Zu zweit, aber nur ein Auge

Berthold und Gundula hatten sich arrangiert. Oder besser gesagt, das Schicksal hatte sie arrangiert, in einer jener Launen. Sie teilten sich nicht nur das Dach über dem Kopf und eine spärliche Erbschaft, sondern auch ein einziges funktionsfähiges Auge. Berthold, der Linke, besaß die leere Höhle rechts. Gundula, die Rechte, hatte links nur eine milchige Trübung, die bestenfalls Licht und Schatten unterschied. Das Auge, ein prächtiges Blau, wanderte von einer Stirn zur anderen, je nachdem, wer gerade die Welt sehen wollte.

Das Morgenritual war eine Choreographie der Geduld. „Ich brauch’s für die Zeitungsannoncen“, knurrte Berthold und schielte theatralisch mit seiner leeren Höhle auf den Frühstückstisch, wo das Lokalblatt lag. Gundula, die gerade mühsam versuchte, den Kaffeepulver-Berg im Filter zu fixieren, seufzte. „Aber ich muss doch den Löffel treffen!“ Eine kurze, schmatzende Bewegung, das Auge sprang über. Berthold blinzelte zufrieden, las die sehr kleingedruckte Anzeige für gebrauchte Gartenzwerge. Gundula dagegen stieß den Löffel prompt in die Zuckerdose statt in die Tasse. Ihre Flüche waren sanft, aber eindringlich, meist auf Plattdeutsch.

Manchmal, bei mondloser Nacht, wenn das Auge friedlich in einem Glas mit Salzlösung auf dem Nachttisch schwamm, tauschten sie sich über die Erinnerungen des Tages aus. Gundula berichtete von einem neuen Fleck auf dem Trottoir vor dem Bäcker, den Berthold bereits Stunden zuvor beäugt hatte. Berthold ergänzte die genaue Farbe der Möwe, die Gundula nur als „grauen Flatterich“ beschrieben hatte. Es war simultanes, verzögertes Sehen, ein ständiger Kompromiss der beiden zwischen der Gier nach Welt und dem Zwang, sie zu teilen.

Jahrelang schrieben Berthold und Gundula mir zu meinem Geburtstag, seit der Pandemie dann nicht mehr. Sie haben mich wohl aus dem Auge verloren.