Kurzgeschichten

Ein dickes Ende

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Regine Pelzfuß schlüpft in ihre Sandalen und macht sich auf den Weg zum Supermarkt. Sie wird drei Pfund Kartoffeln kaufen, ein großes Stück Ziegenkäse und zwei Töpfchen Sahne. Das alles fehlt ihr noch für das Gratin. Regine mag zwar keinen Ziegenkäse, doch sie erwartet Besuch von ihrem Gefährten. Der hat eine Schwäche dafür und sie gedenkt, ihn in gute Stimmung zu versetzen, damit der Abend in erotisches Geschnupper münden möge, wiewohl Geschnupper mit Blick auf den Ziegenkäse kein allzu erotisches Bild entstehen lässt. Doch sie braucht nur an seine Schlüsselbeine zu denken und schon segelt sie auf einer schaumigen Woge…

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Bald geht’s lustig zu

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„Brich das Brot und sprich mit mir“, sagte eine, die zu mir kam, um, wie sie sagte, Dinge herauszufinden. Ich hatte den ganzen Nachmittag im Hinterhof gesessen, um bloß nicht die Viertelstunde Sonnenschein zu verpassen, die mir laut Mietvertrag zusteht. „Das ist doch kein Zustand“, rief sie und wies mit ihren Brüsten Richtung Zukunft. „Ich dachte, es geht weiter, immer weiter. Nichts und niemand hatte mich darauf vorbereitet, dass es eines Tages vorbei sein könnte. Weißt du, was ich meine?“ Ich nickte und spuckte einen Kirschkern aus.

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Ein dünner Mann

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Jonas Schmitz umklammerte nervös seinen Bleistift, als er das Büro betrat. Gleich neben dem Eingang stand ein nackter Mann mit Buckel. Er lehnte sich zu Jonas herüber wie ein Chipeinsammler auf dem Jahrmarkt. Jonas fasste sich ein Herz und sprach den Buckligen an. „Bin ich hier richtig, um den dünnen Mann zu sehen?“ Bevor er eine Antwort erhielt, drängte sich eine dunkle Gestalt zwischen die beiden. „Es gehört ihm! Ihm gehört es!“, schrie der Finsterling und wies mit einem langen Finger auf Schmitz. Im Nu bildete sich eine ungehaltene Menschentraube um Jonas Schmitz und zahlreiche Augenpaare betrachteten ihn voller Misstrauen….

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Behördengang

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„Herein!“ Wilhelm Wackerstein sitzt am Schreibtisch und füttert einen Gecko mit Krumen. Wie soll ich sein Erstaunen beschreiben, als er sieht, wer zu seiner Tür hereinkommt? „Mensch, das ist ja eine Überraschung! Mit dir hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Wie lang haben wir zwei uns nicht mehr gesehen?“ Seine Freude ist echt – Wackerstein ist niemand, der sich gut verstellen kann und konnte. Das Tier auf dem Schreibtisch zermalmt Brotstücke und nickt. „Was kann ich denn für dich tun? Du besuchst mich doch nicht aus Höflichkeit.“ Da hat der scharfsinnige Mann natürlich recht; seit einem Zwischenfall vor einigen Dutzend…

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In Zeiten des Krieges

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Es kommt nicht oft vor, aber hin und wieder denke ich über mein Leben nach. Am liebsten setze ich mich dazu aufs Klo. Da ich nicht sehr groß bin, kann ich dabei die Beine baumeln lassen, das bringt mein Gehirn in Fahrt. Die letzten Jahre hatte ich in unwegsamem Gelände verbracht mit nichts weiter als einem Täschchen Zuckerstücke und einem hohlen Zahn, in dem ich meine wenigen Habseligkeiten verwahrte. Zwietracht und Häme hatten mich verfolgt, mich gerüttelt und geschüttelt, bis selbst mein Innerstes in Unordnung geraten war. Mein Innerstes ist flauschig und etwas töricht, das nur nebenbei. Letzten Endes ergriff…

