Literarisches

Begegnung mit dem Gesundheitswesen

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„Ich hasse es, schlecht vorbereitet zu sein.“ Völlig unerwartet richtete der ältere Herr neben mir im Wartezimmer das Wort an mich, nachdem wir bereits 15 Minuten schweigend nebeneinander gesessen hatten. Ich blickte ihn aus meinem müden Gesicht an und nickte unwillentlich. Die Stimme des Mannes war heiser verschleimt. Er räusperte sich und fuhr fort: „Ich bin kein Unruhestifter oder Störenfried, beileibe nicht, aber wenn ich in meinen berechenbaren Gewohnheiten gestört werde, reagiere ich mitunter äußerst gereizt.“ Wieder nickte ich, das Gefühl kenne und teile ich. Auch ich konnte unwirsch werden, wenn sich meine Erwartungen nicht mit den Gegebenheiten in Übereinstimmung…

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Der Becher

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Viel zu selten kommt die Frage auf, worin eigentlich die Menschlichkeit besteht, gegen die immer wieder irgendein Bösling ein Verbrechen begeht. Die Leute senken betreten die Stimme oder heben sie voller Empörung – je nach Temperament – wenn sie über den Übeltäter sprechen, doch scheint die Menschlichkeit etwas zu sein, das nur sichtbar wird, wenn man sie schubst oder boxt. Im Alltag hört man kaum etwas von ihr. „Ich bin auch nur ein Mensch!“, pflegte mein Onkel Maximilian, Busfahrer und Sozialdemokrat, auszurufen, wenn meine Großmutter ihn rügte, weil er uns Kinder zwang, seinen käsigen Schwanz abzulecken. Gestern traf ich ihn…

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Auf der Galerie

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Ein neues Gesicht, 480 g Abtropflebendgewicht; mein Haus ist voller Löcher. Mit Gesichtern, die schweigend aus ihnen in den Hof glotzen. Obwohl ich sie nicht füttere, werden sie täglich fetter und fetter, kippeln nach vorne, lassen sich Doppel-Doppelkinne wachsen. Ein Haus mit Fenstern, mit Köpfen drin und jedem wächst ein Doppel-Dreifach-Vierfachkinn. Täglich werden die Tonnen geleert. Der Müll wird tonnenweise weggeschafft und aus dem Weg gekehrt. Ich gucke weiter, spucke in eine rostige Dose, in ein Schüsselchen voll Gold, murmle agnostische Gebete, die mir mein Vater auf seinem Sterbebett, an seinem Ehrentag, zum Schluss ganz ohne Pfeifentabakrauch, Zug um Zug,…

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Der Schwur

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Irgendwann erreicht man das Eierliköralter. Daran führt außer dem frühen Tod kein Weg vorbei. Eben stand man noch in einem muffigen Club am Rand der Tanzfläche und wackelte mit den Hüften, in der Hand ein Glas Buntes oder eine Flasche Bier, da findet man sich – ohne denkwürdigen Abschied – abends auf dem Sofa und schlürft das gelblich-zähe Zeug aus einem Schokoladenbecher zum Fernsehkrimi. Auch Isabella Pelzfuß erging es nicht anders, nur dass ihre Füße auch noch in dicken, zu Tigertatzen geformten Plüschpantoffeln steckten. „Warum auch nicht?“, rief sie aus, als ihr der Unterschied zu vergangenen Samstagabenden bewusst wurde. „Weil…

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Rorschachs Quatsch

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Letztens, ich saß an meinem Schreibtisch mit gespitztem Bleistift, vor mir ein geöffnetes Notizbuch, bekam ich Nasenbluten. Nicht den Kopf in den Nacken legen, bloß nicht den Kopf nach hinten! Ich ließ ihn also nach vorne hängen und Blut tropfte über meine Nasenspitze auf das Papier. Allmählich bildeten die Tropfen Muster und Formen. Kaum dass ich in der oberen Ecke der Seite das Gesicht Hermann Rorschachs erkannte, richtete er bereits das Wort an mich. „Es ist meine feste Überzeugung“, sagte er mit unverkennbar schweizerischer Färbung im Tonfall, „dass der Rock ’n‘ Roll jeden Krieg, jeden bewaffneten Konflikt seit 1957 zu…

