Als Pandoras Büchse geöffnet wurde – ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, an einem Tag, an dem das Wetter genau so war wie heute – waren alle Übel schon rasant entflohen. Kurz vor Schluss krabbelten zwei Übel in schier unendlicher Langsamkeit heraus: die Dummheit und die Bosheit. Die Dummheit hatte, einfältig wie sie ist, einfach nicht verstanden, dass sie und die anderen Übel jetzt frei waren, nicht mehr eingepfercht mit allem Übel dieser Welt, dass sie frei, frei, frei sei. Die Bosheit hatte ihre eigenen Motive, zu schleichen und nicht zu eilen. „Meine Zeit wird schon noch kommen“, dachte sie. „Ich biete den Menschen da draußen so vieles, dass meine Macht minütlich wächst – nicht zuletzt durch meine innige Freundschaft und meine intime Kenntnis der Dummheit.“
Die beiden kannten einander schon ewig. Die ersten paar Millionen Jahre hatten sie in der Büchse dicht gedrängt mit den anderen verbracht. Bosheit und Dummheit, so nah, dass die eine einatmete, was die andere ausatmete. Trotzdem versuchten sie, einander nicht anzusehen, mieden jeden Blickkontakt. Erst allmählich – und ich meine, ganz allmählich, dermaßen allmählich, dass wir hektischen, schnelllebigen Wesen es uns gar nicht vorzustellen vermögen – gewöhnten sie sich aneinander, gewannen einander lieb. Zu dem Zeitpunkt, als die Büchse schließlich geöffnet wurde, waren sie ein von allen Übeln anerkanntes Pärchen. „Dummheit und Bosheit sind wie füreinander gemacht“, sagten die anderen. „Die bringt nichts so schnell auseinander. Das ist was Festes, was Ernstes, etwas für die Ewigkeit.“ Doch die Übel waren längst Vergangenheit, hinausgezogen in alle Welt, ausgebreitet und gesprossen auf dem fruchtbaren Boden angeknackster menschlicher Seelen. Neben der Büchse hatten sie Dummheit und Bosheit zurückgelassen, die, noch immer ineinander verliebt, aber ratlos, wie es denn jetzt weitergehen könnte, ein wenig unsicher, was von ihnen erwartet würde, sich gegenseitig in die Augen schauten. Da, plötzlich und gänzlich unerwartet, rief ein Stimmchen ihre beider Namen.
„Was ist das?“, fragte die Dummheit. „Wer ruft denn da? Die anderen sind doch alle fort.“
„Das ist die Hoffnung“, antwortete die Bosheit. „Die war noch hinter mir, als sich die Büchse schloss. Sie ist wohl eingesperrt, und das ist auch gut so.“
Die Dummheit war, als sie den Sinn der Worte endlich verstand, empört. „Wie kannst du nur so etwas Gemeines sagen? Wir müssen ihr aus der Büchse heraushelfen!“
„Einen Scheißdreck werden wir tun!“, funkelte die Bosheit ihre Liebste an. „Und ich sag dir auch warum: Die Hoffnung ist das Schlimmste aller Übel. Ein Grundübel gar. Das hatte schon seinen Sinn, warum sie ganz unten eingesperrt war.“
Bewundernd blickte die Dummheit ihre Liebste an. „Ich liebe dich – du bist so klug.“
Darauf küssten sich die beiden Übel inniglich und folgten dann den anderen auf ihrer Reise rund um die Welt. Und weil sie nicht gestorben sind, schlagen wir uns noch immer und immer wieder mit ihnen herum.