Mit den Redensarten ist es so eine Sache. Mein Vetter Kopernikus hatte zu jedem Vorkommnis – wie unbedeutend es auch gewesen sein mochte – eine auf Lager. Und was hat es ihm eingebracht? Er ist gestorben, wie jeder andere auch. Doch schon vor seinem Tod, der im Übrigen schmachvoll, schmerzhaft und vor der Zeit war, brachten sie ihm kein Glück. Kopernikus war natürlich nicht sein richtiger Name, aber alle Welt nannte ihn so, weil er ein heliozentrischer Typ war.
„Dem Kleinen scheint die Sonne aus dem Arsch!“, rief die Hebamme kurz nach der Geburt dem Kindsvater Maximilian, seines Zeichens Schulbusfahrer und Drecksau, fröhlich zu, was dieser als Aufforderung zu sexuellen Zwangshandlungen an dem zahnlos-weichen Säugling verstand.
Also, meinetwegen, ich gebe zu, in Kopernikussens Fall stimmt das mit dem schweren Anfang. Allerdings wurde es mit der Zeit nicht besser für ihn. Sämtliche Launen und Anwandlungen wurden an ihm ausgelassen, kein Vergehen war zu gering, um ihn nicht mit inquisitorischen Foltermethoden dafür zu bestrafen.
Ich selbst war hin- und hergerissen zwischen der Erleichterung, wenn der Vitriolkelch an mir vorüberging und revolutionärer Empörung ob der Ungerechtigkeit, die Kopernikus Tag für Tag widerfuhr. Im Laufe der Jahre fühlte sich diese Ambivalenz ganz natürlich an, als hätte ich nie etwas Anderes gekannt. Selbst das dumpfe Schuldgefühl hüllte mich ein wie eine weiche Decke aus Gänsedaunen.
Ich war eher der babylonische Typ und hatte einfach Glück. So geht das.