Kurzgeschichten

Alltägliche Abstraktion der Ichsucht

By

Ich fange frisch an, ich gehe voran, weil alle hinter mir zu langsam sind. Wer ruft in den Wald? Das himmlische Kind. Es schallt. Wer ruft, sobald ein Licht sich seinen Weg durch Laubgewimmel bricht: „Ich bin der Herr, ich bin der Weg und Wille. Mein Wille geschehe.“ Wenn ich den Sachverhalt so drehe, kommt er mir ein wenig komisch vor. Und alle Kinder fragen: „Wer mag der Herr wohl sein?“ Mein Wille geschehe – geschehe, was wolle, aus vollen Wolken schöpfen, öfter mal ein Zicklein köpfen, öfter mal nach links und nach dem Rechten sehen (noch immer soll nur…

Read More

Kopfbahnhof

By

Der schönste Mann der Welt spaziert mit mir durch die Nacht. Im Schein der Gaslaternen verliert die Welt jeden Makel. Viel Lachen und Küssen, die Gedanken fliegen zwischen den Köpfen hin und her, als seien wir die Graphitelektroden einer Kohlenbogenlampe. Da werde ich durchgeschüttelt, wie bei einem Erdbeben. Der Geruch von Spiritus steigt mir in die Nase. Ein Körper ist neben mir auf das Sitzbänkchen der Mini-Dampfeisenbahn gefallen, ein Glöcklein bimmelt und die Rundfahrt durch den Vergnügungspark beginnt. Mein Geist ist auf Wanderschaft gegangen. Das passiert mir häufig. Es entgratet die Kanten der Wirklichkeit. Der Mann neben mir atmet schwer….

Read More

Tränende Herzen

By

Frau 1: Läuft. Momentan. Läuft richtig gut. Frau 2: Was ist mit deinem Gesicht? (betroffen) Was ist denn passiert? Frau 1: Ach, das ist nichts. Ein kleines Unglück nur, ein Fehltritt. Weiter nichts. Möchtest du eine Schokolinse? Frau 2: Ich glaube, das musst du behandeln lassen. Frau 1: Habe ich. Habe ich doch schon. Frau 2: Und? Was sagt der Arzt? Frau 1: Das war kein Arzt, das war die Blumenhändlerin. Die hat mir Tränende Herzen gegeben und die sollte ich mir am Vormittag auf die Wunde tun. Da habe ich mich in den Park gelegt und mich gesund geruht….

Read More

Zustände

By

Neulich ist mir eine merkwürdige Sache passiert. Ich gehe in der Dunkelheit nach Hause, als unter meinen Füßen die Straße stirbt. Bei jedem Schritt spüre ich, wie das Leben aus ihr entweicht und sie hinter mir zu Staub zerfällt. Voller Angst lausche ich, aber ich höre nur das ferne Schluchzen der Wolken und Donnergrollen aus Schweigsamkeit. Meine Patentante, ihren Namen weiß ich nicht mehr, sagte immer: Der Zimmermann im Haus erspart die Axt, mit der man sich sonst nur die Synapsen abhacken würde, aus Ungeschick oder Versehen. Unbehaglich sehe ich mich um, ob jemand das Werk meiner Zerstörung beobachtet. Ein…

Read More

Mit Sicherheit – in Gedenken an Yusuf ibn Taschfin

By

Die junge Frau hält sich zur eigenen Sicherheit an ihrer elektronischen Fußfessel fest, ein Gerät, dessen strahlendes Lächeln bis zu mir herüberscheint. Ich kneife die Augen zusammen und messe die Distanz zwischen ihr und mir. Sie fragt entrüstet, warum ich ihr mit meinem Maßband an den Beinen herumfummle. Ich lache nur und fahre fort. Sie erhebt sich, wischt mich wie eine lästige Fluse von ihrer Nylonstrumpfhose. „Was wissen Sie überhaupt von der Macht sozialer Netzwerke?“, schreit sie. „Ahnen Menschen wie Sie eigentlich, unter welchem Druck ich stehe?“ Sie schnaubt verächtlich und verlässt das Zugabteil. Ich bleibe zurück und rolle versonnen…

