Jahrmarkt der Möglichkeiten

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Als der Jahrmarkt in unserer kleinen Stadt gastierte, kam mein Freund Jochen morgens unter mein Fenster und rief: „Daniel, Daniel, der Jahrmarkt ist endlich da, der Jahrmarkt ist der heiße Scheiß!“ So redeten wir damals und kamen uns weltgewandt und abgeklärt vor. Aber Jochen hatte vollkommen recht: Der Jahrmarkt war der heiße Scheiß. Wir Kinder hatten schon seit Tagen mit sehnsuchtsvollen Augen vor den Plakaten an der einzigen Litfaßsäule des Ortes gestanden und uns gefragt, wann endlich der siebte Juni, der Premierenabend, sein würde. Und was das bunte Plakat nicht alles verhieß … ‚Gummo, der Mann aus Kaugummi‘ fesselte unsere…

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Ein Zweizack ist die Lösung

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Dieter stand, wie immer freitags in seiner letzten Mittagspause der Woche, am Bistrotisch seines bevorzugten Schnellimbisses und stocherte mit der Holzgabel in den übriggebliebenen Pommes Frites in dem Pappschälchen vor ihm. Kollege Karel aus der Abteilung Vertrieb, gesellte sich zu ihm, in der linken Hand balancierte er sein eigenes Schälchen, mit der rechten hielt er einen etwa beinlangen, vorne spitz zulaufenden Stahlprügel umklammert. „Was ist das denn für ein komischer Speer?“, fragte Dieter und nahm einen tiefen Schluck aus der Limonadenflasche. „Das ist kein Speer. Das ist mein Zweizack.“ „Hm, davon habe ich ja noch nie gehört. Und außerdem hat…

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Der schlampige Apostel

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„Was denkst du?“, fragte sie ihn leise und kraulte ihm von hinten den Nacken. Er saß am Schreibtisch und verbarg das Gesicht in den Händen. Langsam drehte er sich zu ihr um; er sah aufgewühlt aus. „Ich glaube, ich weiß jetzt, wie ich es angehen werde. Das Poem, das ich schreibe, ist doch komplexer, als ich ursprünglich angenommen habe.“ „Ich weiß gar nicht, warum du immer so ein Gedöns um die Texte machst“, sagte sie mit einem spöttischen Unterton in der Stimme, „es ist ja nicht, als würde die Welt nur darauf warten, sie zu lesen. Wie viele Leser hast…

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Rendezvous mit dem Maulaffen

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Als ich den Laden des Händlers betrat, blendete mich die muffige Dunkelheit des rundum mit den absonderlichsten Waren vollgestopften Innenraums, sodass sich meine Augen erst langsam an die Lichtverhältnisse gewöhnten. Der Händler war ein Mann von rundlicher Gestalt, ungefähr in meinem Alter. Er ließ sich durch meine Anwesenheit nicht von seiner Arbeit ablenken; er sortierte mehrere kleine Gegenstände auf einem Kissen aus dunkelrotem, flauschigem Samt. Ich räusperte mich und zeigte, auch um das Verkaufsgespräch in Gang zu bringen, auf das Teil, das der Händler als letztes in der Hand gehalten hatte. „Ich hätte gern das Ding da“, sagte ich und…

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An den Ohren herbeigezogen

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Manchmal dauern die Dinge. Mit den Jahren stelle ich fest, dass einem im Leben insgesamt doch wenig Spontanes und noch weniger Plötzliches widerfährt. Umso erstaunlicher die Geschichte, von der ich heute erzählen will. Ich saß eines bewölkten Tages im April an meinem Schreibtisch und betrachtete die Härchen auf meinen Handrücken. Mal atmete ich links und ließ die Haare erzittern, mal atmete ich rechts. Meine Erinnerung ist nicht mehr, was sie vor der Pest war, und so weiß ich nicht, wie es kam, dass ich die Hände an den Kopf führte und mir mit rascher Heftigkeit an beiden Ohrläppchen zog. Als…

