Jahreswechsel

Es ist die letzte Nacht des Jahres, der kleine Silvester und seine Schwester gehen durch die Straßen und betrachten von außen die Fenster. Wie schön, sagt die Schwester, wie still und friedlich, wie anheimelnd alles wirkt.
Der Schein trügt, das Bild täuscht, der Eindruck lügt. Wenn man ganz still bleibt, und die beiden bleiben ganz still, hört man die Menschen husten. In der einen Wohnung isst Familie Kummer ein spätes Mahl, in der nächsten lebt der alte Kapitän Seebär mit seiner jugendlichen Geliebten, gleich daneben das keusche Fräulein Pilzhut und ihr Hund Jutta in einer Zweckgemeinschaft. Sie muss in Heimarbeit jede Nacht 178 Stoffmasken klöppeln, Jutta atmet schwer wie immer.
Silvester kennt sie gut, hat er doch einst zu ihren Füßen, unter dem Schreibtisch, Stoffreste gesammelt und aus Becherchen Tee vom Mitternachtswurz mit ihr getrunken. Dann war irgendwann irgendetwas passiert, und die Zusammenarbeit kam zu einem stillen Ende. Der kleine Silvester kann sich nicht erinnern, was vorgefallen, seine Schwester hingegen schon; sie schweigt und will das Thema wechseln: „Und im Stock darunter, wer wohnt dort?“
„Da wohnen wir, du dumme Nummer, das weiß man doch, da wohnen wir seit Jahr und Tag.“