Kurzgeschichten

Die Miete

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Nicht einmal die Jahreszeiten sind noch echt. Sieht man aus dem Fenster, wähnt man sich im Frühling, doch draußen pfeift ein eisiger Wind um die Häuserecken, dass einem die Ohren taub werden. Das wiederum macht nichts aus, denn zu hören gibt es ohnehin nichts von Bedeutung. Und es stimmt auch nicht. Zu meinem Leidwesen höre ich allzu gut: Das Brummen des Wagens meiner Hauswirtin zum Beispiel. Ein dunkelgraues Ungetüm, groß wie ein Panzer, das bedrohlich unsere Hofeinfahrt blockiert. Zum Zeichen ihrer Anteilnahme am Elend der Welt hat sie blau-gelbe Plastikfähnchen an beiden Seiten angebracht; ein Anblick den man sonst nur…

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Theologie des Alltags

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„Ewiges Leben ist kein Heilsversprechen“, sagt der Mann mit dem blauen Frottee-Cape und sieht sich verstohlen um. „Ewiges Leben ist eine Drohung.“ Er flüstert, sein Zuhörer kann ihn kaum verstehen. Der Zuhörer nickt wie einer, der zwar prinzipiell zustimmt, aber trotzdem noch einige Fragen hat und dem die ganze Heimlichtuerei eigentlich zuwider ist. Der Mann mit dem Cape rückt näher, um die Stimme noch weiter zu senken. „Die östliche Sichtweise auf Leben und Sterben ist meiner Meinung nach äußerst zutreffend.“ Der Zuhörer kennt die östliche Sichtweise nicht, verkneift sich jedoch eine Nachfrage diesbezüglich. Er zieht einen Plastikrevolver aus der Tasche…

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Kopfüber

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Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, die Welt sei in Wahrheit der zu groß geratene Kopf eines Kindes, das auf krummen Beinchen von einem Elend zum nächsten stolpert. Wo, möchte man fragen, sind die Eltern abgeblieben und warum scheren sie sich nicht darum, ob der klägliche Knirps von Kopfläusen und schmerzender Blödheit geplagt ist? Aber man weiß es ja besser, jeder weiß alles besser, jahrein, jahraus dröhnt einem schäfisch dahergeblöktes Besserwissen um den verlausten Schädel, während man vergeblich versucht, es sich in der Fontanelle zwischen flaumigem Babyhaar und Milchschorf gemütlich zu machen. Aber das gelingt einem nie,…

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Vorkommnis

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„Kindereien“, sagte er, als ich ihn auf seine Probleme ansprach. „Nicht der Rede wert, wirklich.“ Ich bewunderte seine lässige Art, mit Angelegenheiten umzugehen, die einen anderen Mann sicherlich erdrückt hätten. Im Gegensatz zu beispielsweise mir ließ er sich niemals unterkriegen, er schien mit jedem Widerstand zu wachsen und konnte sich an allen Schwierigkeiten zu voller Größe aufrichten. Was er an mir fand, verstehe ich bis heute nicht. Vielleicht war es das Brüchige, das mir zweite Natur geworden war und das ihm gänzlich fehlte. Vielleicht war es mein unaufdringliches Naturell, das ihm viel Raum zur Entfaltung ließ, ich weiß es nicht….

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Erzähl mir nix!

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„Heute“, sagte der glutäugige Jüngling zu Regina Pelzfuß, „will ich dir vom Steinadler erzählen.“ Er fasste ihre Hand und drückte sie, exakt an der Grenze zwischen sanft und fest, als wisse er genau, wo die sei. Regina Pelzfuß rutschte unbehaglich auf ihrem etwas in Jahre gekommenen Apfelhintern hin und her. „Vom Steinadler? Besser nicht. Erzähl‘ lieber was anderes! Vom Elefanten oder von einer Bahnfahrt.“ Sie sah zu der Klappe hinauf, die zum Dachboden führte, wo sie vor langer Zeit den Adler in den Schlaf gesungen hatte. Bestimmt würde er aufwachen, wenn von ihm die Rede war. Doch der junge Mann…

