In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Das Gefühl

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Kennen Sie das Gefühl, von einem Gefühl befallen zu sein, das man nicht näher beschreiben kann, als zu sagen, es fühlt sich so ähnlich an wie starker Harndrang? Nein, kennen Sie nicht? Also, das ist ein Gefühl, das sich so ähnlich anfühlt wie starker Harndrang. Aber Harndrang in einer Situation, in der man ihm keinesfalls nachgeben kann. Beispielsweise vor einem Kinderspielplatz, in einer belebten Fußgängerzone oder während der eigenen Priesterweihe. Da liegt man auf dem kalten Marmorboden der hiesigen Kathedrale mit ausgestreckten Armen, und die Blase meldet sich. Gut, das wird die Aufregung sein, denkt man zunächst, das vergeht wieder,…

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Nassrasur

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Am Ende des Sommers blökt eine Stimme Kauderwelsch aus einem Lautsprecher. Irgendwo in der Ferne, hinter dem Gezwitscher der Vögel. Der Stadtteilvertreter einer Partei, den es in die Hauptstadt zieht, vermute ich. Obwohl nichts zu verstehen ist, beunruhigt es mich. Dem Barbier, der von Zeit zu Zeit meinen Backenbart stutzt, entgeht das nicht und so schwatzt er munter über den Sand an seinem Urlaubsort und die schöne Aussicht vom Hotelbalkon und die Vorzüge einer privaten Altersvorsorge. Während er spricht, gestikuliert er mit dem Rasiermesser. Aus Angst um mein Ohr fange ich an zu sprechen. „In meinem Schädel rennen zahllose Rädchen…

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Widerstand ist Wonne

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Erst neulich oder vor fünf Jahren sah ich einen Mann, der mit seinem Esel rang. Er zog und riss an des Esels Mähne, den Ohren – das Tier bewegte sich keinen Zentimeter. Mit den Hufen im Boden verwurzelt stand es als lebendige Trutzburg gegen gesellschaftliche Nützlichkeit, und schaffte es, dabei noch so nonchalant und unbeteiligt in der Gegend umherzublicken, dass ich nicht anders konnte, als vor Bewunderung mit der Zunge zu schnalzen. Darauf reagierte der Esel unmittelbar und trottete in meine Richtung. Sein Besitzer funkelte mich böse an, ich zuckte die Schultern. Später bezog ich mit dem Tier eine Doppelhaushälfte…

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Der Nusskopf

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Ein Leben lang im Grünen. Das will auch niemand. Aber einen grünen Bereich, das wollen alle. Mit ihren kleinen Kindern in Schalensitzen auf den Rücksitzbänken rauschen sie vorbei. Ins Grüne, ins Grüne, raus aus der Unbarmherzigkeit, Schwipp-Schwapp, abgesoffen im Mittelmaß, im Mittelmeer, im Mittelklassewagen. Eine Fläche von 97 Fussballfeldern wird jeden Tag betoniert, damit die Planierraupen zu Fressen kriegen und im Jahr danach als speiende, spuckende Tupolews über den Frühlingshimmel donnern können. Meinethalben sollen sie alles zerschießen, die Zierhecken, die Maikätzchen, die gotischen Kirchen und den traurigen Mob, dem Tränen über das teigige Gesicht rinnen. Auf Asphalt kann keiner mehr…

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