Literarisches

Das brummende Glück in Schwarz

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Was war die Frage? Inmitten schwerer Stadt, wo tote Schlote im Nebel tanzen, sind die Straßen Adern; die Uhr schlägt Zeit in Töne aus Bronze, brummt seltenes Glück, zwinkert ein Mann in schwarzem Gewand in den Spiegel der Auslage. Weihnachten im Fenster, ein sprühender Vulkan, gelbe Hoffnung, brodelt Ton in Ton funkelnd rote Leidenschaft – inmitten summt, murmelt die Heizung, kostbare Freude, tektonische Warenpracht. Die Antwort lässt die Frage verschwinden und weil es sich uneingeladen wähnt, verblasst grußlos das Glück.

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Eine Oktave zu tief

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Als Kind dachte ich, die Oktave sei die Primaballerina unter den Protisten. Unter meinem geistigen Mikroskop schwebte sie auf plüschigen Scheinfüßchen dahin, neigte graziös ihre Geißel und ließ ihre Wimpern zittern, um dann in einer wilden Pirouette zu den Klängen von Prokofjews Cinderella über den Rand des Objektträgers hinauszutanzen und ihren durchscheinenden Leib in der Sonne zart schimmern zu lassen. Allerdings musste man als Oktave Obacht geben, dass man nicht zu tief sank. Denn dort unten, in einem vom menschlichen Ohr ungehörten Sumpf, lag die Sub-Kontra-Oktave auf der Lauer. Stets bereit, gefallene Tänzerinnen für ihre Sache zu rekrutieren, lungerte sie…

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Der Klang guter Pläne

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Am Morgen, als ich wieder einmal vor mich hin regnete, ohne Ende in Sicht, beschloss ich, fortan ein gottgefälliges Leben zu führen. Es tönte laut in mir. Klingt nicht schlecht, dachte ich, aber wie, und meine Unwissenheit betrübte mich zutiefst, würde ich diesen Klang beschreiben können? Ich erzählte dem vegetarischen Metzger beim Einkauf von meinen Plänen, doch er schüttelte nur bedauernd den Kopf. „Welcher Gott denn?“, sagte er mit matter Stimme. „Der Gottgefälligkeitsgott ist nämlich tot.“ Das war mir neu und ich war aufrichtig erschüttert. „Was ist denn passiert?“, fragte ich. „Ein Unglück? Oder …“ ich senkte die Stimme, „war…

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Der Geruch von Leder

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Hier stinkt es. Man sagt das so dahin. Wie man eben auch sagt: Wir gehen nach Norden. Oder: Es gibt Erbsensuppe. Und dann erwartet man, die Leute müssten einen verstehen. Doch Gerüche sind heikel. Je nach Person kann betörendes Aroma fauliger Mief sein. Der Geruch von Leder entführt Paula Pelzfuß in ihre Kindheit, geradewegs in die indianische Phase ihres Vaters. Im Wohnzimmer lagen Elchhäute so hoch aufgestapelt, dass Paula Pelzfuß nicht darüber hinwegsehen konnte. Der Vater saß im Schneidersitz auf einem kleinen Teppich, pfiff ein fröhliches Liedchen und nähte mit einer Knochennadel neue Garderobe für die ganze Familie. Als Faden…

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Das ist ja ein Paradebeispiel

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Wer hat an der Uhr gedreht? Es war wohl Doktor Ephraim Flickspitzel, der untote Künstler, formerly known as Peter Handkäs, Brotherr üblen Angedenkens. „Es ist 5 nach 12, mitteleuropäischer Normalzeit.“ Nie hatte er sich an das Sommerzeit / Winterzeitgedöns gewöhnen können oder wollen. Wohlwollend überließ er es Jüngeren, Uhren umzustellen oder morgendliche Heißgetränke zur Unzeit zuzubereiten. „Fragen müssen doch erlaubt sein“, sagt Flickspitzel, a.k.a. Nobelpreis-Pete, in der ihm eigenen schnarrenden Tonlage, „haben Rechtshänder überhaupt eine Seele? Und wenn nicht, was passiert hinter der Bühne, wenn sich der Vorhang ein letztes Mal für sie schließt?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, läuft er…

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Udo und die narrischen Schwammerl

