Ein Stückchen Hand

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Es empfiehlt sich, in guten Zeiten zumindest einen Raum in der Wohnung mit Speckstreifen zu tapezieren, dann hat man in der Not etwas zu knabbern. Aber wer denkt schon in guten Zeiten an die Not? Da flaniert man irgendeinen Boulevard entlang oder lässt in der Abendsonne die Eiswürfel im bunten Getränk klimpern. Dabei lungert das Elend immer an der nächsten Ecke herum. Den Tipp mit den Speckstreifen habe ich übrigens von meinem Onkel Ralf bekommen, zusammen mit einem Briefmarkenalbum. Zu meinem neunten Geburtstag. Onkel Ralf ist Experte für Drangsal. Selbst die todsicheren Dinge gehen bei ihm schief. Trotz eines Lebens…

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Der Kriminalroman

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Man müsste, dachte sich Hagen Pelzfuß, einen Kriminalroman schreiben. Er hatte es satt, Sonntag für Sonntag betuliche Lyrik für die Lokalzeitung zu verfassen. Wenn er nur daran dachte, wie die zuständige Redakteurin die altrosa geschminkten Lippen beim Lesen seiner Verse kräuselte, stieg ihm das Erbrochene im Hals hoch. Bis zu dem stand ihm leider auch das Wasser, so dass er auf den Scheck der widerlichen Scharteke angewiesen war. Der Kriminalroman, dachte sich Hagen Pelzfuß, müsse regionalen Bezug haben, und eine schlaue Kommissarin, die gleichzeitig Landesmeisterin im Kickboxen war. Doch um so einen Roman zu schreiben, brauchte man Zeit und Muße…

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Unbegrenzte Möglichkeiten

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Der Rauch kratzt mir die Augen blutig, doch den Weg ins Freie verstelle ich mir selbst. Auf dem Tisch ein ehemals weißer Teller mit Resten vom gestrigen Notlügensalat. Es läutet an der Tür, ich will gar nicht wissen, wer das ist. Ein Herr vom Geheimdienst, der mich impfen will, gegen den Ablauf meiner Zeit. Aber das kümmert mich nicht. Soll sie doch ablaufen oder es sein lassen, wie die stockig-braune Brühe in meinem Spülbecken und draußen in den Straßen, wo ich nicht hingehe. Vielleicht auch eine Frau. Heute ist ja alles möglich, heute kann jede alles sein und jeder werden,…

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Spaziergang in roten Schuhen

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Eine Frau im enganliegenden Kleid liegt auf dem Kiesweg, mit einem Arm stützt sie sich ab, ein Bein ist neckisch angezogen. Im Hintergrund das Schloss. Der Verschluss der Kamera klickt. Die Frau verharrt noch ein Weilchen in ihrer Pose, bis der Fotograf ihr etwas zuruft. Sie steht auf, klopft sich das Kleid ab. Hinter ihr lauert das Eingangsportal wie ein hungrig aufgesperrtes Maul, bereit Touristentrauben zu verschlingen, doch niemand geht hinein, denn drinnen wartet die Seuche. Die Frau schüttelt ihr Haar, fährt sich mit den Fingern durch und Kiesstaub flimmert im Sonnenlicht. „Wer ihr wohl die Haare so schön gemacht…

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Ein Glühwürmchen

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Die besten Jahre meines Lebens verbrachte ich wie ein Leuchtkäfer an einem Sommerabend: Unter einem malvenfarbenen Himmel, aus der Ferne spektakulär anzusehen, tanzte ich durch duftendes Strauchwerk zu aktuellen Hits. Leuchtkäfer, mag man nun einwenden, haben gar keine Ohren, sie sind folglich taub für jegliche Musik, sei sie nun aktuell oder von Vorgestern – ihr Tanz ist lediglich ein Produkt des Zufalls oder eine Laune der Natur. Doch mit solch trockenbröseligen Details habe ich mich niemals aufgehalten, dafür fehlt mir der Sinn. Nichts hat weniger Reiz als eine Tatsache. Wie ich also meine Pirouetten drehte, entfernte ich mich weiter und…

