Kurzgeschichten

Der Inkubus

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Es kommt kaum vor, dass man nachts aus lauter Freude erwacht. Meist muss man aufs Klo oder der Durst plagt einen. Ich schrecke aus einem Traum auf. Nicht die Art Traum, wo man zur Arbeit fährt und vergessen hat, eine Hose anzuziehen. Ich liege rücklings auf einem Mürbekeks von ozeanischem Ausmaß. Eine Macht presst mich auf die narbige Oberfläche. Eine Macht, so gewaltig, dass selbst der vorsichtige Gedanke an eine Bewegung mich augenblicklich erschöpft. Ein Gebäckstück ist nicht dazu gemacht, solchem Druck lange standzuhalten. Es wird irgendwann nachgeben, schon spüre ich bröselige Risse unter meinen Schulterblättern. Ich kann hören, wie…

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Para-Romantische Episode

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Worte wie Fellhandschuhe bereiten die Bevölkerung auf die verschiedenen Szenarien vor. „So schlimm wird es wohl nicht werden”, sagen die Bürger dann vor anderen. „So schlimm ist es doch schon!” hört man einen verwirrten Menschen in der S-Bahn versehentlich laut sagen. Wir anderen wringen unsere Lippen und schauen betreten aus den Fenstern. Auf dem Weg nach Hause stellt sich mir eine Birke in den Weg und wispert aufgeregt: „Du weißt, jetzt ist alles möglich.” Ich antworte stereotyp, dass es wohl so schlimm nicht werden wird. Meinem Rucksack entnehme ich einen Fellhandschuh und streichle eine ganze Weile ihre zarte Rinde, bis…

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Ruf der abendlichen Stadt, ungehört

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Eine Sommerbrise ermuntert das Laub der Bäume zur Tuschelei, darunter betören sich die Zikaden. Mein Kühlschrank, bis zum Bersten gemästet mit Räucherwurst und orientalischen Pasten, brummt zufrieden in der Dunkelheit. In der Ferne lodert ein Konflikt. Ich höre Gekreisch durch mein Fliegengitter, das mir unliebsame Besucher vom Halse hält. Eine Zusammenkunft ursprünglich feierlichen Charakters, von Alkohol und Drogen gelockerte Zungen sprechen Dinge aus, die sonst ungesagt bleiben, denn der Mensch will es sich in der Hülle des friedfertigen und moralischen Tiers gemütlich machen. Doch schon bald drängt langgehegter Groll zwischen die Ritzen des Futterals, angespitzte Worte durchdringen den Stoff. Ehe…

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Der Einsatz

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Exotisch aus der Wäsche schauend, messerlange Nägel kauend, Haar verkümmert, ausgebleicht, zu mehr hat’s heute Morgen nicht gereicht. Ein Schock, ein Mann tritt auf und spritzt zwei Salven ab – schnell die Zunge, ernst der Blick. Ich sage dir, ich sag‘ dir eins, nur eines noch, nur noch einmal und noch einmal und noch einmal: Hätte ich auch nur einen Cent für jeden Obdachlosenzeitungsverkäufer, wär‘ ich noch immer arm, bitterarm, denn Armut ist chronisch, nicht akut. Der Sommer ist groß, und ich baue kein Haus, schreibe keine Briefe mehr, und alle Passanten riechen nach Wurst und alten Fischbrötchen. Exotisch ist…

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Die letzte Ehre

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Gestern habe ich nach langer Zeit wieder einmal an meinen Patenonkel Pankraz gedacht. Das kommt selten vor, denn ich hasse ihn aus tiefstem Herzen, und das soll man ja nicht. Immerhin nahm er meine Eltern und mich auf, als wir unser Heim verloren hatten. Als Kind log ich, bis sich die Balken bogen. Die Nachbarn beschwerten sich, weil bei ihnen das Porzellan aus den Schränken fiel, und schließlich setzte uns die Vermieterin kurzerhand vor die Tür. Pankraz war ein Mistvieh von einem Menschen. Unter dem Vorwand, mir dies und das beibringen zu wollen, pflanzte er Unfug und Irrlehren in mich….