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Hyperlink

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Die Welt lebt in meinem Schuh. Die Erde, der Graue Planet, und alle, die auf & über ihr existieren, gerade geboren werden oder im Begriff sind zu sterben, lassen meine Sohle erzittern. Vibrationen, die mein Körper missdeutet und in Worte und Gedanken verwandelt. Worte und Gedanken, Dieses und Jenes prasseln stetes Prickeln. Die Welt ist Rauch, dampft mir der Kopf, heben sich Schwaden von der Stirn und formen Wölkchen, aus denen es spitz und kalt herab trommelt. Ein Kreislauf wie Wasser und Strom, Aggregatzustände wechseln und hinterlassen Haufen aus Plasma und negativer Spannung: Oh, ihr Freunde, aufgewacht! Die Frühjahrssonne lacht…

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Speed-Dating

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„Für jeden kommt der Tag, an dem man mehr Tote als Lebende kennt.“ „Was für ein Unsinn. Wenn man in jungen Jahren stirbt, oder gar als Baby, dann kennt man sicherlich mehr lebende Menschen – oder als Baby womöglich gar keine, außer der eigenen Mutter und der Hebamme.“ „Sie haben mich nicht ausreden lassen. Eine unschöne gesellschaftliche Entwicklung. Man fällt den Leuten ins Wort, sobald man Platz für Widerspruch entdeckt. Äußerst unschön.“ „Also gut. Wie geht es denn weiter? Das würde mich jetzt interessieren, was da noch kommen soll, damit etwas anderes als theatralischer Pomp entsteht.“ „Ach, lassen Sie es…

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Superesse in Nivis

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Hans Löser kämpft mit den Schneeflocken. Sie umschwirren ihn, schwärmen aus und sammeln sich wieder in Böen, greifen an und peitschen sein Gesicht. Was hatte sie zum Abschied gesagt? Er wisse nichts vom Leben, von der Liebe, vom Beieinander. Hans Löser seufzt und schlägt mit der Faust ins Glitzern um seinen Kopf. Er weiß sehr wohl von der Liebe, weiß, wie sie glüht, weiß, wenn sie lodert. Wie es ist, wenn der Sturm die Flammen links und rechts ohrfeigt. Hans Löser duckt sich und windet seinen Körper. Da packt ihn ein Windstoß im Genick, drückt ihn zu Boden, ins frostig…

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Der Zöllner

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Matthias Pelzfuß steht auf dem Balkon und blinzelt in die Morgensonne. Es ist bei weitem nicht so warm, wie es vom Bett aus ausgesehen hat. Die Kälte breitet sich auf seinen Fußsohlen aus. Heute ist sein großer Tag, sein erster Tag als Zollhauptwachtmeister. Viele Jahre seines Lebens hat er als gewöhnlicher Zollwachtmeister verbracht, stets pünktlich, niemals krank. Damit sich das nicht ändert, geht Matthias Pelzfuß zurück in seine Wohnung und zieht sich warme Socken an. Veränderungen sind ihm nicht geheuer. Der Sprung vom Wachtmeister zum Hauptwachtmeister scheint ihm für einen Tag genug, da braucht er nicht auch noch auf kalten…

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Das Zeitalter der Krähe

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„Wie man weiß, sind Krähen sehr intelligent, wenn auch nicht unfehlbar.“ So sollte eigentlich meine neueste Geschichte beginnen. Den Satz trage ich bestimmt schon seit sechs Monaten mit mir herum. Und ebenso lang erzähle ich auch schon, die Geschichte endlich schreiben zu wollen. Jüngst auch meinem Nachbarn Krause, der sich zur Gewohnheit gemacht hat, regelmäßig bei mir vorbeizuschauen, um zu sehen, ob ich etwas zu essen oder zu trinken benötige. „Wie weit bist du denn mit der Geschichte?“, fragte er mich und ich zuckte mit den Schultern. „Die wird, die wird“, antwortete ich etwas nebulös, darauf bedacht, Krause nicht direkt…

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