In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

In Zeiten des Krieges

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Es kommt nicht oft vor, aber hin und wieder denke ich über mein Leben nach. Am liebsten setze ich mich dazu aufs Klo. Da ich nicht sehr groß bin, kann ich dabei die Beine baumeln lassen, das bringt mein Gehirn in Fahrt. Die letzten Jahre hatte ich in unwegsamem Gelände verbracht mit nichts weiter als einem Täschchen Zuckerstücke und einem hohlen Zahn, in dem ich meine wenigen Habseligkeiten verwahrte. Zwietracht und Häme hatten mich verfolgt, mich gerüttelt und geschüttelt, bis selbst mein Innerstes in Unordnung geraten war. Mein Innerstes ist flauschig und etwas töricht, das nur nebenbei. Letzten Endes ergriff…

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Tagebucheintrag 3.September

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Mein Vater, so erzählte es Mutter gerne, war ein rollender Stein. Wo immer er seinen Hut ablegte, fühlte er sich zu Hause. Ich kann mich nur noch bruchstückhaft an ihn erinnern, an einen untersetzten Mann, dessen genetisches Erbe ich zu meinem Leidwesen in mir trage: kurze Beine, schlechte Augen und einen bestenfalls als wackelig zu bezeichnenden Urogenitaltrakt. Wenn er dann und wann seinen Hut in unser bescheidenes Heim legte, war meine Mutter eine verwandelte Frau, im Alltag eher weinerlich reserviert, blühte sie während seiner Besuche auf und wurde von einer mir unbekannten Heiterkeit besessen, die manische Züge annehmen konnte. Wir…

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Das Tier in dir

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Melissa Pelzfuß wusste nie genau, ob ihr die Menschen mit oder ohne Tierliebe unheimlicher waren. Saß sie sonntags auf ihrer Lieblingsbank im Park, betete sie manchmal leise zu einer nur ihr bekannten Gottheit, die sich nähernde Dame möge nicht zu ihrem Pudel sprechen, an der Leine ruckeln oder – das war noch furchtbarer – mit dem entgegenkommenden Hundebesitzer bekannt sein. Eine Steigerung waren die mit den Käftigtieren, die Petitionen gegen Halsgratscheiben und Schaschlik unterschrieben. Am tiefsten Grund rund ihres Grauens tummelten sich Menschen, die exotische Tiere wie große Spinnen, Warane oder Nacktmulle hielten. Andererseits gruselte es ihr vor denen, die bei…

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