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Waldos Auferstehung

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Wenn die Christenheit ungeduldig mit den Hufen scharrt und auf das große Fest der Auferstehung wartet, erinnere ich mich an meinen Vetter Waldo. Obwohl er einige Jahre älter war als ich, war mir seine frühe Kindheit bekannt, denn bei Familienfeiern war es üblich, stundenlang Super-8-Filme über ihn anzusehen, in denen jedes noch so kleine Malheur dokumentiert war. Es gab den Film, in dem Waldo von der Wickelkommode fällt, Waldo, wie er auf seinem Töfpchen sitzt und mit all seiner kindlichen Kraft versucht, eine Kotwurst hervorzupressen und natürlich Waldo, wie er vor Schmerzen brüllt, weil er seine speckigen Finger in einen…

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Consilium

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Kaum-Ich: Ich frage mich immer, was du so machst, wenn ich nicht bei dir bin. Nicht-Ich: Denk. Denk. Denk. Kaum-Ich: Ich meine, was siehst du? Was tust du? Nicht-Ich: Denk. Denk. Denk. Kaum-Ich: Genau. Woran denkst du? Nicht-Ich: An nichts Bestimmtes. Ich denke vor mich hin. Mal dies – meist das. Kaum-Ich: Und dabei kommst du dir nicht nicht komisch vor? Was nutzt es, einfach nur vor sich hin zu denken? Solltest du nicht vielmehr zielgerichtet denken? Nicht-Ich: Hm – nein. Kaum-Ich: Aber wenn wir zusammen sind, da passiert es dir doch hoffentlich nicht. Nicht-Ich: Was denn? Kaum-Ich: Naja, dass…

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Abgeschmacktes

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Man muss etwas dazu sagen und sei es noch so abgeschmackt. Es will niemand einen Krieg und dennoch gibt es ihn. Er ist so alt wie die Menschheit. Also fast so alt wie das Rad. Vielleicht sollte man dahin zurückgehen, wo es noch keine Räder gibt. Aber wie kommt man da hin? Zu Fuß oder auf Kufen, sonst könnte man sich den Weg gleich sparen. Das sind gemütliche Gedanken, die man sich machen kann, wenn einem nichts weiter als Birkenpollen um die Nase fliegt. Andere Leute packen ihre Habseligkeiten zusammen und sehen zu, dass sie fortkommen, zu Fuß, auf Rädern,…

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Das neue Normal

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Ich bin nicht müde. Wirklich nicht. Ihr mögt müde sein, ständig müde sein, aber nicht ich. Ich bin nicht müde. Ihr vielleicht, aber ich nicht. Das sagte ich bereits, sagt ihr? Mag sein. Ich bin voll Kraft, voll wacher, unbändiger Kraft, da schweifen selbst dem Wachsten schon mal die Gedanken in die Ferne. Dem Wachsten unter uns. Und der mag ich ohne Mühe sein. Ohne Mühe, ohne Mühe, ohne jemals müde zu sein, ohne müde zu werden. Ich war noch nie so wach wie heute, wie gerade jetzt, nicht eben und nicht gestern. Jetzt bin ich wach und ihr seid’s…

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Die Entdeckung des Buckligen

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Die Luft ist feucht im Keller, es riecht entsprechend modrig. Der Bucklige öffnet einen Verschlag und bittet mich einzutreten. „Das ist das Allerheiligste. Nur wenige Menschen haben es je zu Gesicht bekommen und noch weniger können davon berichten.“ Eine „wissenschaftliche Sensation“ war mir angekündigt worden, ein „Durchbruch“. Nichts weniger erwarte ich jetzt und ich muss an mich halten und mich bemühen, meine Enttäuschung zu verbergen, mir meine Unzufriedenheit nicht anmerken zu lassen, als der Bucklige das Licht anknipst und ich sehe, dass sich außer einer alten mannslangen Kiste aus Holz nichts im Verschlag befindet. „Künstliche Intelligenz bei körperlicher Vollkommenheit ist…

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