Literarisches

Alles eine Frage des Stils

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„So etwas sagt man aber nicht“, sagt eine, die aussieht, als wäre sie in den 1970er Jahren als Teenagerin in einen etwas älteren Jung-Revolutionär verliebt gewesen, der sich aber nach einiger Zeit, sehr zu ihrem Leidwesen, als Riesenchauvi herausgestellt hatte. „Und wenn man schon derartiges sagt, dann muss man die Etikette achten. Es gibt nun einmal Regeln und Konventionen, die es einzuhalten gilt. Das habe ich selber schmerzhaft erfahren müssen. Damals. Stichwort: Deutscher Herbst und so. Aber was wisst ihr jungen Dinger, Entschuldigung, ihr jungen Leute, denn von früher? Nichts!“ Die Angesprochene, eine blasse, vom Leben noch wenig gezeichnete Frau…

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Synthetisches Karma

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Ich kenne Ossi Petrossi seit dem Kindergarten. Er war schon damals ohne Furcht und während wir anderen Kinder – in steter Angst vor Frau Apfelbeck – versuchten, den lieben langen Tag möglichst unauffällig Bauklötze zu stapeln oder Schleifen zu üben, lachte er ihr frech ins Gesicht und drehte ihrem erhobenen Zeigefinger eine lange Nase. Auch später in der Schule spottete er über Strafen und Sanktionen oder tat sie achselzuckend ab. Seine Eltern hielten es vermutlich ebenso, wobei ich gar nicht sicher bin, ob er überhaupt Eltern hatte. Womöglich war er eine düstere Ausgabe von Pippi Langstrumpf und sein Vater Sklavenhändler…

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Die Panama Connection

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Der Klick kam nicht von außen, nicht einmal aus dem Schädel selbst, nur ein leises Einrasten im Raum zwischen den Nerven, ein Geräusch ohne Resonanz, eine Ahnung von Schaltkreis, der sich schließt. Leo spürte es zuerst im linken Schläfenlappen, ein Flackern, wie eine defekte Neon-Leuchtreklame, die plötzlich den exakten pH-Wert des Bodens unter einem namenlosen Gummibaum in einem verlassenen Gewächshaus in der Nähe von Nowosibirsk übermittelte: 6,7; dann die genaue Anzahl der Nieten einer Cessna 182, Baujahr 1978, in einer Vitrine eines Hobbykellers in Leeds: 1.243. Es war die Panama Connection, so taufte er die sinnlose, unablässige Blutung von Fakten,…

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Zu viel der Kunst

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„Eine Tageszeitung namens Fake News herausgeben, gedruckt mit der finstersten Druckerschwärze von anno Dazumal auf säuregebleichtem Umwelttodesschockpapier. Drin steht die brutale Wahrheit ohne Schnörkel und Flauschpölsterchen. Die Leute bekommen bei der Lektüre schwarze Finger und Hustenanfälle, die Abonnenten sogar Krebs oder Pseudokrupp. In den Redaktionsräumen mit Drogen vollgepumpte Journalisten, die Ketten rauchen und Schnaps trinken, damit sie die Realität unbeschadet betrachten können, von der sie anschließend in Leitartikeln und Glossen erzählen. Apropos Glosse, da fällt mir ein, wussten Sie, dass Lip Gloss das englische Wort für Mundpropaganda ist? Nein? Das dachte ich mir. Da fällt mir ein es heißt Mundpropaganda,…

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Herdenimmunität – Eine Polemik

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Es gibt so schöne Wörter. Wenn sie am rechten Platz sind. Nehmen wir ‚Zwei- Staaten-Lösung‘. In der Levante scheint es einzig als Wort zu funktionieren, in Ostdeutschland gar nicht. Zugegeben, ein zweifelhaftes Beispiel, weiter zum nächsten: ‚Schwarmintelligenz‘. Man denkt, das wäre ein einfaches Konzept: Je mehr Leute, desto größer das gesammelte und anwendbare Wissen. Die sozialen Medien, besser bekannt als der tägliche Tauchgang in der Jauchegrube, beweisen, dass Schwarmintelligenz ein Traum, ein eitler Traum ist. Ebenso wie ‚Herdenimmunität‘. Die Herde ist so stark wie ihr schwächstes Schaf. Zusammen ist sie weniger stark als die Summe ihrer Mitglieder. Gemeinsam sind wir…

