Kurzgeschichten

Jedem Anfang wohnt ein Ende inne

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Es heißt, in der tiefsten Nacht sei das Licht nicht mehr weit. Wahrscheinlich heißt es anders und irgendein Schlaumeier weiß, wie man richtig sagt. Denn einen Schlaumeier findet man selbst in der tiefsten Nacht, ohne danach zu suchen. Ich frage mich, warum es dann auf der Welt so viele Laubbläser gibt. Der alte weiße Mann unter den Gartengeräten. Eine unpassende Metapher ist das. Ich habe nämlich nichts gegen alte weiße Männer, im Gegenteil. Was ist überhaupt der Unterschied zwischen einer Analogie und einer Metapher? Nie weiß ich das! Aber ich schäme mich nicht deshalb. Ich habe andere Vorzüge. Zum Beispiel…

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Vom Finden

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Eines Tages war mein Hut weg. Einfach weg, einfach weg. Verzweiflung stieg in mir auf, denn mein Hut war weg, einfach weg. Gestern noch hatte er mich geschützt, meinen Kopf geschützt, vor Regen geschützt. Nun war er weg, einfach weg. Die Zeiten waren nicht gut, sind es noch immer nicht. Zu sagen, sie seien schlecht, war unmöglich geworden, unausgesprochen verboten. Die Zeiten waren nicht gut und sind es noch immer nicht. Ich beschloss, ihn zu suchen, im Wald zu suchen. Ich machte mich auf, unbeschützt auf, meinen Hut im Wald zu suchen, zu suchen, fest entschlossen, ihn zu finden. Ich…

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Ein echter Mann

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Auf dem Gehweg bleibt heute nur ein schmales, eisiges Band, auf dem man zwischen aufgetürmtem Schnee dahinwackeln kann. Vor mir geht ein Mann. In der einen Hand trägt er eine Plastiktasche mit Aufdruck eines Lebensmittel-Discounters, in der anderen hält er eine Leine, an deren Ende ein Schäferhund hängt. Der Mann stellt die Tasche in einer Mulde im Schnee ab und kratzt sich ausgiebig die Ritze zwischen den Hinterbacken. Da ich weder ausweichen noch überholen kann, betrachte ich sein Tun ohne Freude. „Glauben Sie ja nicht, Sie könnten meine Tasche schnappen!“, herrscht er mich über die Schulter an. „Zeus, pass auf!“,…

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Konflikte

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Der Krieg kommt immer näher. Neulich fuhr ich nachts im Bett auf, denn ich hörte das Pfeifen von Mittelstreckenraketen, aber dann war es doch nur Agamemmnon, der Nymphensittich meiner Nachbarin. Auch wenn es diesmal falscher Alarm war, besteht kein Zweifel: Früher oder später wird es vorbei sein mit dem Frieden. Deshalb bereite ich mich vor. „Grrrrroßßartig! Zu den Waffen!“, kreischt Agamemmnon hinter dem dicken Filzvorhang, der unsere Wohnungen voneinander trennt. Ich wünschte, es gäbe eine Wand, aber die Hausverwaltung teilt mit, das lohne nicht, denn bald würden wir eh ausgebombt, das sei nur mehr eine Frage der Zeit. Ein Segen,…

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Frische Suppe

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Wenn Oma Frische Suppe machte, roch schon das Treppenhaus nach Verwesung. Ich wurde bei ihr abgesetzt, und meine Eltern fuhren weiter zu ihren Unternehmungen. Mutter war seit einiger Zeit Hobby-Paläontologin und Vater fand es nicht gerecht, wenn sie alleine zu den Grabungsstätten fuhr. Er war ein Mann vieler Leidenschaften, doch ein eigenes Hobby war nicht darunter. Außerdem wurde seine Persönlichkeit von Eifersucht und Verlustängsten dominiert, Charakterzüge, die er mir, wie den Hang, nach den Mahlzeiten unangekündigt auf dem Küchenstuhl einzunicken, nach seinem frühen Ableben, selbstlos vermacht hat. Sonst erbte ich nichts; während alle Verwandten sich mit seinem Hab & Gut…

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Nummerngirls

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Der Mann von Welt trägt heute ein Hemd mit Gazastreifen in frischem Rot. Bedächtig kaut er auf dem Fleisch seiner Wange, während junge Frauen in glitzernden Badeanzügen die Inhalte seiner Rede auf Papptafeln vorübertragen. Die Maskenbildnerin tupft mit einem Pinsel freundliches Rosa auf das fahle Gesicht und reicht dann ein Löffelchen Lächelsaft und ein Glas Wasser zum Hinunterspülen. „Wenn auf der Erde die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich, meine lieben Genossinnen und Genossen!“, beginnt der Mann von Welt mit leiser Stimme, denn er spricht immer leise, damit die Leute die Ohren spitzen, um ja nichts zu verpassen. Ewa Pelzfuß…

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Spiel der Ungewissheit

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„Ich mache Literatur aus jeder erdenklichen Szene“, sagte er, ziemlich prahlerisch. „Hier, schau dich um! Was siehst du? Den Steg, auf dem du und ich stehen, dort eine leere Rettungsringhalterung, das tiefgraue Meer, die Wolken, die sich türmen. Wir drehen uns um zu den Dünen, da hinten die Buchen, das Liebespaar am Strand, die lehnen sich gegen den Wind und halten sich an den Händen, als würde der andere sonst von einer Böe fortgerissen, vier, nein, fünf Möwen. Das perfekte Setting. Jetzt fehlen uns noch ein paar Zutaten für die Handlung. Ein Konflikt. Aber was guckst du mich schon wieder…

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Kein Text

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Heute ist mir gar nicht nach einem Text. Mir ist nach leeren Worten, die in aufmunternden Hülsen stecken, dazu ein possierliches Tier im Sonnenaufgang und Seifenblasen. „Sei das Lächeln, das du auf der grässlichen Fratze im Spiegel sehen möchtest!“, will ich Ihnen zurufen. Dazu stellen Sie sich bitteschön ein Orang-Utan-Baby vor, das einen Seemannskragen trägt und eine Banane isst. Im Hintergrund spielt ein Pandabär auf dem Akkordeon. Wenn es Ihnen davon nicht besser geht als mir, ist das nicht meine Schuld. Ich habe getan, was in meiner Macht steht. Schließlich kann ich mich nicht um alles kümmern. Und ich habe…

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Sugestio

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Sie sagt: „Fische schwimmen, Fische essen, schwimmen, werden gegessen.“ In einer grauen Stadt, es wird Mitte Oktober gewesen sein, wachsen in jeder Straße Aquarien auf Fensterbänken, fest verankert in den Bleibeschichtungen der Simse. Er sagt: „Seien Sie nicht schüchtern, Sie können mir ganz unbesorgt Fotos Ihrer Brüste schicken.“ Jeder, der eines dieser Aquarien bekommt, erlebt eine Verwandlung und gewinnt neuen Lebensmut. Sie sagt: „Man kann aber auch so tun, als müsste man nur so tun.“ Der Satz kommt ihm merkwürdig vertraut vor und das sagt er ihr. Sagt sie: „Haben Sie selber erst neulich gesagt. Aber ich schicke Ihnen erstmal…

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