Dorothea Pelzfuß starrt das hellgrüne Kuvert an. Zarter Moschusduft steigt vom Papier auf und verursacht ihr leichtes Würgen.
„Ich schicke Ihnen die Unterlagen in den nächsten Tagen zu“, hatte die Dame vom Amt gesagt. Ihr unverbindliches Beamtenlächeln war noch tagelang an Dorotheas Netzhaut kleben geblieben und hatte ihr die Aussicht versaut.
Weil sie nicht am Wehrdienst teilnehmen will, hatte Dorothea Pelzfuß vorsprechen und sich erklären müssen. Der Staat hat ein Anrecht auf Erklärung, wenn eine seiner Bürgerinnen etwas aus der Reihe tun oder lassen will. Umgekehrt gilt das freilich nicht – der Staat geht seinen Tätigkeiten nach Belieben nach oder unterlässt es, ohne irgendwem eine Rechtfertigung abzugeben.
Auf dem Widerspruchsformular hatte Dorothea Pelzfuß von den vier angebotenen Gründen wahrheitsgemäß „Faulheit“ angekreuzt. Es hätte noch Siechtum, Feigheit oder Unabkömmlichkeit zur Auswahl gegeben, aber das hätte ihr nun wirklich niemand geglaubt.
So war sie vom Amt zu einer Rehamaßnahme verdonnert worden und – wenn man dem Bescheid glauben wollte – morgen würde es losgehen. Immerhin halten sich die Vorbereitungen in Grenzen. Dorotheas kleiner Rollkoffer steht noch gepackt von der letzten geplanten aber dann doch nicht angetretenen Reise im Flur unter einer dünnen Staubschicht. Die wird dann schon der Fahrtwind fortblasen, denkt sie und auch, dass sie sich dringend noch ein Stündchen hinlegen und ein wenig vor sich hinträumen muss. Aus dem Stündchen werden Stunden, dann die ganze Nacht.
Am nächsten Tag in aller Herrgottsfrüh sitzt Dorothea Pelzfuß zusammen mit dreißig weiteren Bummelanten im Truppentransporter nach Canossa. Der Lastwagen brummt gleichmäßig und rumpelt über die löchrige Autobahn. Sie beschließt, die beamtengrinsenfreie Aussicht zu genießen, aber bereits nach ein paar Minuten ist sie wieder eingeschlafen.