Kurzgeschichten

Aloha Aqua

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Terror gibt es überall. Niemand scheint mehr ohne auszukommen. Sogar zu kaltes Badewasser wird neuerdings als Terror empfunden. Bei mir zu Hause, im siebten Himmel, gibt es so was natürlich nicht. Da ist die Welt noch in Ordnung, und jedermann weiß, wo die Blumen sind. Hungerleider gibt es nicht. Wer Appetit hat, geht zum Asiaten oder zum Hausmann, da kostet es nichts. Die Zausel können an fünf Tagen der Woche den Sorgenmacher aufsuchen, wenn es ihnen zu bunt wird. Am Strand lungern freie Radikale in Rotten zusammen beim Minipli, während mollige und hagere Hulamädchen auf den Dauerwellen tanzen und der…

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Schnittstelle

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Meine Frau, meine Frage, meine Haltung, meine Homepage, meine Hand. Deine Demut, deine Deutung, dein Gottproblem, dein Daniel. Und nun zu einem späteren, einem anderen, einem kleinen Raum: ein Topf. „Das neide ich dir – ein schönes Wochenende.“ Sagt wer? Bernhard und Emmerich und Felix. Und ich und Weltenbummler, mein Hund aus Kindertagen. Es war ein großer, ein freier Fall von Frühlingsfehler, ein Paar, ein bisschen überholt. Es ist schon merkwürdig, fast aller Ehren wert. Es geschehen Zeichen und ich wundere mich noch immer, WAS alles wohl passieren wird. Weltenbummler sieht mich aus großen Augen an und auf der Stelle…

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Weltenende, unterbrochen

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So lange liege ich nun schon hier, dass eine Staubsicht mein Gesicht bedeckt. Anfangs war sie fein, wie Puder, doch mit der Zeit buk sie fest, der Glasur auf einem Tongefäß gleich. Die ersten hundert Jahre vertraute ich darauf, es würde bald jemand nach mir sehen. Schließlich habe ich Freunde und Familie. Indes, niemand kam und ich verlor das Gefühl für die Zeit. Hunger und Verzweiflung ließen bald gelangweilt von mir ab. Mittlerweile passt mir mein Zustand recht gut und ich würde diese Geschichte gar nicht erzählen, wäre nicht vorhin etwas Eigenartiges geschehen. Die Tür öffnet sich und eine dicke,…

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Schultage

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Als Junglehrer Bodo Sonnenschein eines Morgens mit missbilligendem Blick festgestellt hatte, dass der kleine Michael wieder einmal den Unterricht schwänzte, war Zorn in ihm gewachsen – Zorn auf die Dummheit der Menschen im Allgemeinen und auf die seiner Schüler im Besonderen – und dieser Zorn verlangte nach Raum und nach Luft zum Atmen. Herr Sonnenschein nestelte an Knöpfen, schlüpfte aus seinen Hosen und präsentierte der Klasse seinen knittrigen Unmut. Die Aufgabenstellung des Tages war ‚Maritimes Erleben‘, und der kleine Michael hatte behauptet, von diesem Thema begeistert zu sein. Bodo Sonnenschein hätte den Jungen heute gern glänzen lassen; er mochte den…

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Die Hand, die mich füttert

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Den Hügel hinab ist das Gehen mühsam, besonders bei Tauwetter. Die Räder des Rollators drehen wilde Kreise im Matsch. Wie Fliegen, die man von einem Kadaver aufscheucht. Ich selbst finde schon lange keinen Halt mehr, auch nicht bei trockener Witterung. Aber heute, bei Sturm und Regen, die Straßen und Wege rutschig, als wären sie mit Seife beschmiert – da wäre ich am liebsten zu Hause im Bett geblieben, auch wenn die Fenster undicht sind und kein Öl für den Ofen da ist. Doch will ich nicht hungern, also bleibt mir nichts übrig, als den beschwerlichen Weg zum Brötchengeber zu gehen….