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Tagebucheintrag 3.September

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Mein Vater, so erzählte es Mutter gerne, war ein rollender Stein. Wo immer er seinen Hut ablegte, fühlte er sich zu Hause. Ich kann mich nur noch bruchstückhaft an ihn erinnern, an einen untersetzten Mann, dessen genetisches Erbe ich zu meinem Leidwesen in mir trage: kurze Beine, schlechte Augen und einen bestenfalls als wackelig zu bezeichnenden Urogenitaltrakt. Wenn er dann und wann seinen Hut in unser bescheidenes Heim legte, war meine Mutter eine verwandelte Frau, im Alltag eher weinerlich reserviert, blühte sie während seiner Besuche auf und wurde von einer mir unbekannten Heiterkeit besessen, die manische Züge annehmen konnte. Wir…

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Das Tier in dir

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Melissa Pelzfuß wusste nie genau, ob ihr die Menschen mit oder ohne Tierliebe unheimlicher waren. Saß sie sonntags auf ihrer Lieblingsbank im Park, betete sie manchmal leise zu einer nur ihr bekannten Gottheit, die sich nähernde Dame möge nicht zu ihrem Pudel sprechen, an der Leine ruckeln oder – das war noch furchtbarer – mit dem entgegenkommenden Hundebesitzer bekannt sein. Eine Steigerung waren die mit den Käftigtieren, die Petitionen gegen Halsgratscheiben und Schaschlik unterschrieben. Am tiefsten Grund rund ihres Grauens tummelten sich Menschen, die exotische Tiere wie große Spinnen, Warane oder Nacktmulle hielten. Andererseits gruselte es ihr vor denen, die bei…

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Eigentum

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‚Eigentum ist Diebstahl‘ steht auf dem Schild, das, auf der letzten Demonstration fallengelassen und liegengeblieben, mir während meines wöchentlichen Nachmittagsspaziergangs erst auf den zweiten Blick ins Auge fällt. Bis vor kurzem hätte ich es wohl völlig übersehen; es wäre mich nichts angegangen und ich hätte inhaltlich bestenfalls semi-interessiert zugestimmt, aber seit neustem bin ich Besitzer einer 4200 ha großen Organplantage. Ich züchte Menschen. Das klingt aufregender als es ist, denn ich muss nicht viel tun. Unterkunft stellen, mich um Nahrung und eine medizinische Grundversorgung kümmern, sind ja keine Tage füllenden Tätigkeiten. Manchmal muss ich abends an die Fenster der kleinen…

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Der Setzling

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Seit Jahren versuche ich mich im Züchten von Dattelpalmen, doch bisher blieb meine Mühe ohne Lohn. Mein Bruder, um dessen grünen Daumen sich in der Familie phantastische Geschichten ranken, meint, das Klima sei Schuld. Er rät mir zu einem Gewächshaus, aber dafür mangelt es mir an Demut. Ein Feigenbaum, behauptet er, sei einfacher zu ziehen. Da ich jedoch tagsüber gern ein Nickerchen mache, ist mir das zu gefährlich. Am Ende erwache ich mit Eselsohren in seinem Schatten, und dann wäre es sicherlich vorbei mit der Liebe, egal wie oft der Herzensmann beteuern mag, es käme ihm auf Äußerlichkeiten nicht an….

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Weit hinter dem Scheideweg

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„Immer mit der Ruhe! Einer nach dem anderen: die Frau und die Kinder zuerst!“ Kapitän Wahab geht im Kopf die notwendigen Maßnahmen zur Evakuierung eines Ausflugsdampfers durch. Jetzt, da sich seine Seeräuberkarriere ihrem Ende nähert, ärgert er sich doch, nicht den Weg der zivilen Seefahrt gegangen zu sein, zivil und vor allem rechtmäßig; das Piratenleben ist ihm, den zahlreiche Gebrechen und Wehwehchen plagen, nurmehr ein böser Traum. Wenn er wieder einmal mitten in der Nacht, schreiend und mit vor Schreck aufgerissenen Augen erwacht, wirken seine Lebensentscheidungen längst nicht mehr so erstrebenswert und glamourös wie in seiner Jugend. Um wie vieles…

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