Kurzgeschichten

Die Geschichte vom Hanf Dampf in allen Gassen

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Wenn das Jahr ganz frisch ist und der Wind den Geruch von abgebrannten Böllern durch die Straßen weht, denke ich an meinen Freund Don Juan de Patapiel, mit dem ich früher jeden Jahreswechsel verbracht habe, bevor ihn der Teufel der Buchhalterei geholt hat. Er war ein großgewachsener Mexikaner mit kantigem Kinn und espressobraunen Augen. „Nimm dich vor deinen Adjektiven in Acht!“, hätte er jetzt, da ich das hier hinschreibe, genuschelt und ein paar dicke, blaue Rauchausrufezeichen in die Luft geblasen und mahnend mit seiner Meerschaumpfeife auf mich gedeutet. Von morgens bis abends rauchte er süß duftendes Kraut in dieser Pfeife….

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Der Salzkrieg ist vorbei

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**Personen:** A: Ein Mann, Mitte 60, abgetragen, doch mit der Aura eines ewig Unzufriedenen. B: Eine Frau, ähnliches Alter, mit einer melancholischen Beharrlichkeit in Stimme und Haltung. **Greisenstimme:** (Aus dem Off, mal murmelnd, mal fast flehend, dann wieder eindringlich befehlend) **Ort:** Eine extrem karge, fast klinisch wirkende Bühne. Zwei abgenutzte Stühle, ein kleiner, runder Tisch aus Metall, der das Licht ungnädig reflektiert. Kein weiteres Dekor. Die Beleuchtung ist neutral, unbarmherzig. *(Die Bühne ist zu Beginn dunkel. Eine lange Stille. Dann langsam, als würde der Tag nur widerwillig anbrechen, wird sie in ein kaltes Licht getaucht. A und B treten gleichzeitig,…

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Scheu geduckt vor seinem Lachen

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Manche sagen, man dürfe bei Unannehmlichkeiten nicht gleich die Flinte ins Korn werfen und müsse stattdessen die Dinge durchziehen und die Zähne zusammenbeißen. Ziehen und Zähne seien Zeichen von Zielstrebigkeit und Selbstdisziplin, die im allgemeinen als wünschenswert gelten. Wer hätte schon einmal eine Stellenanzeige gesehen, in der ein zaudernder Müßiggänger (m/w/d) gesucht wird? Andererseits soll man sich nichts gefallen lassen und wer sich selbst allzu lange einer Quälerei aussetzt, wird bald zum Opfer und das soll auch wieder nicht sein. Wann ist also der rechte Zeitpunkt, um die Zähne auseinander zu bekommen und das Weite zu suchen, fragt sich Philomena…

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Professor Brautsacks Laubsägeatelier oder der Tod des Banausen

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„Ich wünsche mir zu Weihnachten ein bodenloses Fass. Zu Weihnachten wünsche ich mir ein bodenloses Fass. Ein bodenloses Fass wünsche ich mir zu Weihnachten.“ So geht es nun schon seit dem ersten Adventssamstag. Tag und Nacht, morgens, mittags und abends. In Variationen, aber immer im selben Tenor. Mein halbherziger Einwurf ‚ich dachte, wir schenken uns dieses Jahr nichts‘ bleibt unerhört ungehört und weiter geht’s: „Ich brauche ein bodenloses Fass, ein Fass brauche ich, aber ohne jeden Boden. Verstanden? Verstehst du? Ohne Boden.“ Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Da kommt mir die Postwurfsendung für alle Haushalte, die ich erst gestern…

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Am Puls vergangener Zeiten

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Voller Sorge betrachtet Luzie Pelzfuß die Einladungskarte aus dünnem Karton. Munter geschwungene Buchstaben in grüner Tinte fordern sie auf, mit dem Absender anlässlich eines runden Geburtstags „durch die Jahrzehnte zu tanzen“. Die Adresse am anderen Ende der Stadt, das Datum viel zu nah am Augenblick und die Unterschrift unleserlich. Ganz unten steht noch: Ohne dich sind wir nicht vollständig. Es wird sich wohl kaum jemand finden, der nach einem Jahrzehnte andauernden Leben noch vollständig ist. Ununterbrochen zieht jemand weg, kündigt einem die Freundschaft oder stirbt. Man selbst bleibt zurück mit losen Enden, die einen umhüllen wie ein zottiger Mantel. Ein…

