Nichts als die Wahrheit

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Ich werde immer stärker. Ich mache mir meine Schwächen zu eigen und lächle über sie hinweg. Es war nicht alles besser. Früher. Ich erinnere das Hündchen, das an meinem Hosenbein schnüffelt, an das Grau, das alles umgab, an die Skepsis, die jenen entgegenschlug, die anders waren, die bunt sein wollten. Das Unverständnis war groß. Es ließ sich in ihm bequem leben, ohne Zusammenhänge, fast ohne eigene Verantwortung für die Dinge. Freiheit, stimmt der Hund ein jaulendes Klagelied an, das ist die Freiheit, die ich meine. Du kannst mir doch sicherlich die Geheimnisse der Welt eröffnen, schlage ich hoffend vor. Was…

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Möglicherweise

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Ich könnte ja. Wenn ich wollte. Wenn ich wirklich wollte, würde ich. Immer wieder Gedanken daran. Gedanken, die unerwartet auftauchen, angetrieben von unbenannten Gerüchen der Vergangenheit oder einfachen Melodien; dunkle Gedanken, die sich Platz bahnen, in den Tagesablauf drängen und alles lahm legen. Zur Ablenkung denke ich Quatsch, versuche Schwerhörig- und Schwerelosigkeit in einen literarisch verwertbaren Zusammenhang zu bringen, erinnere mich an bereits geschriebene Geschichten, Charaktere und Gestalten. Da öffnet sich die Wohnungstür, ein Pudel in einer roten Pagen-Livree tritt ein, richtet sich auf und trippelt auf den Hinterbeinen in meine Richtung. „Und?“, fragt er herrisch. „Hast du dich schon…

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Unveränderte Spielregeln

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Ich stehe im Badezimmer vor dem Spiegel und gebe mit meinem Halbwissen an, dass sich die Wände biegen. „Buckminster Fuller“, knurre ich mir zu, „und Frei Otto und non-euklidische Architektur.“ Ich schnaube verächtlich, denn mir ist schmerzlich bewusst, mit wie wenig Substanz diese Begriffe in mir abgesichert sind. Und so versuche ich, das Thema zu wechseln: Was soll man von den Nachrichten halten? „Welche Nachrichten denn?“, frage ich mit geübt unschuldigem Blick, obwohl mir natürlich klar ist, wovon ich rede. Mich der Sprache des Zeitgeistes anbiedernd, erwidere ich: „Na, der Gamechanger. Stell dich doch nicht dümmer, als du sowieso schon…

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Hängt den Lurch!

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Wie oft kann man berechtigterweise „Hängt den Lurch!“ rufen, bevor man selbst zum Lurch wird? Reinhard wollte nicht immer schon Künstler sein. Lange Jahre war ihm der Gedanke, sich in einem Getränkemarkt, irgendwo in der deutschen Provinz, bis zum Abteilungsleiter hochzuarbeiten, nicht fremd und nicht unangenehm gewesen. Rechtschaffene Arbeit erschien Reinhard ein erstrebenswertes Ziel. Nicht um Reichtümer anzusammeln, aber immer so viel Geld ‚auf Tasche‘ zu haben, dass man berechtigt wäre, am Spiel der Erwachsenen teilzunehmen. Bis ihm eines Tages der Geist des Mädchens, in das er zu Grundschulzeiten verliebt gewesen war, auf dem Weg zur Restmülltonne begegnete. Das Mädchen…

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Die Nachbarin

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Ich traf heute die Nachbarin. Im Hof. Sie trug ein geschmackvolles rotes Oberteil, dessen bin ich mir ganz sicher. Ich schmunzelte, weil ich mich an ein Gespräch erinnerte, das wir mal in der Stadt geführt hatten, und in dessen Verlauf relativ schnell offensichtlich wurde, dass sie mich außerhalb unseres Wohnblocks nicht richtig zuordnen konnte und mich mit jemanden verwechselte. Gut sähe ich aus, viel besser als beim letzten Mal. Wann ich denn mal wieder ins Taj Mahal käme, der Stammtisch würde sich jetzt immer dienstags treffen. Spätestens da hatte ich Gewissheit. Das Taj Mahal war mir nur vom Vorbeigehen bekannt…

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Der Eremit

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Nun liege ich schon seit mehreren Jahrzehnten in meiner Mönchszelle auf meiner vor Dreck starrenden Pritsche und betrachte meist die Zimmerdecke und den dichten Vorhang, der bis zum Boden reicht und das Licht draußen vor dem Fenster hält. Meine Haut ist dünn wie Butterbrotpapier und wenn ich des Nach-oben-schauens müde geworden bin, sehe ich dem Blut beim Fließen durch die Adern zu. Irgendwo in der Außenwelt schreien immer Kinder. Der Name eines bestimmten Jungen wird heute besonders häufig gerufen und ich wünschte, er würde endlich ansprechen. „Daniel!“, brüllen sie, „Daaaaaa-niel! Daaaaaaaaa-niel!“ Es ist kaum zu ertragen. Entweder ist der Junge…

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Was weiß die KI vom Frühling?

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„Sicher nicht!“ Zwei Schriftsteller stehen unangenehm nah beieinander und mustern den Kampfeswillen des jeweils anderen. „Sicher nicht“, äfft der zweite den ersten nach. „Bleib mir vom Leibe mit der Modernität! Gib mir ein Tintenfass und einen Gänsekiel!“ „Du weißt, dass das Quatsch ist, was du da sagst, oder? Ich behaupte ja nicht, dass wir nicht mit der Zeit gehen sollen – ich sage lediglich, dass ich nicht in einer Welt leben möchte, wo die Menschen niedrige Arbeiten für einen kargen Hungerlohn verrichten und die Maschinen Zeit und Muße haben, Bilder zu malen und Geschichten zu schreiben.“ Der zweite Schriftsteller schubst…

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Lebensumstände

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Ich wohne in einer zentral gelegenen 2½-Zimmerwohnung ohne Balkon und Meerblick. Seit zwei oder drei Jahren habe ich keine Nachtigall mehr gehört. Vorher jedes Jahr, bestimmt 20 Frühlinge hintereinander. Eines Morgens bemerkte ich zu meiner sehr geringen Freude, dass sich mehrere Kohorten Termiten ein Lager errichtet, und sich häuslich in meinem großen Zimmer, das ich in besseren Tagen als Wohn- und Musizierzimmer nutzte, niedergelassen hatten. Groß war mein Erstaunen, mäßig mein Entsetzen ob meiner sehr dynamisch erscheinenden Mitbewohner; sie waren äußert aktiv und schufen Behausungen, Gebäude von nahezu graziler Anmut, die selbst ein in architektonischen Dingen unbewanderter Mensch wie ich…

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Beim Kunstarzt

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Seit einiger Zeit gehe ich regelmäßig zum Kunstarzt, um mir die Kreativitätsdrüsen ausdrücken zu lassen. Ich komme ja jetzt in die Jahre, in denen nicht mehr alles automatisch flutscht und bin ganz froh, dass ich nach langem Suchen endlich einen Facharzt, eine ausgewiesene Koryphäe, von einer befreundeten Illustratorin empfohlen bekommen habe. Der Kunstarzt ist nicht auf eine Gattung spezialisiert. Das ist für mich von besonderem Vorteil, da ich beim Markieren meines seelisch-geistigen Reviers kaum mehr kontrollieren kann, ob ich ein Lied komponieren, ein Bild schaffen oder einen Text verfassen werde. Dem Doktor ist es einerlei; er behandelt Dichtende, Musizierende und…

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