Kurzgeschichten

Zu zweit, aber nur ein Auge

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Berthold und Gundula hatten sich arrangiert. Oder besser gesagt, das Schicksal hatte sie arrangiert, in einer jener Launen. Sie teilten sich nicht nur das Dach über dem Kopf und eine spärliche Erbschaft, sondern auch ein einziges funktionsfähiges Auge. Berthold, der Linke, besaß die leere Höhle rechts. Gundula, die Rechte, hatte links nur eine milchige Trübung, die bestenfalls Licht und Schatten unterschied. Das Auge, ein prächtiges Blau, wanderte von einer Stirn zur anderen, je nachdem, wer gerade die Welt sehen wollte. Das Morgenritual war eine Choreographie der Geduld. „Ich brauch’s für die Zeitungsannoncen“, knurrte Berthold und schielte theatralisch mit seiner leeren…

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Trauerporno

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Früher, als alles noch besser und ich ein Dreikäsehoch war, lief ich an der Hand meiner Großmutter mit vor Staunen tellergroßen Augen durch unser Städtchen. Wie überall gab es auch bei uns ein Trauerpornokino. In einem unscheinbaren Gässlein in der Nähe des Bahnhofs steckte es zwischen einem Zahngoldgeschäft und einer Würstchenbude seine in gedeckten Farben blinkende Leuchtreklame in die Höhe. Mein Großcousin Gernot nahm mich einmal mit hinein. Drinnen saßen vereinzelt alte Klageweiber mit schwarzen Kopftüchern und schluchzten – manche leise und erstickt, andere mit extrovertiertem Timbre. Der Geruch von tränenfeuchten Stofftaschentüchern zog durch die Reihen und als ich gedankenverloren…

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Mit Mann und Maus

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Ein Bart, der sich wie Tang um die Welt wickelte. Darin, im Dickicht der grauen Haare, wohnte die Maus. Sie war sein letztes Schiff, er ihr erster Matrose. „Mit Mann und Maus“, säuselte der Rost in den Gelenken des Universums, als der Mann einen Seufzer aushauchte, der nach vergessenen Häfen roch. Die Maus, ein winziger Kompass in der pelzigen Wildnis, nagte unbeirrt an der Grenze zwischen Traum und morschem Holz. Ihre Augen, zwei Stecknadelköpfe der Erkenntnis, beobachteten, wie der Mann langsam zerbröselte, aber nicht zu Erde wurde, sondern zu einer feinen, melancholischen Luft. Und er, in seiner zerstäubten Glorie, wusste:…

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Wutköder Wahrheit

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Mit der Wirklichkeit möchte Wilhelm Borezcs nichts mehr zu tun haben. Wer ihn von früher kennt, vermag sich das kaum vorzustellen. „Der alte Willi ist doch immer übergequollen vor lauter Wahrhaftigkeit und Realitätssinn. Das kann ich mir ja gar nicht vorstellen“, würde zum Beispiel Franz Speck, sein Banknachbar aus dem Gymnasium, sagen, wenn er von davon erführe. Aber es stimmt. Seit nämlich Wilhelm Borezcs im Keller seines Hauses die Wirklichkeitsmaschine entdeckt hat. Zunächst dachte er, es sei eine von diesen modernen Heizungen, die Wärme aus den Tiefen der Erde hervorlocken, damit man günstig ein Bad nehmen kann, bis der Planet…

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Das Parfum des Henkers

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Wie der Henker riecht, weiß keiner. Die zahlenden Beobachter nicht, die in gemütlich eingerichteten Zuschauerkabinen dem Spektakel beiwohnen, nicht die Angehörigen der Opfer, die die Hinrichtung zur persönlichen Satisfaktion gratis verfolgen dürfen. Dieser Duft, dachte der Verurteilte, war keine flüchtige Essenz, sondern ein manifestes Vibrato absoluter Leere, eine Synkope zwischen Herzschlag und Echo. Er malte sich auf der Netzhaut ab als das unerträgliche Ultraviolett des Schweigens, schmeichelte dem Gaumen wie der Geruch von verrostetem Messing und klang in den Ohren wie die Geometrie zerberstender Ordnung. Eine olfaktorische Apokalypse, die die Fassaden der Vernunft mit dem Wisch eines Wimpernschlags entstellte. Das…