Read More

Das Schauspiel

By

Eine Weile sitzt Pavlik schon auf den Stufen der Veranda und betrachtet das Schauspiel. Ein Mann, gekleidet in Lumpen, wird von einer gewaltigen Welle an den Strand geworfen. Pavlik saugt einen Schluck Kaffee von der linken in die rechte Backe. Als der Mann sich nicht rührt, überlegt Pavlik hinzugehen. Seine Muskeln spannen sich an und er atmet ein, wie Menschen es tun, kurz bevor sie sich erheben. „Will man einen Drecksack erschießen, so ist das Saxophon das Mittel der Wahl.“ Daran erinnert sich Pavlik jetzt und die schleppende Stimme des Majors klingt ihm wieder in den Ohren. Der Ton des…

Read More

Wo Kerker sind, atme ich die Luft meiner Jugend

By

Den stieren Blick hat mein Bruder von unserer Mutter geerbt. Am Abendbrottisch belauert mich Etzel und wartet nur darauf, dass mir ein Missgeschick unterläuft. Schon ist es passiert: Drei Maiskörner, die eigentlich sicher auf meiner Gabel lagen, fallen auf ihrem Weg in meinen Mund zurück auf den Teller. Etzel feixt. „Weißt du, woran mich die derzeitige politische Weltlage erinnert?“, fragt er. „An den einen Winter, als du immer versucht hast, deine Füße mit Klarsichtfolie vor der Kälte zu schützen. Weißt du noch? Weißt du noch, wie das ausging?“ Ich nicke und schiebe mit dem Zeigefinger Mais auf meine Gabel. Etzel…

Read More

Nichts geht mehr

By

„Tagelang lag ich in der Takelage, in Schonhaltung, wegen einer Zerrung am Gemüt. Nur Bissen vom Gewissen hatte ich zur Nahrung und nichts zu trinken, als ein Tau“, sprach ich zu meinem Freund Ferdinand, bevor er mich fragen konnte, wo ich denn die ganze Zeit gewesen sei, als ich mit zausem Haar und wildem Blick in sein Wohnloch kroch. „Und jetzt?“ Ferdinand hatte stets eine Frage parat, egal wie ausführlich man antwortete. „Jetzt habe ich den vernichtenden Blick erlernt. Von einem schmatzenden Tölpel, der mir die halbe Zeit über im Nacken saß. Ich gucke einmal vernichtend und paff! stehen nur…

Read More

Zivilisation ist ein zerbrechliches Gut

By

Wer mag der Herr wohl von diesem Bahnsteig sein? Das Militär ist da, weitgehend unbewaffnet, wie es scheint, mit dem Seesack auf der Schulter und vergangenem Tod im Blick. Die Soldaten grüßen einander zackig, weil sie es so gewohnt sind. Doch irgendwas ist heute anders als sonst. Kleinigkeiten im Verhalten deuten es an; ein kurzes schiefes Lächeln, eine Berührung an der Schulter, die länger dauert als das erwartete Boxen, als der kameradschaftliche Knuff, und eine Plastikblume am Revers, alles deutet auf Abschied. „Wenn ihr dem krummen Gefick einheizt, vergiss nicht, ihnen einen von mir mitzugeben!“ Der gerade dem Stimmbruch entwachsene…

Read More

Das Heutzutage einmal in Willkür betrachtet

By

Vor 20 Tagen ging es auf Erden noch ganz anders zu: Wollnashörner, Säbelzahnkaninchen und ein frischverliebtes Anakondapärchen überquerten den Zebrastreifen nahe der Markthalle, wo ich saß und mit den Fingern Rippchen aß. Ein Feuervogel kreiste tief am Himmel, ich schloss daraus, dass es bald Regen geben würde. Und ich täuschte mich nicht: Kurz darauf goss es wie aus löchrigen Schöpflöffeln, es goss Pech und Schwefel, es goss schillernde Batzen. Die Menschen wussten nicht aus, die Menschen wussten nicht ein – sie wussten nicht einmal, wie spät es war und jemals wieder werden würde. Ich hatte einen kleinen Topf zu meinen…

Read More