Kroll rückte sich den Hut zurecht. Er war dreiundfünfzig, und sein Gesicht sah aus wie eine Landkarte, auf der mäßig bedeutende Kriege eingezeichnet waren. Elena stand neben ihm, das Kleid so grau wie der Asphalt von Essen-Kettwig Anno ’83. Um Punkt acht begann der Boden zu vibrieren. Es war kein Beben, es war ein Takt. Links, zwo, drei, vier. Links, zwo, drei, vier. Die Stadt atmete im Gleichschritt, obgleich niemand ein Instrument in den Händen hielt.
„Hören Sie das, Kroll?“, fragte sie und zündete sich eine Zigarette an, die nach nassem Laub schmeckte. Er nickte. Der Rhythmus kam aus den Gullydeckeln. Eine kleine Marschmusik, arrangiert für Beton und schwere Sohlen. In diesem Viertel lief man nicht einfach; man marschierte zur Arbeit, zum Bäcker, ins Grab. Wer aus dem Takt geriet, verlor schlichtweg seine Daseinsberechtigung und löste sich in den Schatten der durchgentrifizierten Mietskasernen auf.
Sie setzten sich in Bewegung. Die Kniegelenke knackten synchron im Halbtakt. Eine trockene Angelegenheit. „Der Komponist muss Sadist gewesen sein“, brummte Kroll. Elena starrte geradeaus, während ihr linker Arm präzise im Rhythmus schwang. Ein Hund lief vorbei; streng im Stakkato bellend.
Am Ende der Straße wartete das Nichts, aber es wartete pünktlich, 08:15. Die Welt war heute ein wenig verrutscht, wie ein schlecht sitzendes Gebiss. Sie marschierten weiter, zwei Statisten in einem Stück, dessen Skript jemand im Regen hatte liegen lassen. Der Rhythmus wurde lauter, die Trommeln und Pauken waren das Pochen ihrer eigenen Herzen.