In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Private Andacht Teil 45 – Schwalbenjagd

By

Jede erpicht, die erste im gedachten Kreis zu sein, schwirren, flirren Schwalben uns um Köpfe. Jahre zurück: Der Nachbar steht, um sich über den anhaltenden Geschlechtslärm aus meiner Wohnung zu beschweren, in der unabschließbaren Tür, im Zimmer, am Bett, fummelt in deinem langen blonden Haar, schnalzt, raunt: „Reizend, ganz reizend“ und weckt den Brechreiz in dir. Noch weiter zurück: Liegen Männer unter Autos, trinken Alt-Bier, schwitzen Öl. Im Hintergrund die Stimmen in Zungen redender Sportreporter. Rasch ein Wechsel, ein Schlenker in die Gegenwart, denn die Stunde des Gehstocks rückt erschreckend nahe. Der Knauf wahlweise aus Silber oder Menschenbein. Ein Schädel…

Read More

Das gibt es nicht mehr

By

Der Weg zur Nusshändlerin war beschwerlich und von zerschlissener Begrünung gesäumt. In den Hinterhöfen Kinder in kurzen Hosen aus braunem Tuch. Sie spielten mit alten Dosen, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Ein muffiger Sprühregen setzte ein, der Schmutz auf dem Gehweg wurde schlüpfrig. Sie kniff die Augen zusammen. Durch die Tropfen an ihren Wimpern sah sie wie durch einen Schleier das geduckte Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich der Nussladen befand. Wie ein vor Wochen gehäuteter Igel. Die Fenster waren dunkel und das Schild über der Ladentür war entfernt worden. Besorgt trat sie näher, in der Hoffnung, eine Nachricht…

Read More

Stadtidyll, frühsommerlich

By

Die weibliche Gestalt neben mir hat sich wohl eingekotet. Ich rieche es, ein kurzer Blick auf ihre Hose, aus der es quillt, bestätigt meine Vermutung. Jede Spannkraft ist aus ihr gewichen; zusammengesunken, in Jeansshorts gekleidet, ist sie Teil meines Stadtbilds. Ein buntes Bild, in der Tat: Da picken Vögel, da werden Hunde getragen, Taschen und Tüten, Tätowierungen, die neusten Risse in den Hosen, gut gefüllte Mutterbrüste unter T-Shirts – da wird sich das Haar gebürstet und dort werden Flusen von leichten Kleidern gezupft. Transparente Mauern werden errichtet, Trampelpfade ausgetreten, Jugendliche auf Geschichtsentdeckung getrieben, Flicken auf Wissenslücken geheftet, genäht und anderweitig…

Read More

Sectio Aurea

By

Waltraud Fibonacci schneidet mit der Schärfe ihres Blicks Scheibchen von einem frischen Stück Seife. Befriedigt ob der glatten Schnittflächen, verlässt sie das Badezimmer und schaut sich, im Bewusstsein ihrer ungeheuren Macht, vorsichtig im Raum um: Ein Spiegel, im Lauf der Jahre stumpf und blind geworden, hängt an der Stirnseite ihres Bettes und erinnert sich vergangener Reflexionen. Die Fibonacci schnaubt und klaubt Brotkrümel vom Tisch. Sie presst die Krumen zu einem kleinen Brot zusammen und tunkt sie in einen Teller kalter selbsteingebrockter Suppe. An ihrem Fenster werden Zwillinge in einem Kinderwagen vorbeigeschoben. Waltraud Fibonacci schenkt ihnen keine besondere Beachtung. Mädchen wohl,…

Read More