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Der Dicke Schatten

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„Geh nicht in den Keller!“, sagte Mutter immer. „Dort lebt der Dicke Schatten.“ Und der gehorsame Junge, der ich war, ging nicht in den Keller; zu groß die Furcht vor dem Dicken Schatten. Meine Mutter, die ich als eine äußerst pragmatische Frau kannte, hatte, selbst für mich als Knirps wahrnehmbare, Panik in den Augen, wenn Sie vom Dicken Schatten sprach oder auch nur an den Keller dachte. Natürlich war ich trotz pathologischer Gehorsamkeit jugendlich neugierig und für ein Herz, das nach Abenteuern dürstet, sind Verbote nicht mehr als Wegweiser ins Unbekannte. Eines Tages stieg ich also mit dem flackernden Licht…

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Warum eigentlich kein Singspiel?

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Vorhang auf. ER und SIE sitzen sich auf dem Wohnzimmerteppich im Schneidersitz gegenüber. ER trägt ein Gewand aus feinem, leichtem, schwarzem Stoff – SIE lediglich ein etwas zu kurzes, gestreiftes Oberteil. ER erklärt ihr seine Sicht auf die Welt, SIE nickt großäugig. ER: Patriotismus gepaart mit Fremdenfeindlichkeit ist das letzte Refugium desjenigen, der in den Spiegel schaut, und hasst, was er sieht. Plötzlich klopft es an der Tür (Wahlweise ertönt ein unangenehmes Klingelgeräusch), ER steht unter Mühen auf, streicht sich das Gewand glatt und geht gemessenen Schrittes, mit wogendem Gewebe zur Tür. ER kommt zurück ins Wohnzimmer, wo SIE begonnen…

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Zobel: Mythen und Meinungen

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War da ein hämischer Glimmer in den Augen des Personalchefs gewesen, als er mir die Rechte schüttelte, um mich im Team willkommen zu heißen und eher beiläufig sagte: „Sie werden sich das Büro mit der Zobel teilen.“ Das Büro befand sich noch unter dem untersten, mit dem Fahrstuhl erreichbaren Stockwerk, ich folgte dem Chef die Treppe hinunter, er öffnete die Tür eines einem Verschlag ähnelnden Kämmerchens, in dem eine Frau an einem Schreibtisch über einer Akte brütete. „Das ist der neue Mitarbeiter, Frau Zobel. Den werden Sie unter Ihre Fittiche nehmen. Wir haben das ja besprochen.“ Und zu mir gewandt,…

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Salz oder Sieben

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Man kann sich das im Februar kaum vorstellen, aber es war warm und schön und wir saßen im Park mit Blick auf den Fluss, aßen die mitgebrachten hartgekochten Eier und kamen uns sehr klug vor. Ich sagte, während ich einen Grashalm ausriss: „Mein Dualismus ist nicht Richtig oder Falsch. Meine Dualismen sind Wahrscheinlich oder Unwahrscheinlich, Logisch und Unlogisch.“ Dann klemmte ich den Halm zwischen die Daumen und blies. Ein schrecklich zerfranstes Tröten in hoher Frequenz ertönte. Ein freilaufender Hund hielt vor uns und legte den Kopf schief. Du verscheuchtest ihn mit einem energischen Händeklatschen und er trollte sich. „Mein Dualismus“,…

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Der Salat des Heiratsschwindlers

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Tage vergehen. Ich werde mir jetzt mal einen Salat machen. Denn schließlich, und das gilt es gerade für einen Mann meines Standes zu beachten, ist unser Körper heilig und dementsprechend pfleglich zu behandeln. Wenn das Wetter mitspielt, werde ich morgen anfangen zu schwindeln. Ihr sollt dann mal sehen, was ein Kavalier alter Schule noch so drauf hat. Den Salat mache ich sicherheitshalber erst später – nichts wäre doch bedauerlicher, als wenn seine Kraft zu früh verpuffte und sie mir beim Heiratsschwindeln dann nicht mehr zur Verfügung stünde – ich esse stattdessen eine Handvoll Nüsse und rauche eine Zigarette. Tage vergehen….

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