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Ein guter Amboss fürchtet keinen Pudding

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So oder so ähnlich reden die alten Despoten und Tyrannen dieser Tage daher, um mich davon zu überzeugen, das Volk müsse im Angesicht der allgemeinen Bedrohungslage wehrhaft sein. Obschon jedes Kind weiß, wie blödsinnig das ist, scheint die halbe Welt diesen Binsendummheiten Glauben zu schenken. Nichts schadet dem Wehrkörper mehr als Pudding. Denn Pudding schmeichelt der Seele. Nicht dieses stundenlang im Kühlschrank zu Glibber erkaltete Zeug. Nein. Warmer, weicher, süßer Pudding frisch vom Herd muss es sein, damit einem die Kampfeslust vergeht. Vier Portionen am besten. Und im Krieg darf nur noch mit Pudding geschossen werden, oder meinethalben mit Quarkspeise,…

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Mit einem Körnchen Schmalz

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Der Mann sitzt auf der Bank. Er wartet auf den Bus, der nicht kommt. Eine Taube sitzt auf seinem Kopf. Sie blinzelt. Ihr rechtes Auge ist etwas größer als ihr linkes. Er fühlt eine Wärme. Es ist nicht die Sonne. Die Taube gurrt eine Melodie. Sie klingt nach Ostseeküste und Zuckerwatte. Ein Gefühl steigt auf. Es ist nicht Glück. Er lächelt gequält. Ein Passant bleibt stehen. Er hat einen Regenschirm. Der Himmel ist wolkenlos. Der Passant fragt nach dem Sinn. Der Mann zuckt die Achseln. Die Taube nickt. Der Passant geht weiter. Der Mann sitzt. Die Taube gurrt ein anderes…

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Klar nicht eben

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Bei vielen Menschen ist das Leben eine Linie. Es fängt irgendwo an, geht dann eine Weile lang mehr oder weniger gerade oder auch verschlungen dahin und am Ende hört es wieder auf. Mein Leben hingegen ist ein Teppich. Klar, kein sonderlich kunstvoll gefertigter und hochwertiger Teppich, jeder Teppichknüpfer würde mitleidig lächeln, wenn ich auf einem Basar damit daherkäme, aber ich war ja noch gar nie auf einem Basar und werde auch in nächster Zeit nicht hingehen. Was sollte ich auch dort, inmitten einer Unmenge von Leuten, die ihre Ware feilbieten, um Preise feilschen, Geldbörsen stehlen und am Ende mit dem…

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Der Zar der Zeit

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Der Zar der Zeit sitzt auf seinem Thron, der einem Hochstuhl für Kleinkinder nachempfunden ist. Des Zaren Finger, schmal und von blassgrauer Färbung, spielen mit einem winzigen, angerosteten Hebel, der aus einem klobigen Messingkasten vor ihm auf dem Hochstuhl ragt. Ein leises Klicken – kaum hörbar über dem steten, aber unregelmäßigen Ticken der zahllosen Uhren an seinen Wänden – und die Welt dreht sich einen winzigen Deut zu schnell. Eine Fliege, die eben noch an der Tapete krabbelte, ist plötzlich am Fenster und weiß nicht warum. Draußen, auf den gepflasterten Gassen, ereignet sich eine leise Verschiebung. Eine Dame, die ihren…

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Die Geschichte vom Hanf Dampf in allen Gassen

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Wenn das Jahr ganz frisch ist und der Wind den Geruch von abgebrannten Böllern durch die Straßen weht, denke ich an meinen Freund Don Juan de Patapiel, mit dem ich früher jeden Jahreswechsel verbracht habe, bevor ihn der Teufel der Buchhalterei geholt hat. Er war ein großgewachsener Mexikaner mit kantigem Kinn und espressobraunen Augen. „Nimm dich vor deinen Adjektiven in Acht!“, hätte er jetzt, da ich das hier hinschreibe, genuschelt und ein paar dicke, blaue Rauchausrufezeichen in die Luft geblasen und mahnend mit seiner Meerschaumpfeife auf mich gedeutet. Von morgens bis abends rauchte er süß duftendes Kraut in dieser Pfeife….

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