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Die Zeit der Flüsterpest

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Der karmesinrote Husten geht in unseren Landen um. Der größte Teil der Bevölkerung ist nicht seuchenerprobt und weiß kaum etwas mit der neugewonnenen Länge der Tage und Monate anzufangen – es herrscht bedingte Ausgangssperre, wobei sich die in den Medien verbreiteteten Bedingungen täglich, oft zweimal täglich, ändern. Wir haben viel Zeit. Viel Zeit und wenig Geld. Für zwei Rollen Toilettenpapier und ein Fläschchen Sonnenblumenöl haben die Nachbarn aus dem Vorderhaus schon ihren Sohn und ihre Tochter ins Pfandhaus gezerrt und versetzt. Darauf angesprochen, sagte die Mutter, eine ehemals respektable Physiotherapeutin, dass sie jederzeit neue Kinder machen könne. Sie warte jedoch…

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Der Kalif vom Karstadt

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Der Kalif vom Karstadt ordnete ein letztes Mal das Beilagengemüse auf seinem Teller. Ein schmaler Junge stand plötzlich vor ihm, die Hände zu Fäusten geballt. „Bitte, helfen Sie meiner Mutter. Sie ist sehr krank.“ Der Kalif vom Karstadt bestellte einen Espresso und ein Dessert bei der Kellnerin, die das Tablett abräumen wollte. Er hatte alles aufgegessen, nur das blassgrüne Gemüse lag noch da. Und ein Apfel. „Was kann ich tun?“, fragte der Kalif vom Karstadt. Der Junge blickte zu Boden. „Sie ist sehr krank. Bitte helfen Sie ihr!“ Der Kalif vom Karstadt dachte nach, dann räusperte er sich. „ZUKUNFT IST…

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Eine Postkarte ohne Unterschrift

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Die Dinge sind selten so, wie man sie sich zunächst vorgestellt hat. Das meiste hat in der Wirklichkeit wenigstens einen Haken, wenn nicht sogar mehrere. Von dem knusprigen Braten im Lokal bekommt man Sodbrennen, die neue Hose zwickt im Schritt, der kluge und schöne Mann, den man geheiratet hat, knirscht im Schlaf mit den Zähnen und auf der Frühlingswiese wird man von Ameisen gebissen. Auch ich selbst bin nicht so prächtig, wie ich dachte. Zum Lesen benötige ich eine Brille, die Gelenke knacken beim Treppensteigen und die Welt verstehe ich überhaupt nicht mehr. Darum vermeide ich die Realität, wann immer…

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Hinterhalt im Rosengarten

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Hildegard Magerkost war nach eigenem Empfinden beileibe keine Schönheit. Nur in ihrem Garten, umgeben von Rosen in allen Farben, Rosen aus Krepppapier, aus Porzellan, zwischen Hagebutten und Blüten fühlte sie sich akzeptabel. „Hilde, verrohe nicht!“, flüsterten ihr die Blumen zu. Doch das war leichter empfohlen als durchgeführt; wie Hildegard Magerkost zu ihrem Leidwesen feststellen musste, entwickelten die Rosen zunehmend autokratische Züge. Mit den Jahren sprossen in den Sträuchern und Büschen Kameras wie Knospen, der natürliche Duft wurde jede Saison ein bisschen mehr von billigem Parfüm ersetzt. Hilde vermisste den ursprünglichen Zustand des Gartens, ohne dass sie hätte sagen können, wann…

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Im Erdgeschoss der Ewigkeit

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Als junger Mensch will man hoch hinaus und sucht sich eine Wohnung möglichst weit oben. Die Gelenke sind geschmeidig und es stört einen nicht, die Einkäufe in die fünfte Etage zu schleppen, solange man die Dächer der Stadt im Mondlicht betrachten und einen Schnaps aus Schottland dazu trinken kann. Auch alte Leute wollen hoch hinaus, die möchten dann dem Hergott zu Füßen im Himmel auf einem Wölkchen sitzen. Dazu muss man allerdings ein gottgefälliges Leben geführt haben und das ist gar nicht so einfach. Zwischendrin will der Mensch nämlich allerlei Unfug, der eine modische Accessoires oder technischen Firlefanz, die andere…

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