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Die Schwerkraft nahm sich einen Tag frei

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Das stimmt natürlich nicht, ich wollte nur Ihre Aufmerksamkeit erringen. Bei wem sollte die Schwerkraft auch den freien Tag beantragen? Beim Amt für Naturgesetze vielleicht? Trotzdem gefällt mir die Vorstellung, dass alles und jeder für 24 Stunden haltlos umherschwebt, von der Mittelstreckenrakete über den Weltfußballpräsidenten bis zum Hundewelpen. Da wäre gleich Schluss mit den Terroranschlägen. Die Straße von Hormuz für immer geschlossen, weil sie in verschieden großen Wasserkugeln durch die Luft flöge, umtanzt von wolligen Talibanbärten links und rechts. Ja nun, das bleibt leider alles Phantasie, da ein Naturgesetz nicht Urlaub machen kann. Wäre die Schwerkraft ein Gottesgesetz, sähe die…

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Das Leihschaf

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Leihschaf? Sie hatten eines bestellt. Hatten Sie doch, oder nicht? Lammkotelett, hatten Sie gesagt, sei ihr Leibgericht, ihr Ein & Alles, Sie könnten nicht mehr ohne. Hatten Sie gesagt. Wer wären denn wir, Ihnen Ihren Herzenswunsch zu versagen? Dafür gibt es uns ja, die Agentur Zur Saftigen Aue. Hier ist also Ihr Leihschaf, das können Sie und Ihr Herzallerliebster hegen, pflegen und zur Zucht verwenden. Anbei noch zwölf Ampullen Mehrlingswiddersamen und einen wiederverwendbaren Applikator. Nicht so ein billiges Einwegding, wir verwenden nur Markenprodukte. Das Vertrauen, das die Kunden in unsere Agentur investieren, zahlen wir durch Qualität zurück. Und nun zur…

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Schnellstraßenblues

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Mit einem satten Schmatzen schließt sich die Autotür hinter Paula Pelzfuß. Sie richtet den Rückspiegel ein und betrachtet kurz die kleinen Tränensäcke unter ihren Augen. Obwohl sie täglich mit gesalzenen Fingern darauf herumklopft, wie es die Dame in dem Video gezeigt hat, verschwinden sie nicht. Einige Jahre lang glaubte sie, sie müsse nur ein paar Mal richtig ausschlafen, dann gingen die wieder weg. Mittlerweile denkt sie, dass es vielleicht am Alter liegt und irgendwie dazugehört. Mittlerweile denkt sie auch manchmal, dass die Dame in dem Video womöglich eine Lügnerin ist und ihre Geheimnisse zur Wiedererlangung der Jugend allesamt nur Geschichten…

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Die Quadratur des Teufelskreises

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Der Tag beginnt nie mit einem Klingeln. Er schleicht sich an. Das Licht wechselt draußen. Ich spüre es, obwohl meine Augen geschlossen bleiben. Die Decke ist schwer, ein Anker. Aufstehen eine Unmöglichkeit, ein Gedanke, der zu viel Kraft kostet. Ich liege einfach da. Hunger ist eine dumpfe Sache. Ich ignoriere ihn. Heißgetränke trinke ich nicht. Kochen? Ist mir fern. Manchmal wanke ich, schwanke ich mich zur Küche. Dann greife ich in den Kühlschrank und trinke eine Mördermilch. Süß und kalt betäubt kurz, füllt etwas aus. Mehr nicht. Ich zünde eine Zigarette an. Der Rauch steigt auf. Er tanzt im schwachen…

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Globales Dorftrotteltum

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Die Welt ist bekanntlich ein Dorf. Das ist natürlich Quatsch, denn in welchem Dorf wohnen schon achteinhalb Milliarden Menschen? Außerdem würde das bedeuten, dass es – wie in jedem Dorf – nur einen Dorftrottel auf der Welt gibt. Dem dürfen die Kinder ungestraft Streiche spielen und im Wirtshaus bekommt er umsonst ein Bier und eine Suppe. Bürgermeister wird er sicher nicht. Aber bitte, leben wir halt in einem globalen Dorf. Das ist schließlich nicht die einzige Ungereimtheit auf diesem Planeten. Jedenfalls, die Welt ist voller Dorftrottel und jeder meint, er sei keiner. Bei so einer Unmenge kann man nicht allen…

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