Literarisches

Parade im Regen

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Herr Klein schlurft durch den Matsch. Noch immer kein Regen, nicht im eigentlichen Sinn, der Vorhersage zum Trotz. Eher ein träger, klebriger Nebel aus verborgen gebliebenen Träumen. Er hat sich einen neuen Hut gekauft, einen Zylinder aus angetrocknetem Kartoffelbrei. Der passt hervorragend zu den Schuhen aus gebrochenen Versprechen, die er heute aus der untersten Schublade hervorgekramt hat. Am Straßenrand spielt ein Esel Akkordeon. Die Melodie, ein verquastes Klagelied über die Unmöglichkeit, Kreise zu quadrieren, während man gleichzeitig versucht, einen unsichtbaren Elefanten zu reiten. Herr Klein zupft an seinem Zylinder. Ein Mann kommt ihm entgegen, weint still vor sich hin. Seine…

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Die schwebende Kugel

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Die Leute dachten, es würde sich niemals etwas ändern. Doch seit der Haderlump ein Projektil mit seinem Ohrwaschel aufgefangen hat, ist nichts mehr, wie es war. Kreischend tanzt der Herr der Schöpfung mit seinen Lakaien, sie wirbeln in einer Mischung aus Bräsigkeit und Hysterie über die Bühne, präsentieren der Menge ihre roten Hinterteile und picken sich gegenseitig Flöhe aus dem Pelz, um diese dann in Siegerpose in die Höhe zu halten, während die anderen Primaten sich beschämt abwenden. Ich wünschte, das Publikum würde einfach gehen, die Bande unbeachtet stehenlassen. Oder wenigstens zu Seite treten. Dann wäre ich eine schwebende Kugel,…

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Ein eigenes Süppchen

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Ich sitze mit mir selbst im Restaurant. Wir haben bereits bestellt. Das Gespräch kommt schwer in Gang. Ich: Und was machst du so dieser Tage? Ich: Ich bin beschäftigt. Ich: Womit? Ich: Meistens damit, der Macht des Staates durch inneren Monolog die Grundlage zu entziehen. Mein drittes Auge ist mittlerweile so angewachsen, ich kann die normalen Dinge nicht einmal mehr sehen – mein Bewusstsein derart erweitert, dass ich an den meisten Tagen kaum ein Brot beim Bäcker kaufen kann. Der Kellner kommt an den Tisch. Er trägt eine dampfende Terrine. Kellner: Wer hat die Nummer 6, die Chakra-Suppe, bestellt? Ich:…

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Im Bann

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Früher, als die Welt noch magisch war, belegte man die Böslinge mit einem Bann, damit sie keinen Schaden anrichten können. Zugegeben, ganz so einfach war das nicht, und es ist auch nicht die Wahrheit, aber es könnte immerhin ein klein wenig wahr sein. Und das genügt heutzutage. Vielleicht hat es auch früher schon genügt, wer weiß das schon? Für Ruben Pelzfuß spielt das keine Rolle. Ruben Pelzfuß ist zornig. Man hat ihn aus dem Paradies vertrieben, ohne dass er je eine Frucht vom Baum der Erkenntnis gekostet hätte. Das ist schlicht skandalös. Sippenhaft ist das. Ungeheuerlich. Er beißt die Zähne…

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Der Eber und der Papst

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Es ist nun schon so lange her, aber ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre, dass wir Jungs im Kreis um ein selbstgemachtes Lagerfeuer saßen und Zigaretten aus Zeitungspapier und zerbröseltem, trockenem Laub rauchten. In unserer Bande herrschten der Eber und der Papst. Das Wort des Papstes war Gesetz, und wenn er sagte, wir rauchen, dann rauchten wir. Der Eber hieß eigentlich Volker Ebert, aber das habe ich erst Jahre später herausgefunden, als sein Bild von der einzigen Litfaßsäule im Ort herabblickte und für seine Körperarbeitskurse warb. Dass der Papst in Wirklichkeit Stephan Winkler hieß, erfuhr ich auf…

