Kurzgeschichten

Das Parfum des Henkers

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Wie der Henker riecht, weiß keiner. Die zahlenden Beobachter nicht, die in gemütlich eingerichteten Zuschauerkabinen dem Spektakel beiwohnen, nicht die Angehörigen der Opfer, die die Hinrichtung zur persönlichen Satisfaktion gratis verfolgen dürfen. Dieser Duft, dachte der Verurteilte, war keine flüchtige Essenz, sondern ein manifestes Vibrato absoluter Leere, eine Synkope zwischen Herzschlag und Echo. Er malte sich auf der Netzhaut ab als das unerträgliche Ultraviolett des Schweigens, schmeichelte dem Gaumen wie der Geruch von verrostetem Messing und klang in den Ohren wie die Geometrie zerberstender Ordnung. Eine olfaktorische Apokalypse, die die Fassaden der Vernunft mit dem Wisch eines Wimpernschlags entstellte. Das…

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Ein guter Amboss fürchtet keinen Pudding

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So oder so ähnlich reden die alten Despoten und Tyrannen dieser Tage daher, um mich davon zu überzeugen, das Volk müsse im Angesicht der allgemeinen Bedrohungslage wehrhaft sein. Obschon jedes Kind weiß, wie blödsinnig das ist, scheint die halbe Welt diesen Binsendummheiten Glauben zu schenken. Nichts schadet dem Wehrkörper mehr als Pudding. Denn Pudding schmeichelt der Seele. Nicht dieses stundenlang im Kühlschrank zu Glibber erkaltete Zeug. Nein. Warmer, weicher, süßer Pudding frisch vom Herd muss es sein, damit einem die Kampfeslust vergeht. Vier Portionen am besten. Und im Krieg darf nur noch mit Pudding geschossen werden, oder meinethalben mit Quarkspeise,…

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Mit einem Körnchen Schmalz

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Der Mann sitzt auf der Bank. Er wartet auf den Bus, der nicht kommt. Eine Taube sitzt auf seinem Kopf. Sie blinzelt. Ihr rechtes Auge ist etwas größer als ihr linkes. Er fühlt eine Wärme. Es ist nicht die Sonne. Die Taube gurrt eine Melodie. Sie klingt nach Ostseeküste und Zuckerwatte. Ein Gefühl steigt auf. Es ist nicht Glück. Er lächelt gequält. Ein Passant bleibt stehen. Er hat einen Regenschirm. Der Himmel ist wolkenlos. Der Passant fragt nach dem Sinn. Der Mann zuckt die Achseln. Die Taube nickt. Der Passant geht weiter. Der Mann sitzt. Die Taube gurrt ein anderes…

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Klar nicht eben

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Bei vielen Menschen ist das Leben eine Linie. Es fängt irgendwo an, geht dann eine Weile lang mehr oder weniger gerade oder auch verschlungen dahin und am Ende hört es wieder auf. Mein Leben hingegen ist ein Teppich. Klar, kein sonderlich kunstvoll gefertigter und hochwertiger Teppich, jeder Teppichknüpfer würde mitleidig lächeln, wenn ich auf einem Basar damit daherkäme, aber ich war ja noch gar nie auf einem Basar und werde auch in nächster Zeit nicht hingehen. Was sollte ich auch dort, inmitten einer Unmenge von Leuten, die ihre Ware feilbieten, um Preise feilschen, Geldbörsen stehlen und am Ende mit dem…

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Der Zar der Zeit

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Der Zar der Zeit sitzt auf seinem Thron, der einem Hochstuhl für Kleinkinder nachempfunden ist. Des Zaren Finger, schmal und von blassgrauer Färbung, spielen mit einem winzigen, angerosteten Hebel, der aus einem klobigen Messingkasten vor ihm auf dem Hochstuhl ragt. Ein leises Klicken – kaum hörbar über dem steten, aber unregelmäßigen Ticken der zahllosen Uhren an seinen Wänden – und die Welt dreht sich einen winzigen Deut zu schnell. Eine Fliege, die eben noch an der Tapete krabbelte, ist plötzlich am Fenster und weiß nicht warum. Draußen, auf den gepflasterten Gassen, ereignet sich eine leise Verschiebung. Eine Dame, die ihren…

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Die Geschichte vom Hanf Dampf in allen Gassen

