Zwischenmenschlich

Ich war entzückt, als ich sie wiedersah. Sie trug ihr Haar anders, sie hatte ihren Look geändert; sie war mitnichten die graue Maus, als die ich sie in Erinnerung behalten hatte – vielmehr wirkte sie wie eine Geschäftsfrau, der das Leben übel mitgespielt hatte, und die immer öfter Zuflucht und Trost im Alkohol suchte.

„Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gesehen“, platzte ich heraus. „Wie viele Jahre sind es gewesen? Zwölf? Fünfzehn?“

Obwohl ich mir aufgrund des Wesens und der Gestalt unserer Trennung sicher war, dass sie mich nicht vergessen haben konnte, wirkte sie überrascht, ja erstaunt, mich zu sehen. Allem Anschein nach suchte sie nach einer dem Anlass entsprechenden Begrüßungsformel.

Meinem Ansatz einer Umarmung begegnete sie mit einem Schritt zurück und einer abwehrenden Handbewegung, die ich in der Zeit unserer Beziehung immer scherzhaft als ‚Schutzhand’ bezeichnet hatte.

„Warum so schüchtern?“ fragte ich. „Freust du dich denn gar nicht, mich zu sehen?“

Statt zu antworten, griff sie in ihre Handtasche und zog ein Fläschchen hervor, und als ich noch dachte, sie wolle unser Wiedersehen mit einem Schluck Likör begehen, hatte sie bereits auf einen Knopf gedrückt und mir eine Ladung Pfefferspray zwischen die Augen gesprüht. Ich wand mich zu ihren Füßen, vor Schmerzen schreiend, auf dem Boden.

Jetzt endlich erkannte sie mich und ging kopfschüttelnd, aber, soweit ich das aus tränenden Augen beurteilen konnte, mit liebevoll erinnerndem Blick ihrer Wege.