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Eine Zeit der rüden Worte

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Diese Gleichzeitigkeit von Todesangst und Sorglosigkeit erweckt den Wunsch in mir, die Leute zu schubsen oder zu stechen oder ihnen die Haut mit einem Spargelschäler abzuziehen. Irgendwas, damit sie danach tot sind jedenfalls. Es sollten überhaupt viel mehr Leute tot sein. Über die Toten spricht man nur Gutes. Einen angenehmen Umgangston gäbe es und mehr Platz und weniger Kohlendioxid und keine Massentierhaltung. Ein Spargelschäler? Echt jetzt? Das ist nur ein Beispiel, wie man mit einem an sich harmlosen Haushaltsgerät ein Blutbad anrichten könnte. Schau nicht so. Ich mache es ja eh nicht. Wie sollte das auch gehen? Die meisten Leute…

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Die Vorzüge eines Schaumbades

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Um zu erkennen, dass in der Welt etwas mächtig gegen den Strich gebürstet wird, braucht es beileibe keine Hochsensibilität. Auftritt dreier, nicht unbeleibter Damen, mäßig fortgeschrittenen Alters in meinem Badezimmer: Du musst unbedingt diesen Test hier machen, riefen sie mir zu. Ich bewundere mittlerweile jeden und jede, die es zustande bringen, das Grau des Lebens ohne den Einsatz potenter psychedelischer Drogen zu ertragen – mir will das nicht immer gelingen. Na, gebt schon her, den Wisch, erwiderte ich launig. Ich stieg aus dem Schaumberg, eine der drei Damen schnalzte anerkennend mit der Zunge. Das ist die Größe für 2 Schöße,…

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Schinderellas therapeutische Busfahrt

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Die Frau am Fahrkartenschalter schaut mich böse an, als ich ihr erzähle, dass ich bereits ohne Erfolg versucht hätte, die Karten online zu kaufen. „Bei uns gibt es nichts online“, sagt sie und spuckt in ein Porzellanschälchen auf ihrem Tresen. Dann verschränkt sie zufrieden die Hände vor dem Bauch und schweigt. Ich warte einen höflichen Moment und deute mit der Hand auf ein Schild, das an der Glasscheibe hängt. „Schinderellas therapeutische Busfahrt“, steht dort in gutgelaunten, bunten Buchstaben. „Zweimal, bitte!“ Die Frau betrachtet die Spuckebläschen in ihrem Schälchen, macht jedoch keine Anstalten, mir die Fahrkarten zu verkaufen. „Es soll ein…

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Wie ein Pfau, nur mit Zähnen

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Er betrat den Raum, als wäre er Gottes eigener Bruder. Doktor Oktagon, stattlich wie ein Zwölfender, schillernd wie ein Pfau, nur mit Zähnen, donnerte, wie es seine Art war, gleich los: „Wie ihr wisst, betreibe ich seit einiger Zeit recht erfolgreich ein kleines privates Nonnenkloster am Rande der Neubausiedlung. Nun wird es niemanden in Erstaunen versetzen, wenn ich, leider wieder einmal, um Spenden bitten muss.“ Wir schwiegen betreten, schauten einander an. Nicht, dass irgendjemand überrascht gewesen wäre, der gute Doktor kam schließlich mittlerweile dreimal monatlich in die Altstadt, um an der Zitze der Bürgerschaft zu saugen. Und wir gaben alle…

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Ein fremder Käfer

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„Über manche Dinge kann man einfach nicht mehr schreiben!“, ruft der junge Mann mit dem Dichterhaarschnitt aus und schreitet leidenschaftlichen Schrittes und nur mit einem zerknitterten Leintuch bekleidet in ihrem Schlafzimmer auf und ab. Jane Pelzfuß umklammert ihre Kaffeetasse mit beiden Händen, betrachtet vom Bett aus seinen Rücken und bemüht sich, an etwas anderes zu denken. Zu diesem Behufe sagt sie leise „Echt?“. Das Fragezeichen ist nur ein Hauch, mit dem sie die Gedanken in eine andere Richtung pustet. Der junge Mann hat es gehört und fährt fort: „Ja, echt! Über eine Revolution der Tiere oder eine Welt, in der…

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