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San Sabba

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Mein Großvater war einmal – nahezu unbemerkt von seiner Umgebung – ein schneidiger junger Mann gewesen. Er schuftete auf einer italienischen Reismühle und um seinen kargen Lohn aufzubessern, verkaufte er Pülverchen aus Partisanenknochen an die Einheimischen, denen er so zu mehr Standfestigkeit in Liebesdingen verhalf. Nachts schrieb er im Schein einer Talgkerze Briefe an meine Großmutter, in denen er aufrichtig sein Schicksal bedauerte. Später wollte er sich an diese finsteren Zeiten nicht mehr erinnern. Er stolzierte lieber in seiner Festtagshose umher und bestand auf Ordnung und gutes Benehmen. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, pflegte er zu rufen, wenn ich die Beine…

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Böses Erwachen

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Müde und unzufrieden blinzelte der Tyrann durch das Schlüsselloch und betrachtete sein Reich. In den Jahren seiner Herrschaft hatte er es ausgehöhlt und vergrämt, achtlos herumliegen lassen und manchmal, wenn ihn der kindische Zorn überkam, hatte er mit dem Fuß aufgestampft und gegen einen Zeitungsständer getreten. Vom alten Glanz war nichts mehr übrig. Sogar sein goldener Suppenlöffel war stumpf geworden und die Fleischbrühe schwappte unappetitlich darauf herum. Der Tyrann wischte mit dem Daumen die Abdeckung über das Schlüsselloch, ging zu seinem Schreibtisch und föhnte lustlos sein Toupet. Ihm war nach Heiterkeit und Schmeicheleien zumute, also klingelte nach seinem unsichtbaren Freund….

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Bescherung

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Marianne Pelzfuß zählt die Zeit bis zur Bescherung in eigenen Einheiten. Immer, wenn sie daran denkt, ist eine Präambel vergangen. Wieviele Präambeln sie noch abwarten muss, ist eine Überraschung. Marianne Pelzfuß versucht seit Jahren, sich die Reihenfolge der Dinge einzuprägen, aber sie bringt immer alles durcheinander. Die Bescherung. Nur einmal im Jahr freut man sich darauf, ansonsten gilt es, sie zu vermeiden. Der Sohn Gottes wird geboren und ein paar Monate später ist er bereits 33 Jahre alt und wird umgebracht. Er sollte als Säugling schon umgebracht werden, aber das klappte nicht, weil Heuchel und Meuchel, die beiden Raben, das…

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Hartmut und die Liebe

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Hartmut Pelzfuß haderte mit der Liebe. Schon immer, wenn er ehrlich war und das war er. Zumindest bemühte er sich redlich darum. Als junger Mensch hatte er freilich hin und wieder Leidenschaft verspürt, doch war diese stets flüchtig gewesen und es hatte nie lange gedauert, bis sich beim Objekt seiner Begierde allerhand unangenehme Kleinigkeiten einstellten, die mit spitzen Zähnchen an seiner Begeisterung nagten. Hartmut erinnerte sich deutlich an ein Mädchen mit raspelkurzem Haar, blitzenden Augen und kolossalem Hintern. Wenn er ein wenig in seiner Erinnerung kramte, konnte er noch ihre Küsse schmecken, eine Mischung aus Apfelsaft und Gewitter. Wenn sie…

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Schuld und Seuche oder: der verlorene Sohn

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Roman Pelzfuß wurde im zweiten Seuchenjahr geboren. Da dachte man noch, alles würde vorüber gehen, wenn man nur brav wäre und aufeinander Acht gäbe. Oder man lief brüllend durch die Straßen, weil man ein Elend mit Gesicht und nachvollziehbaren Zielen wollte. Man wünschte sich das Früher, aber zu früh sollte es nicht sein, denn da war alles noch schlimmer als heute. Die Brüller wurden von den Wasserwerfern fortgespült und die Folgsamen versteckten sich zu Hause hinter ihren Vorräten. Zurück blieb eine dumpfe Panik, die allen gleichermaßen in die Knochen kroch und darüber versprühten die Jumbojets einen feinen Regen aus Schuldzuweisungen….

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