In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Vom Tuten und Blasen

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In den Gehörgängen drängen sich aufgeschnappte Aussagen. Später werden sie im stillen Kämmerlein auf Wahrheitsgehalt abgeklopft; mit goldenen Hämmerchen von den einen, mit mageren Fingerknöcheln von den anderen. Der Schamhügel ist der Kalvarienberg des kleinen Mannes. Es gibt ein klimaneutrales Ersatzprodukt für Menschlichkeit. Wenn man es nicht weiß, bemerkt man keinen Unterschied. Wir haben einen Überschuss an Pronomen. Trotzdem dürfen sie nicht einfach mitgenommen werden. Wenn das jeder machen würde. Hast du gehört? Ein Pronom. Das darf nie wieder geschehen. Es ist Zeit zum Aufstehen. Aber es ist doch erst halb fünf und ich bin noch so müde. Sollte sich…

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Lagerfeld und Puschkin

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Ich saß vor ein paar Monaten in Madame Ovarys Eckkneipe, da kam ein blasser Mann herein. Er stellte sich neben meinen Tisch und sah auf mich herab. Ich sagte, er solle mir aus der Sonne gehen, sonst würde ich ihm eins auf sein fettes Maul hauen. Er sagte: „Was erlauben Sie sich? Wissen Sie denn nicht, wer ich bin?” Ich verneinte und er meinte, er sei Karl Lagerfeld, was mich nicht beeindruckte. Ich bat ihn trotzdem Platz zu nehmen. Vielleicht, so dachte ich mir, hat er ja etwas Aufregendes zu erzählen. Hm, da müsse er einmal nachdenken und fing im…

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Herrenbesuch

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Prisma Pelzfuß schnüffelte voller Misstrauen, als sie die Türe zu ihrer Wohnung aufschloss. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee stieg ihr in die Nase, doch darunter waberte eine Mischung aus Mäuse-Urin, Marzipan und Balsamessig. Der Boden war mit altem Laub bedeckt und die Balkontür stand weit offen. Draußen war eine Unterhaltung im Gange. All das war höchst merkwürdig, war Prisma doch seit einer Woche nicht zuhause gewesen. Sie war sicher, Türen und Fenster verschlossen zu haben, als sie abgereist war. Sie ließ die Reisetasche laut auf den Holzboden knallen und das Gespräch auf dem Balkon verstummte. Nur das Gekecker der…

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Die reine Kunst

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„Ich erinnere mich an ein Gedicht“, sagt er und schaut sich wichtig im Kreise seiner Zuhörer um, „das ich, auf den Tag genau vor 31 Jahren, für meine verflossene Liebe schrieb.“ Das Publikum reagiert aufrichtig gerührt mit ‚Ahs!‘ und ‚Ohs!‘ Die Frauen wünschen sich an die Seite dieses einzigartigen Poeten und blicken mit an Abscheu grenzendem Widerwillen auf ihre mitgebrachten Partner. Wir Männer wollen sein wie er, würden die schlechte Haltung, die trockene Glatze, die abgewetzten Kleidungsstücke und die ausgetretenen Schuhe in Kauf nehmen; für die Liebe im Blick der Frau an unserer Seite wäre dieser Preis wahrlich nicht zu…

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