In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Entscheidung für Rosa

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R. O. S. A. Die Buchstaben fallen vom Sims wie tote Fliegen. Ein Quadrat aus Watte, das im Halse stecken bleibt. Rosa ist keine Farbe, sondern der Zustand zwischen zwei Atemzügen. Joachim blickt auf den Tisch, den Teller vor ihm, auf die leere Wand. Er sagt: „Ich entscheide mich. Ich werde mich entscheiden. Ich habe mich entschieden.“ Er meint nicht die Tapete, nicht das Stück Tier auf dem Teller. Er meint das Schweigen zwischen den Zügen, zwischen den Silben. Er wählt Rosa, weil es rückwärts gelesen „A-S-O-R“ ist, was zwar nichts bedeutet, aber im Kopf laut poltert. Rosa. Ro-sa. S-a-r-o….

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Kein Morgen graut meiner Nacht

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Obschon es solche und solche Nächte gibt, sind sie am Ende alle gleich. Die Dunkelheit schmilzt wie ein Stück Butter in der Pfanne, das Licht wechselt und ein neuer Tag beginnt. Wenn man bedenkt, dass vielerorts den Leuten die Nächte durch explodierende Kamikaze-Drohnen oder bunkerbrechende Bomben erleuchtet werden, ist das natürlich reines Geschwätz. Aber es ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass ich von der Chaiselongue aus ein bisschen romantisch daherplappere und mich an vergangene Sommernächte und wilde Küsse erinnere. Hinfahren kann man ja nirgends, weil das Benzin so teuer und alles voller Terroristen ist. Und außerdem – die Herrscher tun…

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Die Herrschaft des Maultiers

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Gott hat mich auf die Erde geworfen und jagt mich jetzt zu seinem eigenen Vergnügen. Die Neonlichter der Stadt zerreißen die Nacht wie faule, offene Wunden, ihre Farben kleben an den verspiegelten Fassaden, den Fenstern, die die Seele nicht reflektieren, nur das Elend der tausend leeren Blicke, die an mir vorbeigleiten. Jeder Schritt ein Stampfen, ein Echo der Peitsche, die ich nicht sehe, aber deren Knall den Takt der unsichtbaren Herrschaft schlägt, monotoner Rhythmus, der die Knochen mürbe macht. Der Geruch von altem Alkohol, umgekippten Parfüm und unerfüllten Versprechen hängt schwer in der Luft, als süßlicher Schleier über dem Grau…

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Der Infoborn

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Wer wenig hat, hat auch wenig zu melden. So war das zumindest bisher bei uns im Ort. Mit der neuen Bürgermeisterin, einer Brünetten mit ausladendem Lächeln, wird das jetzt anders. Die ist nämlich eine Bürgermeisterin für alle, nicht bloß für die oberen Zehntausend, hat sie gesagt. Dabei haben wir gar nicht zehntausend Einwohner, aber so genau geht das in der Politik bekanntermaßen nicht. Jedenfalls, damit alle Welt, unabhängig von Einkommen und sozialem Status, Informationen austauschen kann, haben wir neuerdings am Kirchplatz einen Infoborn. Da geht man hin und spuckt seine ganz persönlichen Neuigkeiten in eine Art Weihwasserbecken. Ist das Becken…

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