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Tagores Traumgesichte

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Regen gräbt sein Loch in meinen Schlaf – ich zähle mein Schaf einmal, zweimal, viele Male. Mit Kreidestrichen auf einer eigens dafür vorgesehenen Tafel markiere ich die Runden, die es um mein Bett läuft. Wie es mit sich selber wettläuft. Wie es das abgeschüttete Fett säuft, das ich mir abends aus dem Körper zapfe. Jeden Abend das Getue mit dem Schlauch – aus den Schenkeln, Hoden, aus dem Bauch zapfe ich mir Rahm, bis die Eimer voll sind. Mein Schaf sagt immer: „Was ich toll find, ist die Regelmäßigkeit des Ganzen. Wie Schulden, Gezeiten und Wetter.” Leere Grütze graupelt Schauer…

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Vom Tuten und Blasen

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In den Gehörgängen drängen sich aufgeschnappte Aussagen. Später werden sie im stillen Kämmerlein auf Wahrheitsgehalt abgeklopft; mit goldenen Hämmerchen von den einen, mit mageren Fingerknöcheln von den anderen. Der Schamhügel ist der Kalvarienberg des kleinen Mannes. Es gibt ein klimaneutrales Ersatzprodukt für Menschlichkeit. Wenn man es nicht weiß, bemerkt man keinen Unterschied. Wir haben einen Überschuss an Pronomen. Trotzdem dürfen sie nicht einfach mitgenommen werden. Wenn das jeder machen würde. Hast du gehört? Ein Pronom. Das darf nie wieder geschehen. Es ist Zeit zum Aufstehen. Aber es ist doch erst halb fünf und ich bin noch so müde. Sollte sich…

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Lagerfeld und Puschkin

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Ich saß vor ein paar Monaten in Madame Ovarys Eckkneipe, da kam ein blasser Mann herein. Er stellte sich neben meinen Tisch und sah auf mich herab. Ich sagte, er solle mir aus der Sonne gehen, sonst würde ich ihm eins auf sein fettes Maul hauen. Er sagte: „Was erlauben Sie sich? Wissen Sie denn nicht, wer ich bin?” Ich verneinte und er meinte, er sei Karl Lagerfeld, was mich nicht beeindruckte. Ich bat ihn trotzdem Platz zu nehmen. Vielleicht, so dachte ich mir, hat er ja etwas Aufregendes zu erzählen. Hm, da müsse er einmal nachdenken und fing im…

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Herrenbesuch

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Prisma Pelzfuß schnüffelte voller Misstrauen, als sie die Türe zu ihrer Wohnung aufschloss. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee stieg ihr in die Nase, doch darunter waberte eine Mischung aus Mäuse-Urin, Marzipan und Balsamessig. Der Boden war mit altem Laub bedeckt und die Balkontür stand weit offen. Draußen war eine Unterhaltung im Gange. All das war höchst merkwürdig, war Prisma doch seit einer Woche nicht zuhause gewesen. Sie war sicher, Türen und Fenster verschlossen zu haben, als sie abgereist war. Sie ließ die Reisetasche laut auf den Holzboden knallen und das Gespräch auf dem Balkon verstummte. Nur das Gekecker der…

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Die reine Kunst

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„Ich erinnere mich an ein Gedicht“, sagt er und schaut sich wichtig im Kreise seiner Zuhörer um, „das ich, auf den Tag genau vor 31 Jahren, für meine verflossene Liebe schrieb.“ Das Publikum reagiert aufrichtig gerührt mit ‚Ahs!‘ und ‚Ohs!‘ Die Frauen wünschen sich an die Seite dieses einzigartigen Poeten und blicken mit an Abscheu grenzendem Widerwillen auf ihre mitgebrachten Partner. Wir Männer wollen sein wie er, würden die schlechte Haltung, die trockene Glatze, die abgewetzten Kleidungsstücke und die ausgetretenen Schuhe in Kauf nehmen; für die Liebe im Blick der Frau an unserer Seite wäre dieser Preis wahrlich nicht zu…

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