Langsamkeit heraus: die Dummheit und die Bosheit. Die Dummheit hatte, einfältig wie sie ist, einfach nicht verstanden, dass sie und die anderen Übel jetzt frei waren, nicht mehr eingepfercht mit allem Übel dieser Welt, dass sie frei, frei, frei sei. Die Bosheit hatte ihre eigenen Motive, zu schleichen und nicht zu eilen. „Meine Zeit wird schon noch kommen“,…

Read More

Aller Anfang ist schwer

By

Mit den Redensarten ist es so eine Sache. Mein Vetter Kopernikus hatte zu jedem Vorkommnis – wie unbedeutend es auch gewesen sein mochte – eine auf Lager. Und was hat es ihm eingebracht? Er ist gestorben, wie jeder andere auch. Doch schon vor seinem Tod, der im Übrigen schmachvoll, schmerzhaft und vor der Zeit war, brachten sie ihm kein Glück. Kopernikus war natürlich nicht sein richtiger Name, aber alle Welt nannte ihn so, weil er ein heliozentrischer Typ war. „Dem Kleinen scheint die Sonne aus dem Arsch!“, rief die Hebamme kurz nach der Geburt dem Kindsvater Maximilian, seines Zeichens Schulbusfahrer…

Read More

Schlimmer als Tiberius

By

Tiberius war klein. Nicht nur klein im gewöhnlichen Sinne, sondern so, als hätte man ihn mit Absicht geschrumpft, bis die Welt um ihn herum zu einer bedrohlichen Ansammlung gigantischer Gegenstände wurde. Das Tischtuch ein Ozean aus Stoff, und jede Schuhsohle ein Hochplateau. Er hatte einen winzigen Bart, der ihm bis zum Bauchnabel reichte, falls man einen solchen bei seiner Statur hätte ausmachen können. Eines Mittwochs versuchte Tiberius, eine Fliege von der Wand zu vertreiben. Er holte einen Besen. Der Besen war natürlich viel zu lang und viel zu schwer. Er schwang ihn über seinem Kopf, verlor das Gleichgewicht und fiel…

Read More

Müßiggang nach Canossa

By

Dorothea Pelzfuß starrt das hellgrüne Kuvert an. Zarter Moschusduft steigt vom Papier auf und verursacht ihr leichtes Würgen. „Ich schicke Ihnen die Unterlagen in den nächsten Tagen zu“, hatte die Dame vom Amt gesagt. Ihr unverbindliches Beamtenlächeln war noch tagelang an Dorotheas Netzhaut kleben geblieben und hatte ihr die Aussicht versaut. Weil sie nicht am Wehrdienst teilnehmen will, hatte Dorothea Pelzfuß vorsprechen und sich erklären müssen. Der Staat hat ein Anrecht auf Erklärung, wenn eine seiner Bürgerinnen etwas aus der Reihe tun oder lassen will. Umgekehrt gilt das freilich nicht – der Staat geht seinen Tätigkeiten nach Belieben nach oder…

Read More

Alles eine Frage des Stils

By

„So etwas sagt man aber nicht“, sagt eine, die aussieht, als wäre sie in den 1970er Jahren als Teenagerin in einen etwas älteren Jung-Revolutionär verliebt gewesen, der sich aber nach einiger Zeit, sehr zu ihrem Leidwesen, als Riesenchauvi herausgestellt hatte. „Und wenn man schon derartiges sagt, dann muss man die Etikette achten. Es gibt nun einmal Regeln und Konventionen, die es einzuhalten gilt. Das habe ich selber schmerzhaft erfahren müssen. Damals. Stichwort: Deutscher Herbst und so. Aber was wisst ihr jungen Dinger, Entschuldigung, ihr jungen Leute, denn von früher? Nichts!“ Die Angesprochene, eine blasse, vom Leben noch wenig gezeichnete Frau…

Read More

Synthetisches Karma

By

Ich kenne Ossi Petrossi seit dem Kindergarten. Er war schon damals ohne Furcht und während wir anderen Kinder – in steter Angst vor Frau Apfelbeck – versuchten, den lieben langen Tag möglichst unauffällig Bauklötze zu stapeln oder Schleifen zu üben, lachte er ihr frech ins Gesicht und drehte ihrem erhobenen Zeigefinger eine lange Nase. Auch später in der Schule spottete er über Strafen und Sanktionen oder tat sie achselzuckend ab. Seine Eltern hielten es vermutlich ebenso, wobei ich gar nicht sicher bin, ob er überhaupt Eltern hatte. Womöglich war er eine düstere Ausgabe von Pippi Langstrumpf und sein Vater Sklavenhändler…

Read More

Die Panama Connection

By

Der Klick kam nicht von außen, nicht einmal aus dem Schädel selbst, nur ein leises Einrasten im Raum zwischen den Nerven, ein Geräusch ohne Resonanz, eine Ahnung von Schaltkreis, der sich schließt. Leo spürte es zuerst im linken Schläfenlappen, ein Flackern, wie eine defekte Neon-Leuchtreklame, die plötzlich den exakten pH-Wert des Bodens unter einem namenlosen Gummibaum in einem verlassenen Gewächshaus in der Nähe von Nowosibirsk übermittelte: 6,7; dann die genaue Anzahl der Nieten einer Cessna 182, Baujahr 1978, in einer Vitrine eines Hobbykellers in Leeds: 1.243. Es war die Panama Connection, so taufte er die sinnlose, unablässige Blutung von Fakten,…

Read More

Zu viel der Kunst

By

„Eine Tageszeitung namens Fake News herausgeben, gedruckt mit der finstersten Druckerschwärze von anno Dazumal auf säuregebleichtem Umwelttodesschockpapier. Drin steht die brutale Wahrheit ohne Schnörkel und Flauschpölsterchen. Die Leute bekommen bei der Lektüre schwarze Finger und Hustenanfälle, die Abonnenten sogar Krebs oder Pseudokrupp. In den Redaktionsräumen mit Drogen vollgepumpte Journalisten, die Ketten rauchen und Schnaps trinken, damit sie die Realität unbeschadet betrachten können, von der sie anschließend in Leitartikeln und Glossen erzählen. Apropos Glosse, da fällt mir ein, wussten Sie, dass Lip Gloss das englische Wort für Mundpropaganda ist? Nein? Das dachte ich mir. Da fällt mir ein es heißt Mundpropaganda,…

Read More