Kurzgeschichten

Ein Pranger nach Maß

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Die besseren Leute erkennt man an ihrem maßgeschneiderten Zeug. Sogar ihre Bettdecken lassen sich die besseren Leute nach Maß anfertigen. Vielleicht schläft man nur unter einer Decke von 2,07 Metern Länge wirklich erholsam und nur die Daunen der Gänse auf einem kleinen Hof in der Provence halten einen wirklich warm, bloß wir einfachen Menschen wissen das gar nicht, weil wir schon froh sind, wenn wir nicht an die Front geschickt werden. Das stimmt natürlich nicht, denn als einfacher Mensch hat man heutzutage keine Einwände gegen einen Fronteinsatz, nur als Lumpenpazifist, und der kommt halt nicht in den Schützengraben sondern an…

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Die Rettung ist zu teuer

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Al Jardine, ein Nachbar der Wilson-Brüder und Mitbegründer der Beach Boys, hat den Cousin der drei an der Leitung. „Ich habe mit Brians behandelndem Arzt gesprochen, er sagt, Brian liegt im Sterben, aber er könnte ihn vielleicht retten, um einen finalen Song aus ihm herauszukitzeln. Vorausgesetzt natürlich, dass wir noch etwas auf sein Honorar drauflegen.“ Am anderen Ende schweigt Mike Love und atmet pfeifend. „Was das wieder kostet!“, sagt er endlich und bricht die Stille. „Ich habe es satt, immer wieder unser sauer verdientes Geld in Brians Behandlungen zu stecken. Ich meine, vielleicht ist sein letzter Song richtig scheiße und…

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Späte Rache

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„Bei deiner Mutter ist ja nicht mehr viel los im Oberstübchen“, raunt mein Vetter Kaiphas mir über den Tisch hinweg zu. Er heißt nicht wirklich Kaiphas, den Namen trägt er nur innerhalb der Familie, weil er eine Arschgeige von biblischen Ausmaßen ist. Ich weiß gar nicht, warum oder von wem er zum Essen eingeladen wurde, aber da er nun einmal da ist, habe ich ihm einen Teller Fritattensuppe hingestellt. Die habe ich extra für blöde Gäste im Gefrierschrank. Die Mutter sieht ihn mit belustigtem Ausdruck an und löffelt ihre Nudeln mit Soße. Ich kann meine Mutter nicht sonderlich leiden, aber…

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Ein Sohn der Meute

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„…dessen Äste in den Himmel wachsen! So wie wir! So wie Daberlitz!“ Bürgermeister Jentschke wischt sich den Schweiß von der Stirn, seine Stimme wird immer lauter und gehetzter. Die versammelte Daberlitzer Bürgerschaft sitzt und schwitzt und versucht, nicht einzuschlafen. „Wir sind wie dieser Baum! Stark, verwurzelt, und… und…“ Kuckuck! Bürgermeister Jentschke reißt den Kopf hoch, fixiert den Baum mit einem starren Blick. „Ja! Wie dieser Baum! Und dieser Baum… ist ein Resonanzkörper. Ein hölzernes Echo unserer tiefsten Wünsche! Er speichert die Flüche der Vergangenheit und die zaghaften Hoffnungen der Zukunft. Und er… er…“ Seine Augen weiten sich. „…er ist besessen!“…

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Mein Praktikum in der Trollfabrik

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Damit ich wieder mehr unter Leute komme, habe ich beschlossen ein Praktikum zu machen. Nachdem es mir für Love-Scamming an Charme und Liebreiz mangelt und der örtliche Fleischer mich wegen meines Hangs zum in der Nase Bohren abgelehnt hat, bin ich schließlich in einer Trollfabrik gelandet. Ich dachte mir, den lieben langen Tag mit einer kleinen Schere Frisuren aus buntem Zottelplüsch für Püppchen ausschneiden, sei genau mein Ding. Vielleicht hätte ich ja sogar ein bislang unentdecktes Talent zum Augen Aufmalen. Es stellte sich heraus, dass in den Jahren meiner Abkehr von der Menschheit einige Veränderungen in der Welt stattgefunden hatten….

