Fälschung & Original

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Frau im Matrosenkleid wiegt sich zu einer Melodie im Dreiviertel Takt. Mann sitzt auf einem Küchenstuhl und zieht sich die Schuhe aus. Frau: Gefallsucht, Eitelkeiten und ’ne Buddel voll Rum. Ein Sehnen, das in mir liegt und nach der Weite des Ozeans weint. Mann: Geh, hol mir ein Glas Bier! Oder bring gleich die Flasche – ich habe einen Mordsbrand. Frau geht in die Küche. Mann schaut ihr hinterher, zieht die Socken aus, streicht sie auf dem Oberschenkel glatt und rollt sie zu einem Ball zusammen. Frau: Die Rhythmik des Wellengangs, die Frequenzen der Strömung. Alles fließt – alles ist…

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Stammvaters Söhne

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Ein Musste-Sehen, der Ort zu sein. Nein, DER Ort, wo man gewesen sein muss. Der Ort, an dem die Zeit einst stehenblieb. Haste nicht gesehen, haste echt noch nichts gesehen. Und wenn in deinem Leben du nur einen Ort noch sehen könntest, wähle diesen! Weiterbetrieb wie Wetterbericht wie Erbenverzicht wie des Bruders Lieblingslinsengericht, schon wird aus Zweit- die Erstgeburt. Kennt jemand die geheime Zutat? Ich verwende Federstrich und Nackenschlag, erhöhe den Takt, das Denkvermögen und Vaters Erbe ist jetzt meins. Und wenn der alte Patriarch erst stirbt, der jüngste Sohn das Grab bewirbt: Kommt nach Hebron, seid da oder bereut…

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Umgang und Verständigung Teil II – Der Neue

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Der Regisseur geht mit einem neuen Schauspieler durch das halbdunkle Theater. Regisseur: Was kann ich über die Rolle sagen? Es ist nur ein ganz unbedeutender Part. Drei, vier Absätze. Kurze Wörter. Geläufige Sprache. Na ja, anspruchsvoll in der gebückten Haltung, die man die ganze Zeit einnehmen muss. Und im Gorillafell wird es ziemlich heiß, ziemlich schnell. Eigentlich ist die Rolle meinem Neffen versprochen, aber, ganz unter uns, ich traue sie ihm nicht zu. Der Junge übertreibt es immer. Zu groß die Gesten, zu laut die Stimme. Währenddessen wartet sein Neffe darauf, dass er aus einem Käfig auf der Bühne befreit…

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Im Tal oder Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten

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Als der obrigkeitshörige, sprichwörtliche Kleine Mann eines Tages der Statue des hiesigen Landvogts durch die vorschriftsmäßige Verbeugung und den seit Generationen überlieferten Gruß ‚Gebenedeit seiest du unter den Landvogten’ seine Ehrerbietung dargebracht hatte, fiel ihm der unangenehm kotige Geruch auf, welcher der bronzenen Plastik entströmte. „Nanu“, sagte er erschrocken zu sich, „was ist denn das? Warum verbreitet der Landvogt diesen Gestank? Es wird ihm doch nicht etwa missfallen hier bei uns, in unserem schönen und sicheren Tal?“ Der Gestank, so schien es dem Kleinen Mann, gewann mit jedem Atemzug an Intensität. Der Kleine Mann kämpfte gegen einen Brechreiz an. Aus dem…

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Umgang und Verständigung

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Auf der Bühne sitzt ein Menschenaffe in einem für seine Größe viel zu kleinen Vogelbauer und spielt mit seinem Mobiltelefon. Dabei summt er ein Lied. Zwei kleine Mädchen bleiben stehen und stecken Buntstifte zwischen die Gitterstäbe, um den Affen zu reizen. Der lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Affe: Von der Schattenseite betrachtet, sieht die Sonnenseite verheißungsvoll und anstrebenswert aus. (pausiert und wischt hektisch über das Display) Das täuscht. Das täuscht gewaltig. Beide Seiten. Es ist nicht angenehm, wenn man neidet; es ist höchst unangenehm, beneidet zu werden. Die Mädchen verspotten ihn, indem sie das Wort ‚Bettwanzenaffe’ wiederholen….

