Auf dem Viehhof

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Von Zeit zu Zeit legt Gott die Würfel beiseite, wird Fleisch. Manchmal veranstalten die Leute ein großes Getue darum, aber meist nimmt niemand davon Notiz. Ich begegnete ihm auf dem Viehmarkt. „Die Seele ist ein Wind, der einem aus den Augen weht.“ Suchend sehe ich mich um, wer das gesagt hat. Die Tiere stehen in Ständern angebunden, eins neben dem anderen, wie Dominosteine. Die Halle ist bis unter das Dach angefüllt mit Geräuschen, verdickt zu einer Schichtspeise. Scharren von Hufen auf Beton und Stahlgittern. Urin, der in dichtem Strahl in eine Rinne rauscht. Stimmengewirr, durchbrochen von Husten, Lachen oder Rotz…

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Auschwitz ist mir egal

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Als Kind habe ich mich für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich gefühlt. Nicht im übertragenen Sinn, sondern so, wie ein Kind sich eben verantwortlich fühlt. Schuldig. Jaja. Reden Sie nur. Ein Kind weiß ja mit einer Zahl in der Größenordnung gar nichts anzufangen. Und den Tod kann sich so ein Kind nicht vorstellen. Sie vielleicht. Ich konnte mir jahrelang kaum etwas anderes vorstellen. Keinen Gedanken konnte ich denken, der sein Ende anderswo gefunden hätte. Nicht einmal ein Käsebrot konnte in meinem Kopf Gestalt annehmen, ohne dass im Hintergrund Leichenberge zu sehen gewesen wären, mächtig und endlos wie die Nordkette…

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Der Barde

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Als der Barde noch ein Knabe war, sang er immer von der Alm ins Tal hinunter. Die Stimme war weich und klar, wie das Wasser, das im Bächlein über das Moos auf den Steinen rann. Die Leute hielten in ihrem Tagwerk inne und hörten seine Lieder. Sonntags verbrannte der ein oder andere Braten, weil eine Küchenmagd träumend vor sich hinsummte. Eines Abends begab es sich, dass ein weißer Kater durch das Tal kam. Er nahm auf einem dunkelgrauen Felsen im Mondlicht Platz und begann ein Liebeslied aus seiner Heimat zu singen, in der Hoffnung, bald von willigen Kätzinnen umringt zu…

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Haifischzähne

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Zum neuen Jahr war ich eingeladen. Bei der Tombola gewann ich den ersten Preis: einen Eierschneider. Es gab noch Punsch und Palaver, Tanz selbstverständlich auch. Wie ich im Morgengrauen zur Garderobe gehe, den Hauptgewinn unter den linken Arm geklemmt, bemerke ich einen dünnen Mann, der mich voll Trauer ansieht. Er kommt mir bekannt vor, also bleibe ich stehen und wühle in meinen Erinnerungen. Ich trage sie in einem Beutel über der Schulter, der von den meisten für meine Handtasche gehalten wird. „Soll ich deine Handtasche mal halten?“, fragen sie, wenn ich nach dem Portemonnaie in der Jacke suche, und wundern…

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Frau Machatschek träumt von der Südsee

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Nathan Söder ist in der Nachbarschaft ob seiner Hinterfotzigkeit verrufen. Man sagt ihm nach, er lege Giftköder und Kekse mit Nadeln für Hunde und Katzen aus. Auch stellt er den Kindern hin und wieder ein Bein oder gibt ihnen einen heimtückischen Stoß, wenn sie üben, wie man mit dem Fahrrad fährt. Ich finde ihn gar nicht so schlimm. In einer Welt voller Fassbomben und Sklavenhandel sind solche Dinge Kleinigkeiten. Jeden Morgen nimmt mich Nathan Söder im Beiwagen seines Motorrades mit zur Arbeit. Wir sind in der Fabrik für Nasenrubine beschäftigt. Meine Tätigkeit ist nicht anstrengend und ich habe ein bescheidenes…

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Der Brückenwart

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Um das Badezimmer zu erreichen, muss ich eine Brücke überqueren. Sie führt über einen Fluss, der eine Idee zu breit ist, um darüber springen zu können. Jedes Mal denkt man, die Strecke sei mit einem kräftigen Anlauf zu bewältigen, aber es gelingt nie. So habe ich die Wahl, entweder Misserfolg an Misserfolg zu reihen, oder aber ich setze mich der Laune des Brückenwarts aus. Ein verschlagener kleiner Kerl mit dickem Bauch ist das. Wenn es ihm einfällt, öffnet er die Brücke, während ich gerade hinübergehe und ich falle ins eisig-schwarze Wasser. Dann lacht er schadenfroh oder schimpft höhnisch, ich sei…

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Erschießungskommando

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In mir schläft ein Lied. Weil ich nicht gut singe, hüte ich mich es zu wecken. Abends, vor dem Einschlafen, knirsche ich mitunter seine Melodie leise mit den Backenzähnen. Als Mädchen wurde ich dafür gescholten, egal wie leise ich auch die Zähne gegeneinander reiben mochte. Aber das ist das Los der Kleinen und allzu lange hält die Kindheit ja nicht vor; ehe man sich daran gewöhnt hat, trocknen die Tränen, bekommt man die Füße nicht mehr hinter die Ohren und das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Man beginnt, sich selbst zu schelten, auch und gerade für Kleinigkeiten. Jeden Morgen…

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Klauenseuche und Politik

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James Scheuß erwacht immer einen Augenblick vor dem Knistern des Deckenlautsprechers. Eine Angewohnheit, die er sich schon lange zu eigen gemacht hat. Ein Widerstand, eine Freiheit, vom Großen Ganzen unbemerkt, denn er stellt sich schlafend, um dann, im Moment des elektronisch verstärkten Geräuschs, mit einem gehetzten Schrei hochzufahren. „Habe ich mich genug angestrengt für das Große Ganze? Das ist die Frage, die wir uns alle stellen!“, dröhnt die Stimme mit unerbittlicher Freundlichkeit auf James herunter. Noch nie im Leben hat er sich diese Frage gestellt, hat es auch nicht vor. Ausgesprochen, ja, das wohl, aber lediglich mit verstellter Stimme. Es…

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Schuld und Sühne zur besten Sendezeit

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Ein beängstigendes Klacken taucht den Raum in weißes Licht. Wüsste Frau Mittwisser es nicht besser, würde sie mit der Erscheinung eines Engels rechnen. Sie hält sich das Familienalbum vors Gesicht, um die Augen vor dem Gleißen zu schützen. Neben ihr sitzt ein Herr mit pfeifendem Atem. Er reckt den fleischigen Hals, damit er einen Blick in ihr Album werfen kann. Darin sieht man den Großvater mit Strickjacke und Scheitel in der Küche auf und ab gehen. Ungehalten blinzelt er ins helle Licht, das durch die aufgeklappte Seite ins Album fällt. „Meine Großeltern hatten sogar für einige Wochen einen Juden auf…

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