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Wenn das Jahr ganz frisch ist und der Wind den Geruch von abgebrannten Böllern durch die Straßen weht, denke ich an meinen Freund Don Juan de Patapiel, mit dem ich früher jeden Jahreswechsel verbracht habe, bevor ihn der Teufel der Buchhalterei geholt hat. Er war ein großgewachsener Mexikaner mit kantigem Kinn und espressobraunen Augen. „Nimm dich vor deinen Adjektiven in Acht!“, hätte er jetzt, da ich das hier hinschreibe, genuschelt und ein paar dicke, blaue Rauchausrufezeichen in die Luft geblasen und mahnend mit seiner Meerschaumpfeife auf mich gedeutet. Von morgens bis abends rauchte er süß duftendes Kraut in dieser Pfeife….

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Der Salzkrieg ist vorbei

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**Personen:** A: Ein Mann, Mitte 60, abgetragen, doch mit der Aura eines ewig Unzufriedenen. B: Eine Frau, ähnliches Alter, mit einer melancholischen Beharrlichkeit in Stimme und Haltung. **Greisenstimme:** (Aus dem Off, mal murmelnd, mal fast flehend, dann wieder eindringlich befehlend) **Ort:** Eine extrem karge, fast klinisch wirkende Bühne. Zwei abgenutzte Stühle, ein kleiner, runder Tisch aus Metall, der das Licht ungnädig reflektiert. Kein weiteres Dekor. Die Beleuchtung ist neutral, unbarmherzig. *(Die Bühne ist zu Beginn dunkel. Eine lange Stille. Dann langsam, als würde der Tag nur widerwillig anbrechen, wird sie in ein kaltes Licht getaucht. A und B treten gleichzeitig,…

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Scheu geduckt vor seinem Lachen

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Manche sagen, man dürfe bei Unannehmlichkeiten nicht gleich die Flinte ins Korn werfen und müsse stattdessen die Dinge durchziehen und die Zähne zusammenbeißen. Ziehen und Zähne seien Zeichen von Zielstrebigkeit und Selbstdisziplin, die im allgemeinen als wünschenswert gelten. Wer hätte schon einmal eine Stellenanzeige gesehen, in der ein zaudernder Müßiggänger (m/w/d) gesucht wird? Andererseits soll man sich nichts gefallen lassen und wer sich selbst allzu lange einer Quälerei aussetzt, wird bald zum Opfer und das soll auch wieder nicht sein. Wann ist also der rechte Zeitpunkt, um die Zähne auseinander zu bekommen und das Weite zu suchen, fragt sich Philomena…

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Professor Brautsacks Laubsägeatelier oder der Tod des Banausen

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„Ich wünsche mir zu Weihnachten ein bodenloses Fass. Zu Weihnachten wünsche ich mir ein bodenloses Fass. Ein bodenloses Fass wünsche ich mir zu Weihnachten.“ So geht es nun schon seit dem ersten Adventssamstag. Tag und Nacht, morgens, mittags und abends. In Variationen, aber immer im selben Tenor. Mein halbherziger Einwurf ‚ich dachte, wir schenken uns dieses Jahr nichts‘ bleibt unerhört ungehört und weiter geht’s: „Ich brauche ein bodenloses Fass, ein Fass brauche ich, aber ohne jeden Boden. Verstanden? Verstehst du? Ohne Boden.“ Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Da kommt mir die Postwurfsendung für alle Haushalte, die ich erst gestern…

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Am Puls vergangener Zeiten

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Voller Sorge betrachtet Luzie Pelzfuß die Einladungskarte aus dünnem Karton. Munter geschwungene Buchstaben in grüner Tinte fordern sie auf, mit dem Absender anlässlich eines runden Geburtstags „durch die Jahrzehnte zu tanzen“. Die Adresse am anderen Ende der Stadt, das Datum viel zu nah am Augenblick und die Unterschrift unleserlich. Ganz unten steht noch: Ohne dich sind wir nicht vollständig. Es wird sich wohl kaum jemand finden, der nach einem Jahrzehnte andauernden Leben noch vollständig ist. Ununterbrochen zieht jemand weg, kündigt einem die Freundschaft oder stirbt. Man selbst bleibt zurück mit losen Enden, die einen umhüllen wie ein zottiger Mantel. Ein…

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