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Fundevogel

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Fundevogel. Ich hätte gern ein Pfund Fundevogel. Was muss ich hören, was muss ich vernehmen, Fundevogel ist aus? Der letzte Kunde bekam den letzten Schenkel, den letzten Flügel, die letzte Brust? Und wenn wir sagen, angenommen, wir sagen, ich sei der allerletzte Kunde, gibt es nicht doch vielleicht ein aller-allerletztes Stück für mich? Versprach ich doch den Kindern, den Alten vor Ort, den Mädchen, den Knaben im Dorf den Braten. Gibt es da keine Möglichkeit – vielleicht wenn ich einen kleinen Aufschlag zahle? Wie wäre es mit Pralinen, mit einem Blumenstrauß für die werte Gattin, dem liebreizendem Geschöpf? Ein von…

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Die Fußgängerin

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Spare in der Not, so wirst Du im Überfluss reichlich haben, dachte eine Fußgängerin, die über eine Brücke ging, um die Eisenbahngleise der großen Stadt, in der sie lebte, zu überqueren. Ein Stückchen hinter dem Brückenmittelpunkt lehnte ein Mann gefährlich weit über das Geländer. „Pass auf, sonst fällst du runter!”, rief sie ihm zu und wollte weitergehen. Doch der Mann beugte sich noch tiefer über die Brüstung. Die Fußgängerin überlegte, den Mann zu überreden, seine Absicht zu überdenken. Der Mann kam ihr zuvor. „Siehst du die Löwen dort unten? Sie sind hungrig. Die Löwenmutter kann ihre fünf Kinder nicht mehr…

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Opas Suche nach Zuwendung

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„Opa will private Fotos sehen. Zeigt Opa mal das Album!“ Und mit wütendem Bedauern fügt der rüstige Rentner hinzu: „Niemand lädt Opa zu privaten Partys ein.“ Wenn er sich einmal in Rage geredet hat, kennt Opa kein Halten; dann strömt es geradezu aus seinem Volksmund: „Es heißt immer ‚Opa du lebst wohl hinterm Mond’ oder ‚Opa, deine Hose riecht so komisch, Opa, geh weg!’ und das ist schade, denn ihr jungen Leute könntet von Opas Erfahrungen profitieren. Opa kennt Tricks und Kniffe.“ Widerwillen und Abscheu breiten sich um den Rentner aus; das Liebespaar schließt das Fotoalbum und verlässt eilig die…

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An Tagen wie jenen oder Aequis aequus

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Zu welchem Zeitpunkt musste Alexander Gauland (nicht verwandt) so herzlich lachen, dass ihm ein Knopf vom Hemd sprang? Es war der Augenblick, als der schwangeren Nachbarin ein Ziegelstein auf den Kopf fiel, der Stein zerbrach und sie sich erstaunt umsah, ohne jedoch die Ursache ihres plötzlichen Kopfschmerzes ausmachen zu können. Wenige Stunden zuvor hatte sie noch mahnend zu ihrem Ungeborenen gesagt, dass die Welt außerhalb des Körpers ein rauer und ungemütlicher Ort sei. Das Kind solle nur gut auf die Worte der Mutter hören – die wisse, wovon sie rede. Und das Baby hatte lächelnd gelauscht und, von der Mutter…

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Der Betrachter

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Gibt es eine Ausfahrt aus diesem Kreis, aus diesem Kreisverkehr, aus diesem Teufelskreis? Verlassen Sie ihn langsam, auf dass Sie nicht hinausgeschleudert werden. An sonnigen Tagen wie heute tragen Sie ruhig einen blickdurchlässigen Rock; so etwas kommt beim Betrachter gut an. Der Betrachter ist ein wohlriechender Mann in der zweiten Reihe. Und aus dieser zweiten Reihe traut er sich zu schauen, einfach zu schauen, wie das Leben der anderen vonstatten geht. Seine Zeit steht, steht, steht stets still – ob er nun will oder nicht, ist von außen kaum ersichtlich. Offenbar lebt der Betrachter in jedem von uns, denn oft…

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