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Girlsday

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Da jaulte und bellte ein kleines Mädchen wie der sprichwörtliche getretene Hund hinter mir; dafür sollte es im Grunde von den Eltern bestraft werden, fanden die Eltern: Riemenschläge gegen das rosa Schnäuzchen. Flaschensammler sammelten Flaschen, Zitronenfalter flogen umher. „Ich bin eine ZitronenfalterIn. Mit großem I und großem Stolz.“ Jetzt war es an der Zeit, ein Wort der Entschuldigung zu finden. „Ich … äh … wusste gar nicht, dass Frauen, und noch dazu so attraktive junge Frauen“, fügte ich altherrenhaft augenzwinkernd hinzu, „das Handwerk des Zitronenfaltens in der heutigen Zeit noch als anstrebenswerten Tätigkeitsbereich wahrnehmen.“ „Patriarchaler Kackscheiß!“, rief die FalterIn und…

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Auf dem Viehhof

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Von Zeit zu Zeit legt Gott die Würfel beiseite, wird Fleisch. Manchmal veranstalten die Leute ein großes Getue darum, aber meist nimmt niemand davon Notiz. Ich begegnete ihm auf dem Viehmarkt. „Die Seele ist ein Wind, der einem aus den Augen weht.“ Suchend sehe ich mich um, wer das gesagt hat. Die Tiere stehen in Ständern angebunden, eins neben dem anderen, wie Dominosteine. Die Halle ist bis unter das Dach angefüllt mit Geräuschen, verdickt zu einer Schichtspeise. Scharren von Hufen auf Beton und Stahlgittern. Urin, der in dichtem Strahl in eine Rinne rauscht. Stimmengewirr, durchbrochen von Husten, Lachen oder Rotz…

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Die Seegullen

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Eine eigens für diese Zwecke abgerichtete Meerkatze erzählt eines windstillen Abends dem Schiffsarzt Callico folgende Geschichte: „Seegullen flogen an der Strandpromenade über die Touristen hinweg, praktisch unbemerkt. Einzig Callico, der Aufmerksame, erfreute sich an der Waghalsigkeit, am Wagemut ihrer Flugmanöver. Die Seegullen hatten sich zu dritt ein Kleinkind geschnappt und stritten um die Beute. Voll innerer Verwegenheit wog Callico Für und Wider einer Rettung ab. Seit den frühen Morgenstunden hatte er überlegt, was es dieser Tage braucht, um als der Held, der man ist, erkannt und anerkannt zu werden. Zuhause, hatte Callico, der Unschlüssige, befunden, war die Möglichkeit, Heldentum zu…

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Auschwitz ist mir egal

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Als Kind habe ich mich für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich gefühlt. Nicht im übertragenen Sinn, sondern so, wie ein Kind sich eben verantwortlich fühlt. Schuldig. Jaja. Reden Sie nur. Ein Kind weiß ja mit einer Zahl in der Größenordnung gar nichts anzufangen. Und den Tod kann sich so ein Kind nicht vorstellen. Sie vielleicht. Ich konnte mir jahrelang kaum etwas anderes vorstellen. Keinen Gedanken konnte ich denken, der sein Ende anderswo gefunden hätte. Nicht einmal ein Käsebrot konnte in meinem Kopf Gestalt annehmen, ohne dass im Hintergrund Leichenberge zu sehen gewesen wären, mächtig und endlos wie die Nordkette…

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Zwischenmenschlich

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Ich war entzückt, als ich sie wiedersah. Sie trug ihr Haar anders, sie hatte ihren Look geändert; sie war mitnichten die graue Maus, als die ich sie in Erinnerung behalten hatte – vielmehr wirkte sie wie eine Geschäftsfrau, der das Leben übel mitgespielt hatte, und die immer öfter Zuflucht und Trost im Alkohol suchte. „Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gesehen“, platzte ich heraus. „Wie viele Jahre sind es gewesen? Zwölf? Fünfzehn?“ Obwohl ich mir aufgrund des Wesens und der Gestalt unserer Trennung sicher war, dass sie mich nicht vergessen haben konnte, wirkte sie überrascht, ja erstaunt, mich zu…

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