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Die Blutsau vom Niederrhein

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Kehlig entfuhr Luk de Toorhejd der Schreck. Er verschluckte sich, sie hämmerte mit dem Ballen ihrer rechten Hand auf seinen Rücken, bis sich seine Lungen wieder beruhigt hatten. „Du hast WAS gesehen?“ De Toorhejd fand nur mit Mühe den Atem wieder. „Die Blutsau vom Niederrhein. In voller Größe und ganzem Grauen. Gewitter inklusive. Blitze, Donner, das ganze Paket.“ Sie war so niedlich, wenn sie sich ereiferte. Wieder einmal konnte der ehemalige Neuplatoniker, der sich, zu seinen besseren Zeiten mit den Besten seiner Zunft maß, kaum im Zaum halten, seine langjährige Gefährtin von oben bis unten abzuknutschen, auch weil er wusste,…

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Schlafen wirst du kaum, Ananke

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Ananke war meine Banknachbarin in der Realschule. Am Anfang dachten die anderen Kinder, sie würde stottern und hieße in Wirklichkeit Anke. So war sie das Ziel zahlreicher Späße, die meisten davon kein bisschen lustig. In ihren dunklen Augen glühte es sanft und wenn die Späße allzu derb wurden, füllten sie sich mit glitzernden Tränen und es zischte, wie wenn ein Wassertropfen auf eine Herdplatte fällt. Dann lehnte sie ihren Kopf sacht gegen meine Schulter und der Geruch von Pelikanol, Majoran und Freibad stieg mir in die Nase. Ein wenig später, als ihr Körper abenteuerliche Kurven bekam, wichen die Scherze begehrlichen…

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Ein Ersatz für Weiß

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Zwei maskierte Männer entsteigen am Bahnhof einem Taxi. A, der größere von beiden, richtet seine Krawatte. B, der kleinere, legt den Kopf in den Nacken und blickt in den Nachthimmel. A: Gut geschlafen? A zieht an seiner Krawatte, blickt sich nervös um. B: Geschlafen? Ich? Ich träumte von einer grauen Flut Asche, die über die Stadt hereinbrach, von welken Lilien auf schlammigen Wegen. Erinnere dich daran: Wir suchen einen Ersatz für Weiß. Aber was, wenn es nichts zu finden gibt? Was, wenn das, was wir suchen, das Nirgendwo ist, dort wohin das Weiß entschwunden ist? B deutet theatralisch in den…

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Ohne darüber nachzudenken

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Ich kann Soldaten nicht leiden. Mit ihren Sturmgewehren und Helmen und schweren Stiefeln jagen sie mir Angst ein, während ich zugleich ihre Ränge und ihr Kommandogebrüll lachhaft finde. Eine gefährliche Kombination, wenn man selbst unbewaffnet ist und auch so bleiben will. Nicht einmal ein Pfefferspray werde ich mir zulegen, egal wie viele Axtmörder mit dem Zug durchs Land fahren – aber das nur nebenbei. Ich kann Soldaten nicht leiden, selbst wenn sie meine Freiheit am Hindukusch verteidigen, wobei ich bis vor ein paar Jahren dachte, der Hindukusch sei ein Zauberer. Der finstere Bruder vom Zauberer Suseldrus genauer gesagt. Heute weiß…

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Kleine Ballade vom Gleichgewicht

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Bodacia Pelzfuß arbeitet im Tyrannenpalast. Sie schreibt Glückwunschkarten, Drohbriefe und Festreden für den Herrscher. Für gewöhnlich geht ihr die Tätigkeit leicht von der Hand. Die Ansprüche sind nicht hoch und von ihrem Bürofenster aus sieht sie grüne Hügel, die bis zum Horizont dahinwabern und das Gehirn in friedliche Stimmung versetzen. Aber heute will ihr gar nichts einfallen. „Eine kleine Ballade vom Gleichgewicht“, hatte der Tyrann auf den Fußspitzen wippend gesagt und die Lippen geschürzt, so dass er noch mehr als sonst wie eine Kasperlefigur aussah. „Die hätte ich gerne bis morgen. Als Geschenk für diesen widerspenstigen Ajatollah.“ Eine kleine Ballade,…

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