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Udo steht vor dem Spiegel und zieht mit den Fingern die unteren Augenlider Richtung Kinn. Dazu macht er ein Geräusch wie ein Schlossgeist. Sein Gesicht hat die Farbe eines zweihundert Jahre alten Bettlakens. Udo streckt seinem Spiegelbild eine gelblich belegte Zunge heraus und knurrt. Bei Udo klappt nie was. Egal, was er anfängt, immer hat es bereits ein anderer Udo besser, schöner, spannender oder wenigstens gleich gut gemacht. Der Schmerz darüber wird mit der Zeit weniger schneidend, doch die Wunde verheilt niemals. „Ist ja witzig, unser voriger Fußballtrainer hieß auch Udo.“ „Ts. Udo. Mit dem Vornamen müssen Sie als Schlagersänger…

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Der Fensterputzer vom Elfenbeinturm

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Als ich damals in den Elfenbeinturm gezogen bin, habe ich mir keine großen Gedanken über die Nachteile gemacht. Es ist eine extravagante Adresse, die Leute stellen sich Wunder was vor, aber fast niemand kommt, um es sich anzusehen. Die selbstgewählte Einsiedelei imponiert vielen Menschen, ganz im Gegensatz zur Einsamkeit, zu der man von den gleichen Menschen verdammt wird, weil man abstehende Ohren und Mundgeruch hat, einem in Gesellschaft die Gedanken nicht ordentlich aus dem Kopf wollen oder es einem an Anmut fehlt. Über all diese Verdächte bin ich erhaben, seit ich den Turm bewohne. Das Geländer der Wendeltreppe rutsche ich…

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Pauls Polterabend

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Was ziehst du denn zu Pauls Polterabend an? Hast du dir schon Gedanken gemacht? Ich denke seit Tagen an nichts anderes mehr. Erst wollte ich mein Gouda-Kostüm tragen, aber dann fiel mir ein, dass ich eben dieses schon auf der Beerdigung von seiner vorletzten Frau anhatte, also muss ich mir etwas anderes überlegen. Ich will doch keine alten Wunden aufkratzen. Erinnerst du dich vielleicht, was ich zum letzten Polterabend trug? Ach, da war ich gar nicht, sagst du? Stimmt ja, ich mochte das Motto nicht. Ich fand ‚Einmal ist keinmal‘ irgendwie unpassend und nicht besonders geschmackvoll. Und die Frau mochte…

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Das Nähkästchen der schweigenden Oma

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Das Nähkästchen meiner Oma ist bis zum Rand gefüllt mit Schweigen. Und nicht nur das Nähkästchen. Aus Schränken und Schubladen quillt Unausgesprochenes und Regalbretter biegen sich unter der Last unerzählter Geschichten. Und nicht nur meine Oma hortet Worte. Alle Frauen meiner Familie haben stets jeden verfügbaren Raum mit ihrem Schweigen gefüllt. Wenn Schweigen Gold wäre, wir wären unbeliebter gewesen als eine jüdische Bankiersfamilie. Nur aus ihren Augen sprach leise ein unstillbarer Hunger und ein unheilbarer Schmerz. Die Männer waren verrückt nach ihnen, aber sie waren nur verrückt nach sich selbst. Dieses Erbe trage ich, auch wenn es mir nicht behagt….

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Halbwertszeit der Konsequenz

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Zwischen Pfosten kühle Stille. Mein Netz, zitternd vor Ungeduld, fängt kein Morgenlicht, nur Schatten ein. Garten, ein ungelebter Traum jenseits der Risse. Welt voller Grün, ferne Symphonie von Farben, bleibt mir versperrt, verbotene Melodie in fremdem Takt. Gedanken schweben, Seide als Faden entlang der Zeit gesponnen. Warum bleibt mir die Blättervogelschau verwehrt? Erinnerung verblasst, nur Konsequenz, ein bleiches Gespinst aus vager Schuld, vielleicht ein Jagdspiel, ein zu keckes Abenteuer. Kein Echo erinnert, Fesseln ragen. Warten hoch oben in der Ecke der Vergessenheit. Draußen Flügelschlag, Flattern von Freiheit ohne Maschen. Netz bleibt leer, Geduld still knisternd wie gefangener Tau. Halbwertszeit gestriger…

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